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AUF DEN SPUREN UNSERER ZEIT


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 11.03.2020

Ingo Schulze erfindet seinen Schreibstil mit jedem Buch neu. Sein aktueller Roman ist auch eine Chronik der untergegangenen ostdeutschen Bücherwelt - und ist für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 3/2020

Ingo Schulze öffnet die Tür und hilft der Besucherin höflich aus dem Mantel. Seine Altbauwohnung in Charlottenburg könnte auch eine Bibliothek sein. In den Fluren und in seinem Arbeitszimmer reichen Regale vom Boden bis zur Decke, eng gefüllt mit Büchern - von Klassikern bis zu zeitgenössischen Werken. Wir setzen uns an den Tisch und er schenkt Kaffee ein. Es sei für ihn ein großes Glück, sagt er ...

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Schon der erste Satz Ihres Romans beginnt in einem märchenhaften Ton: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar …“, obwohl Norbert Paulini nicht zu Brüder Grimms Zeiten, sondern 1953 geboren wird und sein Antiquariat 1979 gründet.
Damit sollte die Geschichte in eine mythische Vorzeit gerückt werden. Wenn man versucht, etwas auf eine weitere Distanz zu setzen, erkennt man Linien, die man sonst gar nicht so sehen würde. Ich habe bewusst den legendenhaften Ton gewählt, um die Zeit, in der Paulini lebt, weiter wegzuschieben.

Sie meinen die Zeit vor der Wende?
Für mich war es immer ein Problem, über die Zeit vor ’89 zu schreiben, weil es auf eine Rechtfertigung der Gegenwart hinausläuft. Wenn man von heute aus gesehen über die Zeit vor der Wende spricht, wird man im Rückblick ganz schnell pseudo-dissidentisch.

Inwiefern?
Dass man heute kritisch gegenüber der DDR steht, ist ja völlig klar. Aber woran erkennt man, ob die Geschichte 2019, 2005 oder 1988 geschrieben wird? Mit jeder neuen Erfahrung sieht man die Vergangenheit ein Stück anders. Deshalb erzähle ich den ersten Teil meines Romans in einem märchenhaften Legendenton, den ich später kontrastiere. Beim Schreiben dieses Buches war Joseph Roths „Der Leviathan“, in dem es um den Korallenhändler Piczenik geht, ein großes Vorbild für mich. Ich fand es interessant, dass Roth in seiner Erzählung das Fernrohr umdreht und die Zeit aus der Entfernung betrachtet. So fabuliere ich die Geschichte des Antiquars Norbert Paulini. Sowohl bei Joseph Roth als auch bei mir gibt es in dieser Legende einen Ich-Erzähler. Als der im zweiten Teil meines Buches auftaucht, wird klar, dass er es ist, der die Geschichte erzählt und aus welchen Gründen er sie geschrieben hat. Mein Ich-Erzähler zeigt im zweiten Teil einen Norbert Paulini, der anders ist, als er es selbst erwartet hätte. Und im dritten Teil rückt seine Lektorin die Geschichte in ein anderes Licht.

Der Erzähler, der als junger Mann Paulini in Dresden kennenlernt und die Geschichte des Antiquars aus seiner Perspektive erzählt, ist Schriftsteller. Sein Name Schultze schreibt sich zwar mit „t“, doch er teilt mit Ihnen autobiografische Gemeinsamkeiten: Er ist auf die Dresdner Kreuzschule, ein altsprachliches Gymnasium, gegangen, er hat Altgriechisch und Latein studiert, gründet nach der Wende ein Lokalblatt, um die Demokratisierung des Landes zu begleiten. Ist diese Figur in Teilen Ihr Alter Ego?

Ich wüsste gar nicht, was mein Alter Ego ist, aber das könnten Leser vielleicht so sehen. Es ist sicher nicht unabsichtlich geschehen, dass ich meinem Erzähler etliche Attribute gegeben habe, die auf mich verweisen und andere, die nichts mit mir zu tun haben. Und auch aufgrund dieser Namensgleichheit, bei der bestimmt viele über das „t“ hinweglesen - ist es mir nicht unlieb, wenn der Leser sich fragt: Was ist denn das für einer?

„Welche Wahrheit in mein Buch gelangt“, sagt der Ich-Erzähler Schultze, „entscheide ich“.
Schreiben ist auch immer eine Machtausübung. Das ist natürlich mit großer Vorsicht zu genießen und infrage zu stellen. Der Standpunkt des Erzählers muss von außen gesehen und relativiert werden.

