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ASTROFOTOGRAFIE: 360-Grad-Astrofotografie mit der Ricoh Theta S


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 09.11.2018

Die Vollsphärenkameras von Ricoh bieten einen innovativen Weg, ein vollständiges Kugelpanorama einer nächtlichen Szene aufzunehmen. Die dazu nötigen Schritte sind einfach, die astronomischen Anwendungen vielfältig. Wir stellen die Kamera Ricoh Theta und die Aufnahmetechniken im Detail vor, mit praktischen Beispielen für den Einsatz unter dem Nachthimmel.


Blicken wir nachts zu den Sternen auf, dann nehmen wir den Himmel als Sphäre wahr, in deren Mitte wir uns befinden. Unsere Augen erfassen dabei stets nur einen begrenzten Ausschnitt – aber diese Grenze lässt sich überwinden: Die 360-Grad-Astrofotografie ...

Artikelbild für den Artikel "ASTROFOTOGRAFIE: 360-Grad-Astrofotografie mit der Ricoh Theta S" aus der Ausgabe 12/2018 von Sterne und Weltraum. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 12/2018

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... vermag die gesamte Sphäre auf einem einzigen Bild als Kugelpanorama wiederzugeben. Damit eröffnet sich die faszinierende Möglichkeit, Menschen die Schönheit des Sternenhimmels nahezubringen. Besonders die interaktive Aufbereitung von Weitwinkelaufnahmen begeistert die Betrachter

Die Sommermilchstraße über den Bergen von La Palma wurde mit einer Ricoh Theta S aufgenommen. Die Kamera ist dank ihres nur 13 Zentimeter langen Gehäuses und ihres geringen Gewichts in hohem Maß transportabel und ein vielseitiger Begleiter für jede Astroexkursion. Mehrere Dutzend nachgeführte Einzelaufnahmen wurden hier zu einem rauscharmen Summenbild kombiniert. In Horizontnähe leuchten grünlicher Airglow und die Lichter der Ortschaft Los Llanos. Das Bild ist ein Ausschnitt eines Vollsphärenpanoramas.


Project Nightflight

Ricoh

In den ersten Jahren war das Verfahren noch recht wenig ausgereift, und die Ergebnisse waren von niedriger Auflösung. Dies änderte sich im Jahr 2016 schlagartig, denn mit dem Modell Theta S brachte Ricoh die erste astrotaugliche Version auf den Markt. Tests unter dem Nachthimmel zeigten sofort, dass sich die Theta S für viele Astroanwendungen eignet. Die verbesserte Kamera kombinierte leistungsfähige Optiken mit einer brauchbaren Bildauflösung und günstigem Rauschverhalten. Auch der Workflow für Arbeiten mit der Kamera wurde vom Hersteller sehr gut unterstützt: von der App zur Kamerasteuerung für Mobilgeräte über einen Player für Desktop-Computer bis hin zum Webportal für die Online-Veröffentlichung der 360-Grad-Bilder.

Die Theta S sollte nicht mit dem Modell Theta SC verwechselt werden: Die Theta SC erlaubt keine manuelle Einstellung der Belichtungswerte und ist daher für den Einsatz in der Astrofotografie nicht geeignet. Seit Herbst 2017 ist das Nachfolgemodell Theta V auf dem Markt, das uns die Firma Ricoh für den vorliegenden Beitrag leihweise zur Verfügung stellte. Dieses neue Modell verfügt nach Angaben des Herstellers über einen neuen Bildprozessor und neue Kamerasoftware. Leider konnte es einem direkten Vergleich mit der Theta S nicht standhalten. Langzeitbelichtungen scheinen hier generell kameraintern entrauscht zu werden, was bei Nachtaufnahmen schwächere Sterne eliminiert. Das Zusammenfügen der mit der Theta V aufgenommenen Teilbilder erfolgt nicht mehr so sauber wie beim Modell S, die Übergangszone zeichnet sich auf Aufnahmen des Nachthimmels deutlich ab. Auch die Fertigungsqualität und optische Leistung des Testgeräts konnten nicht überzeugen; auf den Aufnahmen zeigten alle Sterne starke Aberrationen.

