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Auch eine Kassandra


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 04.01.2019

Heldinnen Vor 100 Jahren starb Rosa Luxemburg. Ihr Tod spaltete die deutsche Linke unwiderruflich, ihre politischen Fragen rumoren bis heute.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 2/2019

Rednerin Luxemburg auf dem internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart 1907: Eroberung der Zukunft


ULLSTEIN BILD

Am 15. Januar 1919 wurde sie ermordet, von deutschen Freikorpssoldaten, für die sie die hassenswerteste Figur der Linken war: Rosa Luxemburg, eine gebildete Frau, Jüdin polnischer Herkunft. Studierte Nationalökonomin von 47 Jahren, eine offenherzige Gegenspielerin Lenins auf dem internationalen Parkett der Revolution, charismatische Rednerin und ...

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... wirkmächtige Autorin. Ein Kind zarter, idealistischer Bildung, eine Frau, die in vier Sprachen las, Verehrerin von Goethe – einerseits. Und andererseits: eine Predigerin für die Arbeiter, die keinen Schimpf, keine Dramatisierung scheute, geschult in einer marxistisch-brachialen Rhetorik, die immer aufs Ganze ging, weil es ihr um das Ganze ging. Was zu ihren Zeiten eben die Klassenfrage hieß: Kapitalist oder Arbeiter, Blutsauger oder Ausgebeutete, Besitzende oder Elende.

Von den heute drängenden Problemen – dem drohenden ökologischen Kollaps, der Übersetzung sozialer Gerechtigkeit in Fragen der Identität – konnte sie keine Ahnung haben. Unser Reichtum im Materiellen, unsere behagliche Tändelei einerseits, unsere eher depressive Zukunftserwartung andererseits waren für ihre Generation gar nicht vorstellbar. Und doch hat sie sich mit mindestens drei grundlegenden politischen Komplexen beschäftigt, die bis heute aktuell geblieben sind: Nationalismus, Imperialismus und schließlich mit der Frage, wer eigentlich gesellschaftlichen Wandel bringt: die wilden Demonstranten, getragen von Emotionen wie nun, im Winter 2018/19 in Frankreich – oder die strengen Kader der Parteien wie Sahra Wagenknecht in Berlin, wie Jeremy Corbyn in London?

Ihr Tod, noch in den Siebzigerjahren der Bundesrepublik ein juristischer Streitfall, ist inzwischen weitgehend aufgeklärt; ihr Leben gibt nach wie vor Rätsel auf, es scheint unwahrscheinlicher als ihre Ermordung.

Wir könnten, um das Leben der Rosa Luxemburg zu erzählen, 1919 am Landwehrkanal beginnen, in den man ihre Leiche wirft. Wir könnten 1871 beginnen, als das Deutsche Kaiserreich gegründet und im polnischen Zamość ein Mädchen geboren wird, das damals noch Rozalia hieß. Wir können aber auch mit einem Brief beginnen, den Rosa Luxemburg im Sommer 1917 in der Festung im posischen Wronke schreibt, in dem es scheinbar um das ganze Kleine, das Nebensächliche geht.

Frauen zu ihrer Zeit und in vielen Jahrhunderten zuvor verfertigen Briefe, weil sie nicht handeln können, weil Männer, mal weniger, meist mehr, über ihr Schicksal bestimmen. Rosa Luxemburg ist das bewusst, doch es kümmert sie nicht besonders. Sie schreibt in diesem Moment, um dem Ausdruck zu geben, was sie bewegt. Sie ist eine Strafgefangene mit einem empfindlichen Magen und von schwacher Gesundheit; es ist nicht ihre erste Haft, und sie weiß nicht, wie lange sie dauern wird. Was sie aber in diesem Moment am meisten quält: »… dass ichallein soviel Schönheit genießen soll. Ich möchte laut über die Mauer hinausrufen: O, bitte beachten Sie doch diesen herrlichen Tag! Vergessen Sie nicht, wenn Sie noch so beschäftigt sind, wenn Sie auch nur in dringendem Tagewerk über den Hof eilen, vergessen Sie nicht den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen. Beachten Sie doch die Luft, die von leidenschaftlichem Atem der letzten Lindenblüten schwer ist, und den Glanz und die Herrlichkeit, die auf diesem Tage liegen, denn dieser Tag kommt nie, nie wieder!«

