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Auf den Bergtundren des Dovrefjell


Nationalpark - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 01.03.2020

Einzigartige Naturerlebnisse in arktisch-alpiner Umwelt bietet der Dovrefjell-Nationalpark im Süden Norwegens. VON SIEGFRIED KLAUS


Moschusochsen und Schneehühnern ganz nah

Mitte September 2018 – unser Aufstieg beginnt an der berühmten Kongsvold Fjeldstue. Die Station mit ihren weißen und ziegelroten Gebäuden, zum Teil aus dem frühen 18. Jahrhundert, liegt am alten Königsweg zwischen Oslo und Trondheim, heute ein beliebter Pilgerpfad. Wir sind aber nicht als Pilger unterwegs, sondern auf der Suche nach den Moschusochsen, die hier ihr einziges Vorkommen in Norwegen haben. Die Fjellbirkenwälder auf beiden ...

Artikelbild für den Artikel "Auf den Bergtundren des Dovrefjell" aus der Ausgabe 1/2020 von Nationalpark. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Nationalpark, Ausgabe 1/2020

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... Seiten des Drivatales prangen in den goldgelben Farben des Herbstes. Von früheren Besuchen wissen wir, dass wir die Herden westlich des Driva-Flusses suchen müssen. Das Auffinden der zotteligen Riesen wird dem Naturfreund heute allerdings leicht gemacht – am Beginn des Aufstiegs finden wir eine Tafel mit der skizzierten und dem Hinweis „200 Meter Abstand halten“. Immerhin gab es schon Verletzte und selten Todesfälle, wenn übereifrige Tierfotografen kritische Distanzen ignorierten.

Moschusochsen sind das Wahrzeichen des 1974 durch königliches Dekret, zum Schutz der einzigartigen Fjell-Natur gegründeten norwegischen Nationalparks. 2002 wurde das Gebiet auf 1.693 Quadratkilometer vergrößert und in Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark umbenannt. Nach wie vor trennt das Kerbtal der reißenden Driva mit Bahnlinie und Fernverkehrsstraße E6 die beiden Teile des Nationalparks. Die Moschusochsen nutzen davon nur ein begrenztes Areal von etwa acht mal 13 Kilometer Ausdehnung und queren selten die E6, um in den Ostteil zu gelangen.

Zuerst 1932 und erneut zwischen 1947 und 1953, nach dem kriegsbedingten Niedergang, aus Grönland hierher eingeführt, leben die urig anmutenden Paarhufer als besondere Attraktion auf den Bergtundren des Dovrefjells. Trotz ihrer Rinderähnlichkeit gehören Moschusochsen zur Familie der Ziegenartigen. Sie ernähren sich in den Zwergstrauchheiden von den zahlreichen Weidenarten, Zwergbirken, Heidekraut- und Grasgewächsen der zahlreichen Moore und trotzen den Unbilden jeder Wetterlage. Nach mehreren kritischen Phasen wird der nunmehr stabile Bestand mit über 200 Tieren angegeben. Moschusochsen zeigen große Toleranz gegen eisige Kälte, Eis und Schneestürme, sind aber empfindlich gegen anhaltende Nässe und Feuchtigkeit. Die im kurzen arktischen Sommer aufgebauten Fettreserven helfen den Tieren über den Winter. Reichen diese Reserven nicht, droht der Hungertod oder sie werden – wie in der Wildnis Kanadas – von Wölfen gerissen.

Wir haben die obere Grenze des Birkenwalds erreicht, und der Blick schweift über das wellige Hochplateau der Fjell-Landschaft. Zwergsträucher prägen die Bergtundra. Die Zwergbirken glühen zu dieser Jahreszeit in Gelb, Orange und allen Schattierungen von Rot. Die Blätter der Grauweiden färben sich jetzt von silbergrau zu zartgelb. Die bunten Mosaike werden von Felsen und den zart grünlichen Flächen der Rentierflechte malerisch unterbrochen. Einige höhere flache Berge überragen das Plateau, das überall durch die Spuren der letzten Eiszeit geprägt ist. Vor dem eisgrauen Rücken des Høgsnyta, der eine Höhe von 1.735 Meter erreicht, entdecken wir in der Ferne die erste Moschusochsenherde, 13 braune Riesen, die wiederkäuend auf dem Flechtenteppich ruhen. Wir halten die 200-Meter-Distanz ein. Mit dem Fernglas lassen sich diese urzeitlich anmutenden Tiere bis ins Detail beobachten.