Interaktive Version des Gesamtpanoramas:
suw.link/1812-ricoh01

Wie bei jeder Digitalkamera hängt das Rauschverhalten der Theta S von der Empfindlichkeitseinstellung (ISO-Zahl) ab. Bis ISO 400 ist das Rauschen auch für Einzelaufnahmen tolerierbar. Für nachgeführte Bildserien, die später mit Bildbearbeitungsprogrammen gemittelt werden, lässt sich auch ISO 800 noch einsetzen.


Project Nightflight

Insgesamt war unser Eindruck so ungünstig, dass wir empfehlen, weiterhin auf das Modell S zurückzugreifen. Mit dieser bewährten Kamera konnten wir bereits seit März 2016 über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg viele Erfahrungen gewinnen. Wir stellen hier die Eigenschaften der Theta S anhand der Arbeitsschritte von der Aufnahme bis zum fertigen Panorama vor und gehen anschließend auf die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten der Kamera in der Astronomie ein.

Die Theta S im Astroeinsatz

Die Kamera selbst ist nur 13 Zentimeter lang und mit 125 Gramm sehr leicht (siehe Bild S. 77). Am Gehäuseboden befindet sich ein Stativgewinde, mit dem sich das Gerät für Langzeitbelichtungen fest aufstellen lässt. Die Kamera ist mit zwei Fisheye-Objektiven mit dem Öffnungsverhältnisf /2 ausgestattet, die etwas vom Gehäuse abstehen und naturgemäß empfindlich sind. Das Arbeiten im Dunkeln erfordert daher einige Sorgfalt, um die Objektive nicht zu berühren und Verschmutzungen der Linsen zu vermeiden.

Obwohl die Kamera auch Standalone betrieben werden kann, sollte sie für astronomische Anwendungen über die Theta-App gesteuert werden, die für alle gängigen Mobilgeräte verfügbar ist. Das Smartphone oder Tablet wird mit der Kamera über WiFi verbunden. In der Theta-App werden dann die manuellen Belichtungseinstellungen gewählt, was für Aufnahmen des Nachthimmels unerlässlich ist. Dieser manuelle Modus ermöglicht die Auswahl von Weißabgleich, Empfindlichkeit und Belichtungszeit. In der Praxis hat sich herausgestellt, dass für Einzelaufnahmen des Nachthimmels eine Empfindlichkeit von ISO 400 nicht überschritten werden sollte; ab ISO 800 ertrinken zu viele Details im Bildrauschen (siehe Bilder oben).

Diese Einschränkung spielt in der Praxis aber keine große Rolle, sie wird von den lichtstarkenf /2-Objektiven wettgemacht. Die maximale Belichtungszeit von 60 S ekunden k ann v oll a usgeschöpft werden, sofern man sehr kurze Sternstrichspuren in Kauf nimmt. Bis 30 Sekunden Belichtungszeit zeigen sich selbst am Himmelsäquator noch keine Strichspuren. Die zusätzlichen Funktionen »Selbstauslöser« und »Serienbelichtung « bewähren sich bei verschiedenen Sonderanwendungen. Der Aufnahmeprozess ist durch die ausgereifte App sehr einfach und komfortabel. Aufnahmen lassen sich nach der Belichtung via WiFi sofort auf das Mobilgerät laden und im 360-Grad-Player der App interaktiv betrachten

Die JPG-Bilder, wie sie von der Kamera heruntergeladen werden, sind bereits fertig zusammengesetzte Kugelpanoramen, abgebildet als abstandstreue Zylinderprojektionen (siehe Grafik unten). Diese Bilder, auch Rektangularbilder genannt, weisen projektionsbedingte Verzerrungen auf und sind in dieser Form nicht besonders ansehnlich. Erst die Darstellung in einem speziellen Player erweckt die 360-Grad-Aufnahmen zum Leben.

