Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

ARTENSCHUTZ VON MENSCHEN UND ANDEREN TIEREN


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 192/2020 vom 08.10.2020

Manche Tiere gelten als beste Freunde der Menschen. Anderen Arten sind wir die schlimmsten Feinde. Welche unglaublichen Geschichten daraus entstehen, erzählen vier neue Bücher.


Artikelbild für den Artikel "ARTENSCHUTZ VON MENSCHEN UND ANDEREN TIEREN" aus der Ausgabe 192/2020 von Buchkultur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 192/2020

Frans De Waal Mamas letzte Umarmung. Die Emotionen der Tiere und was sie über uns aussagen Übers. v. Cathrine Hornung Klett-Cotta, 430 S.


In den letzten 40.000 Jahren hat der Mensch andere Tierarten domestiziert und damit teils zu Freunden, teils zu Sklaven gemacht. Forscher schaffen es sogar, freundschaftliche Verbindungen mit Wildtieren aufzubauen. Und doch sorgen wir die ganze Zeit über für das größte Artensterben, das der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Buchkultur. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 192/2020 von IMAGINÄRE LITERARISCHE WELTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IMAGINÄRE LITERARISCHE WELTEN
Titelbild der Ausgabe 192/2020 von UNTERWEGS AUF DRAHTESEL UND SCHUSTERS RAPPEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UNTERWEGS AUF DRAHTESEL UND SCHUSTERS RAPPEN
Titelbild der Ausgabe 192/2020 von COMIC ZUR GESCHICHTE DER MENSCHENRECHTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
COMIC ZUR GESCHICHTE DER MENSCHENRECHTE
Titelbild der Ausgabe 192/2020 von SPIEGELBILD BABYLON BERLIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPIEGELBILD BABYLON BERLIN
Titelbild der Ausgabe 192/2020 von DIE RÜCKVERZAUBERUNG DER WELT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE RÜCKVERZAUBERUNG DER WELT
Titelbild der Ausgabe 192/2020 von SCHURKEN STÜCKE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SCHURKEN STÜCKE
Vorheriger Artikel
MARTIN KUGLERS SACHbuchREGAL
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SAGENHAFTE MENSCHLICHKEIT
aus dieser Ausgabe

... Planet seit Millionen Jahren gesehen hat. Freund oder Feind – was sind wir nun?

Von artübergreifendem Respekt berichtet Primatenforscher Frans de Waal in »Mamas letzte Umarmung «. Mama, die betagte Schimpansendame, und Jan, der alte Professor, begegnen einander ein letztes Mal: »Während sie Jan umarmte, tätschelte Mama mit ihren Fingern seinen Hinterkopf und Nacken mit derselben beschwichtigenden Geste, mit der Schimpansen auch einen wimmernden Säugling beruhigen. « Die einzigartige Begegnung ist der Beginn einer großen Rundschau über die Ähnlichkeiten zwischen Menschen und anderen Säugetieren. Der Biologe und Verhaltensforscher Frans de Waal arbeitet seit einem halben Jahrhundert mit Schimpansen und Bonobos, aber auch mit Elefanten und Buntbarschen. Nach Professuren für Verhaltensforschung und Psychologie leitet er seit Langem das Living Links Center zur Erforschung von Menschenaffen. Stück für Stück haben seine Ergebnisse an der umfassenden Überlegenheit des Homo sapiens geknabbert. An emotionalem Ausdruck und Gruppendynamik stehen uns andere Primaten um nichts nach. Fairness soll eine rein menschliche Errungenschaft sein? De Waal hat Gerechtigkeitssinn nicht nur bei Bonobos nachgewiesen, sondern auch bei Hunden und Vögeln. Und bei der hohen Kunst der Versöhnung könnten manche Menschen von Ratten, Delphinen oder Wölfen lernen. De Waal erzählt live von seinem Lebenswerk und anderen Forschungsergebnissen, die den Blick auf unsere Tierwelt verändert haben. Die Faszination wechselt mit Scham darüber, mit welcher Überheblichkeit wir die Lebewesen um uns herum betrachten.

Wie gut die Gemeinschaft speziell zwischen zwei Spezies funktioniert, zeigt Kurt Kotrschal in »Hund & Mensch«. Der Biologe und Professor für Verhaltensforschung an der Universität Wien hat das Wolf Science Center in Ernstbrunn mitbegründet und viel darüber geforscht, wie aus Wölfen Hunden wurden – und aus diesen Freunde der Menschen. Er bringt eindrucksvolle Beispiele für den besonderen Wert der Beziehung. Mit einem Hund aufzuwachsen, stärkt das Verantwor- tungsbewusstsein und die emotionalen Fähigkeiten von Kindern. Am anderen Ende des Lebens schützt ein Hund als Begleiter vor Altersdepression. Und Straftäter, die in amerikanischen Gefängnissen Hunde trainierten, wurden kaum rückfällig.

»Ein junger Schimpanse schreit und verlangt mit ausgestreckter Hand die Beeren zurück, die ein erwachsener Schimpansenmann ihm soeben weggenommen hat.« (de Waal: Mamas letzte Umarmung)


Kurt Kotrschal Hund & Mensch. Das Geheimnis unserer Seelenverwandtschaft Brandstätter, 272 S.


Mikael Vogel Tier. Ein Tier schreibt als Mensch ein Gedicht über ein Tier Verlagshaus Berlin, 48 S.


