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AUF DER SPUR DES PROPHETEN


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 09.08.2018

Jährlich pilgern bis zu drei Millionen nach Saudi-Arabien, um in Mekka den Haddsch zu absolvieren. Man legt Kraft und Ausdauer in diese Pilgerreise. Und wird mit positiver Energie beschenkt.


Artikelbild für den Artikel "AUF DER SPUR DES PROPHETEN" aus der Ausgabe 5/2018 von Terra Mater. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 5/2018

Die Erfüllung eines Traums und zugleich eine Ehre ist es für islamische Pilger, die Kaaba in Mekka zu berühren. Und eine Pflicht: Einmal im Leben sollen Gläubige diese Wallfahrt nach Saudi-Arabien unternehmen.


Zu jeder Tages- und Nachtzeit umrunden hunderttausende Pilger die Kaaba siebenmal gegen den Uhrzeigersinn. Diese steht im Hof der Al-Harām-Moschee in Mekka und wird im Islam „Haus Gottes“ genannt.


Die Rituale des ...

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... Haddsch sind streng geregelt und lehnen sich an Episoden aus dem Leben des Propheten Abraham an. Festgelegt wurden sie vor mittlerweile 1.400 Jahren vom Propheten Muhammad. Seitdem blieben sie unverändert.

Der Haddsch ist eine der fünf Säulen des Islam. Jeder volljährige und gesunde Muslim, der es sich leisten kann, muss ihn absolvieren. Das Tagebuch unseres Autors beginnt am zweiten Tag.

9. DHU – L-HIDDSCHA 1438 (31. AUG. 2017)

2. TAG DES HADDSCH

Es klingt fast wie Applaus, wenn sich abertausende Flip-Flops vom heißen Asphalt lösen und auf Fersen klatschen. Seit Sonnenaufgang strömen Pilger aus dem etwa 13 Kilometer entfernten Minā-Tal in die ‘Arafāt-Ebene, zum Verweilritual. Die Glücklichen kommen mit dem Bus, die Mehrheit legt die Strecke zu Fuß zurück, bei sengender und trockener Hitze von über 40 Grad.

Ich bin seit den frühen Morgenstunden da. Schweiß läuft mir die Stirn herunter und brennt in den Augen. Es herrscht aber allgemein gute Laune: Der Haddsch ist etwas, wovon Millionen Muslime jahrelang träumen und wofür sie manchmal ebenso lange sparen. Ich bin zwar unausgeschlafen, hungrig, müde, staubbedeckt, und mein rechtes Knie schmerzt. Aber ich fühle mich großartig.

Hier mit zigtausenden Menschen zu stehen ist ein unvergleichliches Erlebnis, aber auch eine Herausforderung. Man hat unter Zeitdruck verschiedene Etappen zu absolvieren und dabei lange Fußwege zurückzulegen. Gestern mussten wir in den Weihezustand eintreten und nach Mināfahren. Heute geht der Haddsch erst richtig los.

Eine Pauschalreise zum Haddsch kostet etwa 4.000 Euro pro Person (drei Wochen, ab Österreich). Der Haddsch selbst dauert fünf Tage und besteht aus mehreren Ritualen. Drei gelten als Eckpfeiler: die Umkreisung der Kaaba (Tawāf ), die Steinigung der drei Säulen in Mina - und der Aufenthalt in der ‘Arafāt-Ebene (Wuqu-f ).

Die Al-Harām-Moschee
Flächenmäßig größer als der Petersplatz in Rom, bietet sie Platz für eine Million Betende.
Die Moschee soll bis 2020 erweitert werden, um für zwei Millionen Menschen Raum zu schaffen.


Am ersten Tag begibt man sich nach Minā, wo man übernachtet. Tags darauf geht man zur 80 Quadratkilometer großen ‘Arafāt-Ebene und beginnt mit dem Wuqūf. Dieses Ritual ist Pflicht. Wer sich zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht zumindest eine Weile innerhalb der sichtbar gekennzeichneten Grenzen aufhält, muss den Haddsch wiederholen.

An die zwei Millionen Menschen befinden sich innerhalb der Grenzen. Das ergibt eine Bevölkerungsdichte, die höher ist als in Megastädten wie Hongkong. Da hier nicht übernachtet wird, gibt es nur wenige Behausungen, und die sind für besser zahlende Pilger reserviert. Alle paar hundert Meter gibt es Wasserspender und Sanitäranlagen, davor lange Warteschlangen. Ebenso gibt es Ambulanzen und mobile Krankenhäuser.

Je näher der Sonnenuntergang rückt, desto emotionaler die Menschen. Die Mehrheit streckt die Hände zum Himmel, bittet Gott um Gefälligkeiten. Einige posieren für Selfies, andere weinen. An diesem Tag hat Prophet Muhammad seine Abschiedspredigt gehalten. Ebenso soll an diesem Tag der letzte Koran-Vers offenbart worden sein. Daher ist er der Tag, der von Sünden reinigt.

