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AUF DEM SPRUNG


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Landlust - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 02.12.2022
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Ein warmes Winterfell mit dichter Unterwolle hilft dem Reh durch den Winter.

Ruhig, aber aufmerksam stehen Rehe mitten auf dem gefrorenen Acker. Das im Sommer noch leuchtend rotbraune Fell ist einem dichten, eher graubraunen Winterfell gewichen. Deutlich zu erkennen ist der typische Spiegel, ein Kranz weißer Haare am Hinterteil. Während manche Tiere unter der dünnen Schneedecke nach Futter suchen, sichern die anderen beständig die Umgebung. Meist bleiben Rehe lieber im schützenden Unterholz. Aber mitten auf dem Feld kann ihnen niemand unbemerkt zu nahe kommen.

Schützende Gemeinschaft

Die lockere Gemeinschaft aus weiblichen Rehen mit ihren Kitzen, einigen Jungtieren des Vorjahres und einzelnen Böcken hat sich im Laufe des Herbstes zusammengefunden. Der Verband, auch Sprung genannt, besteht als schützende Gemeinschaft nur über die Wintermonate. Die Größe des Sprungs variiert je nach Lebensraum und kann nur aus fünf, aber auch aus zwanzig oder mehr Tieren bestehen. In der ...

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... kalten Jahreszeit bewegen sich Rehe möglichst wenig, um Energie zu sparen. Ihr gesamter Organismus fährt herunter: Herzschlag und Verdauung verlangsamen sich, die Temperatur in den äußeren Körperteilen nimmt ab. Dadurch verringert sich jedoch die Beweglichkeit ihrer Gliedmaßen deutlich. Besonders im Winter ist es daher wichtig, dass die Wildtiere nicht gestört werden.

Weit verbreitet

Rehe Capreolus capreolus kommen fast überall in Europa vor, mit Ausnahme einiger Mittelmeerinseln und auch Irland. Hierzulande sind sie von der Küste bis ins Hochgebirge verbreitet. Die kleinen Paarhufer mit den markanten Augen gehören zur Familie der Hirsche und sind folglich auch mit dem Rothirsch verwandt. Von diesem unterscheiden sie sich jedoch deutlich in Lebensweise und Körperbau. Als sogenannter Trughirsch steht das Reh sogar Elch und Rentier näher als den Echten Hirschen (s. Infotext auf Seite 139).

In Wald und Feld

„Bei der Wahl ihres Lebensraums sind Rehe äußerst anpassungsfähig“, sagt Prof. Dr. Ilse Storch, die an der Universität Freiburg die Professur für Wildtierökologie und Wildtiermanagement leitet. Überwiegend leben sie im Wald und bevorzugen dort abwechslungsreiche Waldränder mit vielen Sträuchern und Unterwuchs. Weil Rehe aber in unserer Kulturlandschaft gute Lebensbedingungen vorfinden, sind sie häufig in der Nähe von Siedlungen und auf landwirtschaftlichen Flächen zu sehen, die ihnen auch im Winter energiereiche Nahrung bieten.

KLEINES GEWEIH

Das Geweih dient Rehböcken überwiegend für Auseinandersetzungen mit männlichen Artgenossen, wenn sie die Grenzen ihres Territoriums kontrollieren. Jedes Jahr bilden sie zwischen Dezember und März ein neues aus, das sie im Herbst wieder abwerfen. Es besteht zunächst aus lebendem Knochenmaterial. Die Geweihstangen sind anfangs von einer gut durchbluteten Basthaut überzogen, die das wachsende Knochengebilde mit Nährstoffen versorgt. Ab dem Frühjahr stirbt der Knochen ab und die Haut beginnt einzutrocknen. Wenn der Rehbock sie an Zweigen abreibt, wird dies als „Verfegen“ bezeichnet.

