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ASILAYDYING: Stunde der WAHRHEIT


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 18.09.2019

Bisher hat er geschwiegen. Seit seiner Entlassung auf Bewährung Ende 2016 hat er jede Interview-Anfrage abgelehnt. Außer zwei Band-intern produzierten Videos gibt es keinerlei Hintergrundinformationen – weder zum Motiv, zur Haft, zur Rehabilitation noch seiner aktuellen privaten Situation. Nun liefert TIM LAMBESIS von AS I LAY DYING Antworten – im exklusiven METAL HAMMER-Gespräch, einem der emotionalsten Interviews in der 35-jährigen Geschichte dieses Magazins.


Die Zeit heilt alle Wunden? Nicht in diesem Fall. Was Tim Lambesis getan hat, bedarf der Aufarbeitung. Rückblende: 2013 beauftragt Lambesis einen ...

Artikelbild für den Artikel "ASILAYDYING: Stunde der WAHRHEIT" aus der Ausgabe 10/2019 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 10/2019

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... Killer mit dem Mord an seiner NochEhefrau, mit der er seit einem Jahr in Scheidung lebt. Doch der vermeintliche Auftragsmörder ist ein UndercoverAgent. Lambesis wird von ihm überführt und am 7. Mai 2013 verhaftet. Vor Gericht gibt Lambesis an, Angst gehabt zu haben, die drei gemeinsamen Adoptivkinder nicht mehr sehen zu dürfen. Außerdem sollen Steroide mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass er nicht mehr rational denken und handeln konnte. Lambesis plädiert zunächst auf „nicht schuldig“ und kommt gegen Zahlung von zwei Millionen USDollar auf Kaution frei. Im Februar 2014 gesteht er schließlich seine Schuld ein und wird am 16. Mai 2014 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Jeglicher Kontakt zu seiner ExEhefrau und den Kindern ist verboten. Seine Band As I Lay Dying ist Geschichte, die ehemaligen BandKollegen wenden sich öffentlich von ihm ab. Tim Lambesis verliert mit dieser Tat alles, was er sich bis zu jenem Zeitpunkt aufgebaut hatte. Seine Band ist überaus erfolgreich, die jüngsten Alben rangieren im Top TenBereich der USBillboard Charts. Lambesis verkörpert bis dahin den perfekten MetalFrontmann: stark, zupackend, unverwundbar. Dieses Bild von ihm ist seit der Tat zerstört. Lambesis verschwindet vom Radar – bis zu seiner Haftentlassung auf Bewährung im Dezember 2016. Heute ist er 38 Jahre alt und kämpft sich Schritt für Schritt zurück ins Leben. Seine Band formierte sich wieder, doch das Gefüge hat sich verändert. Auch bei den ehemals engsten Weggefährten hat Lambesis Wunden gerissen. Jedoch: Sein Leben muss weitergehen, und so tut er das, was er bisher am besten konnte: Musik machen. Und er versucht, einen Teil seiner Schuld wiedergutzumachen, indem er anderen hilft. Als Mentor, der sich um Personen kümmert, die unter Abhängigkeiten leiden. Tim Lambesis möchte, so sagt er selbst, „über einen langen Zeitraum“ beweisen, dass er sich gewandelt hat. Dass er ein Teil der Gemeinschaft sein kann. Womöglich sogar ein positiver. Dass das kein einfacher Weg ist, macht dieses Interview deutlich. Tim Lambesis ist dafür extra aus den USA nach München gekommen. Er ist bereit, sich und sein Handeln zu erklären – und er weiß nicht, welche Fragen ihn erwarten. Hier kann er sich nicht selbst inszenieren wie in den Videos, die gedreht wurden. Hier gibt es keine Möglichkeit, auszuweichen. Als Tim Lambesis das AltbauBüro seiner BookingAgentur in der Maxvorstadt betritt, ist er daher auch nicht der strahlende Held vergangener Tage. Er ist nervös. Und doch bereit, offenzulegen, was die vergangenen sechs Jahre mit ihm und den Menschen gemacht haben, die ihm nahestehen. Zweieinhalb Stunden spricht er mit den METAL HAMMERInterviewern Thorsten Zahn und Matthias Weckmann. Er drückt sich nicht. Aber es nimmt ihn sichtlich mit, Bilanz zu ziehen. Lambesis versagt während des Sprechens die Stimme, er stockt, hält inne. Weint. Mehrmals. Hier sitzt ein Mensch, konfrontiert mit seiner Vergangenheit und dem Leid, das er verursacht hat. Und dem Wunsch, neu anfangen zu dürfen.