Die Frau, die so schreibt, ist im Privaten eher zurückhaltend. Von der riesigen Amplitude, in der ihre Gefühle schwingen, zwischen enthusiastischer Lebenslust und tiefster Trostlosigkeit, zwischen entschlossener Handlungsfreude und kontemplativer Scheu, wissen nur ihre engsten Vertrauten. Das Schreiben als Ausdruck ihrer Gedanken, aber auch als Forderung, sich mit ihr zu befassen, hat sie schon früh gelernt: Als Fünfjährige musste sie wegen einer Fehldiagnose auf Knochentuberkulose beinahe ein Jahr liegend verbringen, die Mutter brachte ihr das Alphabet bei, und die Kleine schickte Briefe an ihre Familienmitglieder in den anderen Zimmern und bestand auf einer schriftlichen Antwort.

Die Behandlung war, wie man heute weiß, so überflüssig wie schädlich; als sie den Gips ablegen durfte, war ein Bein verkürzt, und Rosa Luxemburg würde von nun an leicht hinkend durchs Leben gehen. Von nun an aber ist auch die Beschränkung auf ein Blatt Papier für sie eine wiederkehrende Übung, zu sich selbst zu kommen und die Geschicke der Welt zu bedenken. Denn trotz aller Aufmerksamkeit, die sie auf das Kleinste zu richten vermag, auf einen Zitronenfalter im Gefängnisgarten, auf eine Kohlmeise, die sie mit Brotkrümeln zu einem regelmäßigen Besucher macht – in ihrem geistigen Zugriff ist sie dem von ihr verehrten Karl Marx verwandt oder einem Panoramaschriftsteller wie Leo Tolstoi: Die weltumwälzenden Bewegungen sind es, die sie verstehen und beeinflussen will – die Befreiung der Arbeiter aus ihrem Elend, der Kolonisierten in Afrika und Übersee aus der Sklaverei, und der Soldaten und Zivilisten von den Entsetzlichkeiten des Krieges.


»Herr Staatsanwalt«, gab sie zur Antwort, »ein Sozialdemokrat flieht nicht.«


Hans Diefenbach, der Mann, an den sie schreibt, ist 13 Jahre jünger als sie und ein sanftmütiger Verehrer; er wird einige Monate später fallen. Sowohl Diefenbach als auch Rosa Luxemburg haben diesen Krieg mit ihren Mitteln bekämpft und nie geglaubt, es gebe irgendein Ziel, mit dem er zu rechtfertigen wäre. Am 4. August 1914, als auch die sozialdemokratische Fraktion im Reichstag den Kriegskrediten geschlossen zustimmte, wollte Luxemburg sich »eine Kugel durch den Kopf schießen«. Doch auch nun wird sie sich wieder fangen. »Dass die Partei und die Internationale kaputt sind, gründlich kaputt, unterliegt keinem Zweifel«, schreibt sie, ebenfalls an Diefenbach, »aber gerade die wachsenden Dimensionen dieses Unglücks machen es zu einem weltgeschichtlichen Drama, demgegenüber wieder die objektive historische Beurteilung Platz greift und das persönliche Sichhaareausraufen deplaciert wirkt.«

Rosa Luxemburg ist nun, im Sommer 1917, im Gefängnis, weil sie gegen den Krieg agitierte – in Artikeln, aber auch auf Versammlungen überall im Reich, in angemieteten Sälen, in Gaststätten und unter freiem Himmel. Der Staatsanwalt, vor dem sie im Februar 1914 im hessischen Frankfurt stand, warf Luxemburg – von ihren politischen Gegnern gern »die blutige Rosa« genannt – den Aufruf zur Meuterei vor, sie habe die Soldaten dazu aufgefordert, im Kriegsfalle entgegen dem Befehl nicht auf den Feind zu schießen. Eine Inhaftierung sei dringend geboten, schließlich könne sie sich einer Strafe durch Flucht ja entziehen. »Herr Staatsanwalt«, gab die Angeklagte zur Antwort, »ich glaube Ihnen, Sie würden fliehen. Ein Sozialdemokrat flieht nicht. Er steht zu seinen Taten und lacht Ihrer Strafen.« Luxemburg war seit 1898, und das noch bis 1917, Mitglied der SPD.

