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Auch Rituale verändern sich: Begrüßung an Schulen im Laufe der Zeit


journal für schulentwicklung - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 15.03.2019
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Bildquelle: journal für schulentwicklung, Ausgabe 1/2019

Thomas von Felten, bisher Schulleiter der Sekundarschule Pratteln (Schweiz) und Präsident der Schulleitungskonferenz Sekundarstufe I im Kanton Basel-Landschaft, ab 2019 Leiter der Berufsintegration und Berufs-, Schul- und Laufbahnberatung im Kanton Basel-Landschaft. Arbeitsschwerpunkte: Pädagogische Schulführung, Förderung von eigenverantwortlichen Gestaltungsräumen und Reflexion auf allen Ebenen im Bildungssystem, Berufswahl und -integration.


In den 1980er-Jahren studierte ich am Sekundarlehramt der Uni Bern. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich mit Stellvertretungen. Eine solche führte mich ganz ...

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... kurzfristig an eine kleine Solothurnische Bezirksschule am Jürasüdfuss.

Nach den telefonischen Erläuterungen des Klassenlehrers vom Vortag kam ich am nächsten Tag frühmorgens an der Schule an, wurde vom Rektor willkommen geheißen und in aller Kürze in die Gepflogenheiten der Schule eingeführt. Kurz darauf kämpfte ich mich durch die bereitgelegten Unterlagen. In aller Eile musste ich noch zwei, drei Klassensätze kopieren. Damit die Schülerinnen und Schüler bei einer Verspätung von mir nicht im Gang vor der geschlossenen Türe warten mussten, ließ ich zur Sicherheit die Schulzimmertüre offen. So konnte ich auch vermeiden, dass meine Kollegen durch Lärm gestört würden. Noch als ich im Kopierzimmer stand und innerlich den Kopierer anfeuerte, ertönte das erste Klingeln. Ich hörte die Schülerinnen und Schüler aus dem Schulhof hereinkommen und offensichtlich zielstrebig in ihre Klassenzimmer gehen. Kurz vor dem zweiten Klingeln trat ich mit meinen Kopien unter dem Arm schwungvoll in meinen Unterrichtsraum ein und begrüßte die Jugendlichen. Noch bevor ich einen zweiten Satz hätte sagen können, stand die Klasse zackig auf, trat hinter die Stühle und rief erstaunlich synchron, mit kräftigen Stimmen und wie von Geisterhand orchestriert: „Guten Morgen, Herr von Felten.“

Ich war absolut perplex, denn in meiner eigenen Schulzeit hatte ich noch nie dergleichen erlebt. Einzig in der Rekrutenschule musste ich an solchen Machtdemonstrationen teilnehmen. Im Bruchteil einer Sekunde entschied ich mich, dieses Schauspiel umgehend zu wiederholen. Ich verließ das Schulzimmer ohne weiteren Kommentar, wartete einige Sekunden draußen und trat dann nochmals wie beim ersten Mal ins Zimmer ein. Und siehe da, es spielte sich nach meinem Morgengruß das genau Gleiche – mit dem einen oder andern Schmunzeln von Schülerinnen und Schülern – nochmals ab. Darauf attestierte ich den Schülerinnen und Schülern eine außerordentliche Qualität bei der Durchführung dieses Rituals und eröffnete ihnen, dass ich künftig auf diese militärische Begrüßungsform verzichten wolle. Mir würde die Erwiderung meines Grußes im Sitzen und auch nicht ganz so laut und synchron durchaus reichen.

Nun hatte ich die Rechnung aber ohne den Rektor gemacht. Der zitierte mich Tag darauf – so schnell verbreitete sich die Neuigkeit des geänderten Begrüßungsrituals – zu sich und las mir als jungem Stellvertreter die Leviten. Ich könne als pädagogischer Jungspund den Lehrern dieser Bezirksschule nicht die Autorität untergraben und das traditionelle Begrüßungsritual einfach so verändern. Was mir da eingefallen sei? Die Order war klar. Die Begrüßung hatte wieder in ursprünglicher Form stattzufinden.

So musste ich gleichentags den Schülerinnen und Schülern erklären, dass man von nun an wieder wie früher aufzustehen und mich im Chor zu begrüßen habe. So mühten wir uns dann die restlichen Tage der Stellvertretung durch den traditionellen Morgengruß, zum Glück nicht mehr so dynamisch und synchron. Die Schülerinnen und Schüler hatten mit mir als jungem vom Rektor gemaßregeltem Stellvertreter ein wenig Mitleid und ich mit ihnen, dass sie vor und nach meiner Stellvertretung tagtäglich dieses disziplinierende Ritual unter dem Deckmantel der Pädagogik über sich ergehen lassen mussten.

Ein Vierteljahrhundert später schloss sich der Kreis der Begrüßungsrituale wieder. An einer größeren Sekundarschule nördlich des Juras traf ich die militärische Sammlungsform zum zweiten Mal an. Als Schulleiter hatte sich meine Position aber deutlich verändert. Nun hätte ich zitieren können. Ich zog es vor, mit den progymnasialen Lehrpersonen in einen Diskurs zu treten, ob dieses Strammstehen mit synchronem Morgengruß tatsächlich pädagogisch sinnvoll sei. Minimal konnten diese Lehrpersonen mir beipflichten, dass wir das gleiche Ritual an Konferenzen nicht einführen wollten. Einsicht ist oft ein langer Prozess.

Die beschriebene Praxis ist zum Glück an dieser Schule nicht verbreitet. Die Regel ist, dass sich vor und nach der Lektion Lehrpersonen und Schülerschaft per Handschlag begrüßen und verabschieden. Bei einem Unterrichtsbesuch erlebte ich eine wunderbare Variation. Statt dem Handschlag berührte die Lehrperson mit der geschlossenen Faust die ebenfalls geschlossenen Fäuste der Kinder. Ähnliches sieht man zum Beispiel bei Eishockeyspielern, die sich aufgrund der klobigen Handschuhe ja nicht die Hände, aber doch wenigsten „die Faust“ geben können. Der Lehrer erklärte mir auf mein Nachfragen, dass er diese Begrüßung bei der Schweinegrippe als hygienischere Form eingeführt habe. Da die Schülerinnen und Schüler daran Gefallen fanden, habe er sie so beibehalten.

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