TIM LAMBESIS

Was für ein Typ war Tim Lambesis im Jahr 2013?
Ich befand mich in der dunkelsten Phase meines Lebens. Nicht nur am Tag meiner Verhaftung, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. Aus heutiger Sicht fühlt es sich an, als würde ich über einen Bekannten sprechen, aber nicht über den, der ich heute bin. 2013 agierte ich sehr selbstsüchtig. Ich hatte mich von einem guten Freund, einem Familienmenschen und Teil der Gemeinschaft hin zu einem Charakter verändert, der sich selbst isolierte. Und dem andere Menschen immer weniger bedeuteten. Ich saß in einem dunklen Loch. Ich kann nicht einschätzen, inwiefern die Substanzen, die ich einnahm, diese Entwicklung beschleunigten. Aber die Verantwortung trage allein ich.

Gab es keine Menschen im näheren Umfeld, die dich auf diese negative Entwicklung hingewiesen haben?
Da ich Menschen immer mehr von mir wegstieß und es vorzog, allein zu sein, kam es gar nicht zu derartigen Diskussionen. Ich habe immer irgendwie Wege gefunden, um Distanz zu wahren. Selbst wenn mich ein Freund mal darauf ansprach – ich wischte diese Thematik sofort beiseite.

Was waren deine Motive 2013, einen Auftragsmörder für deine damalige Frau anzuheuern?
Ich darf aus rechtlichen Gründen nicht viel dazu sagen, aber ich versuche es, so weit es mir erlaubt ist: Zu jener Zeit hatte ich große Sorgen und Ängste. Allerdings war ich nur auf mich selbst fixiert, sodass ich die Sorgen und Ängste anderer Menschen überhaupt nicht gesehen habe. Ich dachte, dass mein Schmerz durch diese Tat verschwinden würde. Ich konnte nicht erkennen, wie wahnsinnig diese Idee war, die Selbstsüchtigkeit war zu groß. Es ist schwer zu erklären, was ein Vater empfindet, der befürchtet, seine Kinder zu verlieren. Ich möchte aber nicht den Eindruck vermitteln, es hätte einen guten Grund für all das gegeben – den gab es nämlich nicht.


„Ich konnte nicht erkennen, wie wahnsinnig diese Idee war.“
TIM LAMBESIS


Aber wie wäre es danach weitergegangen? Du hättest deine drei Kinder bei dir gehabt und wärst weiter auf Tour gegangen...?
Mein Kopf war alles andere als klar, ich konnte kaum vernünftige Gedanken fassen. Ich fühlte mich ausgestoßen. Die Zukunft spielte dabei keine Rolle.

Wie lange darfst du deine Kinder nicht mehr sehen?
Ich darf aus rechtlichen Gründen nur das sagen, was im Urteil steht: Es sind zehn Jahre.

Bist du dem Agenten aus heutiger Sicht dankbar, weil er Schlimmeres verhindert hat?
Er hat im Grunde das Leben meiner Ex- Frau und meines gerettet. Es hat etwas gedauert, bis ich das so gesehen habe.

