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Armes Land, reicher Fürst: Die Münzen des Fürstentums Schaumburg-Lippe


Münzen Revue - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 21.08.2019

Schaumburg-Lippe war mit 30.000 Einwohnern im Jahr 1871 der kleinste Bundesstaat in dem kurz zuvor gegründeten Deutschen Reich. Aus eigener Kraft wäre das winzige Fürstentum nicht überlebensfähig gewesen. Freiwillige Zuwendungen des Fürstenhauses vermieden eine Überschuldung: „Das Land hat im 19. Jahrhundert von seinem Herrscherhaus gelebt, nicht umgekehrt.“1 Die Finanzund Währungsgeschichte des Fürstentums Schaumburg-Lippe ist jedoch nicht nur deshalb ungewöhnlich, ja einzigartig.


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Bildquelle: Münzen Revue, Ausgabe 9/2019

Das ursprünglich als Wasserburg erbaute Schloss Bückeburg.


Bildquelle: Luftbild, Castlewelt

Das Staatswappen des Fürstentums ...

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... Schaumburg-Lippe.


Bildquelle: Pinterest, Ströhl

Die Schlosskapelle von Bückeburg.


Bildquelle: Wikimedia, Beckstet

Decke im Goldene Saal von Schloss Bückeburg.


Bildquelle: Wikimedia, Hajotthu

Der napoleonische Bundesfürst

Die Grafschaft Schaumburg-Lippe entstand 1647 durch die Aufteilung der Grafschaft Schaumburg zwischen Hessen-Kassel, Lippe und Braunschweig-Lüneburg. Das erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit dem Stadtrecht versehene Bückeburg rückte damit zur Residenzstadt einer lippischen Nebenlinie auf. Erster Graf wurde Philipp I. zur Lippe-Alverdissen. Mit einem Territorium von 340 Quadratkilometern und knapp 15.000 Einwohnern war die Grafschaft nicht gerade groß. Die Landwirtschaft erwies sich jedoch als ertragreich. Dem klug wirtschaftenden Philipp (reg. 1647–1681) folgte mit Friedrich Christian (reg. 1681–1728) ein vergnügungssüchtiger und bedenkenlos Schulden aufhäufender Landesherr. Unter dem ebenso verschwenderischen Grafen Al - brecht Christian (reg. 1728–1748) kletterten die Schulden allein gegenüber Hannover auf 400.000 Taler. Erst Graf Wilhelm (reg. 1748–1777) ging die inzwischen dringend überfälligen Reformen an. Im Siebenjährigen Krieg und als Kommandeur der Briten in Portugal erfolgreich, errichtete er die Festung Wilhelmstein im Steinhuder Meer. Im fortgeschrittenen Alter widmete er sich der Wirtschaftsförderung und reformierte die Verwaltung.

Als Währung der Grafschaft galt über lange Zeit der Reichstaler mit einem Gewicht von 29,2 Gramm. Aufgeteilt wurde er in 36 Mariengroschen. Ein Mariengroschen hatte acht Pfennige. Die ersten Münzen der Grafschaft sind aufgrund des 1647 mit Hessen vereinbarten gemeinschaftlichen Münzrechts ausgegeben worden. So wurde zunächst in Rinteln und Kassel geprägt, ab 1660 auch in Bückeburg. Nach den ersten Pfennig- und Groschenmünzen gab es 1660 eine kleine Auflage von 200 Talern mit dem Porträt des Grafen Philipp. Nach der zeitweiligen Aufgabe der Bückeburger Münzstätte ist mehrere Jahrzehnte nicht geprägt worden. Der Taler von 1730 und einige Silbermedaillen entstanden auswärts. Ab 1750 wurde die Prägestätte noch einmal für etwa 15 Jahre aktiv. Aus jener Zeit stammt eine umfangreiche Nominal-Kette, sogar mit Doppelpistolen und Dukaten aus Gold.