Sie hatte sich auf diesen Prozess gefreut, er gab ihr Gelegenheit, öffentlich bekannt zu machen, dass nicht alle Genossen preisgeben, wofür die Internationale der Sozialdemokraten und Sozialisten eigentlich stand. Vorübergehend Märtyrerin des wilhelminischen Kaiserreichs zu sein und zugleich ihrer eigenen Partei, das kam ihr in diesem Fall zupass.

Ansonsten hat sie sich aus einem Opferstatus nie etwas gemacht. Sie war Frau und Jüdin, sie war leicht gehbehindert und von sehr kleinem Wuchs, sie lebte als gebürtige Polin im Deutschen Reich, na und? Das heutige Beharren auf Benachteiligung, ob wegen Geburt oder Geschlecht, Status oder Religion, hätte sie nur gelangweilt. »Was willst Du mit den speziellen Judenschmerzen? «, schrieb sie ihrer Freundin Mathilde Wurm, die ihr einen Roman über den jüdischen Philosophen Baruch de Spinoza ins Gefängnis schickte. »Mir sind die armen Opfer der Gummiplantagen in Putumayo, die Neger in Afrika, mit deren Körper die Europäer Fangball spielen, ebenso nahe.« Kein »Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto«, obwohl auch ihre Familie ein Pogrom miterlebt hatte. Politik, das war für sie nicht das Bestehen auf Herkunft, sondern Eroberung der Zukunft.

Anders als der Frühsozialist Heinrich Heine, für den das Volk ohne den Mob nicht zu denken war, glaubte sie an die Massen; »Spontaneität« war eine ihrer politischen Lieblingsvokabeln. Mit Lenin verdarb sie es sich, weil sie mit prophetischer Klarheit die Anmaßung der Bolschewiki in der Russischen Revolution kritisierte: Die proletarischen Massen zu lenken und zu führen, selbst aus der vermeintlich höheren Einsicht der Ideologen heraus, war für sie illegitim.

Obwohl sie promovierte Volkswirtin war und Politik ihr Beruf, seit sie 1898 aus Zürich nach Berlin immigrierte (unter dem Namen Lübeck, durch Scheinehe mit einem Genossen erworben, um möglichst bald deutsche Staatsbürgerin zu werden), obwohl ihr als Bürgerkind der Arbeiter in vielfacher Hinsicht fremd gegenüberstand – oder vielleicht auch deshalb –, traute sie den Ungebildeten, doch für ihre Interessen Kämpfenden allerhand Gutes zu; vor allem: Lernfähigkeit. Das »Massen-Ich der Arbeiterklasse« versteifte sich ihrer Ansicht nach völlig zu Recht darauf, »eigene Fehler machen und selbst historische Dialektik lernen zu dürfen«.

Nationalistische Demonstranten in Warschau: Notlösung vergangener Jahrhunderte


SOPA IMAGES / ZUMA / ACTION PRESS

Dieser Konflikt zwischen Parteien und Bevölkerung, zwischen Institutionen und Einzelnen, die sich im Protest zusammenfinden, hat sich auch hundert Jahre später nicht überlebt. Im Dezember 2018 zeigt er sich in Frankreich auf brutale Weise neu: Abstiegsbedrohte Kleinbürger, wütende Rentner, frustrierte Erwachsene und Jugendliche ohne Perspektive ziehen sich gelbe Westen über und marschieren zum Arc de Triomphe, liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Der Staat und seine Strukturen sind in der Wahrnehmung der Pauperisierten zu einem feindseligen Cluster zusammengepappt. Aber auch kein Jean-Luc Mélenchon, keine Marine Le Pen, keine linke oder rechte Partei steht an der Spitze dieser Bewegung, der Protest will sich partout nicht erziehen lassen. Gewiss, die sozialen Medien erzeugen ein anderes Tempo und wirken als Stimmungsverstärker, wie es vor einem Jahrhundert noch nicht zu denken war. Doch die Sprachlosigkeit zwischen jenen, die in Gremien und Ämtern darüber befinden, was gut für die kleinen Leute ist, für die Abgehängten und die ohne Bildung, und all denen, über die so geredet wird, die hat immer wieder entzündliches Potenzial.