Diese Darstellung ist auf mehrere Arten möglich: In der Theta-App für Mobilgeräte können die Panoramen sofort interaktiv betrachtet werden. Aus der App ist auch ein Upload auf die Theta-Websitehttps://theta360.com möglich, auf der Kugelpanoramen öffentlich zugänglich gemacht werden können. Alle im vorliegenden Beitrag wiedergegebenen QRCodes zeigen auf solche öffentlich geteilten Panoramen. Werden die Bilder von der Kamera auf einen Desktop-Computer geladen, können sie dort in einem eigenen Player abgespielt werden, der ebenfalls von Ricoh zur Verfügung gestellt wird. Darüber hinaus stellen viele weitere Anbieter passende Player bereit; selbst Facebook ermöglicht bereits die interaktive Darstellung von 360-Grad-Bildern.

Den mit der Ricoh Theta S erhaltenen Rektangularbildern liegt eine abstandstreue Zylinderprojektion zu Grunde, die hier am Beispiel einer Weltkarte dargestellt ist: Die Längen- und Breitenkreise der Erdkugel werden linear auf Zylinderkoordinaten übertragen, also Länge =x und Breite =y . In gleicher Weise lassen sich auch die mit der Theta S erhaltenen Himmelspanoramen rechteckig darstellen. Sie erfassen in horizontaler Richtung 360 Grad, in vertikaler Richtung 180 Grad.


Die 360-Grad-Bilder der Theta-Kameras müssen jedoch nicht zwingend in einem Player dargestellt werden. Sie können in einem Zwischenschritt vorher auch allen denkbaren Bildbearbeitungsschritten unterworfen werden. Wie umfangreiche Tests ergeben haben, ist mit nachgeführten Aufnahmeserien des Nachthimmels selbst das Mitteln von mehreren Einzelbildern (englisch: Stacking) zwecks Verminderung des Rauschens möglich. Das Einzelbild einer Theta-Kamera ist 5376 3 2688 Pixel groß. Es erfasst horizontal 360 Grad und vertikal 180 Grad.

Ähnlich einer Weltkarte nimmt die Verzerrung dieser Rektangularbilder nach oben und unten stark zu (siehe Grafik links unten). Die Linien der oberen und der unteren Bildkanten weisen eine maximale Verzerrung auf; sie stellen den Zenit beziehungsweise Nadir des Aufnahmestandorts als Linie dar. Der große Vorteil der abstandstreuen Zylinderprojektion liegt aber darin, dass sich in der Bildbearbeitung sehr einfach ein lineares Gitter von Horizontalkoordinaten einfügen lässt. Dieses ist bei einigen der im Folgenden beschriebenen Spezialanwendungen von großem Nutzen. Die auf diese Weise ergänzten oder bearbeiteten Rektangularbilder können wieder an einen 360-Grad-Player übergeben und dort interaktiv präsentiert werden.

Was die Bildqualität betrifft, so darf man natürlich kein so gutes Ergebnis wie bei einer digitalen Spiegelreflexkamera (DSLR) erwarten: Weder können die kleinen Sensoren mit ihren winzigen Bildpunkten in punkto Rauschen mithalten, noch sind die eingebauten Fisheye-Objektive einem modernen DSLR-Objektiv ebenbürtig. Dennoch kann sich das Ergebnis der sehr kompakten Theta-Kameras sehen lassen. Das kamerainterne Zusammenfügen der beiden Fisheye-Bilder funktioniert beim Modell S sehr gut. Die Bilder zeigen bei ausgewogener Belichtung an Sternen, der Milchstraße und anderen lichtschwachen Objekten recht genau das, was auch das unbewaffnete Auge am Himmel erkennen kann.

