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Asien-Shopping: Wunderlampe oder Rohrkrepierer?


Made in Germany - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 31.05.2019

Sie heißen AliExpress, Wish, DealExtrem, Banggood oder Gearbest – die Online-Plattformen für digitales Shopping mit Sitz in China oder anderen asiatischen Ländern.


Artikelbild für den Artikel "Asien-Shopping: Wunderlampe oder Rohrkrepierer?" aus der Ausgabe 2/2019 von Made in Germany. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Made in Germany, Ausgabe 2/2019

Längst sind die ehemaligen Newcomer wie AliExpress zu milliardenschweren Big Playern aufgestiegen, die etablierten Plattformen wie Amazon und eBay das Fürchten lehren wollen, indem sie europäische und nordamerikanische Kunden mit Rabatten und einer schier unerschöpflichen Produktvielfalt in ihren Bann ziehen. Das alte Sprichwort, nach dem derjenige doppelt zahlt, der billig kauft, scheint auch in Zeiten des „East Commerce“ nichts von seiner ...

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... Aktualität eingebüßt zu haben. Viele Privatkäufer mussten die Erfahrung machen, dass nicht alles, was die Händler auf diesen Plattformen versprechen, auch eingehalten wird. Dies gilt insbesondere dann, wenn Ware nicht ankommt, beschädigt ist oder überhaupt nicht funktioniert. Hinzu kommen mögliche Probleme mit dem Zoll bei der Einfuhr und damit verbundene Steuer- und Abgabennachzahlungen, die dann der Endkunde zu entrichten hat. Umso wichtiger ist es, sich als Verbraucher bereits im Vorfeld kundig zu machen, welche Risiken beim Einkauf auf diesen Plattformen drohen könnten und welche Vorsichtsmaßnahmen der Einzelne ergreifen kann. Und manchmal stellt sich schlicht die Frage: Brauche ich das jetzt wirklich?

Einkaufen früher – wie war das nochmal?
Ach, was waren das früher doch für beschwerliche Zeiten, als es noch kein Online-Shopping gab. Wenn man beispielsweise ein Geburtstagsgeschenk für die Nichte zu besorgen hatte, musst eman zunächst das Haus verlassen, um dann per Pedes, mit dem Fahrrad, dem ÖPNV oder dem Auto zum nächstgelegenen Ladengeschäft zu gelangen, wo man das Spielzeug am ehesten vermutete. War man beim Fachhändler seines Vertrauens angelangt, hieß es zunächst warten, denn in den seltensten Fällen war man zu diesem Zeitpunkt der einzige Kunde vor Ort. Fünf oder fünfundzwanzig Minuten später – je nachdem – dann der glückliche Moment: Man konnte den kleinen Notizzettel mit der kaum leserlichen Beschreibung des gewünschten Spielzeugmodells herauskramen und den Kinderwunsch demütig vortragen. „Ja und welches genau davon?“, lautete nicht selten die Antwort. „Da gibt es mehrere?“, fragte man verdutzt und war halb am Boden zerstört.

Schöne neue Online-Shopping-Welt
Was mit diesem recht ausführlichen Exkurs zum Ausdruck gebracht werden sollte, ist die Tatsache, dass es eigentlich nichts Bequemeres gibt, als mit einer Tasse Tee oder Kaffee am heimischen Rechner zu sitzen bzw. das Handy in der Hand zu halten und unabhängig von Tageszeit und Wetterverhältnissen aus einer unermesslich erscheinenden Auswahl an Produkten und Dienstleistungen aus verschiedensten Teilen der Welt auswählen zu können, inklusive der unterschiedlichen Versand- und Zahlungsoptionen.

Nun ist das seit eBay und Amazon wahrlich keine neue Errungenschaft mehr. Der durchschnittliche Amazon-Kunde bestellt mittlerweile 40 Mal pro Jahr mehr oder weniger wichtige Produkte bei dem US-amerikanischen Online-Riesen. Prime-Kunden klicken im Schnitt sogar 60 Mal jährlich auf den Bestellknopf, Tendenz weiter steigend. Das liegt vor allem auch an Amazon selbst, da es der US-Multi hervorragend versteht, immer mehr Lebensbereiche miteinander zu verknüpfen – man denke nur an die elektronische Assistentin Alexa, das Video-Streaming-Angebot oder Kindle.