Paarungszeit der Moschusochsen

Eine Moschusochsenherde weidet und ruht wiederkäuend in der Bergtundra. Der Bulle trägt noch Reste des Winterfells auf dem Rücken.


Obwohl die Paarungszeit für Juli-August angegeben wird, erleben wir jetzt im September die Tiere noch in der Brunft. Die Zeit der Rangeleien und Kämpfe ist aber offenbar vorüber. Der an seiner imposanten Größe und den stark ausgebildeten Hörnern kenntliche Bulle sucht engen Körperkontakt mit einer brunftigen Kuh und nimmt mit tief gesenktem Kopf ständig Witterung an deren Hinterteil auf. Liegende Kühe werden durch sanftes Anrempeln zum Aufstehen bewegt. Im Stehen setzen sie das Wiederkäuen fort. Zum Werberitual gehört es, nebeneinander zu stehen oder parallel zu laufen. Gelegentliches Kopfstoßen und Aufsteigversuche gehen der eigentlichen Paarung voraus. Andere Kühe und Kälber stehen oder liegen unbeteiligt dicht daneben, die Kälber meist in der Mitte der Herde. Offenbar gibt es kein Reviersystem. Die Herden meiden sich, wandern aber im gleichen Areal umher und können dort grasen, wo am Tage vorher eine andere Herde weilte.

Gegen Ende der Brunft sieht man auch weit in der Landschaft verstreute einzelne Tiere, oft Kühe mit ihrem vorjährigen Kalb. Im Winter werden sich aber große Gruppen mit bis zu 100 Moschusochsen bilden. Sonst umfassen die Herden fünf bis fünfzehn Individuen.

Synchrones Fressen, Ruhen, Wiederkäuen und kleinere Ortswechsel – kaum über zwei Kilometer Länge – bestimmen den Tagesablauf. Einzelne Tiere, meist Bullen, haben den Haarwechsel noch nicht abgeschlossen, am Rücken und Nacken tragen sie noch zottelige, ausgeblichene Filzdecken aus Althaaren. Die meisten aber besitzen das prachtvolle, langhaarige dunkle Fell mit hellem Sattelfleck, wie es die Bilder zeigen. Im ständigen Wind wehen die bis zu einen Meter langen Flanken- und Bauchhaare, die nur die weißen unteren Teile der Beine freigeben. Eine offensichtlich uralte Kuh mit überlangen Hörnern lagert sich abseits von der Herde und ruht viel länger als der Rest der Gruppe. Der kalte Wind, der ständig über die Hochfläche weht, frischt auf. Wir haben für heute genug beobachtet und ziehen uns Richtung Drivatal zurück.

Am Rückweg taucht aus dem Fjellbirkwald nahe der unteren Hangkante eine einzelne Kuh auf, die zielstrebig nach oben zieht und sich kaum mit Nahrungserwerb aufhält; kurz darauf – ebenfalls ohne Herdenanschluss – ein Bulle mit Kuh. Auch diese bewegen sich zügig im Gelände, verweilen gelegentlich kurz auf von Rentierflechte überzogenen Hügeln, um dann bergwärts weiterzuziehen. Es fällt auf, dass sich die Einzelgänger oder Paare keine Zeit zum Ruhen und Wiederkäuen gönnen. Sie ziehen mit kurzen Unterbrechungen in ständiger, meist geradliniger Bewegung hangaufwärts. Nur bei einer Kuh mit Kalb hören wir lautes Blöken, das an Rinder erinnert, vielleicht hat sie den Kontakt mit ihrer Herde verloren. In der Wildnis mit Wölfen wäre eine solche vereinzelte Kuh sicher kaum in der Lage, ihr vorjähriges Kalb wirksam zu verteidigen. Im Dovrefjell besteht diese Gefahr vorerst nicht.