Hattest du noch einmal Kontakt zu dem Trainer deines ehemaligen Gyms, den du nach einem Kontakt zu einem Auftragsmörder befragtest und der diese Information an die Polizei weitergeleitet hat?
Nein. Er handelte wohl einen Deal mit den Behörden aus, die ihm aus Sicherheitsgründen einen Umzug in einen anderen Bundesstaat finanzierten, von Kalifornien nach Texas.

Du hast bereits erwähnt, dass du damals zum Muskelaufbau regelmäßig Steroide eingenommen hast. Ist das vergleichbar mit einer Drogenabhängigkeit?
Das ist schwer zu sagen. Als ich aus dem Gefängnis gekommen bin, habe ich mich direkt in einem Programm engagiert, das sich um Süchtige kümmert. Die Welt der Süchte und die daraus folgenden Konsequenzen ist ziemlich weit. Ein Freund von mir war jahrelang opiumabhängig, funktionierte aber im sozialen Umfeld. Irgendwann zerstörte es aber sein Leben. Ich habe Menschen kennengelernt, die nur einmal Meth konsumierten und nie wieder davon losgekommen sind. Ich möchte aber nichts von dem, was passiert ist, auf die Steroide schieben. Ich bin allein verantwortlich. Ich bin nicht hier, um mein Handeln in irgendeiner Art und Weise zu rechtfertigen. Diese Art der Selbstverteidigung ist typisch für Leute, die vor Gericht stehen. Ich war selbst für eine gewisse Zeit nach meiner Verhaftung in diesem Denken gefangen. Ich erkenne meine Schuld an.

Im Mai 2013 hast du auf „nicht schuldig“ plädiert, im Februar 2014 auf „schuldig“. Was hatte sich in diesem Zeitraum verändert?
Ich plädierte im Februar 2014 zwar öffentlich auf „schuldig“, aber mental dauerte es noch länger, bis ich keine Ausreden und Entschuldigungen mehr suchte. Ich würde sagen, dass sich dieser Prozess bis 2015 hinzog.

Wie hast du die ersten Tage in Haft erlebt?
Im ersten Monat nach meiner Festnahme befand ich mich in kompletter Isolation. Der Direktor der Einrichtung befand, dass es sicherer wäre, wenn ich nicht mit anderen Insassen in Kontakt treten würde. Da ging es auch um rechtliche Fragen, weil ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht verurteilt war. Wenn mir in dieser Phase etwas zugestoßen wäre, beispielsweise mich jemand abgestochen hätte, wäre das für die Gefängnisleitung zu einem großen Problem geworden. Nachdem ich mich schuldig bekannt hatte, kam ich in den normalen Vollzug – das wusste ich zum damaligen Zeitpunkt aber gar nicht. Für mich war klar, dass ich sechs Jahre in Einzelhaft verbringen würde. Das war eine schreckliche Vorstellung.


„Sich der Öffentlichkeit zu stellen, ist hart, aber ein wichtiger Schritt.“
TIM LAMBESIS


Wie verlief die weitere Zeit im Gefängnis?
Nach einer Art Kennenlernphase von sechs Monaten, in denen die Sozialkompetenz eingeschätzt wird, kommt man – bei positiver Beurteilung – in einen Schlafsaal mit mehreren Insassen. Es erinnert an eine militärische Einrichtung. Die meisten Häftlinge bevorzugen die Zweierzellen, weil weniger Chaos herrscht. Mir gefiel diese Verlegung aber gut, weil ich dort wieder vermehrt mit anderen Menschen in Kontakt treten und ihre Lebensgeschichten konnte.