Was den Onlinehandel in jüngster Zeit deutlich anfeuert, ist die steigende Kauflaune der Deutschen im Bereich des sogenannten East Commerce. Mit diesem Schlagwort sind die Shooting- Stars der Online-Plattformen wie AliExpress und Wish gemeint.

Erhebliche Preisvorteile – auf den ersten Blick
Gemein ist den neuen asiatischen Anbietern ihre aggressive Preispolitik. Die ist möglich, weil die allermeisten Konsumartikel heutzutage nun einmal im Reich der Mitte produziert werden und die dort ansässigen Händler direkt bei den Herstellern einkaufen können, bevor sie die Waren ohne weitere Zwischenhändler wie Ex- und Importeure oder Großhändler an ihre Kunden direkt versenden. Dadurch sparen diese nicht selten 30 bis 50 Prozent des hierzulande üblichen Verkaufspreises ein, in manchen Fällen sogar mehr.


Der Anteil der Plagiate und Produktfälschungen ist erschreckend hoch.


Klingt zu schön, um wahr zu sein? Nun, manchmal ist es das leider tatsächlich auch. Denn nicht selten bieten diese Händler Produkte von eher zweifelhafter Qualität an. Das reicht in harmloseren Fällen von schlecht genähten Kleidungsstücken, schief bedruckten T-Shirts oder Accessoires in Vollplastik bis hin zu Materialfehlern oder anderweitigen Abweichungen von der Produktbeschreibung. In krasseren Fällen kann jedoch schon mal ein Akku des dort erworbenen Billighandys explodieren, Spielzeuge für Kinder und Haustiere können gefährliche Weichmacher enthalten, Kosmetika sind mit Keimen und/oder Schadstoffen versetzt und elektronische Geräte halten funktional nicht das, was sie versprechen und sind in kürzester Zeit unbrauchbar geworden.

60 Prozent und mehr sind Fälschungen sind Fälschungen

Die in vielen Fällen unzureichende Qualität liegt daran, dass erschreckend viele Plagiate und Produktfälschungen bei AliExpress, Wish & Co. angeboten werden. In Branchenkreisen geht man davon aus, dass mehr als 60 Prozent aller Waren Fälschungen sind. Und die können schon aufgrund ihrer Herstellungsbedingungen kaum mit den Produkten der Originalmarken mithalten. Das fängt bei den verwendeten Materialien an, geht weiter bei der Verarbeitung und endet bei dem nahezu immer nicht ganz exakt nachgebildeten Design bzw. der entsprechenden Haptik. Doch die Kunden scheint das in den meisten Fällen nicht zu stören – zumindest solange, bis alles gut geht.

Selbst Amazon steckt inzwischen tief drin im Geschäft mit Dritthändlern: Gut die Hälfte des gesamten Umsatzes in Deutschland, in Höhe von mehr als 25 Milliarden Euro jährlich, erwirtschaftet das Unternehmen heutzutage mit Angeboten Dritter. Diese Vermarktungsstrategie, die unter dem Label „Amazon Marketplace“ läuft, nutzt den etablierten Namen der Online-Plattform. Leider tummeln sich dort, wie auch bei AliExpress und Wish, jedoch auch jede Menge schwarze Schafe.

Überforderte Zollbehörden

Diese schwarzen Schafe ignorieren oftmals Sicherheits- und Hygienevorschriften der EU und der Bundesrepublik. Doch nicht nur im Hinblick auf die Produkte selbst kann dem arglosen Käufer erhebliches Ungemach drohen: Auch Zoll- und Steuerbehörden werfen oft ein wachsames Auge auf die seit Jahren stetig anschwellende Paketflut, die sich mit den aus Asien ankommenden Frachtfliegern am Frankfurter Flughafen in die Abfertigungshallen des Postzentrums ergießt. Am Tag sind das mittlerweile gut 26.000 Einzelsendungen, die über der Zollfreigrenze von 22 Euro liegen. Insgesamt summieren sich die jährlichen Paketsendungen, die von außerhalb der EU nach Deutschland strömen, auf gut 100 Millionen Stück. Und bereits im laufenden Jahr sollen es 50 Millionen mehr sein. Der Frankfurter Zoll rechnet mit täglich 40.000 Paketen, die er dann kontrollieren muss.