Das Rauschen bleibt bis zu Empfindlichkeiten von ISO 400 erträglich. Um sehr helle Sterne herum treten blaue Halos auf. Zudem fallen die Zonen, an denen die beiden Fischaugenbilder überblendet werden (Stitching-Zonen), leicht unscharf aus. Zusammenfassend kann man sagen: Die Ergebnisse sind nicht perfekt, aber beim Modell S überraschend gut.

Astronomische Stimmungsbilder

Die eingangs beschriebenen Eigenschaften der Kamera Theta S prädestinieren dieses Gerät für astronomische Stimmungsbilder. Die geringe Größe, das niedrige Gewicht und die einfache Bedienung über eine Smartphone-App machen die Kamera zum idealen Begleiter jeder astronomischen Exkursion. Auch ohne vorherige Erfahrungen in der Astrofotografie wird es jedem Sternfreund gelingen, damit sehr schöne 360-Grad-Panoramen von nächtlichen Szenen anzufertigen. Benötigt werden dafür nur ein kleines Stativ sowie ein Smartphone oder Tablet für die manuelle Steuerung der Kamera.

Schnappschuss einer Beobachtergruppe am Sternenweg Großmugl. Das Panorama wurde mit einer Theta S bei ISO 200 für 60 Sekunden belichtet. Die Kamera eignet sich hervorragend zur unkomplizierten Dokumentation von Beobachtungstreffen. Der Bildausschnitt ist ein Screenshot des Panoramas im Theta Windows Player.


Project Nightflight

Interaktive Version des Gesamtbildes:
suw.link/1812-ricoh02

Die möglichen Motive sind vielfältig: Landschaften im Mondlicht, atmosphärische Phänomene wie Dämmerungsfarben, Haloerscheinungen, Erdschatten, Leuchtende Nachtwolken oder Polarlichter. Auch Schnappschüsse von Beobachtungsabenden oder Teleskoptreffen lassen sich damit sehr gut anfertigen (siehe Bild oben).

Für Stimmungsbilder dieser Art genügen einfache Einzelbelichtungen, denn die lichtstarkenf /2-Objektive kommen mit fast jeder Dämmerungs- und Nachtsituation zurecht. Je nach Lichtverhältnissen sind ISO-Zahlen von 100 bis 400 sowie Belichtungszeiten von einigen bis zu 60 Sekunden angemessen. Die passende Belichtung lässt sich vor Ort durch Testaufnahmen ermitteln, die der Fotograf sofort nach der Aufnahme am Mobilgerät betrachten und beurteilen kann.

Mehrfachbelichtungen

Astrofotografen werden sich darüber freuen, dass sie mit der Theta S auch verschiedene klassische Verfahren anwenden können. Eine Möglichkeit besteht zum Beispiel darin, Details von mehreren Aufnahmen in einem Gesamtergebnis zu kombinieren. Ein Beispiel dafür ist das Panorama einer ISS-Passage (siehe Bild unten). Rund um den Zeitpunkt des ISS-Durchgangs wurde mit Hilfe der Theta-App eine automatische Aufnahmeserie durchgeführt. Eine der Aufnahmen wurde in der Bildbearbeitung als Hintergrund von Landschaft und Sternen zu Grunde gelegt, den vollständigen Bogen der ISS-Passage haben wir aus sechs weiteren Aufnahmen mit Mitteln der digitalen Bildbearbeitung eingefügt.

Ein anderes Beispiel bietet ein Panoramabild der Milchstraße (siehe Bild S. 76). Um dafür die hohe Empfindlichkeit von ISO 800 nutzen zu können, erstellten wir mit einer Reisemontierung vom Typ AstroTrac eine Serie von 25 nachgeführten Aufnahmen des Nachthimmels, ergänzt von 25 Aufnahmen mit stehender Kamera für den terrestrischen Teil des Panoramas. Beide Serien wurden mit der Freeware DeepSkyStacker gemittelt und schließlich entlang des Horizonts überblendet. So entstand das weitgehend rauschfreie Endergebnis: Es stellt wohl die obere Grenze dessen dar, was zur Zeit mit einer einfachen Vollsphärenkamera wie der Theta S am Nachthimmel erreichbar ist.

