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ARMES, REICHES LATEINAMERIKA


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 198/2021 vom 13.10.2021

1971 »Wir Lateinamerikaner sind arm, weil der Boden, auf dem wir stehen, reich ist«, schrieb Eduardo Galeano, der im Alter von 28 Jahren sein Standardwerk für eine spätere Generation von Linken schuf, die in Lateinamerika seit der Jahrtausendwende an die Macht kam. Im Buch »Die offenen Adern Lateinamerikas« hat er aufgezeigt, wie 400 Jahre Kolonialherrschaft und die damit einhergehende Ausbeutung diese Länder geprägt haben. Ich empfinde es mitreißend und gleichzeitig bedrückend, wie er die Geschichte der Conquistadores, die dem Gold und Silber nachjagten, aufarbeitet; von brutaler Unterwerfung, vom Widerstand und von Rebellion erzählt. Er spart nicht mit Details bei der Verfolgung der Indios, die noch während seiner Recherchen von Hubschraubern aus mit Maschinengewehren beschossen oder gezielt mit Viren angesteckt wurden. Gleichzeitig mit dem dringenden Anliegen, diese Erinnerungen wach zu halten, entwickelte der Autor aus Uruguay seine eigene Sprache, er nannte sie »dokumentarische Poesie«, er wollte die Wirtschaftspolitik im Stil eines Liebes- oder Abenteuerromans beschreiben. Beides ist ihm gelungen, bis heute zählt sein Buch als Klassiker der politisch-historischen Literatur Lateinamerikas. Einer der wenigen, die später Kritik daran übten, war er selbst: Auf der Buchmesse 2014 in Brasilia, ein Jahr vor seinem Tod, meinte er scherzhaft, er könne sein Buch nicht noch mal lesen, er würde in Ohnmacht fallen, diese Prosa der traditionellen Linken finde er inzwischen langweilig.

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Alfred Gesswein Flügelhornblasen gegen den Wind

Gesammelte Gedichte Hg. von Christian Teissl

Der Lyriker Alfred Gesswein gilt als „stiller Gigant“ der österr. Literatur des 20. Jahrhunderts. Das bislang wenig beachtete Werk liegt nun in einer ersten umfassenden Edition vor.

16,5 x 23,5 cm, Preis € 28, 850 Seiten ISBN 978 3 902717 55

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Andy Robinson, Gold, Öl und Avocados. Die neuen offenen Adern Lateinamerikas Unrast, 328 S.
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Eduardo Galeano Die offenen Adern Lateinamerikas Peter Hammer, 416 S.

2021 Der Lateinamerika-Reporter Andy Robinson folgte einigen der Spuren Galeanos und berichtet in seinem Buch, es trägt den Untertitel »Die neuen offenen Adern Lateinamerikas«, wie Ressourcen seit damals unaufhörlich ausgebeutet werden. Manche Rohstoffe sind die gleichen geblieben, etwa Gold oder Erdöl, andere wie Niob, Avocados und Quinoa oder Wasserkraft kamen neu hinzu. Alles ist dem Profit ausländischer Konzerne und Staaten unterworfen, unfassbar, welchen Bedingungen die dort arbeitenden Menschen ausgeliefert sind. Etwa im Bergwerk von La Rinconada, daraus stammt ein Gutteil des Goldes, das in Mobiltelefonen steckt. Allein von 2010 bis 2020 wurden davon weltweit eine Milliarde produziert – jedes enthält Gold im Wert von 50 Cent. Dafür arbeiten 60.000 Bergarbeiter auf 5500 Metern Höhe in den Anden Perus. Kaum jemand wird älter als 50 Jahre, es gibt keine Polizei, aber 4.000 Prostituierte, fast alle sind Sklavinnen.

Ich muss nach der letzten Seite des Buches erst mal durchschnaufen. Und habe den Eindruck, dass die mediale Berichterstattung über diese Region doch ein wenig unterbelichtet zu sein scheint. Warum wohl? Ein Schelm, wer Böses denkt. Einige der Geschichten lese ich jedenfalls zum ersten Mal. Robinson erzählt sowohl vom Alltag der Bevölkerung als auch über die globalen Drahtzieher. Etwa von China, das es geschafft hat, während der Krisenjahre in Lateinamerika erfolgreich Fuß zu fassen und zum führenden Handelspartner Brasiliens aufzusteigen. Sehr zum Missfallen der USA, 2020 warnt Trump in einem Präsidialerlass vor Engpässen in der Versorgung mit kritischen Mineralen und einem »nationalen Notstand«. Brasiliens Präsident Bolsonaro – eine Hand wäscht die andere – hilft Trump, China in Schach zu halten. Schon eine Woche später kann man einen Anteil an einer brasilianischen Firma übernehmen, die wichtige Metalle für den Bau von Smartphones und E-Cars abbauen soll. Doch auch die EU will nicht untätig zusehen und unterstreicht die Bedeutung eines »von Marktverzerrungen unbeeinträchtigten Zugangs zu den globalen Rohstoffmärkten«. Es gibt Wasserkraftprojekte von Voith Hydro (eine Filiale von Siemens) und Andritz Hydro, die zur Zerstörung des Amazonasgebietes beitragen, beklagen Anführer der Indios bei ihren Besuchen in Deutschland und Österreich. Alle wollen sie mitmischen, nur einer bleibt mit offenen Adern zurück: Lateinamerika und seine Menschen.

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