Dies geschieht mit der Stimme der Lektorin im dritten Teil, der gefährliche Abgründe des Erzählers enthüllt und seine Allmacht als Autor moralisch in Zweifel zieht.
Das Ende des Buches würde ich jetzt ungern vorwegnehmen. INGO SCHULZE: Die rechtschaffenen Mörder S. Fischer, 320 Seiten, 21 Euro Hörbuch Gelesen von Sylvester Groth Argon, 467 Min./2 MP3-CDs, 24,95 Euro BÜCHERmagazin verlost fünfmal „Die rechtschaffenen Mörder“ (S. Fischer). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück! Verständlich, denn es ist sehr überraschend. Lassen Sie uns über Paulini sprechen. Er ist ein Büchernarr und menschlich ein ziemlicher Sonderling.
Bücher sind für ihn das Größte. Und Lesen die höchste Existenzform, der er sein Leben widmet. So kann man ihn sehen. Wenn man genau hinschaut, ist er auch jemand, dem viel Arbeit abgenommen wird, insbesondere von Frauen. Ich denke, es gibt diese Geistesmänner, die Frauen einspannen, um die unangenehmen Seiten des Lebens zu bewältigen. Es war mir schon wichtig, diese Seite von ihm zu zeigen.

Vor der Wende ist Paulini ein geehrter Antiquar, der eine Art Salon führt, in dem sich Bücherliebhaber treffen, Lesungen und Diskussionen stattfinden. Das hört nach der Wende auf, seine Kunden bleiben aus, schließlich muss er sein Geschäft aufgeben. Hatte das Buch in der DDR einen höheren Stellenwert als heute?
Meiner Ansicht nach konnte es gar keinen größeren geben. Ich denke, jeder Schriftsteller war potenziell ein Dissident und Staatspräsident. Eigentlich ist die Verkörperung Václav Havel (Dramatiker und späterer Staatspräsident der Tschechoslowakei, Anm. der Red.) gewesen. Ein Schriftsteller im Osten war, wenn er halbwegs was taugte, gesellschaftlich unglaublich anerkannt. Entweder wurde er von offizieller Seite oder durch negative Aufmerksamkeit geehrt. Die Bespitzelung und die Kontrolle, also der Aufwand, den der Staat betrieb, hat natürlich auch manche Autoren aufgewer tet, weil sie einfach ein paar anständige und mutige Dinge sagten, auch wenn sie nicht unbedingt die große literarische Begabung hatten.

BÜCHERmagazin verlost fünfmal „Die rechtschaffenen Mörder“ (S. Fischer). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!


INGO SCHULZE: Die rechtschaffenen Mörder S. Fischer, 320 Seiten, 21 Euro


Hörbuch Gelesen von Sylvester Groth Argon, 467 Min./2 MP3-CDs, 24,95 Euro


Sie selbst träumten schon als 13-Jähriger davon, eines Tages „Schriftsteller“ und „Dissident“ zu werden. Warum?
In der DDR war niemand so wichtig wie die Schriftsteller, und erzählen schien mir das Einzige, was ich mit zwölf, 13 oder 14 ein bisschen konnte. So fing das an, eher nach dem Ausschlussprinzip: Ich wusste, mit dem Fußball wird das nichts, Naturwissenschaften waren garantiert nicht mein Metier, aber es fiel mir immer leicht zu fabulieren. Im Herbst 1976, ich war fast 14 und in der achten Klasse, wurde Wolf Biermann ausgebürgert. Die Zeitungen bestanden für einige Tage fast ausschließlich aus Artikeln, in denen ihn alle möglichen Leute und Kollektive für seine Lieder und Äußerungen verurteilten. In diesem Moment begriff ich: Gedichte können einen Staat ins Wanken bringen. Solche Gedichte wollte ich auch schreiben.

Nach der Wiedervereinigung, haben Sie konstatiert, ging das Interesse an ostdeutscher Literatur merklich zurück.
Vor allem die Buchproduktion der DDR landete erst mal auf der Halde. Ich habe noch diese wunderbaren Bände „Bibliothek der Klassik“, alle sehr gute, in Leinen gebundene Bücher der Klassik, mit wunderbaren Anmerkungen, die nach der Wende nicht mehr produziert wurden. Aber nicht nur die Bücher waren weg, nur sehr wenige von den damals etablierten Schriftstellern sind weiterhin veröffentlicht worden. Solange Kalter Krieg herrschte, hatte das Buch in der Gesellschaft noch einen anderen Stellenwert, da es immer Teil der ideologischen Auseinandersetzung war. Welches Buch von Böll wurde in der DDR veröffentlicht und welches nicht? Und umgekehrt. Jemand wie Franz Fühmann, der für die DDR ganz wichtig war, wurde im Westen so gut wie gar nicht gelesen.

