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ASP-SZENARIO: SO SIEHT DER ERNSTFALL AUS


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 30/2020 vom 14.02.2020

Die Afrikanische Schweinepest hält uns seit Jahren in Atem. Doch was passiert eigentlich genau, wenn sie wirklich da ist? Ihr JÄGER zeigt Ihnen, welche jagdlichen Maßnahmen auf uns zukämen.


Artikelbild für den Artikel "ASP-SZENARIO: SO SIEHT DER ERNSTFALL AUS" aus der Ausgabe 30/2020 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 30/2020

Verendetes Stück Schwarzwild: Sollte dies im Bundesgebiet gefunden werden und ASP-positiv sein, dann wird eine Maschinerie an Maßnahmen in die Wege geleitet.


Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Deutschland scheint kaum noch zu verhindern zu sein. Zwischen Weihnachten 2019 und Neujahr 2020 rückte die Seuche bis auf mickrige 20 Kilometer an die deutsche Grenze heran. Eine Distanz, die selbst für ein ...

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... infiziertes Stück von der Ansteckung bis zum Ausbruch mit erheblichen Krankheitssymptomen als überwindbar gilt. Trotzdem bleibt es nicht absehbar, wann und vor allem wo die Pest in Deutschland ausbrechen wird - denn der Mensch bleibt Hauptverantwortlicher für die Ausbreitung und Erschließung neuer Seuchengebiete. Beste Beispiele hierfür waren Zlín in Tschechien, Ètalle in Belgien und nun Zary in Westpolen. Jedes Mal legte die Seuche sprunghaft mehrere hundert Kilometer zurück. Seit Jahren gilt die Devise, dass nur ein reduzierter Schwarzwildbestand ein geringes Maß an Prophylaxe bietet. Gerüchte ranken sich jedoch um die Maßnahmen, die im Seuchenfall tatsächlich durchgeführt werden sollen. Man munkelt etwas von Zäunen, Betretungsund Jagdverboten und fürchtet Ernteausfälle und einbrechende Erträge.


„BEI ALLEN BESTREBUNGEN DIENT ZLÍN ALS MUSTERBEISPIEL.“


PARADEBEISPIEL

Bei allen Bestrebungen dient Zlín als Musterbeispiel. Innerhalb eines knappen Dreivierteljahres gelang es der tschechischen Gemeinde, sich wieder von der Seuche, die ausschließlich den Schwarzwildbestand betraf, zu befreien. Das Land gilt nach dem ASP-Ausbruch im Juni 2017 seit April 2018 wieder als pestfrei. Erreicht werden konnte dieses Meisterstück mit der Errichtung dreier Gefahrenzonen mit unterschiedlichen Restriktionen und Maßnahmenpaketen und mit einem erheblichen Aufwand an Manpower. Die striktesten Maßnahmen betrafen dabei die Kernzone - ein etwa 4.000 Hektar großes Areal angrenzend und ausgehend von der ursprünglichen Fundstelle der ersten Kadaver nahe des städtischen Krankenhauses. Umgeben wurde diese von einem gefährdeten Bezirk von rund 500.000 Hektar und einer anschließenden Pufferzone von 1,5 Millionen Hektar.

MIT ALLEN MITTELN

Die drastischsten Maßnahmen erfolgten natürlich in der Kernzone, wo mit Vergrämungs- und Elektrozäunen das vorhandene Schwarzwild am Verlassen des Gebiets gehindert werden sollte. Es wurde zudem ein vierwöchiges Betretungs- und Bewirtschaftungsverbot verhängt. Dies schloss aufgrund der Jahreszeit natürlich ein Ernteverbot ein. So sollten ebenfalls die Sauen gebunden werden. Zur Kadaversuche durften nur speziell geschulte regionale Jäger das Gebiet betreten - je gefundener Pestsau wurde eine Prämie ausgezahlt. Zunächst galt ein Jagd- und Kirrverbot. Dies wurde jedoch schnell wieder ausgehoben, um mittels des Einsatzes aller verfügbaren Mittel, wie Nachtsichttechnik und Saufängen, die Kernzone schnellstmöglichst schwarzwildfrei zu bekommen. Dabei stiegen die Prämien bis auf respektable 450 Euro pro erlegter Sau in der Kernzone. Erst mit Erlegung der letzten Sau in der Kernzone gilt das Kerngebiet als pestfrei. Etwa ein Drittel der rund 600 Stücke wurden in Saufängen erlegt - gut 200 Sauen wurden in dieser Zone ASP-positiv getestet.

