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AUF DEN ERSTEN BLICK


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 24.06.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 7/2022

Nahe der Innenstadt von Asheville in North Carolina untersuchen Biologen einen sedierten Bären. Sie laden Bewohner ein, ihre Arbeit zu beobachten, und erklären, wie man Konflikte mit den Tieren vermeidet, die aus den nahen Bergen in die Stadt kommen.

ist es eine Szene, wie sie sich jeden Tag in jeder beliebigen amerikanischen Stadt abspielt: Ein Postbote steigt aus seinem Lieferwagen und geht mit großen Schritten über die Straße. Unspektakulär. Was ihm nicht auffällt oder ihn nicht kümmert:

Nur wenige Meter entfernt sitzt ein kräftiger Schwarzbär auf den Hinterbeinen und kratzt sich energisch das ausfallende Winterfell. Direkt links von ihm, hinter einem Maschendrahtzaun, dröhnt eine viel befahrene Hauptverkehrsstraße. Für den Bären ist der Lärm offenbar nur Hintergrundrauschen. Irgendwann trollt er sich den Bürgersteig hinunter ins Wohnviertel. Die Innenstadt von Asheville in North Carolina ist keinen Kilometer entfernt.

An diesem Highway haben Forscher eine faszinierende Entdeckung gemacht: eine tief ausgehöhlte Stelle in einem knorrigen alten Silber-Ahorn. Dort hat der Bär N209, ein Weibchen, das wie einige Hundert weitere an der Studie ...

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... beteiligte Bären mit einem Funkhalsband ausgestattet wurde, seinen Winterschlaf gehalten. Trotz des Verkehrs, der wenige Meter entfernt vorbeirauschte.

„Die Bären überraschen mich immer noch“, ruft mir Colleen Olfenbuttel über den Verkehrslärm hinweg zu. Die Biologin, Expertin des Bundesstaates für Schwarzbären und andere Pelztiere, hält die Leiter fest, während ein Kollege in die Baumhöhle klettert und den Schlafplatz vermisst. Es ist der größte Baum, den Olfenbuttel in den 23 Jahren, in denen sie sich mit Schwarzbären beschäftigt, gesehen hat. „So viel Anpassungsfähigkeit hätten wir ihnen nie zugetraut“, sagt sie.

Es ist verblüffend, wie heimisch die Schwarzbären in Asheville sind. In der modernen Stadt in den Blue Ridge Mountains schlurfen sie am helllichten Tag durch die Wohnstraßen. Einige der 95 000 Bewohner haben die behaarten Nachbarn akzeptiert. Fast jeder, den man fragt, hat ein Video von der letzten Begegnung mit einem Bären auf dem Handy. Manchmal entstehen die Aufnahmen direkt vor der Haustür.

Dass die Bären in Asheville und anderswo heimisch wurden, liegt an der veränderten Landnutzung und dem üppigen Nahrungsangebot im Umfeld der Menschen. Das hat die Population in Nordamerika auf fast 800 000 Tiere anwachsen lassen. Zugleich haben zersiedelte Städte und Vororte den Bären große Teile ihrer Lebensräume geraubt. Sie hatten kaum eine andere Wahl, als sich auf das Zusammenleben mit den Zweibeinern einzustellen. Das Phänomen tritt nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt auf; und es beschränkt sich auch nicht auf Schwarzbären. Viele Nahrungsgeneralisten ziehen los und wappnen sich mit geändertem Verhalten für den Überlebenskampf in der Stadt.

Die National Geographic Society setzt sich dafür ein, die Wunder unserer Erde zu beleuchten und zu schützen. Seit 2019 unterstützt sie das Fotoprojekt des Explorers Corey Arnold über Waschbären.

Bei Forschern kristallisiert sich eine Erkenntnis heraus: Viele Tierarten passen sich auf nie da gewesene Weise an das Stadtleben an: Kojoten sehen sich um, bevor sie eine Straße überqueren. Schwarzbären wissen, wann die Müllabfuhr kommt. Waschbären finden heraus, wie sie Verschlussgurte von Mülltonnen lösen.

