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Atmosphäre erschaffen


DOCMA - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 15.09.2021

Photoshop

Artikelbild für den Artikel "Atmosphäre erschaffen" aus der Ausgabe 4/2021 von DOCMA. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: DOCMA, Ausgabe 4/2021

Fragen Sie mal einen Fotografen, warum dieses oder jenes Foto entstanden ist. Die Absicht, eine bestimmte Bildstimmung zum Ausdruck zu bringen, wird zu den häufigsten Antworten gehören. Doch das starke Gefühl, das der Ausführende empfindet, während er aus der gelebten Kontinuität einen Augenblick herausgreift und in Form einer Fotografie anderen zugänglich macht, verliert sich nur allzu häufig in der Unschärfe abweichender Kommunikationsansätze.

Der Betrachter kennt lediglich den konservierten Moment, nicht aber die Emotion, die der Fotograf transportieren wollte. Gefühl kann man halt nicht fotografieren. Oder zumindest nicht so, dass es alle anderen sofort wie beabsichtig nachempfinden.

Es gibt aber genügend Beispiele aus der Fotografie, die beim Betrachter sehr wohl starke Gefühle hervorrufen – von Freude über Ehrfurcht, blankem Staunen bis hin zu Empathie, Mitleid oder Beklemmung. Der ...

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... Mensch ist ein Augentier. Doch, seien wir ehrlich, man braucht meistens eine schwer vorhersehbare Mischung aus Engagement, Durchhaltevermögen, Geduld, Wissen und einer nicht unbeträchtlichen Menge an Glück, um eine Aufnahme zuwege zu bringen, die so eine starke Strahlkraft besitzt, dass sie den Zugang zu unserer Gefühlswelt eröffnet.

Aber drehen wir den Spieß doch einfach mal um. Wäre es möglich, ganz gezielt eine Fotografie oder eine Bildmontage erst in der Postproduction zu steuern und sie so unserer Gefühlswelt zugänglich zu machen?

Das gelingt, sobald man die Grenze der reinen Fotografie in Richtung Illustration oder Malerei überschreitet. Unser Beispiel zeigt: Ja, das geht, sofern man ein paar physikalische Grundlagen beachtet, während man dem Bild mit den Mitteln der digitalen Bildbearbeitung vor allem eines beschert – eine Atmosphäre, die sich unabhängig vom dargestellten Bildinhalt mitteilt und das Motiv damit auch emotional erlebbar macht.

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01 Ausgangsmaterial beschaffen

Es ist auch in Zeiten umfassender Möglichkeiten der Bildbearbeitung zwar naheliegend, jedoch nicht selbstverständlich: Die Grundstimmung des Hauptmotivs sollte so gewählt werden, dass sie zur angestrebten Bildwirkung passt. Hier kann man das exemplarisch nachvollziehen. Die obere Aufnahme wirkt wie an einem sonnigen Sonntagnachmittag aufgenommen. „Nett“ ist ein passendes Attribut, wollte man die Stimmung beschreiben, die sie transportiert. Dasselbe Motiv bei starkem Regen hingegen wirkt weit weniger einladend, passt aber erheblich besser zur beabsichtigten Bildwirkung einer finsteren, die Grenze zur Postapokalypse streifenden Stimmung. Man könnte die nasskalte Bildstimmung mit enorm viel Aufwand ins Bild malen – oder aber den Aufwand auf die Fotografie beziehungsweise die Bildauswahl legen und so gleich zu Beginn eine nahezu perfekte Ausgangslage schaffen.

02 Grandezza

Die schöne italienische Vokabel übersetzt man nicht allein mit „Größe“, sondern auch mit „ Erhabenheit “. Beides kann man mit derselben Vorgehensweise erzeugen: Profane Flachbauten und quietschbunte Werbeschilder ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und würden auf diese Weise den Betrachter eher an den bevorstehenden Einkauf beim Discounter erinnern als an ein düsteres Zukunftsszenario. Deshalb wird der Hintergrund per Pfadwerkzeug selektiert und anschließend über eine Ebenenmaske ausgeblendet. An seine Stelle tritt die weitläufige Skyline von Dubai , die aufgrund ihrer Architektur unser Motiv in Form und Funktion unterstützt. Ganz nebenbei wird der Blick des Betrachters nun nicht mehr nach 50 Metern durch eine Klinkerfassade gestoppt, sondern darf in die Ferne schweifen. So geht Bildtiefe.