Wie gestaltete sich der Umgang zwischen dir und den anderen Häftlingen?
Ich habe mich nie bedroht gefühlt. Trotzdem ist es kritisch – ich sag mal so: Wenn du dir hundert Personen aussuchen könntest, mit denen du zusammenleben wolltest, würde deine Wahl wahrscheinlich auf andere Personen fallen. Aber in jedem von ihnen steckt ein Stück Menschlichkeit. Ich glaube, dass sie relativ schnell gemerkt haben, dass ich mich nicht für etwas Besonderes halte. Die Gefangenen in den USA werden meist auf Basis ihrer Besitztümer in Gruppen eingeteilt. So soll verhindert werden, dass sich Häftlinge untereinander abziehen. Die meisten wussten, dass ich alles, was ich je besessen hatte, im Zuge der Gerichtsverhandlung verloren hatte. Ein Typ wollte mich erpressen, und ich versuchte ihm klarzumachen, dass es bei mir nichts abzugreifen gäbe. Er akzeptierte das nicht, also sagte ich ihm, dass, wenn er von mir Geld wolle, er es sich holen müsse. Es kam aber nie zu einer Auseinandersetzung.

Spielte Musik eine Rolle während der Zeit in Haft?
Zu Beginn sind keine Musikinstrumente gestattet, daher habe ich viel geschrieben; weniger im Sinn von Texten, sondern im Stil eines Dialogs mit mir selbst. Im Prinzip als mein eigener Therapeut. Nach sechs Monaten erhielt ich die Erlaubnis, eine Akustikgitarre besitzen zu dürfen. Das war sehr heilsam. Ich spielte einige Metal- Riffs und komponierte auch, aber ohne jemals darüber nachzudenken, ob diese Lieder jemals veröffentlicht werden könnten. Im Prinzip erinnerte es mich wieder daran, warum ich einst mit dem Gitarrespielen begonnen hatte. Weil diese kreative Energie einfach rausmuss.

Was half dir noch, darüber zu reflektieren, was du getan hast?
Der härteste Teil ist...(Lambesis stockt, in den Augen stehen die Tränen) Es tut mir leid, ich denke heutzutage nicht mehr oft an diese Zeit zurück.

Willst du für ein paar Minuten unterbrechen?
Danke... Es ist okay.(Er holt tief Luft ) Der härteste Teil ist, dass man so weit von den Menschen entfernt ist, die einem wirklich wichtig sind. Das ist die eigentliche Ironie: In der Zeit vor meiner Verhaftung habe ich so hart darauf hingearbeitet, dass ich niemanden an mich ranlasse. Und dann ist es genau das, was mir im Gefängnis am meisten fehlte. Ich empfinde heute...(er stockt erneut) Ich empfinde heute so viel Dankbarkeit für meine Familie und Freunde wie niemals zuvor.

Wer hat dich während deiner Haftzeit besucht?
Zwei Besuche im Monat waren erlaubt, höchstens fünf Personen pro Besuchertag. Amanda Dubord, meine heutige Ehefrau, mit der ich seit September 2012 zusammen bin und die ich noch während meiner Haft 2015 geheiratet habe, war fast jedes Mal dabei. Das Wunderbare: Sie hat ganz bestimmt nicht auf dem Höhepunkt meines Lebens „ja“ zu mir gesagt – Geld oder Bekanntheit spielten keinerlei Rolle. Es durften nur fünf Leute bei der Trauung anwesend sein: meine Eltern, ihre Eltern und Amanda. Der Gefängnispfarrer traute uns im Besucherraum. Es war optisch nicht gerade ansehnlich, aber bedeutete uns eine Menge.

Wie unterscheidet sich diese Beziehung zu der vorherigen?
Ich würde mich nicht wohl damit fühlen, die Unterschiede aufzuführen, aus Respekt vor meiner Ex-Frau. Amanda hatte eine harte Zeit, nachdem ich festgenommen wurde. Sie fragte sich, wie sie damit umgehen solle. Sie kannte meine gute Seite, war aber natürlich auch schockiert. Es war fürchterlich für sie... Amanda wurde quasi mitverurteilt, weil sie der Person, die sie liebt, drei Jahre nicht nahe sein konnte. Sie musste für die Entscheidung, bei mir zu bleiben, einige Kritik von Freunden einstecken. Zum Glück hat mich ihre Familie unterstützt, das war ein wichtiger Teil, um die gute Seite in mir wiederzuentdecken. Kennengelernt habe ich Amanda bei den Aufnahmen zu AWAKENED (2012). Einige ihrer Freunde nahmen für uns ein paar Gangshouts auf, waren es aber nicht gewohnt, ständig zu brüllen. Sie verloren ihre Stimmen. Amanda, die eigentlich keinen Metal hört, brachte Tee für ihre Freunde vorbei. So fing alles an.

