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Arrivato!


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2023 vom 20.01.2023

Auf dem L1 von Garmisch an den Gardasee

Artikelbild für den Artikel "Arrivato!" aus der Ausgabe 3/2023 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Gleich ist das Ziel erreicht: am Monte Castello vorbei und runter nach Gargnano

Den Rucksack hinwerfen, Klamotten runter und rein ins kühle Nass. Untertauchen, Staub und Schweiß abspülen, die kaputten Muskeln entspannen. Und danach ein Eis. Das Bild ist so klar, dass ich ohne lange nachzudenken meinen Plan umwerfe. Mitten in der Nacht beschließe ich, statt nach Brescia lieber zum Gardasee zu wandern.

Tag 1

Der Start ist beschwerlich. Am frühen Nachmittag steige ich in Garmisch aus dem Zug. Der Weg durchs Skigebiet ist langweilig, erst ab dem Bernadeiensteig wird es interessanter. Die Sonne brennt, der Schweiß tropft, und der Rucksack ist viel zu schwer. Spontan habe ich morgens noch Isomatte und einen dickeren Schlafsack eingepackt, um gewappnet zu sein, falls ich auf dem noch ungeplanten Stück meines Weges keine Unterkünfte finde oder eine Hütte überfüllt ist. Naja, und die Reste aus dem Kühlschrank mussten auch noch mit. Ein Kilo ...

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... Chinakohl beispielsweise.

Tag 2

Nur für Geübte, warnt mich ein Schild am Beginn des Schützensteigs, auf dem ich vom Stuibenkopf ins Reintal absteigen will. Okay, Trittsicherheit und alpine Erfahrung bringe ich mit, leider auch einen 18-Kilo- Rucksack. Ungewohnt langsam und vorsichtig steige ich im ausgesetzten Gelände hinunter. Die Last auf meinem Rücken beeinträchtig das Gleichgewicht. Dafür ist der Blick atemraubend. Steile Felsflanken über sattem Nadelgrün. Kurz vor der Reintalangerhütte endet der Steig, und ich reihe mich ein in die Menschenkette auf dem Weg Richtung Zugspitzplatt. Ab der Knorrhütte bin ich wieder allein unterwegs. Ziemlich k.o. stolpere ich gegen sieben auf die Terrasse des Steinernen Hüttls. Einen Schlafplatz gibt es noch, Essen nicht mehr, aber ich habe ja meinen Chinakohl.

Tag 3

Zum Frühstück gibt es fünf Eier für die insgesamt sechs Gäste. »Ein Sozialexperiment«, an dem der Fuchs schuld ist. Zwei Hennen hat er diesen Sommer schon geholt. Die Überlebenden scharren unbedarft auf der Terrasse herum. Eine junge Frau unter den Gästen geht auch den L1, sie will zumindest bis zum Idrosee, die nächste Übernachtung hat sie wie ich in Wildermieming geplant. Sie und ihr Begleiter für die ersten Etappen brechen früher auf, und wir laufen uns nicht mehr über den Weg. Schon um halb zehn ist es im Aufstieg zur Niederen Munde furchtbar heiß. Da ich schon mal da bin, mache ich mich – nur mit Turnbeutel – auf den Weg zur Hohen Munde. Es ist ein typischer Nie-erreicht-Gipfel, hinter jeder Kuppe taucht immer noch eine weitere auf. Der Effekt des ohne Ohne-Rucksack-Gehens hält nicht lang an, meine Erkältung ist leider nicht besser geworden. Zwischendurch fühle ich mich richtig krank und so schlapp, dass ich ans Umdrehen denke. Warum bin ich nicht später los und habe mich zu Hause noch auskuriert? Ich wollte los, hatte Angst, dass noch irgendwas dazwischenkommt, ein kurzfristiger Auftrag, ein spontanes Freundinnentreffen, eine Presseeinladung. Und ich wieder nicht starte. Wieder nicht die Auszeit habe, die ich so dringend brauche. Aber brauche ich diese Quälerei? Die Neugierde überwiegt, und im einfachen Klettersteig auf den letzten 150 Höhenmetern ist so viel Konzentration gefragt, dass ich Schnupfen und schmerzende Schultern vergesse. Gipfel und Ausblick habe ich für mich allein.