In einem anderen Brief an Vertraute, aus einem anderen Gefängnis, erinnert sich Luxemburg an ihren frühen, kindlichverzauberten Blick auf die Armen: »Damals zu Hause schlich ich mich in der frühen Morgenstunde ans Fenster – es war ja streng verboten, vor dem Vater aufzustehen –, öffnete es leise u spähte hinaus in den großen Hof … der lange Antoni mit seinem kurzen Schafpelz, den er Sommer u Winter trug, stand an der Pumpe, beide Hände u Kinn auf den Stiel seines Besens gestützt, tiefes Nachdenken im verschlafenen, ungewaschenen Gesicht. Dieser Antoni war nämlich ein Mensch von höheren Neigungen.«

Die wohlhabende Kaufmannsfamilie Luxemburg war mit ihren fünf Kindern im Jahr 1873 aus der Provinzstadt Zamość nach Warschau gezogen, Rosa, die Jüngste, war damals zwei Jahre alt; diese Erinnerung mag ihre früheste sein. Sie erzählt nicht nur von einer poetischen und menschenfreundlichen Neigung, sondern auch von einem Grundgefühl ihrer Existenz: »Damals glaubte ich fest, dass das ›Leben‹, das ›richtige‹ Leben irgendwo weit ist, dort über die Dächer hinweg. Seitdem reise ich ihm nach, aber es versteckt sich immer hinter irgendwelchen Dächern.«

Das richtige Leben, was sollte das sein? Eine Heirat mit einem ordentlichen, möglichst wohlhabenden Juden und Mutterschaft; Lektüre, Geselligkeit, vielleicht ein Instrument? Für Rosa war privates Glück nie das einzige Ziel. Als langjährige Gefährtin des Berufsrevolutionärs Leo Jogiches aus Wilna, den sie als Studentin in Zürich kennenlernte, war sie hin- und hergerissen zwischen einem Leben für die Geschichte und dem zehrenden Bedürfnis nach einem Kind und familiärer Intimität. Als Politikerin war ihr das Dilemma aller Revolutionäre aufgegeben: Wie lässt sich das Erbarmen mit der leidenden Kreatur – das schloss für sie die Tiere übrigens ein – retten in Situationen, die nur gewaltsam zu lösen sind? Was ist in diesem Konflikt das richtige Leben?

Eine Pazifistin war Rosa Luxemburg keineswegs. Die Welt, in die sie hineinwuchs, war geprägt von anarchistischen Geheimbünden und politischen Attentaten, entstanden aus Verzweiflung über die brutale Unterdrückung des zaristischen Apparats, und das alles mündete in das größte Schlachten, das es jemals gegeben hatte. Die Partei, der sie angehörte, war durchaus hellsichtig, was die Anbahnung dieses Ersten Weltkriegs betraf. Doch in dem jahrelangen Vorkriegswettlauf der sozialistischen und friedenswilligen Parteien Europas gegen die Machthaber ihrer imperialen Staaten, bei den vielen internationalen Kongressen und in den immer neuen Bündnissen tauchte bereits jene Frage mit Härte auf, die bis heute die Agenda der Linken bestimmt: Wie lässt sich eine europäische Politik, die für humane Arbeit und soziale Sicherheit eintritt, mit dem Nationalstaat versöhnen? Und wie, muss man heute hinzufügen, soll der mit internationaler Steuerflucht und mit dem Kollabieren des Ökosystems fertigwerden?

Man kann diesen Nationalstaat als eine politische Form betrachten, die sich überlebt hat, als Notlösung vergangener Jahrhunderte, um einen Kontinent der zusammenbrechenden Vielvölkerreiche pragmatisch neu zu sortieren. In diesem Fall wäre man heute gut aufgehoben bei einer Bewegung wie der »Europäischen Republik«, deren konkrete Utopie ein Europa der gleichen Rechte und Pflichten als Rechtsnachfolger der EU ist. Das Manifest dieser Bewegung wurde am 10. November 2018 an über 150 Orten von Oslo bis Lissabon deklamiert, in Berlin unter anderem am Roten Rathaus – fast auf den Tag genau 100 Jahre nachdem der linke Sozialdemokrat Karl Liebknecht die sozialistische Republik in Deutschland proklamierte, wiederum zwei Stunden nachdem der Genosse Philipp Scheidemann die bürgerliche Republik vor dem Reichstag ausgerufen hatte.