Der Graf und spätere Fürst Georg Wilhelm (reg. 1787 – unter Vormundschaft seiner Mutter Juliane - 1860) wurde zur wichtigsten Gestalt des Kleinstaates in der Neuzeit: „Es steht wohl außer Frage, dass Georg Wilhelm neben seiner Mutter Juliane und dem geradezu legendären Grafen Wilhelm zu den bedeutendsten Regenten des schaumburg-lippischen Hauses ge - hört, und umso bemerkenswerter ist es, dass seine Person bislang noch nicht Gegenstand einer ausführlicheren Bearbeitung gewesen ist – ein Manko, auf das in der Forschung wiederholt hingewiesen worden ist.“2 Als die Regentin Juliane im November 1799 überraschend starb, rückte der noch minderjährige Georg Wilhelm rasch in den Vordergrund. Im Frühjahr 1807 erreichte er durch Vermittlung des Ministers Heinrich von Gagern (Nassau- Weilburg) die Zustimmung von Napoleon für einen Beitritt zum Rheinbund.

In der Akzessionsurkunde des Rheinbundes ließ sich Georg Wilhelm, gemeinsam mit dem Fürsten von Lippe, als „Prince“ im Sinne eines Fürsten titulieren. Auf diese Weise erreichte er beinahe zufällig gegenüber den Franzosen seine Standeserhöhung zum Fürsten. Am 28. Mai 1807 gab der Fürst seinen Regierungsantritt und gleichzeitig die Annahme des neuen Titels bekannt. Nach der Völkerschaft bei Leipzig wechselte Schaumburg-Lippe noch im November 1813 zur Allianz gegen Napoleon. Mithilfe neuer Anleihen erwarb das weitgehend entschuldete Fürstenhaus zusätzlichen Grundbesitz in Mecklenburg. Trotz seiner Sparsamkeit zeigte sich Georg Wilhelm gegenüber den immer wieder an ihn herantretenden Bittstellern hilfsbereit. Seine bohrenden Fragen nach Familienverhältnissen und Vorsätzen für die Zukunft ließen allerdings nur selten persönliche Nähe aufkommen.

Mit fortschreitendem Alter erwarb der anfangs eher zurückhaltend agierende Georg Wilhelm in großem Stil Grundbesitz außerhalb der Landesgrenze. Sein Interesse galt dabei vor allem potenziell ertragreichen Ländereien im damaligen Österreich- Ungarn. Ab dem Jahr 1840 wurde er so zu einem der größten Grundbesitzer Mitteleuropas.

Die verschiedenen Münzfüße

Als die Grafschaft zum Fürstentum aufrückte, galt der Konventionstaler, von dem zehn aus der feinen kölnischen Mark geprägt wurden: „Er wurde im Jahr 1753 alsConventionsmünzfuß Grundlage einer österreichisch-bayerischen Münzvereinbarung. Der neue Konventionstaler, zu zehn Stück aus der feinen Mark geprägt, war wie der alte Reichstaler mit 120 Kreuzer oder zwei Gulden bewertet und wurde meist Zwei-Gulden-Stück genannt. Der Halbtaler oder Konventionsgulden entsprach demnach der alten, auch in Süddeutschland üblichen Rechnungseinheit des Guldens zu 60 Kreuzer.“3 Der letzte Konventionstaler für Schaumburg-Lippe wurde 1802 als „Vormundschaftliche Münze“ im Namen des Fürsten Georg Wilhelm geprägt, der letzte Halbtaler nach diesem Fuß im Jahr 1821.