Sie selbst haben nach der Wende kaum noch Bücher gelesen.
Mein Interesse für Literatur hatte Anfang der 90er-Jahre gar keine Chance. Einfach, weil ich so sehr mit dem „Altenburger Wochenblatt“ beschäftigt war. Ich war Mitgesellschafter der Zeitung, die ich mit Freunden gegründet hatte. Ich kämpfte um das ökonomische Überleben, und wenn ich in ein Buch guckte, dachte ich nach einer Seite wieder an meine Anzeigenkunden.

1993 bekamen Sie den Auftrag, in St. Petersburg das erste kostenlose Anzeigenblatt zu gründen. Wie kam es dazu, dass Ihnen diese Zeit den entscheidenden Impuls für das Schreiben gab?
In der Stadt prallten verschiedene Zeiten aufeinander: Die Zeiten Puschkins und Dostojewskis waren ebenso präsent wie das „Laboratorium der Moderne“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts oder das Petrograd der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs. Und natürlich gab es noch Leningrad, die unmittelbare Erinnerung an stalinistischen Terror, die deutsche Blockade im Zweiten Weltkrieg. Seit einigen Monaten führte nun ein brutaler Kapitalismus seine Ouvertüre auf. Es genügte, ein paar Hundert Meter den Newski entlangzugehen, um die monströsen Widersprüche eng nebeneinander zu erleben: die Superreichen und das Heer der Armen, die westlichen Geschäfte und die leeren Staatsläden, Royalisten neben Kommunisten, die alte Avantgarde neben den verdienten Künstlern der Sowjetunion oder den jungen Sozartisten. Außerdem gab es in dieser Stadt kaum einen Quadratmeter, der nicht auf irgendeine Weise literarisch gepflastert war. Man konnte immer noch mit Raskolnikow den Weg zur Gemüsehändlerin gehen oder vom Haus von Alexander Blok zu dem von Brodsky pilgern. Ich trug Ossip Mandelstams „Reise nach Armenien“ mit mir herum - und notierte eigene Beobachtungen.

Nach Ihrer Rückkehr begannen Sie dann, an Ihrem Debüt „33 Augenblicke des Glücks“ zu arbeiten, Erzählungen, die kaleidoskopisch die Menschen von St. Petersburg porträtieren. Wie haben Sie den Ton für diese Geschichten gefunden?
Beim Schreiben begriff ich, dass sich das Besondere am St. Petersburg jener Zeit nicht durch einen einzigen Stil ausdrücken ließ, sondern nur durch ein Bündel unterschiedlichster Stile und Geschichten. So wie sich eine Auffassung vom Glück an der anderen relativiert, sollte sich eine Geschichte an der anderen relativieren. Ich las viel und fast ausschließlich russische und sowjetische Literatur. Gar nicht zu überschätzen war dabei der Einfluss der Moskauer Konzeptualisten, insbesondere der Prosa von Vladimir Sorokin und der Schriften von Boris Groys. Ihre Arbeiten waren für mich Katalysatoren wie auch Geburtshelfer.

Inwiefern?
Dass ich mir etwa Puschkin für die „33 Augenblicke des Glücks“ oder Raymond Carver für mein Buch „Simple Storys“ als literarische Vorlagen nehmen konnte, die ich in die heutige Zeit transformiere.

Die meisten literarischen Autoren suchen nach einer eigenen, unverwechselbaren Stimme.
Mein Ideal wäre es, dass ich mich vor jedem neuen Roman völlig entleeren könnte (lacht). Und mich im Zugehen auf das Thema stilistisch völlig neu füllen könnte. Beim Schreiben versuche ich, den alten Geschichten von Liebe und Tod etwas von unserer Zeit mitzugeben. Indem ich mich vorhandener Muster bediene, hoffe ich, auch die alten Geschichten lebendig und lesbar zu halten. Denn Literatur bedeutet immer zeitliche und räumliche Vergegenwärtigung. Nichts ist vergangen, wenn wir die Spuren in unserer Zeit zu finden vermögen, wenn es uns gelingt, sie zu sehen, zu hören, zu tasten, zu schmecken, zu riechen - also zu lesen.

Christiane von Korff studierte Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als Kulturreporterin und Autorin für überregionale Magazine. Ihr Markenzeichen sind Porträts und Gespräche mit Persönlichkeiten aus Kultur und Literatur


Fotos: Ingo Schulze © Gaby Gerster