03 Gegenlicht: die Erste

Stellen Sie sich das Bild eines simplen Würfels vor. Würde man Ihnen nun die Aufgabe stellen, den Würfel von der linken Seite mit den Mitteln der Bildbearbeitung zu beleuchten, würden Sie vermutlich dessen linke Seite selektieren und per Tonwertkorrektur oder Gradationskurve aufhellen. Genauso gut könnten Sie aber die rechte Seite des Würfels abdunkeln, auch dann erschiene die linke Seite heller. Im ersten Fall würde die Helligkeit des Bildes partiell zunehmen, alles erschiene freundlich-optimistisch, während das Würfelmotiv im zweiten Fall eher düsterer wirkte. Im Fall unserer Bildmontage streben wir dämmriges Gegenlicht an, das Licht soll in erster Linie vom Himmel (a) und den beiden Autoscheinwerfern (b) ausgehen.

Deshalb beschneiden wir die Lichter des ohnehin bereits maskierten Hauptmotivs im Vordergrund (c) und schaffen so eine fast schon dystopische Düsternis.

04 Gegenlicht: die Zweite

Luft ist üblicherweise nicht direkt sichtbar, wohl aber die in der Luft vorhandenen Partikel. Das gilt auch für die Wassertröpfchen, die in der bodennahen Atmosphäre zum Beispiel durch fahrende Autos aufgewirbelt werden und die wir als Dunst wahrnehmen. Je weiter ein Gegenstand vom Standpunkt der Kamera entfernt ist, desto mehr Dunst befindet sich zwischen ihm und der Kamera. Konkret bedeutet das für unser Projekt: Die Skyline, die – grob geschätzt – zwanzig Mal soweit weg ist wie das Ende des Bahnhofsgebäudes, muss deutlich heller werden. Die Helligkeit malt man mit einer großen, sehr weichen Pinselspitze in eine eigene Ebene, je dichter am Boden, desto stärker sollte der Farbauftrag sein. Ganz nebenbei lassen sich so, wie hier bei niedrigen Kamerastandpunkten, die abgedunkelten Details des Vordergrundes gut und schnell herausarbeiten.

05 Bladerunner-Lichtquellen

Einer der stärksten Trigger für die Empfindung einer feuchten, fast greifbaren Atmosphäre sind Lichtquellen, die – entweder diffus scheinend oder scharf gebündelt – die Luft durchschneiden. Nun kommt uns der dunkle Vordergrund zugute, denn nur vor dunklem Hintergrund können Lichtquellen ihre Leuchtkraft entfalten. Viele Szenen aus Filmen wie „ Bladerunner “ basieren auf einer emotional enorm wirksamen Lichtführung, außerdem fördert der gerenderte „Monopod“ den futuristischen Eindruck der Szene. Digitale Lichtquellen sind flott eingepinselt: In einer normal verrechneten Ebene wird die Lichtquelle selbst (a) mit reinem Weiß ausgemalt. Dann schnappt man sich einen wolkigen Pinsel, setzt dessen Deckkraft auf 10%, seinen Winkeljitter auf den Maximalwert und pinselt die diffuse Aufhellung um die Lichtquelle (b). Für stark fokussierte Lichter kann man in einer neuen, mit »Linear abwedeln« verrechneten Ebene noch den gebündelten Lichtstrahl (c) einzeichnen.