KNÖPFE, SPIEßE UND GABELN

Bereits in ihrem ersten Lebensjahr erscheint bei jungen Böcken die Anlage für das Geweih: Es sind nur zwei sehr kleine Erhöhungen (Knöpfe oder Stirnzapfen), die unter der Haut wachsen. Wenige Monate später werden sie abgeworfen. Anschließend beginnt das Folgegeweih zu wachsen; der Rehbock wird nun als Jährling bezeichnet. Je nach Umweltbedingungen kann er längere Spieße oder auch schon ein Geweih mit mehreren Enden tragen. Besitzt der Kopfschmuck jeweils zwei Enden pro Stange wird der Bock als Gabler bezeichnet. Bei drei Enden heißt es Sechsergeweih; mehr Enden kommen nur selten vor. Jäger sprechen beim Rehbock traditionsgemäß von einem Gehörn, obwohl dies biologisch nicht korrekt ist. Denn Hörner, wie sie beide Geschlechter z. B. bei Gämsen oder Steinböcken tragen, werden nicht abgeworfen und wachsen lebenslang weiter.

Diese umgangssprachlich als Feldrehe bezeichneten Tiere haben sich an die landwirtschaftlichen Strukturen angepasst und bewohnen größere Feldgehölze, die an Wiesen und Äcker angrenzen. Tagsüber nutzen sie auch hohen Mais oder Getreide als Deckung. Ob in Wald oder Flur – die Rehe wählen den Lebensraum aus, der ihnen genügend Nahrung und Sicherheit bietet. Dabei ist es auch von Individuum zu Individuum verschieden, inwiefern sie hauptsächlich im Wald (Waldrehe) oder im Offenland (Feldrehe) leben oder intensiv zwischen beiden Landschaftstypen wechseln.

Feinschmecker

Auf der Futtersuche wählen die Tiere gezielt nährstoffreiche und leicht verdauliche Pflanzen wie frische Triebe, Knospen, Kräuter, Blüten oder gekeimte Saat. Da das Reh im Vergleich zu anderen Wiederkäuern einen kleinen Pansen besitzt, spendet die leichte Kost schnell Energie. Daher muss es jedoch viele kleine Mahlzei- ten aufnehmen und braucht entsprechend Zeit zum Wiederkäuen. Rechtzeitig im Herbst legen sich die Rehe ein Fettpolster an und fressen energiereiche Eicheln, Bucheckern und Beeren. Da das Futterangebot in den Wintermonaten knapp ist und sich ihre Aktivität stark verringert, nehmen sie naturgemäß deutlich weniger Nahrung auf. Gleichzeitig verbleibt diese länger im Darm und wird intensiver aufgeschlossen.

Gute Nase

Wenn die Tiere tagsüber umherstreifen, sind sie ständig auf der Hut. Rehe können gut hören und riechen. Steht der Wind günstig, wittern sie einen Menschen schon aus einer Entfernung von mehreren Hundert Metern. Die seitlich stehenden Augen verhelfen ihnen zu einem weit reichenden Rundblick, der ihnen vor allem auf großen Flächen eine gute Übersicht beschert und mögliche Feinde frühzeitig erkennen lässt. Das räumliche Sehen ist dagegen nicht stark ausgeprägt – sie reagieren vor allem auf schnelle Bewegungen und Hell-Dunkel-Kontraste.

Schutz im Unterholz

Wer im Wald spazieren geht, kann manchmal ein Reh „schrecken“ hören. Diese Lautäußerung erinnert an ein kurzes Hundebellen. Die Tiere geben sie von sich, wenn sie beunruhigt sind und die Gefahr noch nicht einschätzen können. Nähert sich etwas Unbekanntes, versuchen Rehe zuerst, sich zu verstecken. Mit dem schmalen Brustkorb und Kopf sind sie gut an einen Lebensraum mit viel Unterwuchs angepasst. Zusätzlich bewirkt die nach vorne abfallende Wirbelsäule, dass das Becken höher liegt als die Schultern. Ihre langen und kräftigen Hinterläufe ermöglichen es ihnen, rasch aus dem Unterholz aufzuspringen oder größere Hindernisse zu überwinden. Erst wenn sich die Tiere ernsthaft bedroht fühlen, flüchten sie mit weiten Sprüngen. Anschließend suchen sie schnell wieder ein Versteck oder verharren in sicherem Abstand auf dem Feld.