Protestierende Gelbwesten in Narbonne: Partielle Verelendung


ULRICH LEBEUF / M.Y.O.P POUR LIBERATION / LAIF

Die Überwindung des gegenwärtigen europäischen Staatenbunds ist, gewissermaßen im rhetorischen Abklingbecken, das Programm, mit dem die Sozialdemokraten Europas vor einem Jahrhundert gescheitert sind. Bis zum Sommer 1914 vertraten sie die Haltung, es sei nicht nur Barbarei, sondern auch politischer Zynismus, die Proletarier Europas gegeneinander auf die Schlachtfelder zu schicken. Doch in den Tagen der Mobilmachung mussten sie erleben, dass ebendiese Proletarier über Nacht zu Nationalisten geworden waren.

Luxemburg war erschüttert, vor allem aber entsetzt. Sie hielt es mit Marx und Engels im »Kommunistischen Manifest«: »Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.« Sie unterstützte das Recht auf kulturellen Eigensinn, auf Sprache und Brauchtum, doch eine ethnisch gedachte Nation galt ihr als ein gefährliches Übel.

Und auch hier war sie mit ihren Ahnungen eine Kassandra. Europa steht heute – vertraglich vereint, im geduldigen Reden unendlich geübt, ein glücklicher Kontinent – in der sozialen Frage noch immer gespalten da. Polnische Arbeiter renovieren Häuser in Deutschland, griechische Ärzte schieben Nachtschicht in niederländischen Kliniken, bosnische Pflegekräfte kümmern sich um den familiären Notstand in Mailand – und alle werden gegeneinander ausgespielt. Es läuft, marxistisch gesehen, durchaus nach Plan: Das Kapital hat sich erfolgreich internationalisiert, es ist, auch steuertechnisch, flüchtiger denn je. Die Arbeitnehmenden aber verkauften ihre Arbeitskraft immer zu lokalen Bedingungen, und so sind sie gezwungenermaßen unterwegs, von den ärmeren Regionen in die wohlhabenderen; partielle Verelendung ist das Resultat dieses Ungleichgewichts. Und so wäre eine neue und demokratische Internationale längst an der Zeit, doch wieder gelingt es der Linken nicht, sich zu verbünden. Die taktische Kluft zwischen einem Yanis Varoufakis und einer Andrea Nahles ist tiefer als die zwischen Viktor Orbán und Matteo Salvini; heute wie damals ist Unterstützung auf Zeit am einfachsten für Autokraten.


Die politische Atmosphäre glühte vor Rachsucht und Hysterie.


Als sie am 9. November 1918 aus ihrer letzten Haft entlassen wurde, war der Krieg beinahe vorbei. Ihr gewaltsamer Tod wurde lange nicht aufgeklärt, ihr Mörder nie zur Verantwortung gezogen.

Inzwischen ist ermittelt: Sie wurde am 15. Januar 1919 aus der Privatwohnung ihrer Freunde in Berlin-Wilmersdorf verschleppt und, wie ihr Mitstreiter Karl Liebknecht, ins Eden-Hotel gebracht, Quartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Die Hauptstadt der gerade zwei Monate alten Weimarer Republik war von Straßenkämpfen geprägt, die Lage so riskant wie unübersichtlich. Der Kaiser war ins niederländische Exil geflohen, die ehemals Krieg führenden deutschen Mächte hatten die Verantwortung für die brisante und elende Gegenwart bequemerweise der stärksten Partei beschert und deren Vorsitzenden Friedrich Ebert zum Reichskanzler küren lassen.

Die Sozialdemokratie war gespalten in den großen Teil jener, die eine parlamentarische Republik aufbauen wollten, und die linke USPD, die wiederum in den Augen der Splittergruppe der Spartakisten nur mehr ein »verwesender Leichnam« war. Aus dem verborgenen Redaktionssitz der Zeitung »Rote Fahne« heraus warben Luxemburg und Liebknecht für die Revolution; von heute aus gesehen auf aussichtslosem Posten. Luxemburgs Tragik war, so fasst es der Historiker Ernst Piper in seiner kürzlich erschienenen, souveränen Biografie zusammen, »dass sie jahrzehntelang mit hohem intellektuellem und physischem Einsatz auf eine revolutionäre Situation in Deutschland hingearbeitet hatte und dann nach Jahren im Gefängnis in Berlin eine Situation vorfand, bei der es nichts zu gewinnen gab. Die Massenbasis für ihre soziale Utopie war nicht vorhanden«*.