Dabei suchen die Mitarbeiter nicht nur nach Medikamenten und gefährlichen Stoffen, sondern auch nach gefälschten Markenartikeln und nach Elektrogeräten ohne das in der EU verpflichtende CE-Kennzeichen. Sowohl Plagiate als auch nicht-zertifizierte Elektronikartikel vernichtet der Zoll umstandslos. Eine Entschädigung ist nicht vorgesehen, und da für dieses Risiko der Besteller haftet, geht er bei Anfragen an den Händler fast immer leer aus. Eine weitere Kostenfalle ist die bei einer Kontrolle anfallende Einfuhrumsatzsteuer in Höhe von 19 Prozent, die auf Warenwerte über 22 Euro fällig wird. Diese hat dann ebenfalls der Käufer zu tragen. Hinzu kommen – gerade bei höherwertigen Artikeln wie Handys oder Fernseher – oft saftige Zollabgaben, die sich je nach Art des Produktes unterscheiden.

Der Fiskus will mitverdienen Dass der Boom des Onlinehandels aus dem asiatischen Raum auch für die Finanzämter bis vor Kurzem noch keine erfreuliche Nachricht war, lag daran, dass die in Asien ansässigen Händler in vielen Fällen keinerlei Umsatzsteuer auf ihre in Deutschland erzielten Erlöse abführten. Dadurch gingen dem Fiskus im vergangenen Jahr geschätzt eine Milliarde Euro an Einnahmen verloren. Im vergangenen September handelte der Gesetzgeber schließlich und erließ eine Vorschrift, nach der sich Online-Händler, die auf dem deutschen Markt aktiv sind, zur Ausübung ihrer Tätigkeit eine Umsatzsteueridentifikationsnummer beim Finanzamt holen müssen. Und siehe: Mancherorts explodierte nach Inkrafttreten der neuen Regelung die Anzahl der registrierten Händler um das 35-fache. Der Staat, so scheint es, geht mittlerweile also recht erfolgreich gegen den bis dato eher rechtsfreien Raum der Online-Plattformen wie AliExpress und Wish vor, zumindest, was die steuerliche Haftbarmachung der Plattformen betrifft. Denn sollte der betroffene Händler die fälligen Abgaben nicht abführen, kassiert sie der Staat bei der entsprechenden Plattform ein. Das könnte einer der wesentlichen Gründe dafür sein, dass die Plattformen ihre Händler nun deutlich genauer kontrollieren.

Käuferschutz inklusive? Wer sich bis jetzt noch nicht von den hier genannten Nachteilen und Risiken hat abschrecken lassen, stellt sich vielleicht die Frage, wie sich der Einkaufsprozess generell gestaltet. Viele Händler fordern Vorkasse und bieten keine für den Käufer sichere Zahlungsmethode wie PayPal an. Das hat schon viele Kunden hierzulande teils horrende Summen im Vergleich zum Warenwert gekostet, wie man in einschlägigen Foren zu diesem Thema leicht nachlesen kann. Da ist die Rede von nie angekommenen Paketen, defekten Waren, die in keiner Weise den Produktbeschreibungen entsprechen. AliEx-press beispielsweise hat mittlerweile jedoch eine unternehmenseigene Absicherung von Käufern eingeführt: Mit AliPay, einem Äquivalent zu PayPal, verwaltet die Plattform die Zahlungen der über sie einkaufenden Kunden treuhänderisch, und zwar so lange, bis die Ware angekommen und überprüft ist. Sollte etwas nicht in Ordnung sein, muss der Kunde allerdings schnell handeln, weil das Geld sonst innerhalb von 24 Stunden an den Verkäufer weitergeleitet wird. Danach ist zwar noch die Eröffnung eines Streitbeilegungsverfahrens möglich, doch die Chancen, sein Geld dann noch wiederzusehen, sind äußerst gering.