Dieser Ausschnitt eines Kugelpanoramas dokumentiert den Pfad der ISS-Passage am 26. Mai 2017 über Niederösterreich. Landschaft und Sternenhintergrund stammen von einer einzelnen Aufnahme mit der Theta S bei ISO 400, der vollständige Bogen der ISS-Bahn wurde aus insgesamt sieben Aufnahmen zu je 60 Sekunden eingefügt. Hier ist ein Screenshot des Panoramas in der Theta-iPad-App dargestellt.


Project Nightflight

Interaktive Version des gesamten Panoramas:
suw.link/1812-ricoh03

Vermessung von Horizontlinien

Engagierte Beobachter und Astrofotografen, die in ihrer Planung nichts dem Zufall überlassen möchten, werden eine weitere Anwendung der Theta S zu schätzen wissen: Die Kamera lässt sich hervorragend für das Vermessen von Horizontlinien einsetzen. Eine einzige Aufnahme genügt, um ein vollständiges Horizontprofil des Beobachtungsstandorts zu gewinnen. Während solche Ergebnisse bislang nur mit einem zeitraubenden Verfahren der Panoramafotografie möglich waren, liefert die Vollsphärenkamera innerhalb weniger Minuten ein verlässliches Resultat.

Das Bild kann tagsüber oder auch nachts aufgenommen werden, die Kamera muss dabei mit einer Kreuzwasserwaage lotrecht auf einem Stativ ausgerichtet werden (siehe Bild unten links). Die in manche Stativköpfe integrierten Libellen genügen dafür meist nicht, sie bieten eine zu geringe Genauigkeit. In der späteren Bildbearbeitung werden in das Rektangularbild die Linien des Horizontalkoordinatensystems eingeblendet. Die genaue Einnordung des Koordinatensystems geschieht mit Hilfe terrestrischer Landmarken oder des Polarsterns. Auf diese Weise haben wir unter anderem einen öffentlichen Beobachtungsplatz auf La Palma vermessen (siehe Bild unten).

Insgesamt konnten wir mit diesem Verfahren bereits Dutzende von Standorten dokumentieren, der Gesamtaufwand beträgt etwa 15 Minuten pro Beobachtungsplatz. Die Sammlung von genau bekannten Horizontlinien bewährt sich sehr und ist aus unserer Beobachtungsplanung nicht mehr wegzudenken. Eine detaillierte Anleitung zu diesem Verfahren steht auf der Website unseres Projekts im Abschnitt »Tests« zum Herunterladen bereit.

Die Theta S ermöglicht auf einfache Weise Horizontvermessungen. Auf einer Schnellwechselplatte ist neben der Kamera eine Kreuzwasserwaage fixiert, mit der die Kamera ins Lot gebracht wird. Die so erzielbare Genauigkeit liegt bei etwa ± 0,5 Grad. Der Kompass ermöglicht ein grobes Ausrichten nach Norden.


Project Nightflight

Die Theta S ermöglicht auf einfache Weise Horizontvermessungen. Auf einer Schnellwechselplatte ist neben der Kamera eine Kreuzwasserwaage fixiert, mit der die Kamera ins Lot gebracht wird. Die so erzielbare Genauigkeit liegt bei etwa ± 0,5 Grad. Der Kompass ermöglicht ein grobes Ausrichten nach Norden.


Gesamtbild der Horizontvermessung:
suw.link/1812-ricoh04

Visualisierung der Lichtverschmutzung

Diejenigen Sternfreunde, die sich für die Erhaltung eines dunklen Nachthimmels einsetzen, können die Theta S als ausgezeichnetes Präsentationswerkzeug nutzen. Denn mit dem beschriebenen Verfahren zur Vermessung von Horizontlinien lässt sich auch die Lichtverschmutzung eines Beobachtungsorts aufnehmen und darstellen. Da die Kamera keine RAW Daten liefert, sind keine quantitativen Angaben möglich, was jedoch kein echter Nachteil ist: Für diese Zwecke eignen sich die SQM-Messgeräte von Unihedron viel besser. Sie wurden zudem von der International Dark Sky Association (IDA) für diesen Zweck empfohlen (siehe SuW 3/2009, S. 74).