Möchtest du wieder Kinder haben? Vielleicht eigene?
Darüber reden Amanda und ich tatsächlich mitunter. Wir sind uns sicher, dass die Phase kommen wird, in der dies Sinn ergibt. Aber über den Zeitpunkt sind wir uns noch unsicher.

Was sollen deine Kinder mal in dir sehen?
Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was ich darauf antworten soll. Ich kann nur mein Bestes tun, um meine Schuld anzuerkennen. Wie die Leute damit umgehen, liegt nicht in meinen Händen. Wenn die Kinder groß genug sind, um zu begreifen, was 2013 passiert ist, werden sie bestimmt sehr gemischte Gefühle mir gegenüber haben...(es kommen Tränen) Ich hoffe, dass ich zu diesem Zeitpunkt bewiesen haben werde, dass diese Geschichte von einem ihnen fremden Menschen handelt und nicht von ihrem Vater.

Gab es Fan-Briefe?
Ich habe tatsächlich Post erhalten. Allerdings wusste ich nicht genau, wie ich damit umgehen sollte. Macht sich da jemand ernsthaft Gedanken, oder möchte er mich nur aushorchen? Manche Briefe klangen wie ein Interview. Vielleicht ging es manch einem nur darum, Informationen zu bekommen und öffentlich zu machen. Es war schwer für mich, einen Unterschied auszumachen, deswegen habe ich irgendwann aufgehört, zu antworten. Gefreut habe ich mich über die Zuschriften trotzdem.

Glaubst du, dass du mal wieder ein normales Leben führen kannst?
Ich empfinde mein Leben zu Hause eigentlich als einigermaßen normal. Die Menschen...(er stockt, holt tief Luft) Die Menschen, die mich umgeben, beurteilen nicht nur meine Vergangenheit. Sich der Öffentlichkeit zu stellen, ist...(er kann nicht weiterreden, die Tränen übermannen ihn) Sich der Öffentlichkeit zu stellen, ist hart, aber ein wichtiger Schritt. Ich kann und will mich nicht verstecken.

Du könntest allerdings in Zukunft auch ein Vorbild für andere sein, dass ein Wandel möglich ist. Wie gehst du heutzutage mit Wut und Frustration um?
Das ist eine interessante Frage – es ist komplett anders als früher. In dem halben Jahr vor meiner Verhaftung hielt ich es für normal, in einer relativ erfolgreichen Band zu spielen, die nach meiner Pfeife tanzt. Ein „Nein!“ war ich nicht gewohnt. Aus diesem Zustand entwickelte sich eine gefährliche Selbstwahrnehmung. Ich fühle heute nichts als Dankbarkeit, die Frustrationen erscheinen viel weniger gewichtig. Ich hätte beispielsweise nie gedacht, dass es mal wieder ein As I Lay Dying-Album geben könnte.

Hast du dich 2013 unbesiegbar gefühlt?
Nicht, weil wir mit der Band erfolgreich waren. Aber ich glaube, dass Steroide dazu beitragen, dass das Gefühl der Unantastbarkeit immer größer wird. Diese Selbsteinschätzung war 2013 definitiv auf einem gefährlichen Level.