VORBILDFUNKTION

Die ersten Erfolge in Tschechien nahmen das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) als Referenzlabor sowie der Deutsche Jagdverband (DJV) zum Anlass, verschiedene Szenarien im Fall eines Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest nahe der polnischen Grenze, aber diesmal auf deutscher Seite, aufzuzeichnen. Dabei macht es einen Unterschied, ob es sich um den Fund eines frischen oder schon älteren positiven Kadavers handelt und ob dies im Sommer oder Winter geschieht.

Im Pestfall soll durch die Ernte in den Kerngebieten der Lebensraum des hier steckenden Schwarzwildes sukzessive verkleinert und durch die Jagd dabei zugleich der Bestand reduziert werden.


FOTO: JENS KRÜGER

Sauenkadaver müssen im Pestfall gezielt gesucht und beseitigt werden, um die Viruslast zu senken.


FOTO: TSCHECHISCHER JAGDVERBAND

DAS GESAMTE SZENARIO

Heruntergeladen werden kann das Szenario der beiden Institutionen unter: https:// www.fli.de/de/aktuelles/tierseuchengeschehen/ afrikanische-schweinepest/

EIN BEISPIELSSZENARIO

Als Beispiel dient ein Revier mit einer durchschnittlichen jährlichen Schwarzwildstrecke von etwa zehn Stück und einer landwirtschaftlichen Nutzung, die vorwiegend als Ackerbau auf Schlägen von 150 bis 400 Hektar betrieben wird. Zum Zeitpunkt im Juni sind Weizen, Raps und Mais noch nicht abgeerntet. Die Revierstruktur beinhaltet mit Schilf umgebene Sölle, aber wenig Infrastruktur. Ausgangsszenario ist, dass ein frischer Schwarzwildkadaver gefunden wurde, der positiv auf ASP getestet wurde. Auszugehen ist von drei Zonen um den Fundort des Schwarzwildkadavers. Die erste Zone ist das „Kerngebiet“ (auf der Karte rot umkreist), etwa 20 Quadratkilometer (2.000 Hektar) groß. Die zweite Zone, der „gefährdete Bezirk“ (auf der Karte gelb umkreist), ist ungefähr 1.000 Quadratkilometer (100.000 Hektar) groß. Die dritte Zone, die „Pufferzone“, ist etwa 12.000 Quadratkilometer (1,2 Millionen Hektar) groß. Die Zonen werden exemplarisch als Kreisfläche um den Fundort dargestellt. Dass dies nicht immer die optimale Verfahrensweise ist und auf die landschaftlichen Strukturen Rücksicht zu nehmen ist, wird sich im Laufe der verschiedenen Simulationen zeigen.

DAS KERNGEBIET

Schnellstmöglich wird ein Kerngebiet um den Kadaver eingegrenzt. Dabei werden in diesem simulierten Fall die Gegebenheiten vor Ort genutzt. Die durch die Kernzone führende Bundesautobahn ist in diesem betroffenen Teilstück komplett gezäunt. So ist die Ausbreitungstendenz nach Osten eher gering. Die vorhandene Zäunung an der Autobahn wird nach einer Zaunkontrolle genutzt. Um aber auch eine Ausbreitungstendenz und Verschleppung des Virus nach Westen zu verhindern, wird entlang der Grenze des Kerngebiets auf der westlichen Seite der Autobahn ein 100 Meter breiter Streifen unabhängig davon, ob es sich um Kulturfrüchte oder Weide handelt, abgemäht. Zudem werden Hochsitze aufgestellt, die so häufig wie möglich zur Bejagung des Streifens genutzt werden. Zusätzlich wird in der Mitte des Streifens ein Wildzaun aus Knotengeflecht mit Strom führenden Litzen errichtet. Dieser wäre im beschriebenen Fall ungefähr 7,5 Kilometer lang und würde zusätzlich das Schwarzwild am Wechseln hindern. Die reinen Materialkosten würden sich auf etwa 22.000 Euro belaufen. Zur Errichtung sind neben den örtlichen Jägern auch gegebenenfalls die Bundeswehr oder das Technische Hilfswerk einzusetzen. Innerhalb des Kerngebiets wird zu Anfang eine komplette Jagdruhe herrschen, zusätzlich zu einem Ernte- und Betretungsverbot. Nur speziell geschulte Jäger werden zur Kadaversuche in die Sperrzone gelassen. Für alle anderen gilt ein Betretungsverbot.