Tag 4

Von meinem schön erfrischenden Morgenbad im Mieminger See ist bereits in Stams nichts mehr zu spüren. Der Schweiß bildet Sturzbäche in meinem Gesicht und kleine Seen auf meinen Unterarmen. Nun habe ich die Wahl zwischen lang und noch länger: 2100 Höhenmeter oder knapp 2900. Ich wähle lang und damit einen endlosen Forststraßenhatscher. Das Gute daran: Es ist überwiegend schattig, es gibt Handynetz und viele, viele Himbeeren am Straßenrand. Ich versüße mir die Zeit mit Naschen und Nachrichtenschreiben, was mich nicht schneller macht, aber für Rekordzeiten ist es eh viel zu heiß. An der Stamser Alm gibt es erstmal ein Radler und einen Liter kühles Wasser aus dem Brunnen. Eigentlich will ich schon weiter, da schenkt mir die Almgehilfin ein Stück Kuchen. Wir setzen uns nochmal an den Tisch und plaudern. Darüber, wie sich der Blick der jungen Frau auf Wölfe verändert hat, seit sie auf der Alm arbeitet. Und über den Bären, der gerade durchs Kühtai zieht und vor ein paar Tagen eine Kuh gerissen, aber nicht aufgefressen hat. Per Helikopter wurde der Kadaver ins Tal gebracht. Ein Blick auf die Uhr sagt, dass ich weiter muss. Ich habe immer noch 1000 Höhenmeter vor mir. »Wir haben auch Schlafplätze«, sagt sie noch. Verlockend, aber ich habe eine Frühstücksverabredung in Kühtai am nächsten Morgen. Meine Schwester wird aus Innsbruck heraufkommen, um mir ihren E-Reader zu bringen.

Tag 5

Früher führte diese Etappe durch das damals noch unverbaute Längental. Heute ist es eine einzige Baustelle. Beim Abstieg vom Pirchkogel hatte ich am Vortag all die Bagger und Laster im Blick, ihren Lärm im Ohr. Ein Pumpspeicher mit 31 Millionen Kubikmetern entsteht hier. Gefüllt mit dem Wasser von sechs Wildbächen. Ich nehme also ein Tal weiter östlich, steige auf zur Finstertaler Scharte, vorbei am Speichersee Finstertal. Surreal, fast beängstigend sieht die gewaltige Staumauer von unten aus, eigentlich ganz schön der türkisblaue See.

Tag 7

Die letzten zwei Tage waren geprägt von Regen und Gewittern. Gestern Abend immerhin eine Regenpause – mit den tollsten Farben. Grün leuchtete das Sulztal, orangerot die Holzverkleidung der Amberger Hütte. Nun im Aufstieg zum Atterkarjöchl traut sich langsam wieder die Sonne raus, der Regen der letzten Tage hängt in Form von Nebelschwaden noch im Tal. Ein lächerlicher Gletscherrest liegt unter dem Jöchl, der Aufstieg erfolgt mit Hilfe von Trittklemmen und Stahlseil über blank geschliffenen Fels. Oben dann der erste überwältigende Moment der Tour: Aus den Wolken über dem Ötztal erhebt sich die Wildspitze, rundherum niedrigere, aber dennoch beeindruckende Gipfel. Nach dem extrem steilen Abstieg wartet ein breites grünes Tal mit mäanderndem Bach. Zeit für ein kleines Bad und selbst gekochte Linsensuppe. Ich könnte platzen vor Glück. Das Hochtal ist so schön, so einsam und unberührt, obwohl es gar nicht weit entfernt ist vom schrecklichen Sölden.