Die politische Atmosphäre glühte vor Rachsucht und Hysterie. Die regierenden Sozialdemokraten galten den Radikalen als moralisch verkommene Gestalten, die sich mit parlamentarischem Parlando abfinden ließen, statt endlich Ernst zu machen: Verstaatlichung der Industrie, Entmachtung des Militärs und der Eliten. Für diese wiederum waren die Spartakisten eine ideologische Bedrohung, die Unterminierung ihrer fragilen Autorität. Und die Verhandlungen waren eingestellt: Die eine Seite repräsentierte die Ordnung im Reichstag, die andere hatte sich in der Redaktion der »Roten Fahne« verschanzt, wo Luxemburg im Stundentakt Aufrufe zum Umsturz formulierte.

Liebknecht und Luxemburg, die prominentesten Spartakisten, wechselten in diesen Wochen der Unruhe privat von Versteck zu Versteck. Spätestens seit der sozialdemokratische Volksbeauftragte für Heer und Marine, der selbst ernannte »Bluthund« Gustav Noske am 7. Januar wehrfähige Männer zur »Verteidigung der Republik« aufgerufen hatte, waren die beiden Genossen buchstäblich zum Abschuss freigegeben. »Arbeiter, Bürger! «, so stand es auf einem Plakat der »Frontsoldaten« im Januar 1919: »Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht von außen bedroht, sondern von innen: Von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Freiheit und Brot haben!«

* Ernst Piper: »Rosa Luxemburg – ein Leben«. Blessing; 832 Seiten; 32 Euro.

Internationale-Flugblatt mit Luxemburg, 1915: Aufruf zur Meuterei


ANGELO PALMA / A3 / CONTRASTO / LAIF

Margarethe von Trottas Film über Rosa Luxemburg, der 1986 in die westdeutschen Kinos kam, fängt die Ermordungsszene historisch glaubwürdig ein: Von antisemitischen und frauenfeindlichen Schmähungen begleitet, wird die unrechtmäßig Gefangene aus dem Eden-Hotel nach kurzem Verhör zu einem Wagen geführt, der sie angeblich ins Untersuchungsgefängnis Moabit überstellen soll. Bevor Luxemburg einsteigen kann, versetzt der Husar Otto Runge ihr Hiebe mit seinem Gewehr; als das Auto anfährt, springt der Leutnant Hermann Souchon auf das Trittbrett und erschießt die Betäubte aus nächster Nähe. An der Lichtensteinbrücke, nur einen Kilometer vom Ort der Hinrichtung entfernt, wirft man ihre Leiche in den Landwehrkanal. Ihre Ermordung und die Karl Liebknechts, den man in der Nähe des Tiergartens erschoss, feiern Angehörige der Division noch in der Nacht mit einem Gelage. Der Hauptmann Waldemar Pabst rühmte sich 1962 im SPIEGEL, nach der Verjährung: »Ich ließ Rosa Luxemburg richten«; die stillschweigende Inkaufnahme der beiden Morde durch Sozialdemokraten wie Noske aber steht historisch außer Zweifel.


In ihrer Schmähung der Führer der Republik verfiel sie der suizidalen linken Tradition.


Ihr gewaltsamer Tod vergiftete über Jahrzehnte das Klima in der deutschen Linken, und er wirkt bis heute nach. Während ihrer letzten Haft schrieb Luxemburg jene Sätze, die wohl ihre bekanntesten sind. In einem der Essays »Zur russischen Revolution«, die postum erschienen, hielt sie gegen die Leninisten kategorisch fest, »dass ohne freie ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben gerade die Herrschaft breiter Volksmassen völlig undenkbar ist. … Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein –, ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden«.

Was sie damit gemeint hat, wurde auf den sympathisierenden wie den missbilligenden Seiten intensiv diskutiert. Klar ist, dass sie keine Demokratin im heutigen Sinne war; der Weg in eine gerechtere Welt durch eine friedlich erstrittene gesellschaftliche Entwicklung erschien ihr unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg völlig illusorisch. Ihr politisches Denken war geprägt vom Ideal der Revolution, ihre politische Erfahrung vom Verrat ihrer Partei am Frieden der Völker. In ihrer Schmähung sozialdemokratischer Führer wie Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann als »Judasse der sozialistischen Bewegung « und »Todfeinde des deutschen Proletariats« verfiel sie der suizidalen linken Tradition, die Feinde vor allem in denen zu sehen, die einmal Genossen waren oder es werden könnten.

