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Auf den Spuren meines Vaters


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 04.03.2022

GESCHICHTE

Flucht und Vertreibung 1945

Artikelbild für den Artikel "Auf den Spuren meines Vaters" aus der Ausgabe 10/2022 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 10/2022

Ausgerechnet das Oberteil des Matrosenanzugs hatten sie vergessen. Das weiße Hemd mit marineblauem Kragen. Der Anzug war neu. Der Junge, neun Jahre alt, hatte ihn zu Weihnachten bekommen und noch kein einziges Mal getragen. Als er und seine Mutter am späten Nachmittag Hals über Kopf das Haus verließen, wurde es langsam dunkel. Es war eisig kalt. Überall lag Schnee. In der Ferne donnerten Geschütze. Am 22. Januar 1945.

An den halben Matrosenanzug denkt Christiane Hoffmann, als die Gartenpforte hinter ihr zufällt. Der Familienhof ihres Vaters Walter, in dem sie die Nacht verbracht hat, ist der letzte in der Straße. Dahinter folgen nur noch Felder. Unter grauem Himmel und bei Temperaturen gegen null bricht die damals 52-Jährige am 22. Januar 2020 morgens auf. Fast unvorbereitet. Nur ihre Route steht fest: Von Rózyna in Polen, ehemals Rosenthal in ...

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... Niederschlesien, über Landstraßen, Feldwege, durch kleine Orte bis nach Křižovatka in Tschechien, früher Klinghart im Egerland. „Ich gehe einfach drauflos und schaue, was mir begegnet.“ Ihr Plan ist, keinen Plan zu haben.

Im Treck mit 50 Wagen

„Meine Großmutter und mein Vater konnten sich damals auch nicht vorbereiten“, sagt Hoffmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Journalistin, erste stellvertretende Regierungssprecherin in Berlin, ist die Route ihres Vaters nachgegangen und hat ein Buch darüber geschrieben (siehe Buchtipp). Ihre Geschichte steht exemplarisch für die Lebenslinien unzähliger anderer: Von 1944/45 bis 1950 waren 12 bis 18 Millionen Deutsche von Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten betroffen – die Schätzungen von Historikern variieren hier. Sie f lohen vor der Roten Armee.

Als die Russen an die Oder vorrückten, befahl der Bürgermeister von Rosenthal, das Dorf innerhalb von einer Stunde zu verlassen. Die Männer und Jungen zwischen 16 und 60 waren bereits fort – im Krieg. Hoffmanns Großmutter reihte sich samt Gespann in den Treck mit 50 Wagen und 300 Einwohnern ein, als der ihren Hof passierte. Ihr Junge musste laufen.

Zwiegespräch mit dem Vater

Auch Hoffmann geht den Weg zu Fuß. Zurück in die Vergangenheit. Warum allein? „Man sieht und erlebt viel mehr, weil man nur auf die Welt bezogen ist.“ Allerdings, so schränkt sie ein: „In Wahrheit hat mich mein Vater begleitet – ich bin immer wieder im Zwiegespräch mit ihm gewesen.“

Hoffmann weiß, wie weit der Weg ist, der vor ihr liegt. Ihr Vater wusste es nicht. „Drei Tage, länger würden sie nicht weg sein, hatte man ihnen gesagt“, erzählt sie. „Das glaubten nicht alle. Aber die wenigsten ahnten, dass sie nie zurückkehren würden, dass es der brutalste Bruch im Leben war, den sie sich vorstellen konnten.“

Olbendorf, Reichenbach, Greiffenberg. Der Treck zog langsam dahin. 15 bis 20 Kilometer am Tag. Der Lärm des Kriegs verfolgte die Flüchtlinge. Die Kälte kroch an ihnen hoch. Sie übernachteten in Dörfern bei Bauern auf Strohsäcken oder blankem Boden und wärmten sich in der Küche auf. Die Menschen waren hilfsbereit.

Hoffmann wandert bis zu 30 Kilometer am Tag. Vorbei an Hausruinen mit schwarzen Fensterlöchern, verlassenen Höfen mit eingestürzten Dächern, verfallenen Herrenhäusern. „Als sei der Krieg gerade erst vorbei“, so Hoffmann. Sie stapft durch tiefe Pfützen, versackt in morastigem Boden, verheddert sich in Brombeersträuchern. Der Wind bläst ihr entgegen, peitscht ihr Regen und Hagel ins Gesicht. „Ich habe Nackenschmerzen, Blasen an den Füßen, ich friere – und werde immer leerer, je länger ich einsam durch die Winterlandschaft laufe“, sagt sie. „Ich glaube, ich musste dieses Familienschicksal aus mir, aus meinem Körper herauslaufen.“ Ans Umkehren denkt sie nie. Das konnten ihre Großmutter und ihr Vater schließlich auch nicht.

Zu Tode erschöpft

Wenn Hoffmann in jene Dörfer kommt, in denen der Treck einst rastete, fragt sie nach Zeitzeugen. „Die Menschen sind extrem offen. Nach einem kurzen Moment des Misstrauens werde ich sofort freundlich aufgenommen, in die Wohnstube oder Küche gebeten, mit Kaffee und Kuchen bewirtet“, sagt sie. „Es gibt auch viel Verständnis dafür, dass da jemand auf der Suche nach der Familiengeschichte unterwegs ist.“

Wer erinnert sich noch? Stasia, die alte weißhaarige Frau, war damals 17 und Zwangsarbeiterin. Als sie und ihre Familie zurück in die Ukraine wollten, wurden sie nach Rosenthal geschickt. Dort standen viele Häuser leer. Sie suchten sich selbst eines aus. Auch sie dachten damals, sie würden nicht lange bleiben. „In diesem Landstrich wurde die Bevölkerung praktisch komplett ausgetauscht“, so Hoffmann. „Die Menschen, die seitdem da leben, wurden genauso von der Geschichte herumgeschubst wie meine Familie.“

BUCHTIPP

Christiane Hoffmann Alles, was wir nicht erinnern C. H. Beck 280 S., 22 €

Zittau, Klein Priesen, Klinghart. Der lange Weg der Flucht. Nach 550 Kilometern in 40 Tagen kam der Treck zum Halten. Die Pferde waren zu Gerippen abgemagert, die Menschen zu Tode erschöpft. Sie wurden auf die Höfe verteilt und warteten dort das Kriegsende ab.

Als Christiane Hoffmann am Nachmittag Křižovatka in Tschechien erreicht, öffnet gerade die Dorf kneipe. Es ist Freitag. Die Gäste sind jung. Von deutschen Flüchtlingen haben sie noch nie etwas gehört. Die Autorin bleibt eine Nacht in dem Ort. Wieder einmal stellt sie sich ihren Vater vor – wie er hier angekommen ist, ganz sicher ausgezehrt. „Er hat nie davon erzählt. Die ersten neun Jahre seiner Kindheit einfach ausgelöscht.“ Warum? „Wer sich nicht erinnert, hat nichts verloren“, schließt sie daraus. Wenn ihr Vater von der Flucht berichtet hat, dann immer nur die eine Geschichte: Wie sie damals im überstürzten Auf bruch das Oberteil seines Matrosenanzugs zurückgelassen hatten.

ANJA MATTHIES