Also ist Verletzlichkeit kein negativer Begriff mehr für dich.
Überhaupt nicht. In dem Drogenprogramm geht es vor allem darum, charakterliche Schwächen gezielt anzugehen und anzusprechen. Sie sind Teil unserer Natur. Es geht darum, bestmöglich mit ihnen umzugehen. Das kann eine Stärke werden. Ich unterstütze derzeit drei Ex-Häftlinge auf ihrem Weg, in Freiheit wieder Fuß zu fassen.

Bist du aktuell selbst noch in Therapie?
Nicht mehr so oft wie früher, weil die Abstände der Therapiestunden mit der Zeit abnehmen. Aber ich empfinde es als Bereicherung, dies noch in Anspruch nehmen zu können. Darüber sollte niemand beschämt sein.

Du sagst, dass du finanziell alles verloren hast. Spielte Geld eine Rolle bei der Entscheidung, As I Lay Dying wieder ins Leben zu rufen?
Nein. Uns war klar, dass wir auf Widerstände stoßen würden – nachvollziehbarerweise. Deswegen haben wir auf unserer Comeback-Tournee 2018 auch nur Clubs mit einer Größe zwischen 300 und 500 Besuchern gebucht. In der Bilanz hätte das dann so ausgesehen, dass wir mit einer schwarzen Null oder einem geringen Verlust rausgegangen wären. Für mich persönlich ging es vor allem darum, wieder gemeinsam Musik komponieren und spielen zu können. Das ist auch eine Art Therapie.

Die Resonanz fiel ganz anders aus. In München musstet ihr ins Zenith umziehen, das mit 5.000 Besuchern fast ausverkauft war.
Das war die größte Headlinershow unserer Karriere. Ich weiß nicht, ob ich das verdiene, aber wenn die Realität so aussieht, versuche ich das Beste daraus zu machen. Ich habe einen engen Freund, der immer noch einsitzt, mit dem ich regelmäßig telefoniere. Der flippt aus, wenn er sieht, was ich für Möglichkeiten habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

Hattest du Angst davor, wieder auf Tour zu gehen und die Fans persönlich zu treffen?
Nicht Angst im gängigen Sinne. Ich spüre eher Aufregung, weil ich es nicht wirklich gewohnt bin, von vielen Leuten umgeben zu sein. Manchmal ist es mir zu viel, aber das ist auch schnell wieder vorbei. Es hilft sehr, dass ich mit meinen Band-Kollegen heute besser auskomme als jemals zuvor. As I Lay Dying sind mittlerweile eine Art Komfortzone für mich. Es fühlt sich gut an.

Was war das Erste, das du gemacht hast, als du wieder in Freiheit warst?
Als ich den Fuß über die Schwelle setzte, war das fast surreal. Wie in einem Kinofilm, einem Traum. Ich konnte es kaum glauben... Meine Eltern, Amanda und ihre Eltern warteten mit zwei Freunden bei mir zu Hause. Es gab eine Art Willkommens-Party. In der ersten Woche habe ich mich erst mal quer durch meine Lieblings gerichte gefuttert. Das Essen im kalifornischen Strafvollzug ist streng rationiert. Aus finanzieller Sicht ist das nachvollziehbar, aber auch mitunter ganz schön hart. Während der Bewährung gibt es seitens der Behörden immer wieder Überraschungsbesuche. Da wird geprüft, ob sich keine Drogen, kein Alkohol, keine Waffen im Haus befinden. Wenn ich noch einmal mit illegalen Mitteln erwischt werde, erwartet mich aufgrund meiner Vorgeschichte die dreifache Strafe.

Es muss enge Freunde geben, die sich komplett von dir abgewandt haben.
Natürlich. Seltsam sind Leute, die noch mit mir befreundet, aber nicht mit mir gesehen werden wollen. Das ist schwierig für mich – ich verstehe es aber auch. Wer mit mir in Verbindung gebracht wird, muss einiges in Kauf nehmen. Wer mir eine zweite Chance gibt, muss Geduld haben, denn ich muss nicht nur über drei Monate, sondern drei Jahre, 13 Jahre, 30 Jahre beweisen, dass dieser persönliche Wandel echt ist. Ich bin kein Fake.