Tag 8

Auch die Berge über Obergurgel überraschen mich. Am blockigen Weg zum Nedernkogel ist wenig los und der Blick von dort beeindruckend. Von Wildspitze bis Weißkugel: Die ganze Bergprominenz des Ötztals ist hier versammelt. Ich laufe mehr der Nase nach als den spärlichen, verblassten Markierungen, immer die idyllische Hochebene entlang Richtung Süden. Je tiefer ich ins Tal komme, umso deutlicher ist zu sehen, dass dieser Hitzesommer seine Spuren an den Gletschern hinterlassen wird. Kaum noch Schnee, viel ungeschütztes, oft schmutziggraues Eis.

Der Anstieg zum Ramolhaus zehrt nochmal, durch meine Trödelei am Nedernsee ist es schon wieder recht spät. Keuchend komme ich oben an. »Willst du zu uns?«, fragt Wirtin Lenka. Und schiebt ein strenges »Hast du reserviert?« hinterher. Ja und nein. Einen Platz bekomme ich trotzdem und ein Reste-Abendessen: köstliches Graupenrisotto mit Roter Beete. Jetzt erst merke ich, wie platt ich bin. Morgen mache ich mal etwas ruhiger.

Tag 9

Um sechs stehe ich auf der Hüttenterrasse. Die Sonne schiebt sich über die Bergkette, taucht erst die verwegen spitze Hohe Wilde samt Nachbargipfeln und dann die darunter liegenden Gletscher in warmes Licht. Die Sonnenaufgangseuphorie hält den ganzen Tag über an. Beim Abstecher auf den Hinteren Spiegelkogel bin ich noch ganz beseelt. Aber die innere Ruhe ist gekoppelt an ein Immer-weiter-Laufen. Als ich am Nachmittag an der Martin-Busch-Hütte ankomme, ist es viel zu früh zum Aufhören. Der Saykogel ruft. Am Gipfel blicke ich lange auf die traurigen Eisreste der Ötztaler Nordwände und die umliegenden Gletscherflächen. Noch sind sie weit, aber zerklüftet, rissig und grau wie Elefantenhaut.

Tag 10

3000 Höhenmeter runter war einfach zu viel. Dabei bin ich die letzten paar hundert getrampt: Forststraße und plötzlicher Starkregen. Jedenfalls brennen die Fußsohlen höllisch. Ich kann kaum mehr stehen, muss aber noch Wäsche waschen. Trotzdem weiß ich genau: Auch morgen werde ich weitergehen. Ich bin jetzt endgültig im Weit(er)wandermodus. Die Crux dabei: Je mehr und schneller ich jeden Tag laufe, um so früher endet meine wundervolle Reise.

Tag 11

Das hier soll das Biwak sein? Dieser Steinhaufen? Reste von Mauern überwuchert von Farn. Ich checke meine digitalen Karten dreimal. Drehe eine Runde. Aber ja, das Biwak am Saugleger gibt es wohl nicht mehr. Dafür eine kleine Schäferhütte, mehr ein Verschlag voller Vogelkacke. Gemütlich ist sie nicht, aber es türmen sich schon die Gewitterwolken über den Bergen des Martelltals. Ich bin dummerweise an der letzten Quelle vorbeigelaufen ohne aufzufüllen, und das Wasser, das in der Nähe rinnt, ist ziemlich braun. Also gibt es heute nur Brotzeit, dafür ist dann morgen früh noch ein Kaffee drin. Vor dem Hüttchen sitzend schaue ich dem Blitzen in der Ferne zu. Wie schön bitte kann ein Gewitter sein?

Tag 13

Zu viert brechen wir von der Marteller Hütte zur Fürkelescharte auf. Zwei junge Männer, die auf den Cevedale wollen, und ein dritter, der auch den L1 läuft. Vor der Gletscherquerung hatte ich ziemlichen Respekt. Letztlich hatte der Hüttenwirt aber recht: Wer sich im alpinen Gelände gut bewegt, braucht keine Steigeisen. Zum Rifugio Larcher steigen wir noch gemeinsam ab, dann verlieren wir uns im stetigen Gegenverkehr. Ferragosto, einer der höchsten Feiertage Italiens, steht vor der Tür. Ich finde es nicht schlimm, wieder allein unterwegs zu sein, liebe das meditative Vormich-hin-Marschieren.