Eine 2020 erschienene Übersichtsarbeit zu Wildtieren in der Stadt gelangte zu einem erstaunlichen Ergebnis: 93 Prozent der in Städten lebenden Säugetiere verhalten sich anders als ihre Artgenossen in ländlichen Gebieten, darunter ganz unterschiedliche Tiere wie Wildkaninchen, Wildschweine, Rhesusaffen oder Steinmarder. Die meisten von ihnen wurden nachtaktiv, um Menschen aus dem Weg zu gehen. Außerdem haben sie ihren Speiseplan auf Nahrung des Menschen erweitert und ihr Revier auf eine viel kleinere Fläche begrenzt. Die Forscher sagen: Je mehr wir über die Tiere in unserer Nähe wissen, desto besser kommen wir mit den neuen Mitbewohnern zurecht.

IN EINEM WALDSTÜCK bei Asheville, hinter einer Reihe von Fastfood-Restaurants und Hotels, baut die Doktorandin Jennifer Strules mit zwei Kollegen eine Röhrenfalle auf. Mit dem tonnenförmigen Stahlkäfig können sie Bären unversehrt einfangen. Sie hoffen auf eine Bärenmutter, die schon einmal gefangen wurde und mit ihren drei Jungen in der Gegend zu Hause ist.

Strules beschäftigt sich an der North Carolina State University mit Ernährung und Fortpflanzung von Schwarzbären in der Stadt. Sie öffnet eine Schachtel mit Backwaren: ein unwiderstehlicher Köder für die Tiere, die eine empfindlichere Nase haben als ein Bluthund. Das Team streicht Zuckerguss auf die Seitenwände der Falle und wirft ein paar Donuts und Zimtschnecken hinein. Sollte die Bärenmutter in die Falle gehen, wollen die Forschenden sie betäuben und das Funkhalsband austauschen.

2014 begann in North Carolina die Arbeit an der „Urban/Suburban Bear Study“. In der ersten Phase bis 2018 wurden unter Leitung des Naturschutzbiologen Nicholas Gould die Daten von mehr als 100 mit Funkhalsbändern ausgestatteten Bären zusammengetragen. Dabei zeigten sich faszinierende Unterschiede zwischen den Bären in städtischen und ländlichen Gebieten. In der Stadt wogen Bärenweibchen im Alter von ein bis eineinhalb Jahren fast doppelt so viel wie ihre Artgenossinnen auf dem Land. In der Stadt brachten einige Weibchen im Alter von zwei Jahren bereits Junge zur Welt, auf dem Land pflanzte sich kein einziger Bär in diesem Alter fort. Allerdings starben auch 40 Prozent der Stadtbären im Laufe der vier Jahre; die Hauptursache waren Autounfälle. Es ist noch unklar, ob das Stadtleben für die Bären von Asheville Fluch oder Segen ist.

Andere Studien zeichnen ein eindeutigeres Bild ohne die positiven Aspekte. Auch in anderen urbanen Gegenden haben die Bären ein höheres Körpergewicht und mehr Junge, aber ihr Nachwuchs überlebt nur selten. Unter dem Strich geht die Population zurück. Beim Anblick wohlgenährter Bären mit einem Rudel Jungtiere könnte man meinen, wachsende Städte und ausufernde Vororte würden den Tieren nutzen. Aber die Realität sieht anders aus.

Es ist auch nicht so, dass Menschen und Bären immer harmonisch zusammenleben. Nicht einmal im aufgeschlossenen Asheville ist das der Fall: Hier haben Bären in den letzten Jahren Haustiere getötet und mindestens einen Menschen verletzt. 2020 griff eine Bärenmutter, die ihre Jungen verteidigte, den Hund von Valerie Patenotte an. Er überlebte nicht. „Uns ist klar, dass alle miteinander zurechtkommen müssen“, sagt Patenotte auf der Veranda hinter ihrem Haus mit Blick auf die Berge. „Wir wollen einfach mehr Abstand von den Bären.“ Wie aufs Stichwort taucht unter uns eine Bärenfamilie auf. Ein Jungtier klettert auf einen Baum, ein anderes tollt um seine schwerfällige Mutter herum, während diese uns misstrauisch beäugt.

MITHILFE EINES EXPERIMENTS will Jennifer Strules herausfinden, wie die Bewohner gefahrlos mit ihren wilden Nachbarn zusammenleben können. Zwei Wohnviertel werden mit Bear-Wise ausgebildet, einer Initiative, die bald landesweit das „Bärenbewusstsein“ fördern soll. Dazu gehört, dass Haustiere angeleint, Mülltonnen verschlossen und Vogelhäuschen entfernt werden. Menschen sollen sich den Tieren nicht nähern oder sie füttern. Zwei andere Wohnviertel erhalten keine Informationen, sie dienen als Kontrollgruppe. Strules will den mit Funkhalsbändern ausgestatteten Bären in allen vier Wohnvierteln auf der Spur bleiben und herausfinden, ob die Informationen bei den Bewohnern zu einer Verhaltensänderung führen und die Berichte über Belästigungen abnehmen. In der Stadt Durango in Colorado wurden sogar mehr als 1000 bärensichere Mülltonnen aufgestellt. Haushalte, die diese Behälter benutzten, berichteten über einen Rückgang problematischer Begegnungen um 60 Prozent.