Hannah Emde Abenteuer Artenschutz. Als Tierärztin im Dschungel Malik, 304 S.


Spannend gestaltet sich Kotrschals Blick in die Forschungswerkstatt: Noch ist man am Tüfteln, was den Wolf zum Hund werden ließ. Ein Schlüssel lag vermutlich in der gemeinsamen Mammutjagd. Zum Abschluss gibt es noch ein paar grundlegende Erkenntnisse, wie die Beziehung zwischen Hund und Mensch harmonisch zu gestalten sei. Auch für Kotrschal heißt der Schlüssel zum Spagat zwischen den Spezies: Respekt. Nach vielen lebensnah geschilderten Erlebnissen mit Hunden und Wölfen und locker zu einem schlüssigen Ganzen zusammengesetzten Forschungsergebnissen ist der Schlussappell des Autors klar. Kotrschal fordert einen Mentalitätswechsel: »den Wechsel von den (scheinbaren) Beherrschenden der Erde zurück zu der Sichtweise, bescheidene Gäste auf diesem Planeten zu sein, eine von vielen Spezies, die alle das gleiche Recht auf Überleben haben.«

»Tier« – der schlichte Titel von Mikael Vogel verrät, dass es hier um alle geht. Über die Hälfte aller Wirbeltierarten sind in drei Jahrzehnten ausgestorben. Studie für Studie belegt er, »dass das Desaster System hat«. Der Schriftsteller und Übersetzer hat als geübter Lyriker ordentlich verdichtet: auf knapp fünfzig Seiten bringt er Zahlen und Fakten in klaren Worten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit beweist er einen treffsicheren Griff zum Bezeichnenden: »Eine schwedische Studie erwies, dass Schimpansen und Zoobesucher einander so gut wie gleich oft nachäffen.« Er bringt Forschungsergebnisse in Zusammenhang und zeigt ihre Bedeutung. Wenn heute erst zwei von vermuteten zehn Millionen Arten entdeckt sind, und nach aktuellen Schätzungen bis Ende des 21. Jahrhunderts 5 Millionen aussterben, dann verschwindet mehr als die Hälfte der heutigen Spezies unentdeckt: »Statistisch repräsentiert das Tier bereits jetzt mehr Verschwinden als Präsenz.« Auch die aktuelle COViD-19-Pandemie führt er auf die unangemessene Ausweitung des menschlichen Lebensraums zurück. Die medizinische Katastrophe wurzelt in der ökologischen. Vogel spricht in gewöhnlichen, doch wohlgewählten Worten über erschütternde Tatsachen. Sein Buch ist eine Bestandsaufnahme, keine Empörung. Doch welcher Appell könnte klarer sein als jener, der sich aus den Fakten für den gesunden Menschenverstand zwingend ergibt? Mikael Vogel tut mehr, als »Alarm« zu schreien. Der Lyriker liefert alarmierende Daten mit eindringlichem Klang.

In »Abenteuer Artenschutz« erzählt die Tierärztin Hannah Emde von ihren Forschungsreisen und dem Versuch, etwas zu verändern. Schon in jungen Jahren hat sie mit Wildtieren in aller Welt gearbeitet – mit der Fossa-Katze auf Madagaskar, dem seltenen Sunda-Nebelparder in Malaysia, mit Bullenhaien im Indischen Ozean. Zunächst darf sie der Leser begleiten wie in einer exotischen Tiersendung – mit vielen kleinen Reiseabenteuern, illustriert von beeindruckenden Handzeichnungen der Autorin. So erfrischend unbedarft der Blick der jungen Tierärztin ist, so schonungslos zeigt sich darin das Grauen über die rücksichtslose Jagd auf bedrohte Tierarten oder die großflächige Abholzung des Regenwaldes für neue Palmölplantagen – und ihre sehr schlüssige Erklärung für COViD-19 als hausgemachte Heimsuchung.

Zurück in Deutschland entdeckt Emde, wie gut sie die Kinder einer Schulklasse in ihre Welt mitnehmen kann. Die Schülerinnen und Schüler wollen nach ihrem Vortrag bedrohte Tiere zeichnen, wollen Geld spenden, wollen etwas tun für den Artenschutz. Sie beschließt, den Zufallstreffer zu systematisieren. Heute unterstützt der von ihr gegründete Verein Projekte zur Erforschung und zum Erhalt der Artenvielfalt. Heiter dahinerzählt und zugleich sachlich präzise kann man in dieser kurzweiligen Kurzzeit-Autobiografie ganz unaufdringlich etwas Essenzielles miterleben: Wie eine junge Wissenschaftlerin das, was sie bei ihrer Forschung sieht und erfährt, nicht nur zum Denken und Reden bewegt – sondern zum Handeln.

Die unter Naturforschern längst selbstverständliche Redewendung von »Menschen und anderen Tieren« stößt manche immer noch vor den Kopf. Doch finden sich auch in unserer Art immer mehr Exemplare, die nichts Besseres sein, sondern besser zusammenleben wollen. Alle vier Autoren zeigen auf, was sich da draußen abspielt, und was wir verändern müssten, um unseren Planeten wieder artgerecht für alle Arten werden zu lassen – nicht nur für unsere superdominante Spezies. Hören wir auf sie. Lesen wir sie.


Foto: Jorghi Poll

Foto: Klett-Cotta, aus: de Waal: Mamas letzte Umarmung