Der Konventionstaler konnte sich aber nicht vollumfänglich durchsetzen. Gerechnet wurde nämlich weiterhin in Reichstaler. Dieses System aus Rechnungstalern und Konventionstalern hielt sich bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Dann setzte sich allmählich preußisches Münzgeld im 14-Taler-Fuß durch: „In Norddeutschland gewann Preußen infolge seiner zunehmenden Bedeutung auch im Münzwesen ein wachsendes Übergewicht, was sich in der Verbreitung seines Talers über die Landesgrenzen hinweg auswirkte. Die sächsischen Staaten sowie Braunschweig, Waldeck, Reuß, Schaumburg-Lippe und Schwarzburg prägten allerdings weiter nach dem Konventionsfuß und nicht nach dem preußischen Münzfuß.“4 Der Dresdner Konvention von 1838, in der sich die meisten Staaten des Deutschen Zollvereins auf eine Vereinsmünze einigten, trat Schaumburg- Lippe nicht bei.

Neben den von alters her üblichen Kurantmünzen aus Silber kursierten im Geschäftswesen des niedersächsischen Raumes seit dem 18. Jahrhunderts zusätzlich Goldmünzen – sogenannte Pistolen. Es gab halbe, einfache und doppelte Pistolen. In Schaumburg-Lippe erschien 1829 eine Doppelpistole mit der Umschrift „Zehn Thaler“. Entsprach die einfache Pistole anfangs fünf Konventionstalern, vollzog die Pistole später die Schwankungen des Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber mit. Größere Summen wurden nun häufig in „Taler Gold“ oder „Taler in Gold“ abgerechnet: „Beide Formen weisen darauf hin, dass die Zahlung oder Ablösung der aufgeführten Beträge entweder direkt in Gold zu geschehen hatte oder – bei Zahlung in Silber – der oben erwähnte Kassenkurs zu berücksichtigen war.“5

Stadtkirche Bückeburg (erbaut 1615 durch Graf Ernst von Schaumburg).


Bildquelle: Autor

Graf Wilhelm Friedrich Ernst zu Schaumburg-Lippe (1724–1777).


Bildquelle: Wikimedia, Strack

Reichstaler (Philipp I., 1660, Silber, 28,8 Gramm).


Bildquelle: Dr. Busso Peus, Auktion 224, Los 2137

Reichstaler (Albert Wolfgang, 1748, 29,3 Gramm).


Bildquelle: Künker, HA 2014, Los 3897

Das Revolutionsjahr 1848

Von Wien ausgehend, breitete sich im Frühjahr 1848 die Bürgerliche Revolution in ganz Deutschland aus. Am 12. März überbrachte eine Abordnung dem Fürsten eine Petition mit Forderungen, zusammengestellt in 24 Punkten. Fürst Georg Wilhelm versprach, alle Forderungen zu erfüllen – bis auf eine. Die lautete: „Vereinigung sowohl sämtlicher Landessteuern als auch sämtlicher Einkünfte von Regalien und den innerhalb der Landesgrenzen gelegenen Domänen zu einer allgemeinen Landeskasse, über deren Verwaltung den Ständen die genaueste Kontrolle zusteht. Für den Landesherren ist daraus eine Zivilliste auszuwerfen.“6 Der Landtag verlangte daraufhin Einsicht in den Haushaltsplan und die Einnahmen und Ausgaben der Domänen. Der Landesherr lehnte die Verstaatlichung der aus eigenen Mitteln erworbenen Güter ab, ebenso eine Offenlegung der Bücher. Ein Grund für die Weigerung war in den hohen Schulden der fürstlichen Kasse zu suchen.