„Ich kann und will mich nicht verstecken.“
TIM LAMBESIS


Wie wichtig ist eure Zusammenarbeit mit „Heart Support“ in diesem Zusammenhang – einer Organisation, die sich unter anderem Opfern von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch widmet?
Das passt inhaltlich perfekt. „Heart Support“ kümmert sich auch um Abhängige oder mental labile Menschen. Ich kenne den Gründer dieser Organisation persönlich(Jake Luhrs, Frontmann von August Burns Red – Anm.d.A.) , daher bin ich mir hundertprozentig sicher, dass das Geld auch bei den richtigen Leuten ankommt. Es ist schön, As I Lay Dying als Plattform für „Heart Support“ nutzen zu können.

Betreibst du noch Bodybuilding?
In den ersten Monaten der Haft fiel ich in eine Depression. Ich hörte mit dem Bodybuilding auf, und das verschlimmerte meinen Zustand nur noch. Gefangene, die lebenslänglich verurteilt sind, ermunterten mich, wieder Gewichte zu stemmen, um einen gewissen Ausgleich für die mentalen Kämpfe, die in mir tobten, zu erhalten. Es geht hier nicht um Muskeln, sondern ein Bewusstsein. Früher habe ich Bodybuilding betrieben, um irgendeine körperliche Veränderung zu erreichen. Heute betreibe ich Sport, um mich besser zu fühlen. Es macht mir zum ersten Mal wirklich Spaß.

Bedeutet dir der Begriff „Wahrheit“ heute mehr als früher?
Wahrheit besitzt einen hohen Stellenwert, auch Verletzlichkeit. Genau die konnte ich den wichtigsten Personen auf meinem dunklen Pfad nicht mehr zeigen... (die Tränen kommen wieder) Und wie man sieht, ist es heute anders.

Wie ist es, mit der Schuld leben zu müssen?
Ich kann leider nichts mehr ändern. Ich kann mich nur der Schuld stellen. Es fühlt sich an wie eine Narbe, die niemals verschwinden wird.

Die Justiz hat ihr Urteil gesprochen. Hast du dir selbst vergeben?
(längere Pause, unter Tränen) So weit es geht – aber nicht völlig.(Wir unterbrechen das Interview, damit sich Lambesis sammeln kann)

Kannst du verstehen, dass die Menschen dir misstrauen?
Selbstverständlich. Wenn ich nur das über mich wissen würde, was in den Zeitungen steht, würde ich dieselbe Reaktion zeigen. Ich kann das nachvollziehen.

Ist es seltsam für dich, dass durch diese Tat das Interesse an dir möglicherweise gestiegen ist?
Darüber denke ich ehrlich gesagt nicht nach, weil ich das Denken der Leute nicht beeinflussen kann. Ich freue mich einfach nur, dass ich mit As I Lay Dying wieder Musik machen darf.

Was sollte rückblickend über Tim Lambesis in Erinnerung bleiben?
Ich habe noch nicht genügend geleistet, um das, was in der Vergangenheit geschehen ist, irgendwie auch nur ansatzweise vergessen zu machen. Ich muss in den kommenden Jahren unter Beweis stellen, dass ich mich zum Positiven verändert habe.

Gibt es Ideen, deine Geschichte zu verfilmen oder ein Buch zu schreiben?
In zehn Jahren vielleicht, wenn es hoffentlich ein positives Ende gibt...? Im Moment würde man nur Potenzial in meiner Person erkennen, aber der Hauptteil der Story wäre schlichtweg traurig. Das wird erst passieren, wenn ich eine Lebensgeschichte erzählen kann, auf die ich stolz bin.


„Es fühlt sich wie eine Narbe an, die niemals verschwinden wird.“
TIM LAMBESIS



FOTOS: NIKLAS NIESSNER / DAS KRAFTBILD