Augen aufhalten und misstrauisch bleiben

Viele Anbieter werben mit einem kostenfreien Versand nach Deutschland. Manchmal kommen aber derart hohe Handling- und Portogebühren zustande, dass sich der Kauf des gewünschten Produkts trotz der erheblichen Preisdifferenz zu Deutschland einfach nicht mehr lohnt. Hier heißt es also besonders aufpassen und genau rechnen, damit sich das Schnäppchen nicht als Teuerkauf entpuppt. Das kann später aber auch passieren, wenn man als Kunde eine Rücksendung in Auftrag geben muss. Die Auslagen hierfür sind in der Regel selbst zu zahlen, und schon ein Päckchen nach China schlägt nicht selten mit mittleren zweistelligen Euro-Beträgen zu Buche. Da ist es oft ratsamer, das Produkt zu entsorgen, wenn es sich als unbrauchbar erweist. Apropos Brauchbarkeit: Auf die gibt es im Gegensatz zu Deutschland, wo standardmäßig eine zweijährige Garantie gewährt wird, bei in Asien ansässigen Händlern im Regelfall nur eine auf 30 Tage befristete Gewährleistung. Daher sollte man es sich lieber zweimal überlegen, bevor man dort teure Elektrogeräte wie Smartphones, Laptops oder Fernseher bestellt.

Früher war keineswegs alles besser

Innerlich stöhnend versuchte man nun, sich des Dialogs mit der Nichte bzw. deren Eltern zu entsinnen – was hatten die nochmal gesagt? Gab es da nicht einen versteckten oder bislang ignorierten Hinweis auf die gewünschte Farbe? Doch der Kopf ratterte ergebnislos. Ein kurzer Blick nach draußen verriet, dass es in unmittelbarer Nähe keinen Münzfernsprecher gab, mit dessen Hilfe man die zu Beschenkende hätte anrufen können – wenn sie denn zu diesem Zeitpunkt in Haus oder Wohnung zugegen war. Doch im vorliegenden Fall blieb einem nichts anderes übrig, als aufs Geratewohl ein adäquat erscheinendes Modell auszuwählen in der stillen Hoffnung, dass es das Placet der Empfängerin fände. Wäre dem nicht so gewesen, so hätte ein neuerlicher Besuch des Spielwarenfachgeschäftes angestanden – mit einer Miene, die ebenso zerknirscht war wie der Kassenbon zerknittert. Doch ohne ihn und den sprichwörtlichen „Passierschein A 38“ könnte ein Umtausch unter gar keinen Umständen vonstattengehen. Von Rücknahme soll an dieser Stelle nicht die Rede sein, denn mit so einer Forderung hätte man damals als Fantast gegolten.

Online-Shopping kann sich lohnen
Es zeigt sich: Nicht immer ist der Weg zu den Billigshopping- Online-Plattformen der beste, wenn es ums Shoppen geht. Gerade bei hochwertigen Konsumgütern ist es oftmals sinnvoller, sich diese selbst und direkt vor Ort anzuschauen bzw. wenigstens dort online zu bestellen, wo der Händler seinen Sitz im Inland hat. Wer statt einem PC jedoch lediglich ein Datenkabel benötigt, setzt sich lediglich einem geringen Risiko aus und kann daher leicht einen beträchtlichen Teil des sonst üblichen Preises sparen. Wichtig ist auch hier, sich den Händler genau anzuschauen: Wie viele Bewertungen hat er und scheinen diese seriös zu sein, seit wann gibt es ihn, gibt es Erfahrungsberichte im Internet? Wenn dies geklärt ist, kann man frohen Herzens die schöne neue Welt des Online-Einkaufens auch bei AliBaba und Co. genießen und dabei als Kunde auch noch ordentlich Geld sparen. Wobei das mit dem Geld sparen ja immer so eine Sache ist. Denn das meiste Geld spart man – in leichter Abwandlung eines berühmten Zitats von Henry Ford – nun einmal nicht da, wo man es verdient, sondern da, wo man es nicht ausgibt.

Foto: Bits and Splits/Adobestock.com

Fotos (v.l.n.r.): SekSamyan/shutterstock.com, ChristopherPenler/shutterstock.com

Fotos (v.l.n.r.): Martchan/shutterstock.com, Ricky Of The World/shutterstock.com