Das Dilemma hatte am 21. März 1848 seinen Anfang genommen. Ein Kassensturz bei Kammer- und Landrentmeis - ter Berger hatte einen Fehlbetrag von 162/3/5 Rt. Gold und 11.547/1/4 Rt. Kurant offenbar werden lassen. Berger wechselte in den Ruhestand. Zum Nachfolger wurde Friedrich Wilhelm Struckmann ernannt, der bisherige Bahnhofsverwalter von Bückeburg. Als zum Jahresende die Abrechnung aller Posten aufgelistet war, hatte sich das Defizit aus nicht nachvollziehbaren Gründen bereits auf 22.258/8/6 Rt. erhöht. Angesichts weiterer revolutionsbedingter Verluste war der Fürst vom Bankrott bedroht: „Es ist verständlich, dass Georg Wilhelm nach der Feststellung des drohenden Bankrotts der Kammer nicht bereit war, der Öffentlichkeit vollen Einblick in die Bücher seiner Vermögensverwaltung zu gewähren. Im November ließ der dem Landtag erklären, wenn die Stände weiterhin auf der Einführung einer Zivilliste beständen, seien er und der Erbprinz entschlossen, der Regierung zu entsagen. Er machte sich Hoffnungen, als mediatisierter Fürst in Preußen seinen Besitz wahren zu können. Diese Erklärung erregte in Deutschland Aufsehen.“7

Im März 1849 informierte der Fürst die Regierung unter höchster Geheimhaltung über die finanzielle Lage. Für die bisher getätigten Anleihen in Millionenhöhe, etwa zum Ankauf und für die Bewirtschaftung von Gütern in Böhmen und Ungarn, waren Zinsen zu entrichten. Angesichts der unsicheren politischen Verhältnisse wurden zudem zahlreiche Inhaber-Obligationen gekündigt. Den fälligen Zahlungen über 1.196.592 Rt. standen kaum noch liquide Mittel gegenüber. Eine neue Anleihe mit vertretbaren Konditionen zu erhalten, erschien aussichtslos. Als ein Bericht von Kammer- und Landrentmeister Struckmann den drohenden Zahlungsausfall ankündigte, notierte der Fürst am Rand: „Beinahe unvermeidlich. Wenn nicht Anschaffung von Geldern gelingt, welches sehr schwierig.“8 Mit der Stabilisierung der politischen Lage entspannte sich die Situation im Sommer 1849 aber überraschend. Der Kapitalmarkt beruhigte sich. Die Einnahmen stiegen. Kündigungen von Obligationen wurden zurückgenommen. Im letzten Moment konnte die Zahlungsunfähigkeit abgewendet werden.

Der 1807 gefürstete Graf Georg Wilhelm (1784–1860).


Bildquelle: Niedersächsisches Landesarchiv

Konventionstaler (Georg Wilhelm, unter Vormundschaft, 1802, Silber).


Bildquelle: Münzenhandlung Löbbers

Groschen und Pfennige (Georg Wilhelm, 1824, 1826, 1858,


Silber, Kupfer).

Bildquelle: WAG Online, Auction 92, Lot 1072

½ Konventionstaler (Georg Wilhelm, 1821, Silber).


Bildquelle: Amazon, Numismatic Guaranty Corp.

Mariengroschen (Georg Wilhelm unter Vormundschaft, 1802, Billon).


Bildquelle: WAG Online, Auction 96, Lot 1105

Stempel einer 4-Pfennig-Münze aus dem Jahr 1802 im Stadtmuseum von Bückeburg.


Bildquelle: Autor

10 Taler (Georg Wilhelm, 1829, Gold).


Bildquelle: Künker

Vereinsdoppeltaler (Georg Wilhelm, Regierungsjubiläum, 1857, Silber).


Bildquelle: Münzenhandlung Möller, Auction 70, Lot 503

Vereinstaler (Georg Wilhelm, 1860, 900er Silber, 18,5 Gramm)


Bildquelle: Numismatic Guaranty Corp.

Vereinstaler (Adolf Georg, 1865, 900er Silber).


Bildquelle: Münzenhandlung Möller, Auction 68, Lot 461

Der letzte in Schaumburg-Lippe regierende Fürst Adolf II. (1883–1936).


Bildquelle: Wikimedia, Perscheid

3 Mark (Georg, auf seinen Tod, 1911, Silber).


Bildquelle: BAC Numismatics, Auction 16, Lot 306

20 Mark (Adolf Georg, 1874, Gold).


Bildquelle: Numismatic Guaranty Corp.