Eigenes Revier

Im Frühjahr löst sich die schützende Gemeinschaft auf und die Rehe suchen sich wieder eigene Reviere. Dabei bleiben die Weibchen, auch Ricken oder Geißen genannt, im Familienverband mit ihren Kitzen. Die Böcke dagegen beziehen alleine ein Gebiet. Beide Geschlechter markieren ihr Territorium über verschiedene Drüsen, die sich zwischen den Schalen und an den Sprunggelenken der Hinterläufe befinden. Der Rehbock hat zudem eine weitere Duftdrüse auf der Stirn, mit deren Hilfe er sein Revier abgrenzt. Dazu reibt er das Drüsensekret an Ästen oder kleinen Bäumen ab, dies geschieht auch beim Verfegen (siehe Infotext links). Darüber hinaus scharrt er mit den Vorderläufen an mehreren Stellen den Boden auf – er „plätzt“, wie der Jäger sagt. In diesem markierten Gebiet duldet der Rehbock im Sommer nur weibliche Rehe und Kitze und vertreibt männliche Artgenossen mithilfe seines Geweihs.

Wilde Kreise

Wenn Böcke während der Brunft im Juli oder August aufeinandertreffen, klären sie mit Imponiergehabe und ein paar Drohgebärden wie angedeuteten Stößen mit gesenktem Haupt, wer woanders sein Glück suchen muss.

Die Ricke ist nur wenige Tage paarungsbereit. Bei der ersten Begegnung mit einem Bock gibt sie sich meist abweisend, während der Rehbock ihr in dieser Zeit nicht von der Seite weicht. Bei diesen „blinden“ Verfolgungsjagden kreuzen die Rehe auch immer wieder Straßen: eine Gefahr für Tiere und Fahrer. Besonders an heißen Sommertagen kommt die Brunft richtig in Gang. Der Rehbock läuft in weiten Kreisen hinter der Ricke her. Die dadurch entstehenden kreisförmigen Spuren auf dem Waldboden oder in der Wiese werden Hexenringe genannt. Mit der Zeit werden die Kreise enger, bis die Ricke schließlich stehen bleibt und es zur Paarung kommt.

Weißgefleckt

Das befruchtete Ei ruht für vier Monate im Leib der Ricke. Die sogenannte Keimruhe stellt sicher, dass die Kitze zu einer günstigen Jahreszeit geboren werden. Die eigentliche Trächtigkeit beginnt im Winter. Ab Mai bringen die Ricken meist ein bis zwei Junge zur Welt. Mit ihrem braunen Fell und den typischen weißen Kitzflecken sind sie gut getarnt.

HILFE FÜR KITZE

In den ersten Lebenswochen liegen Kitze versteckt im hohen Gras oder krautigem Unterwuchs. Da sie bei Gefahr verharren anstatt wegzulaufen, sind sie durch Mähmaschinen gefährdet. Um Kitze, aber auch Hasen und Bodenbrüter zu schützen, werden Wiesen kurz vor der Mahd von Helfern und Jägern mit ausgebildeten Hunden abgesucht. Eine neue Methode sind Drohnen, die über eine Wärmebildkamera die Tiere finden können. Die wirksamste Maßnahme zum Schutz der Wildtiere bei der Grünlandmahd ist aus Sicht der Deutschen Wildtier Stiftung ein späterer Mähtermin.

In den ersten Wochen bleiben die Kitze meist alleine regungslos in Deckung liegen, z. B. im hohen Gras. Die Mutter bleibt aber in der Nähe. Mehrfach am Tag geht sie zu ihrem Nachwuchs, um ihn zu säugen. Mit der Zeit folgen die Kitze der Mutter immer häufiger. Wenn sie nach ein paar Wochen groß genug sind, begleiten sie sie regelmäßig.

Erster Winter

Bis zum Spätherbst werden die Jungen gesäugt und nehmen nebenher pflanzliche Nahrung auf. Mutter und Jungtiere schließen sich gemeinsam mit weiteren Tieren zu einem Sprung zusammen, in dessen Schutz sie den Winter verbringen. Im Frühjahr zur neuen Setzzeit werden sie vom Muttertier nicht mehr geduldet und müssen sich dann ein eigenes Territorium suchen.

? Text: Dr. Verena Sohns