Im Frühjahr stehen die Herden gern in den Birkenwäldern der Hanglagen. In der Nahrung spielen dann Zweige und Blätter von Birken und Weiden, Kräuter, Süß- und Sauergräser die Hauptrolle, auch Flechten und Moose werden vertilgt. Nach der Geburt der Kälber im Mai und Juni sondern sich die Mütter von der Herde ab. Dann ist in den unübersichtlichen Birkenbeständen beim Wandern besondere Vorsicht geboten.

Faszinierende Schneehühner

Das Dovrefjell ist seit Langem ein Zentrum der norwegischen Schneehuhnforschung. Hier wurden Siedlungsdichten, Raumverhalten, Bruterfolg und Bestandsschwankungen der beiden Schneehuhnarten studiert. Das Moorschneehuhn bewohnt die unteren Lagen in der weiden- und zwergbirkenreichen Landschaft bis auf etwa 1.200 Meter, darüber liegt die

Das Gelb und Rot der Zwergbirken im Wechsel mit Flechtenteppichen bestimmen das bunte Mosaik der Hochebenen im Dovrefjell.


Moschusochsenpaar im zotteligen Winterfell.


Heimat des Alpenschneehuhns im felsdurchsetzten Terrain. Mit etwas Glück trifft der Wanderer auf diese faszinierenden Raufußhühner, allerdings sind sie scheu, denn sie sind trotz des Nationalparkstatus‘ beliebte Jagdobjekte. Im Herbst finden sich beide Arten zu kleineren und größeren Flügen zusammen. Einmal fliegt eine Gruppe von 20 Moorschneehühnern dicht über unsere Köpfe hinweg, und am Weg liegt eine Rupfung, die wahrscheinlich vom Gerfalken stammte.

Im Frühjahr verteidigen die Moorschneehähne mit Schauflügen und lauten Gesängen ihre relativ kleinen Territorien in Tundren, Mooren und lichten Wäldern, oft in den Rand- und Übergangszonen. Zur Brutzeit und danach, beim Führen der Jungen, halten sich die Hähne verlässlich zur Henne mit ihren Küken. Wie beim Alpenschneehuhn erfolgt über das Jahr hin ein ständiger Gefiederwechsel zwischen verschiedenen Kleidern. Im Winter sind die Vögel mit Ausnahme der schwarzen Schwanzfedern vollständig weiß. Bis zu 20 Stunden pro Tag verbringen sie bei widrigem Wetter in ihren Schneehöhlen, die sie selbst graben und nur einmal nutzen.

Das Alpenschneehuhn bildet kleinere Gruppen. Eine davon, bestehend aus sechs Vögeln, strich aus dem Blockgewirr unter dem Gipfel der Knutshøa (1.684 Meter) ab. Im Frühjahr gibt es aggressive Kämpfe zwischen den zwei Arten. Beide nutzen die reichlich vorhandene Bodenpflanzennahrung. Das Alpenschneehuhn mehr Kräuter und Gräser, das Moorschneehuhn im Winter die harte Zweignahrung – Knospen, Kätzchen und Zweigstücke von Weiden und anderen Zwergsträuchern. Mit seiner besonders in der zweiten Winterhälfte nur begrenzt verfügbaren Nahrung aus Zweigen steht das Moorschneehuhn in Konkurrenz mit Elch und Schneehase. Ihm kommen aber auch die Fressgewohnheiten von Moschusochsen und Rentieren entgegen, die den Boden vom Schnee befreien und Bodenpflanzen freilegen, die die Hühner nur zu gerne fressen.

Links oben: Alpenschneehuhn im Septemberkleid, das das Huhn im Fels hervorragend tarnt.


Mitte: Moorschneehahn im Übergangskleid.


(Fotos: Siegfried Klaus)

SIEGFRIED KLAUS, bis 2007 Referatsleiter für Artenschutz an der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie, Schwerpunkte heute: Waldnaturschutz und Ornithologie.

„Die Schneehuhnjagd im Dovrefejell – heute bereits eingeschränkt – sollte künftig ganz unterbleiben, wie es die IUCN-Regeln für Nationalparke vorsehen.“

Der höchste Gipfel im Dovrefjell, die Snøhetta (2.286 m) mit ihren Gletschern, ist selten ohne Wolkenkappe zu sehen.