20 Mark (Georg, 1904, Gold).


Bildquelle: ESG Edelmetall Service

Die Bückeburger Hofhaltung

Die Landesverfassung von Schaumburg- Lippe aus dem Jahr 1816 sah neben der Staatsverwaltung eine besondere Hofverwaltung vor, den Hofstaat. Mit den separat abgerechneten Kassenmitteln entwickelte Fürst Georg Wilhelm seine Aktivitäten, über die es in zeitgenössischen Quellen sowohl spöttisch als auch anerkennend hieß: „Überhaupt gewährt das Land mehr das Bild eines dem Fürsten gehörenden großen Rittergutes als eines selbstständigen, konstitutionell geführten Staates.“9 Die Interessen von Georg Wilhelm waren dabei eher pekuniärer denn künstlerischer Natur: „Die reservierte, allenfalls nüchtern pragmatische Einstellung des Fürsten zu allen Luxusaufwendungen zeigte sich augenfällig auch beim Kauf von repräsentativem Schmuck für seine junge Gemahlin. Für 5.104 Rt. ließ er im April 1816 in Stuttgart Brillanten ersteigern, wobei er in seinen Kaufanweisungen allein Wert auf ein günstiges Geschäft, also eine verlässliche Kapitalanlage legte. Art und Aussehen der Juwelen waren ihm offenbar vollkommen gleichgültig.“10

Im Jahr 1869 umfasste der Hofstaat etwa 100 Personen. Im Vergleich zu anderen Kleinstaaten (Nassau: 150 Personen) war das nicht übertrieben viel. An der Spitze der Verwaltung stand der Hofmarschall. Er organisierte das Tagesgeschäft und den Veranstaltungs- und Kulturbetrieb: „Bei den größeren regelmäßigen Veranstaltungen in der Wintersaison von Januar bis April, den etwa drei- bis viermal im Jahr stattfindenden Hofbällen, Hofkonzerten und Soireen wurde bis zu 200 Gäste eingeladen. (…) Im Gegensatz zu den seltener stattfindenden Hoffesten, waren die wenigstens wöchentlich, bisweilen sogar öfter stattfindenden Diners eine feste Institution. Zu ihnen kamen nachmittags um 16 oder 17 Uhr nur die Angehörigen der fürstlichen Familie, die Inhaber der Hofämter sowie die Spitzen der Staatsregierung zusammen. An der Tafel saßen dann 20 bis 25 Personen, und auch wenn Besuch am Hofe weilte, stieg die Zahl der Gäste selten auf mehr als 35-40 Personen an.“11

Infolge der Heirat von Prinz Adolf, einem Bruder des Fürsten, mit Prinzessin Victoria von Hohenzollern kam auch der Kaiser wiederholt nach Bückeburg. Mehrfach reiste er zur Jagd an. Im Jahr 1907 nahm er mit einem Gefolge von 38 Personen sogar an der Feier zur Silberhochzeit des Fürstenpaares teil. Im Erbfolgestreit des Fürstentums Lippe (1895) wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Wilhelm II. und dem Haus Schaumburg sogar zu einem weithin beachteten Thema: Dem Bruder des Fürs - ten, für den sich der Kaiser einsetzte, sprach ein Schiedsgericht das lippische Thronfolgerecht ab.

Die vereinheitlichten Münzen

Mit dem Wiener Münzvertrag vom 24. Januar 1857 begann nicht nur im Geld- und Währungssystem von Schaumburg-Lippe ein neues Kapitel. Das Zollpfund zu 500 Gramm löste als Währungsbasis die seit 1524 gültige Kölner Mark ab. Die Unterzeichner der Konvention, insgesamt 28 souveräne Staaten, einigten sich auf drei gleichberechtigte Münzfüße: die Talerwährung im 30-Taler-Fuß, die Österreichische Währung im 45-Gulden Fuß und die Süddeutsche Währung im 52½ - Gulden-Fuß. Wie viele andere norddeutsche Staaten entschied sich Schaumburg- Lippe für die preußische Talerwährung. Vereinbart wurde weiterhin die Ausprägung einheitlicher Ein- und Zwei-Taler- Stücke.

