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Astronomischer Blick in die Zukunft


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 28.06.2019

Sotheby’s versteigert den ersten Teil einer spektakulären Uhrensammlung


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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 11/2019

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TAXE 130 000 £ Goldemailtaschenuhr mit Jahreskalender und astronomischen Angaben, George Margetts, London, 1778, Ø 5,8 cm


Aufgeteilt auf vier Auktionen in London, Genf, New York und Hongkong bringt Sotheby’s zwischen Juli 2019 und Oktober 2020 eine der wichtigsten Uhrensammlungen seit Langem auf den Markt. Die Versteigerer geben keine Hinweise auf die Identität des Sammlers, aber in Branchenkreisen weiß man selbstverständlich, dass es sich um die bemerkenswerten Zeitmesser aus dem Nachlass des im vergangenen Jahr verstorbenen Tengelmann-Unternehmers Erivan Haub handelt.

Mehr als 50 Jahre lang sammelte Haub kostbare Uhren – am Ende umfasste seine Kollektion rund 800 Exemplare. Sie enthält ikonische Zeitmesser von den fähigsten Uhrmachern der vergangenen Jahrhunderte. Die Spanne reicht von einer um 1580 entstandenen französischen Tischuhr (Abb. S. 5, Taxe 17 000 Pfund) über eine 1900 für die Pariser Weltausstellung von A. Lange & Söhne in Glashütte gefertigte Goldemail-Tourbillon (November-Auktion in Genf, Taxe 700 000 Pfund, Abb. S. 5) bis hin zu einer 1982 vollendeten „Space Traveller Watch“ des Ausnahme-Uhrmachers George Daniels (Abb. S. 5). 1988 wurde diese astronomische Golduhr für 220 000 Schweizer Franken in Genf versteigert. Nun soll sie mindestens 700 000 Pfund erzielen.

Um einiges niedriger liegen die Erwartungen für eine weitere astronomische Taschenuhr, die Daniels intensiv studiert hat: eine Goldemailuhr des Londoner Meisters George Margetts – die Nummer 1 seiner speziellen Uhren, vollendet 1778 (Abb., Taxe 130 000 Pfund).


Die Sammlung enthält ikonische Zeitmesser der fähigsten Uhrmacher


Zur Biografie Margetts, der neben John Arnold und Thomas Earnshaw Pionierarbeit auf dem Gebiet der Marinechronometer leistete, finden sich in der neueren Fachliteratur sparsame, gelegentlich auch widersprüchliche Angaben. Jonathan Betts, Autor des 2018 erschienen AusstellungskatalogsMarine Chronometers at Greenwich , hat in den Archiven allerdings eine wichtige Quelle entdeckt – einen 1806, ein Jahr nach Margetts Tod, inThe Philosophical Magazine veröffentlichten Nachruf mit ausführlichen biografischen Angaben.

Demnach wurde Margetts im Juni 1748 als 14. Sohn eines Radmachers in Old Woodstock bei Oxford geboren. Sein Vater sah für George einen kaufmännischen Beruf vor – und schickte ihn zur Schule. Sehr früh zeigte sich hier seine Leidenschaft und Begabung für die Mathematik. Nach dem Tod des Vaters musste die Schulausbildung allerdings abgebrochen werden; einer seiner Brüder nahm George als Radmacher-Lehrling auf. Das hinderte ihn aber nicht daran, sein Studium mathematischer Probleme fortzusetzen und auf praktische Weise umzusetzen. Im Alter von 18 Jahren baute er eine Maschine zur Darstellung der Planetenbewegungen, wenig später eine erste Uhr. Weil er es sich nicht leisten konnte, neue Messingteile zu kaufen, musste er hierfür allerdings seine erste Konstruktion wieder zerstören. Schließlich wurde der Herzog von Marlborough auf den jungen Handwerker aufmerksam und förderte ihn finanziell. Fortan arbeitete Margetts zwar weiterhin als Radmacher, begann aber nebenbei, Uhren in der näheren Umgebung seines Heimatdorfs zu reparieren. Schließlich konnte er mithilfe des Herzogs nach London reisen, wo er sich als Uhrmacher etablierte. 1779 wurde er von der Zunftpflicht der Clockmakers Company befreit. Bereits ein Jahr zuvor, hatte er die Uhr gebaut, die am 2. Juli in London versteigert wird.

Es handelt sich um das erste nummerierte Exemplar einer Serie ähnlich ausgestatteter Uhren in unterschiedlichen Größen. Im British Museum befinden sich zwei weitere Zeitmesser dieser Art. Da diese aber nicht nummeriert und beide mit Spindelhemmung ausgestattet sind, werden sie als experimentelle Prototypen angesehen. Das Exemplar in der Sammlung Haub befand sich lange Zeit im amerikanischen „Time Museum“, dessen Bestände 1999 bei Sotheby’s New York erfolgreich versteigert wurden.