Der Nutzen der 360-Grad-Panoramen liegt in einem ganz anderen Bereich: Sie bieten eine höchst anschauliche Dokumentation der Lichtverschmutzung eines Standpunkts und der korrespondierenden Quellen. Damit lässt sich die Situation beispielsweise in Besprechungen, bei Vorträgen und in Präsentationen anschaulich demonstrieren – ohne, dass man Politiker, Entscheidungsträger oder andere Teilnehmer nachts raus ins Feld bringen muss. Dementsprechend haben wir diese Technik am Sternenweg Großmugl eingesetzt, den wir vor einigen Jahren 30 Kilometer nördlich von Wien errichtet haben (siehe SuW 2/2016, S. 88). Unser Panorama liefert ein detailliertes, realistisches Bild der Lichtverschmutzung am Ort dieser astronomischen Installation (siehe Bild oben).

Hoher Spaßfaktor

Die Theta S hat wirklich jedem etwas zu bieten: Von simplen Schnappschüssen mit hohem Spaßfaktor bis zu anspruchsvollen Dokumentationsarbeiten ist damit vieles möglich. Doch diese Kamera dürfte wohl kaum den Endpunkt der Entwicklung darstellen: Die Vollsphärenfotografie steckt noch in ihren Kinderschuhen und wird von den aktuellen technologischen Entwicklungen rund um die Virtuelle Realität stark vorangetrieben. Weitere für die Astronomie taugliche 360-Grad-Kameras sind sicher auch von anderen Herstellern zu erwarten. Was die Ricoh Theta S so interessant macht, ist ihr gutes Preis-Leistungsverhältnis und die Möglichkeit, bereits heute mit dieser noch jungen Technologie am Nachthimmel experimentieren zu können.

Dieser Beitrag entstand im Auftrag der Redaktion. Die Autoren stehen in keiner Geschäftsbeziehung zum Hersteller oder zu Anbietern der beschriebenen Produkte. Der hier wiedergegebene Text bezieht sich auf ein im Handel erworbenes Exemplar (Ricoh Theta S) sowie auf ein vom Hersteller leihweise zur Verfügung gestelltes Exemplar (Ricoh Theta V).

Gesamtbild der Lichtverschmutzung am Sternenweg Großmugl:
suw.link/1812-ricoh05

KAROLINE MRAZEK hat an der Universität Wien studiert und ist selbstständige Spezialistin für internationale Marketingtexte. Sie ist Gründungsmitglied der Astrofotografengruppe Project Nightflight. Ihre große Leidenschaft ist die fotografische Inszenierung der Schönheit des Nachthimmels.

ERWIN MATYS ist Absolvent der Technischen Universität Wien und Marketingspezialist für komplexe Produkte. Er ist Autor mehrerer Marketingbücher und arbeitet als Berater von Technologieunternehmen. Ebenfalls Gründungsmitglied von Project Nightflight, ist er seit 30 Jahren als Astrofotograf aktiv.