Die wechselnde Prägetätigkeit der modernen Münzen des Fürstentums, deren Geschichte mit dem in Hannover geprägten Doppeltaler von 1857 beginnt, wird in einem historisch bedeutsamen Fachartikel geschildert: „Die Prägungen von 1858 sind zu Berlin angefertigt. Später wurden die schaumburg-lippischen Münzen zu Hannover geprägt, und zwar von G. Wilhelm Bruel (bis 1865). Die Stempel schnitt Heinrich Friedrich Brehmer daselbst, auch den zu den 1874 zu Hannover geprägten Doppelkrone. (…) Die neues ten Gepräge von 1898 und 1904 sind zu Berlin geschlagen; die Stempel verfertigte Otto Schultz zu Berlin nach einem von dem Bildhauer Gundelach zu Hannover hergestellten Reliefbild.“ 12 Nach der Veröffentlichung der Artikelreihe in den Blättern für Münzfreunde erschien nur noch eine Gedenkmünze zu drei Mark. Anlass war der Tod von Fürst Georg am 29. April 1911.

Nicht nur die Porträts der Fürsten wechselten in der 111-jährigen Geschichte des kleinen Landes. Auch die Wappenseite der Taler änderte sich immer wieder. Das große Staatswappen, bestehend aus vier Feldern und Herzschild, war schon auf den ersten Talern von 1660 abgebildet. Später kamen Kette und Stern des Schwarzen Adlerordens und zwei gekreuzte Marschallstäbe hinzu. Seit 1807 ist die Grafenkrone durch jene des Fürsten ersetzt. Auf der Doppelpistole von 1829 wurde das große Staatswappen erstmals von einem Wappenmantel hinterlegt. Die späteren Talerprägungen zeigen unterschiedliche Varianten des mittleren Staatswappens. Münzen geringeren Wertes bilden das kleine Staatswappen mit dem schaumburgischen Nesselblatt ab. Seit dem Übergang zur Reichswährung sind die Gold- und Silbergepräge mit dem Adler des Deutschen Reiches versehen.

Der Ersatz des Wappens von Schaumburg- Lippe durch das Reichswappen zeigt, dass die Münzhoheit (Münzregal) aufgrund der Verfassung von 1871 von den Teilstaaten an das Reich übergegangen war. Den Bundesstaaten blieb allerdings die Platzierung der Porträts der Bundesfürsten oder der Wappen der Freien Städte auf der Vorderseite vorbehalten. So gut wie alle Staaten nahmen dieses Recht auch wahr, zumindest aus Prestigegründen. Die Auflagen der Gold- und Silbermünzen aus Schaumburg-Lippe blieben mit jeweils wenigen tausend Stück jedoch außerordentlich gering. Lediglich die letzte Silbermünze zu drei Mark aus dem Jahr 1911 erreichte eine relativ hohe Auflage von 50.000 Exemplaren.

Die letzten Regierungsjahre

So klein das Land war, sein Fürst wurde reich! Im Lauf der Jahre rentierten sich die von Georg Wilhelm erworbenen Ländereien. Zum Grundbesitz waren zudem Wertpapiere gekommen: „Nach der Devise des Fürsten, anzulegende Kapitalien so breit wie möglich zu streuen, erwarb man bis 1853 Papiere des kalifornischen GoldsuchermekkasS. Francesco , außerdem schwedischeWexiö -Aktien, russische Staatsobligationen, amerikanische Eisenbahn- Prioritäts-Aktien, österreichische Eisenbahnbeteiligungen, Aktien der Hannoverschen Bank und Aktien preußischer Staatsbahnen, darunter der Köln-Mindener Eisenbahn. 1854 kamen Anteilsscheine derCentral Ohio und der Cincinati- Wilmington-Bahn hinzu. Dabei nahm der Gesamtumfang vorübergehend erhebliche Ausmaße an.“13 Mit der Niedersächsischen Bank verfügte das Fürstentum sogar bald über ein eigenes Finanzinstitut.