Die Margetts-Uhr hebt sich schon optisch von den Arbeiten seiner zeitgenössischen Kollegen ab. Das Emailzifferblatt ist eine Sternkarte mit den Tierkreiszeichen – einzelne Sterne sind durch aufgelegte Goldpunkte markiert. Weitere Skalen geben die mittlere Sonnenzeit, das Alter des Mondes sowie den Stand der Gezeiten in acht wichtigen britischen Häfen an.

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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 11/2019

TAXE 700 000 £ „Space Traveller’s Watch“, Gold, George Daniels, London, 1982, Ø 6,25 cm


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TAXE 17 000 £ Horizontal-Tischuhr, Bronze, vergoldet, Frankreich, um 1580, L. 9 cm


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TAXE 700 000 £ Goldemail-Tourbillon, A. Lange & Söhne, Glashütte, 1900, Ø 5,9 cm, Sotheby’s Genf, Auktion 11. November 2019


Navigation und Astronomie waren international heiß diskutierte Themen


Es ist viel über den Zweck dieser Uhren spekuliert worden – mit Sicherheit sagen, warum sie gebaut wurden, kann man aber bis heute nicht. George Daniels hat sich in einem ausführlichen Aufsatz, der im März 1970 inAntiquarian Horology erschien, mit den unterschiedlichen Theorien befasst – von denen er die meisten widerlegte. Zum Beispiel meinte der Fachautor F. J. Britten, sie seien als Geschenke für wohlverdiente Kapitäne der „East India Company“ gefertigt worden, ohne dafür allerdings Belege zu liefern.

Margetts war zu Lebzeiten nicht nur in England, sondern beispielsweise auch in Berlin bekannt. Im dort erschienenenAstronomischen Jahrbuch für 1797 schreibt nämlich ein unbekannter Autor: „Ich besitze einen auf Pappe gezogenen englischen Kupferstich … Er führt den Titel: Astronomical Rotula, by George Margetts …

Herr Margetts behauptet darin, dass man durch diese Rotula alle Mondesänderungen, Finsternisse u. f. f. auffinden kann, die so wol [sic!] in den letztverflossenen 6000 Jahren gewesen, als auch die in den nächsten 6000 Jahren kommen müssen.“ Eine ähnliche Rotula, 1779 dem Herzog von Marlborough gewidmet, befindet sich in einer ungenannten Privatsammlung und ist abgebildet inThe English Watch von Terence Camerer Cuss, Woodbridge 2009.

Navigation und Astronomie waren im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert international heiß diskutierte Themen – angeregt durch die Verbreitung des Welthandels und die Notwendigkeit präziser Zeitmesser. Privatgelehrte und adelige Dilettanten befassten sich mit den wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten. Womöglich glaubte Margetts, in diesen Kreisen Abnehmer für seine astronomischen Uhren zu finden. Wie Daniels anmerkte, genügten seine Konstruktionen nämlich nicht höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen. So verwendete Margetts beispielsweise nicht die für astronomische Uhren übliche Anker- oder Chronometerhemmung, sondern die wesentlich ungenauere Zylinderhemmung. Allerdings wäre Margetts durchaus in der Lage gewesen, kompliziertere Hemmungen zu bauen. Das zeigen seine Taschenchronometer in unterschiedlichen Varianten – die meisten mit einer Earnshaw-Chronometer-Hemmung. Er baute auch einige Uhren mit wahrer und mittlerer Sonnenzeit, darunter ein Exemplar mit Ankerhemmung (s. Camerer Cuss, S. 316 f.).

So innovativ der Uhrmacher auf technischem Gebiet auch war, so mangelhaft waren seine kaufmännischen Fähigkeiten. Zeitlebens plagten ihn Geldnöte. LautMorning Chronicle war er 1788 zeitweilig bankrott. Er soll zudem viel Geld in Auslandsgeschäfte gesteckt und verloren haben – denn die Exportmärkte in China (Guangzhou) und Indien brachen nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zusammen.

Auch Margetts Ende war traurig: Der als Choleriker bekannte Uhrmacher erlitt im Juni 1804 offensichtlich einen Nervenzusammenbruch und verbrachte seine letzten Monate im St. Luke’s Hospital for Lunatics, einer Londoner Anstalt für Geisteskranke, wo er im Dezember desselben Jahres verstarb.

SOTHEBY’S London, Auktion 2. Juli, Besichtigung 28. Juni bis 1. Juli www.sothebys.com


Abb.: Bonhams, London; Sotheby’s, London

Abb.: Sotheby’s, London

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