Literaturhinweise

Hattenbach, J.: Milchstraßenpanorama 2.0. In: Sterne und Weltraum 6/2013, S. 80 – 91

Hänel, A.: Messung der Himmelshelligkeit mit dem Sky Quality Meter. In: Sterne und Weltraum 3/2009, S. 74 – 77

Holecek, M.: Den Horizont erweitern. Panoramabilder mit Kamera und Stativ. In: Sterne und Weltraum 7/2010, S. 76 – 80

Mrazek, K., Matys, E.: Der Sternenweg Großmugl. Astronomische Öffentlichkeitsarbeit einmal anders. In: Sterne und Weltraum 2/2016, S. 88 – 91

Sparenberg, R.: Himmelspanoramen selbst fotografieren. In: Sterne und Weltraum 4/2017, S. 62 – 69 Dieser Artikel und Weblinks unter:
www.sterne-und-weltraum.de/artikel/ 1594502

Visualisierung der Lichtverschmutzung am Sternenweg Großmugl nahe Wien: Das 360-Grad-Panorama wurde am 26. März 2016 mit der Vollsphärenkamera Theta S aufgenommen und ist hier in einer Zylinderprojektion dargestellt. Die Beschriftungen und das Horizontalkoordinatensystem wurden während der Bildbearbeitung eingefügt. Das interaktive Panorama kann über den QR-Code aufgerufen werden.


Im Überblick: Die Ricoh Theta S

Mit den für den Freizeitbereich konzipierten Kameras Theta S und Theta V bietet Ricoh zwei Modelle von Vollsphärenkameras an, die sich rein äußerlich sehr ähneln. Hinsichtlich der Fotografie des Nachthimmels bestehen jedoch große Unterschiede: Während sich das Modell S bei Himmelsaufnahmen sehr bewährt, weist das Nachfolgemodell Theta V einige Änderungen auf, die stark zu Lasten der Bildqualität gehen können. Für astronomische Anwendungen eignet sich das Modell Theta S, auf das sich die folgenden Angaben und Kurzbeurteilungen beziehen, eindeutig besser.

Technische Daten der Theta S
Abmessungen 13 cm 3 4,4 cm 3 2,3 cm
Gewicht 125 Gramm
Objektivef /2,f = 1,31 mm, Festbrennweiten
Schärfebereich 10 cm bis Unendlich
Sensoren CMOS
Bayer-Matrix RGBG
Belichtungszeiten Maximal 60 Sekunden; ab 30 Sekunden Sternstrichspuren erkennbar
Empfindlichkeit ISO 100 bis 1600
Weißabgleich Auto/diverse Voreinstellungen/ Farbtemperatur
Serienbelichtungen Ja
Selbstauslöser Ja
Bildformat JPEG-Rektangularbilder
Bildgröße 5376 3 2688 Pixel
Farbraum sRGB
EXIF-Daten Ja
Speicher 8 GB
Stativanschluss 1/4-Zoll-Gewinde
Bildübertragung USB, WiFi
Stromversorgung Lithium-Ionen-Akku
Laden USB 5 Volt, Kamera ist während des Ladevorgangs nutzbar
Preis ca. 250 Euro

Kurzbeurteilung der Theta S
Wegen der für das Öffnungsverhältnis vonf /2 überraschend hohen Qualität der Fisheye-Objektive, des relativ niedrigen Bildrauschens und des einfachen Workflows eignet sich das Modell Theta S für eine Vielzahl von astronomischen Anwendungen.

+ Volles Kugelpanorama mit nur einer Aufnahme
+ Stitching bemerkenswert gut
+ Sehr lichtstarkef /2-Objektive
+ Unkomplizierte Steuerung über App
+ Manueller Modus bietet Kontrolle über die Belichtungseinstellungen
+ Langzeitbelichtungen bis zu 60 Sekunden
+ Hochgradig transportabel
+ Gutes Preis-Leistungsverhältnis
– Farbabweichungen um die hellsten Sterne
– Leichte Unschärfe in den Stitching-Zonen
– Starkes Rauschen ab ISO 800
– Berührungsempfindliche Fisheye-Objektive

Weitere Informationen: Die Ricoh-Kameras sind im Fotofachhandel erhältlich. Kontakt zum Hersteller: Ricoh Deutschland GmbH, Vahrenwalder Str. 315, 30179 Hannover, Tel.: 0511 67420, info@ricoh.de,www.ricoh.de . Technische Informationen zu den Theta-Kameras:http://theta360.com/de