Das Mausoleum des Fürstenhauses in Bückeburg.


Bildquelle: Wikimedia, Corradox

Familienwappen mit Bildschmuck über dem Eingang des Mausoleums.


Bildquelle: Autor

So mehrte sich der Reichtum unaufhaltsam. Der alternde Fürst selbst fiel im Gegensatz dazu durch immer größere Sparsamkeit auf. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, im Schloss werde auch der letzte Kerzenstummel noch verwendet. Seine alten Röcke schenke Georg Wilhelm seinem Kammerdiener. Zuvor schneide er jedoch alle noch brauchbaren Taschen heraus. Bei seinem Ableben hinterließ er ein zweistelliges Millionenvermögen, bestehend aus Immobilien, Firmen, Obligationen, Pfandbriefen und Aktien.

Mit dem Verfassungsgesetz von 1868 konnte das Vermögen des Fürstenhauses abschließend von jenem des Staates Schaumburg-Lippe getrennt werden. Gesetzliche und freiwillige Zuwendungen des Fürsten hielten den allein nicht überlebensfähigen Kleinstaat in den folgenden Jahrzehnten über Wasser. Infolge des Thronverzichts von Fürst Adolf II. (reg. 1911–1918) nach der Revolution von 1918 wurde der Besitz des Fürstenhauses vertraglich mit dem Land Schaumburg- Lippe geteilt. Der entmachtete Fürst behielt die Schlösser Bückeburg und Arensburg sowie die Insel Wilhelmstein inmitten des Steinhuder Meeres, außerdem einen Teil des Landbesitzes. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts sollte sich dieser beachtliche Besitzstand verflüchtigen. Der Legende nach hatte die aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Ehefrau des regierenden Fürsten einen erheblichen Anteil daran. Im Casino von Monte Carlo soll sie Millionenbeträge verzockt haben. Am 26. März 1936 kamen Adolf II. und seine Frau Elisabeth bei einem Flugzeugabsturz in Mexiko ums Leben.

QUELLENANGABEN

1 Helge bei der Wieden: Die Trennung des fürstlichen Hausvermögens vom Staatsvermögen in Schaumburg-Lippe. In: Vom Ständestaat zur freiheitlich-demokratischen Republik, Etappen in Schaumburg. Melle 1995, S. 56.
2 Stefan Meyer: Georg Wilhelm Fürst zu Schaumburg-Lippe (1784–1860). Absolutistischer Monarch und Großunternehmer an der Schwelle zum Industriezeitalter; Dissertation. Hannover 2005, S. 10.
3 Deutsche Bundesbank: Deutsche Taler. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende der Talerprägung. Frankfurt/Main 1968, S. 21.
4 Ebenda, S. 24.
5 Hans-Jürgen Gerhard: Geld- und Währungswesen. In: Geschichte Niedersachsens, Band 4: Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Göttingen 2016, S. 657.
6 Bei der Wieden, S. 47.
7 Ebenda, S. 50.
8 Ebenda, S. 51.
9 K. Steinacker über Schaumburg-Lippe in: Staats-Lexikon oder Enzyklopädie der Staatswissenschaften. Altona 1840, S. 753f.
10 Meyer, S. 133.
11 Anette von Stieglitz: Hof und Gesellschaft im Kleinstaat des 19. Jahrhunderts. In: Vom Ständestaat. Melle 1995, S. 31.
12 Paul Weinmeister: Die Münzen und Medaillen von Schaumburg-Lippe. In: Blätter für Münzfreunde, Heft 1; Dresden 1907, S. 3617.
13 Meyer, S. 247.