Doch es gibt auch Menschen, die Bären gern bei sich haben. Für Janice Husebo gehören die Tiere zur Familie. Seit 22 Jahren lockt sie hungrige Bären auf die Veranda ihres Hauses nordöstlich der Innenstadt von Asheville. Dort dürfen sie sich an Schüsseln mit Vogelfutter bedienen.

Die Behörden warnen dagegen, dass das Füttern zu mehr Konflikten und Verletzungsrisiken führt. Damit nehme auch die Toleranz für die Tiere ab. Eine kommunale Verordnung verbietet daher die Fütterung. Jennifer Strules hofft, dass ihre Forschung einen Weg aufzeigt, wie man am besten mit den Tieren zusammenlebt – einen Weg, der für sie und für uns der beste ist.

NIEMAND HÄTTE GEDACHT, DASS DIE SCHWARZBÄREN SICH SO GUT IN ASHEVILLE EINLEBEN WÜRDEN. HIER STREIFEN SIE AM HELLLICHTEN TAG DURCH DIE WOHNSTRASSEN UND BESUCHEN MENSCHEN AUF IHRER VERANDA.

DAS ERFOLGSREZEPT VON WILDTIEREN IN DER STADT: SIE KÖNNEN SICH FAST ÜBERALL VERSTECKEN UND FAST ALLES FRESSEN, AUCH ABFÄLLE UND KLEINE HAUSTIERE.

Während die Schwarzbären in den USA bisher ungefähr die Hälfte ihres früheren Verbreitungsgebietes zurückgewonnen haben und heute in rund 40 Bundesstaaten zu Hause sind, haben Kojoten, die ursprünglich aus den Great Plains stammen, die Vereinigten Staaten in den letzten Jahrzehnten im Sturm erobert. Sie sind heute in allen Bundesstaaten mit Ausnahme von Hawaii und in den meisten größeren Städten zu Hause. In Chicago leben bis zu 4000 Kojoten.

Der Wildtierökologe Stan Gehrt erforscht die Kojoten von Chicago seit dem Jahr 2000. Kurz zuvor waren die Tiere dort zum ersten Mal aufgetaucht. Gehrt, der für die Ohio State University und die Max McGraw Wildlife Foundation arbeitet, glaubte damals, sein Projekt werde höchstens ein Jahr dauern. Mehr als zwei Jahrzehnte später beschäftigt es ihn immer noch. „Wir haben diese Tiere und ihre Anpassungsfähigkeit stets unterschätzt“, sagt Gehrt. „Sie schieben das, was wir für ihre Grenzen halten, immer wieder hinaus.“

Ein Frühjahrsmorgen in Schaumburg, einem Vorort von Chicago. Drei Forschende stapfen hinter einer Wohnsiedlung durch die sumpfige Landschaft. Sie suchen nach dem Bau und den Jungen von Kojote 581, einem Weibchen mit Funkhalsband. Plötzlich übertönt das Quieken eines jungen Kojoten den Verkehrslärm.

Wenige Augenblicke später stößt Lauren Ross einen Ruf aus. Die leitende Feldassistentin hat ein wenige Wochen altes Jungtier gefunden. Es sitzt im hohen Gras, der helle Bauch noch gebläht von Muttermilch. Vorsichtig hebt Ross das Männchen hoch und untersucht es. Sie nimmt ein Haarbüschel für die Genanalyse und setzt dem Welpen zwischen den Schulterblättern einen kleinen Mikrochip ein, einen sogenannten PIT-Tag. Der unbeholfene kleine Kojote bleibt während der Untersuchung ganz ruhig. Die Mutter werde zu ihm zurückkommen, sobald das Team wieder gegangen ist, erklärt Ross.