Und an ihrem Schicksal vollzog sich so tragisch wie dramatisch jene deutsche Spaltung der Linken in spontan Gewaltbereite und unbedingt Friedliche, die bis heute die Diskussionen bestimmt: an jedem 1.-Mai-Aufmarsch in Berlin, beim Antiglobalisierungsprotest in Hamburg im Jahr 2017 wie bei jeder Demonstration, auf der ein »schwarzer« Block das Gewaltmonopol des Staates herauszufordern sucht.

Die Geschichte gab ihren Gegnergenossen recht. »Die SPD«, so fasste der Historiker Heinrich August Winkler die verbreitete sozialdemokratische Sichtweise anlässlich der Diskussion um ein Rosa-Luxemburg-Denkmal in Berlin 2002 zusammen, konnte »die Politik des Klassenkompromisses « in jenen ersten Monaten der Weimarer Republik 1918/19 »nur betreiben,weil sie sich gespalten hatte: Mit den Gegnern der Kriegskredite, die die Partei dem Reich bis zuletzt bewilligte, hatten 1916/17 auch die unbedingten Verfechter des Klassenkampfes die SPD verlassen. Die Spaltung der alten Sozialdemokratie war mithin, so paradox es klingt, beides: eine schwere Vorbelastung der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, und zugleich eine ihrer Vorbedingungen«. Für die westdeutsche Sozialdemokratie ist Luxemburg so ein tragischer, aber auch erledigter Fall.

Auf der nicht demokratischen Seite Deutschlands wiederum gab es kaum eine prominente Figur der Linken, die mit solcher Energie, auch solchem Hass abgekanzelt, herabgesetzt, verleumdet worden ist. Der – selbstverständlich ohnehin »gereinigten « – DDR-Auswahl ihrer Schriften zu ihrem 80. Geburtstag stellte man Warnungen des Ex-Spartakisten und DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck sowie, dreifach hält besser, von Wladimir Iljitsch Lenin und Josef Stalin voran, um sich auf 140 Seiten ihren »irrigen Auffassungen« und »grundlegenden Fehlern« zu widmen.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Partei Die Linke nahesteht, betreibt heute in ihrem Namen, neben beherzt sozialistischen Initiativen, unter anderem Appeasement der russischen Außenpolitik. Zum Jahrestag von Luxemburgs Ermordung, das ist unschwer vorhersehbar, werden Verdammung, Romantisierung und Ratlosigkeit nebeneinanderstehen.

Ihr Überleben, ihr fortgesetztes Wirken, auch das ist zu vermuten, hätte in der Weimarer Republik die fast vollständige Unterwerfung der radikalen Sozialisten unter die sowjetische Fernsteuerung verhindert. Alles andere ist unabschätzbar. Luxemburgs Familienmitglieder, die das bürgerliche Leben wählten, wurden als »Juden« von den Nationalsozialisten oder als »Bourgeoise« von den Stalinisten deportiert. Die Gedenktafel an dem Haus ihrer Kindheit in Zamość wurde auf Anordnung der PiS-Regierung im März 2018 entfernt.

Der Dichter und Holocaustüberlebende Paul Celan reiste im Dezember 1967 nach West-Berlin; er besuchte die Gedenkstätte Plötzensee, wo die Fleischerhaken zu sehen waren, an denen die Hinrichtungsopfer der Nationalsozialisten aufgehängt wurden, aber auch einen Weihnachtsmarkt mit, unter anderem, schwedischer Folk lore. Sein Gedicht über diesen Aufenthalt zitiert die hasserfüllten Parolen über Rosa Luxemburgs Tod und erinnert an den Bannkreis des Verschweigens und der Verrätselung.

DU LIEGST im großen Gelausche,
umbuscht, umflockt.
Geh du zur Spree, geh zur Havel,
geh zu den Fleischerhaken,
zu den roten Äppelstaken
aus Schweden –
Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –
Der Mann ward zum Sieb, die Frau
mußte schwimmen, die Sau,
für sich, für keinen, für jeden –
Der Landwehrkanal wird nicht
rauschen.
Nichts
stockt.