06 Wolkenbruch

Auch Regen gehört zu den Stilmitteln, die, je nach Art und Stärke, eine Bildstimmung in besonderem Maße beeinflussen. Nieselregen beispielsweise reicht von „ Einsamkeit “ über „ Langeweile“ bis „Trauer “, ein Wolkenbruch dagegen symbolisiert eine aufgewühlte, naturgewaltige, unterschwellig aggressive Stimmung. Der bereits in der Aufnahme vorhandene Regen erhält durch eine simple Methode zusätzliche Unterstützung: Einer mit Grau gefüllten Ebene wird Bildrauschen zugefügt. Die körnige Struktur zieht man dann entweder mit dem Weichzeichnungsfilter »Bewegungsunschärfe« oder der »Pfadweichzeichnung« vertikal in die Länge, da die Tropfen durch ihre Fallgeschwindigkeit eher wie Striche wahrgenommen werden. Zum Schluss entfernt man die dunklen Striche über die »Mischen wenn«-Funktion der Ebenenstil-Mischoptionen (a) und verrechnet die Ebene über » Ineinanderkopieren« (b).

07 Sound visualisieren

Fast jeder Bewegungsablauf produziert sein eigenes, ganz spezifisches Geräusch. Wenn wir einem Bild schon keine Tonspur hinzufügen können, so lässt sich das Geräusch doch visuell integrieren, wie in diesem Fall der schmatzende Sound des über den nassen Asphalt rollenden Reifens. Nehmen Sie eine kleine Pinselspitze zur Hand und erhöhen Sie in den Pinseleinstellungen den Wert für den Abstand auf etwa 400%. Dann malen Sie in einer neuen Ebene Spritzwasserspuren, ausgehend von der Stelle, an der der Reifen den Asphalt berührt (a). Ein leichter Jitter wert für die Größe und ein Wert von 20% für die Streuung des Pinsels verhindern zu auffällige Gleichförmigkeit. Verwischen Sie die Pinselstriche mit dem Pfadweichzeichner (b), wobei die reifennahen Punkte eine geringe, die Endpunkte eine hohe Geschwindigkeitseinstellung erhalten.

08 Kontraste angleichen

Der schöne Satz „ Zuviel des Guten kann wunder voll sein“ gilt beim Angleichen der Kontraste mit ganzer Wucht.

Mit einem sehr großen, weit über die eigentliche Lichtquelle hinausragenden Pinsel malen Sie weiße Farbe in eine eigene Ebene. Das gilt in diesem Motiv vor allem für die Straßenlaterne, aber auch für die Autoscheinwerfer, die Fußgängerampel und die Innenbeleuchtung des Bahnhofs.

Die so entstehenden Lichthöfe wirken wie eine Überstrahlung, die das Schmuddelwetter optisch verstärkt und gleichzeitig wieder Zeichnung in den dunklen Vordergrund zurückbringt.

TIPP: Hören Sie erst auf, Dunst ins Bild zu malen wenn Sie wissen, dass es definitiv zuviel ist. Sie werden staunen, welche Menge an Nässe, Gischt und Regen Ihr Motiv verträgt.

09 Farbe und Lokalkontrast

Egal ob Montage, klassische Fotografie oder Film – über Colorgrading lässt sich die Aussage einer Abbildung emotional steuern. Dabei optimiert der hierzu bevorzugt genutzte Camera- Raw-Filter vor allem zwei zentrale Größen: die Farbe und den Lokalkontrast. Im Fall des „Monopod“ genannten Einrad-Motorrads trägt der kühle Cyanton dazu bei, den Eindruck der Dämmerung zu verstärken. Außerdem betont er die Kühle der künstlichen, auf Leuchtstoffröhren basierenden Lichtquellen. Quasi das Gegenteil von heimeliger Wohlfühlwärme. Struktur, Klarheit und in geringem Maße auch die Dunstentfernung besorgen den Rest: Im Vordergrund sorgen sie für griffig wirkenden Asphalt und verstärken den Eindruck der schweren Karosserie. Im Hintergrund werden sie mit entgegengesetzten Vorzeichen angewandt; so verschmelzen die verringerten Lokalkontraste die Formen und Farbflächen und lösen sie hinter einem regenverschleierten Vorhang in ahnungsvolles Nichts auf.