Stan Gehrt hatte anfänglich geglaubt, Kojoten würden sich nur in Parks und auf Grünflächen herumtreiben. „Mittlerweile haben wir überall Kojoten – in jedem Wohnviertel, jedem Vorort und in der Innenstadt.“ Dabei bleibt nichts unversucht, um sie auszurotten. Im Jahr werden mindestens 400 000 Tiere getötet, ein Fünftel davon im Rahmen eines staatlichen Programms zur Bestandskontrolle, vor allem im Westen der USA. Die Kojoten von Chicago sterben hauptsächlich bei Autounfällen, obwohl sie gelernt haben, Autos zu meiden und sogar auf rote Ampeln zu achten.

In puncto Anpassungsfähigkeit hilft ihnen ihre vielseitige Ernährung. Kojoten fressen so gut wie alles, von Schuhleder bis hin zu Obst, das sie sogar von Bäumen pflücken. Zudem können sie praktisch überall leben. Aber sind sie genetisch für ein Leben als Stadtbewohner konstruiert? Oder passen sie sich mit ihrer berüchtigten Schläue einfach schnell an? Möglicherweise ist es eine Mischung aus Lernen und Vererbung. Der Stadtökologe Christopher Schell von der University of California in Berkeley spricht von adaptiver Plastizität. Anders gesagt: Möglicherweise nutzen die Kojoten ihre angeborene Fähigkeit, sich auf neue Umgebungen einzustellen, und kommen dort im Laufe der Zeit immer besser zurecht. „Kojoten sind wie eine künstliche Intelligenz, die schneller lernt als die Menschen, die sie erschaffen haben, und irgendwann die Weltherrschaft übernimmt“, sagt Schell scherzhaft.

Zusammen mit der Wildtierbiologin Julie Young, die in Utah für das National Wildlife Research Center des US-Landwirtschaftsministeriums arbeitet, untersucht Schell, wie das Futter bei Kojoten in Gefangenschaft das Verhalten beeinflusst. So vergleichen sie beispielsweise eine Gruppe von Kojoten, die ein simuliertes urbanes Menü mit vielen Kohlenhydraten und Zucker erhält, mit Artgenossen, die sich natürlicher und proteinreich ernähren. Ihre Hypothese: Kojoten, die das Gleiche fressen wie Menschen, werden ihnen gegenüber auch mutiger. So könnte ein Kojote, der verarbeitete Getreideprodukte frisst, schneller wieder hungrig auf Nahrungssuche gehen als ein Tier, das zum Frühstück ein Kaninchen verspeist hat. Bei den Kojoten von Chicago hat Gehrt solch einen Zusammenhang nicht gefunden. Er weist aber darauf hin, dass die Abhängigkeit von den Lebensmitteln der Menschen häufiger zu Konflikten mit diesen und ihren Haustieren führt.

WIE KOJOTEN UND BÄREN verbreiten sich auch Waschbären in Städten Nordamerikas immer stärker. In Washington wollten die Wildtierforscher Kate Ritzel und Travis Gallo wissen, ob Waschbären, die in der Stadt leben, vorwitziger und risikobereiter sind als solche aus ländlichen Gebieten. Sie testeten die Bereitschaft von Waschbären, unbekannte Gegenstände zu untersuchen. Dafür vergruben sie Köder in markierten Feldern und installierten in deren Nähe an mehr als 100 Orten in der Stadt und in benachbarten

KOJOTEN HABEN DIE VEREINIGTEN STAATEN IN DEN LETZTEN JAHRZEHNTEN IM STURM EROBERT. MAN FINDET SIE HEUTE IN ALLEN BUNDESSTAATEN MIT AUSNAHME VON HAWAII UND IN DEN MEISTEN GRÖSSEREN STÄDTEN.

Ritzels Daten deuten darauf hin, dass Waschbären in der Stadt neugieriger sind als ihre Verwandten vom Land: Sie nahmen sich mehr Zeit, die Felder mit den Ködern zu inspizieren. Stadttiere sind auch häufiger paarweise unterwegs als ihre stärker revierbewussten Artgenossen auf dem Land. Das legt nahe, dass Waschbären in der Stadt ihr Verhalten an das urbane Leben anpassen. Nun will Ritzel herausfinden, „ob evolutionäre Veränderungen stattfinden“.

ALS DIE ZOOLOGIN Sarah Benson-Amram sich vor rund zehn Jahren zum ersten Mal mit Verhalten und Kognition von Waschbären beschäftigte, ging sie davon aus, dass eine derart weit verbreitete Art bereits eingehend erforscht war. Schließlich sind die Allesfresser mit ihrem buschigen Schwanz Ikonen der Popkultur, scherzhaft werden sie Müll-Pandas genannt. Aber in der wissenschaftlichen Literatur fand Benson-Amram so gut wie nichts. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten einige Wissenschaftler damit begonnen, die schlauen Tiere zu erforschen. Aber als ihre Untersuchungsobjekte immer wieder aus den Käfigen ausbrachen, gaben sie auf.