BIS ZUR LETZTEN SAU

Mit Einsetzen der Ernte wird dann die Jagdruhe ausgesetzt und das Kerngebiet gezielt von zuvor gesondert geschulten Jägern bejagt werden. Der Einstand des Schwarzwildes in der Vegetation (Raps, Weizen und Mais) wird nun sukzessive verkleinert. Allerdings wird der Zeitpunkt der Ernte und die Reihenfolge, in welcher die Flächen abgeerntet werden, genau mit den zuständigen Behörden und Jägern vor Ort abgestimmt werden. Im Kerngebiet des Beispielreviers wird sich das Schwarzwild dann vorrangig an die mit Schilf umgebenen Sölle zurückziehen. Die Sölle werden erst im Anschluss an die Ernte bejagt. Im Fall des Auftretens im Winter ist durch Fütterungen eine örtliche Bindung der Sauen sicherzustellen. Während der Ernte ASP-SZENARIO ist eine weitere ständige gezielte Kadaversuche zu empfehlen, allerdings immer unter der Berücksichtigung, Sauen in den bekannten Einständen nicht unnötig zu beunruhigen. Prämien bis zu 500 Euro pro erlegter Sau, ebenso wie für gefundene Kadaver, sind denkbar. Landwirte werden für Ernteausfälle entschädigt und für den Einsatz zur Erntejagd entlohnt. Maßnahmen werden fortgesetzt, bis alles Schwarzwild erlegt ist und alle Kadaver gefunden sind.

Nach tschechischem Vorbild wird auch in Deutschland - soweit möglich - um den Hochrisikobereich des Kerngebiets ein elektrischer Zaun gezogen.


FOTO: DR. NINA KRÜGER

GEFÄHRDETER BEZIRK

Das vorrangige Ziel der Jagd im gefährdeten Bezirk ist, dass kein weiteres Schwarzwild in das Kerngebiet wechselt. Dafür sind alle jagdlichen Maßnahmen der Einzel- und Gemeinschaftsjagd zu ergreifen, ohne das Schwarzwild allzu sehr zu beunruhigen. Feldflächen werden durch Bejagungsschneisen erschlossen und die jagdliche Infrastruktur ausgebaut. Erst mit dem Abernten der Flächen werden auch Bewegungsjagden durchgeführt. Bejagungshilfen wie Schalldämpfer, Nachtzielgeräte und Taschenlampen werden zur Jagd zugelassen. Es wird punktuell, ebenso wie im Kerngebiet, mit Frischlings- und Saufängen gearbeitet. Diese Fänge werden sich allerdings nur auf das Kerngebiet und die unmittelbar angrenzenden Teile des gefährdeten Bezirks erstrecken. Auch im gefährdeten Bezirk erfolgt eine intensive und gezielte Kadaversuche.

IN DER PUFFERZONE

In der Pufferzone werden alle Restriktionen wie Jagdverbote in Schutzgebieten aufgehoben. Es werden flächendeckende Bejagungsmöglichkeiten geschaffen, etwa in Form von Bejagungsschneisen. Es muss zu gegebenem Zeitpunkt auch über die Aufhebung der Jagdverbote etwa in Biosphärenreservaten nachgedacht werden.

ÄLTERE KADAVER

Ausgehend von der Annahme, dass der gefundene Kadaver eines Stück Schwarzwilds nicht frisch ist, sondern älter als zwei, drei Wochen, müssen komplett andere Maßnahmen ergriffen werden. Der Bau eines Zauns ist in diesem Fall wahrscheinlich nicht zielführend. Ausgehend von dieser Annahme sollte das Kerngebiet nun auch entsprechend erweitert werden. Nun ist es wichtig, das Schwarzwild in dem gesamten Gebiet, das betroffen ist, nicht zu beunruhigen. Nach Absprache sollten trotzdem einige Flächen abgeerntet, andere wiederum als Fraß stehengelassen werden.

BEISPIELREVIER

Anhand eines Beispielreviers wurde vom DJV und FLI einmal das Szenario eines ASP-Ausbruchs durchgespielt. In diesem Fall mit dem Vorteil, dass an der Autobahn nahe des Fundorts bereits ein Wildzaun verläuft, der genutzt werden kann. Der notwendige Zaun ist rot eingezeichnet.

KERNZONE

• Schneise freischneiden und Strom führenden Wildzaun errichten.
• Vor der Fertigstellung des Zauns im gefährdeten Bezirk und im Kerngebiet absolute Jagdruhe.
• Zusätzliches Aufstellen von Hochsitzen.
• Nach Fertigstellung des Zauns die Jagd im gefährdeten Bezirk intensivieren, Saufänge zur Hilfe nehmen.
• Nach Möglichkeit Erntejagd im Kerngebiet nutzen.
• Gezielte Kadaversuche.
• Nach kompletter Ernte gezielte Bejagung der möglichen Einstände.
• Kontrollen der Zuwege.
• Test aller Stücke auf ASP.
• Verbringungsverbot von Schwarzwild und seiner Teile.
• Vernichtung auch negativ-getesteter Stücke.

KARTEN: NACH DJV/FLI


FOTO: SVEN-ERIK ARNDT