Tag 15

Heute beginnt der aufregendste Teil der Wanderung: Es geht ins Adamello-Gebirge, der einzig bislang ganz weiße Fleck auf meiner Route und gleichzeitig der Teil, der als am anspruchsvollsten beschrieben ist. Unmengen weißer Granitblöcke und ein paar Kraxeleinlagen erwarten mich, steile Pässe und viele, ziemlich ausgetrocknete Speicherseen. Abgesehen von den verloren in die Höhe ragenden Staumauern ist die Landschaft wild und beeindruckend unberührt. Wieder überspringe ich eine Hütte, das Rifugio Garibaldi, das mir zu ungemütlich erscheint. Wieder laufe ich vor den dichten Wolken davon. Wieder komme ich recht spät an, aber werde herzlich aufgenommen. Das Rifugio Tonolini ist klein und familiär, mit Potenzial zur Lieblingshütte. Und an meinem Tisch sitzen beim Abendessen zwei Frauen aus meinem Heimatort, die eine kenne ich sogar vom Sehen.

Tag 16

Am zweiten Tag im Adamello-Gebirge hüpfe ich unbeschwert von Granitblock zu Granitblock – trotz immer noch nicht gerade leichtem Rucksack. Nach einem Unfall in solchem Gelände war mir lange bei jedem Wackler das Herz stehen geblieben. Doch jetzt ist das Vertrauen zurück, ich laufe weiter, von einem Stracciatella-Block zum anderen, von einem Pass zum nächsten. Und mit der Cima Plem nehme ich noch einen interessanten Gipfel mit. Mein persönliches Highlight kommt aber erst am Ende der Etappe auf mich zugerannt: zwei laut grunzende Schweine an der Malga Adamè. Ihr Fell und der Himmel liefern sich einen Wettstreit um das schönere Rosa.

Tag 18

Fünf Kilometer vor Bagolino gebe ich auf und halte den Daumen raus. Inzwischen bin ich nicht nur klatschnass, sondern komplett aufgeweicht. Blitze zucken um den Kamm, auf dem ich eigentlich wandern wollte. Ein junges Paar nimmt mich mit. Sie fahren mich vor das einzige Hotel des Bergdorfs. Es gibt noch ein Zimmer und alte Zeitungen für meine Stiefel. Trotz Regenhülle ist der Inhalt meines Rucksacks so nass wie ich. Bis in die letzte Daune meines Schlafsacks ist der Regen gekrochen. Gegen Abend wird das Wetter besser. Zum unschlagbar günstigen Aperitivo auf dem Dorfplatz kommt sogar die Sonne raus. Ach Italien, hier ließe es sich glatt verweilen.

Tag 20

Als ich am Vorabend in der Bar der noch geschlossenen Pension am Passo Cavalino stand, mal wieder tropfnass, hatte die Wirtin Erbarmen, telefonierte erst sämtliche Adressen in der Gegend ab und richtete mir dann doch ein Zimmer her. Währenddessen zauberte ihr Mann in der Küche aus dem Nichts ein Menü. Der Weg auf meiner letzten Etappe durch die bewaldeten und oft steilen Gardaseeberge ist abwechslungsreich. Mittagspause mache ich an verwunschenen Gumpen. Und dann ist er plötzlich zu sehen: der Lago. Tiefblau und einladend. Steil geht es das letzte Stück hinunter, ich biege falsch ab, lande im Unterholz. Zerkratzt und zerzaust komme ich in Gargnano an. Am Brunnen schnell die Flasche auffüllen und dann schnurstracks ins Wasser. Untertauchen, Staub und Schweiß abspülen, die kaputten Muskeln entspannen. Danach ein Eis. Arrivato! Ich bin angekommen. Und es ist mindestens so schön, wie ich es mir vorgestellt hatte.