Bisher hat Benson-Amrams Forschung den Ruf der gewieften Waschbären bestätigt. In einem Experiment zum Umkehrlernen setzte sie Waschbären, Kojoten und Stinktieren eine Kiste vor, die mit einem Knopf oder Fußhebel ausgestattet war und Futter freigab, wenn der Hebel betätigt wurde. Nachdem die Tiere herausgefunden hatten, wie sie an die Nahrung kommen, wechselten die Forschenden die Knöpfe und Pedale, sodass die Tiere ihre Strategie anpassen mussten. Die meisten Waschbären lösten das Problem schon in der ersten Nacht. Dagegen kam nur einer von sechs Kojoten mit der Kiste zurecht – und das auch erst in Nacht 44 des Experiments.

Kojoten, so Benson-Amram, haben in der Stadt eine andere Überlebensstrategie als Waschbären. „Sie haben Erfolg, indem sie die Menschen nicht ausnutzen, sondern ihnen aus dem Weg gehen.“ Ihre Studie spricht dafür, dass manche Säugetiere in den Ballungsräumen ihre kognitiven Fähigkeiten nutzen, um sich an das Stadtleben anzupassen, und angesichts von Hindernissen sofort etwas Neues erfinden können.

Die Neurowissenschaftlerin und Verhaltensforscherin Kelly Lambert von der University of Richmond hat die Gehirne gefangener Waschbären, die für ihre guten Problemlösungsfähigkeiten bekannt waren, mit denen weniger innovativer Artgenossen verglichen. Wie sich herausstellte, liegt bei den Problemlösern eine größere Zahl spezialisierter Nervenzellen im Hippocampus, einem Zentrum für Lernen und Gedächtnis. „Das hat mich richtig umgehauen“, sagt Lambert. Außerdem fand sie heraus, dass das Gehirn des Waschbären dem Primatengehirn so ähnlich ist wie kein anderes. Wie bei den Kojoten und vielen anderen Tieren in Städten muss noch weiter untersucht werden, ob nachfolgende urbane Waschbären-Generationen immer schlauer werden. „Möglicherweise schaffen wir derzeit tatsächlich schlauere Tiere, weil wir sie vor immer schwierigere Probleme stellen“, sagt Benson-Amron.

Die Fenstergitter sind eine ideale Kletterhilfe für die Waschbärenmutter und ihre Jungen auf dem Hausdach von Michelle Ackerman in San Francisco. Stadtbewohner kommen immer besser mit urbanen Herausforderungen zurecht. Forscher vermuten, dass Vererbung dabei eine Rolle spielen könnte.

Das Leben der wilden Tiere in der Stadt wurde von der Wissenschaft lange Zeit kaum beachtet. „Die Verstädterung schreitet auf unserem Planeten immer schneller voran, und da ist es doch töricht, wenn wir sagen: Ach, um die Tiere in den Stadtlandschaften kümmern wir uns nicht“, sagt Seth Magle, Direktor des Urban Wildlife Institute an Chicagos Lincoln Park Zoo. „Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen mit den Wildtieren leben.“ Über den Konflikten vergessen die Menschen, dass sie mit Wildtieren oft wunderschöne Erlebnisse hätten, fügt Magle hinzu. „Es sollte im Zusammenleben mit den Tieren auch darum gehen, die schönen Augenblicke zu zelebrieren.“

Ich erlebte einen solchen Augenblick an einem Sommermorgen, als ich mit einigen Biologen auf einem Golfplatz Kojotenkot suchte. Auf einer Anhöhe sahen wir unmittelbar unter uns einen Kojoten mit seinem Jungen. Sein Rücken glänzte golden in der Sonne. Er blieb reglos stehen, während der Welpe herumtollte. Wenige Sekunden später verschwand das erwachsene Tier lautlos in den Bäumen. Der Kleine warf einen letzten Blick zurück, dann verschwand auch er im Schatten.j Aus dem Englischen von Dr. Sebastian Vogel

Christine Dell’Amore i st leitende Redakteurin für Tierthemen und liebt benachteiligte Arten, besonders Kojoten. Der Fotograf Corey Arnold arbeitete schon im Alter von zehn Jahren ehrenamtlich in einer Wildtierstation mit.