Morgen geht es in Richtung Mekka, wo man die Kaaba siebenmal gegen den Uhrzeigersinn umrunden wird. Darauf freue ich mich besonders. Endlich die Kaaba sehen! Aber ich muss mich noch gedulden. Nach Sonnenuntergang marschieren wir heute in die etwa neun Kilometer entfernte Muzdalifa-Ebene, übernachten unter freiem Himmel und sammeln Steinchen, die wir am nächsten Tag für die Zeremonie auf der Dschamarāt-Brücke brauchen werden.

Die Pilgerreise kann nur machen, wer vom saudischen Haddsch-Ministerium ein Visum bekommt. Dieses gibt es nicht für Einzelpersonen, weshalb man über spezielle Gruppenveranstalter buchen muss. Die Zahl der Pilger ist unterschiedlich geregelt. Mit mehrheitlich muslimischen Ländern, etwa Indonesien, werden Quoten ausverhandelt. In vielen Ländern gibt es Wartelisten: Es kann über zehn Jahre dauern, bis man endlich den Haddsch machen darf.

Eine Erinnerung fürs Leben
Der Haddsch ist erst ab dem Erwachsenenalter verpflichtend, dennoch nehmen manche Eltern ihre Kinder auf diese unvergleichliche Reise mit.


Für westliche Länder gibt es andere Regelungen: Ein Prozent der Landesbevölkerung dürfte jährlich den Haddsch antreten, tatsächlich sind es weniger. 2017 haben offiziell 2,3 Millionen Menschen den Haddsch absolviert, inoffiziell schätzt man die Zahl auf 3,2 Millionen Pilger.

Die Abläufe des Haddsch wurden vor knapp 1.400 Jahren vom Propheten Muhammad festgelegt und blieben seitdem unverändert. Diese Rituale lehnen sich an Episoden aus dem Leben des Propheten Abraham an. Die Pilgerreise kann man nur vom achten bis zum dreizehnten Tag des zwölften und letzten islamischen Monats Dhūl-Hiddscha absolvieren. Der islamische ist ein reiner Mondkalender, der aus zwölf Monaten zu 29 oder 30 Tagen besteht. Er ist um elf Tage kürzer als der Sonnenkalender: Für Europäer hat es somit den Anschein, als würden die muslimischen Feiertage „wandern“. So begann der Haddsch 2017 am 30. August. Im Jahr 2039 wird der Haddsch am 4. Jänner beginnen.

DIE FÜNF SÄULEN DES ISLAM

Das Glaubensbekenntnis
Bei der Schahāda (dem Glaubensbekenntnis) bezeugt man, dass es keinen Gott gibt auser Allah und dass Muhammad sein Prophet ist.

Das Gebet
Funf tagliche Gebete wurden den Muslimen vorgeschrieben. Menstruierende Frauen sind vom Gebet befreit.

Die Armensteuer
Die Armensteuer (Zakāt) betragt 2,5 Prozent vom Besitz und muss jahrlich entrichtet werden. Man zahlt nur, wenn man ein bestimmtes Minimum an Vermogen besitzt.

Das Fasten
Das Fasten wahrend des Monats Ramadān ist ab der Pubertat verpflichtend. Von der Morgendammerung bis zum Sonnenuntergang durfen Muslime weder essen noch trinken. Es gibt allerdings Ausnahmen.

Der Haddsch
Die Pilgerreise nach Mekka ist fur jeden gesunden, erwachsenen Muslim, der die Kraft und das Geld dafur hat, (mindestens) einmal im Leben Pflicht.

Dschabal ar-Rahma. Vor dem „Berg der Barmherzigkeit“ in der ‘Arafāt-Ebene versammeln sich die meisten Pilger. Dort hat der Prophet Muhammad seine Abschiedspredigt gehalten.


Der Tag der Emotionen. Den ‘Arafāt-Tag nutzen die Pilger, um Gott um Vergebung oder Hilfe zu bitten – oder um beides. Dabei kommen haufig grose Gefuhle hoch.


49 oder 70 Steinchen. Pilger sammeln am zweiten Tag Steinchen, mit denen sie an den Folgetagen die Saulen auf der Dschamarāt-Brucke steinigen – und symbolisch den Teufel.


Fotos: picture alliance/Ramazan Turgut/Anadolu Agency, Yazeed Kamaldien, www.picturedesk.com, Getty Images

Eine Stadt für wenige Tage. Abertausende klimatisierte, feuerfeste Zelte hat die saudische Regierung in Minā fur die Pilger aufgestellt; dennoch schlafen manche auf der Strase.


HADSCH IN ZAHLEN

Die alljährliche islamische Pilgerreise ist eine der größten Veranstaltungen der Welt.

Um mit den Ritualen beginnen zu können, ist der Eintritt in denIhrām erforderlich, den Weihezustand. Nach einer rituellen Waschung ziehen die Männer ihre Ihrām-Tücher an, zwei große weiße, nicht genähte Leintücher. Eines wickelt man um den Bauch, das andere wirft man über die Schulter wie einen Poncho. Darunter ist man nackt. Das Tragen dieser Tücher symbolisiert die Gleichheit aller Menschen, die zentralste Lektion der Pilgerreise. Andererseits ist es eine Art Allegorie für das Streben nach dem Jenseits.

Für Frauen gelten keine besonderen Kleidervorschriften. Sie müssen aber – im Gegensatz zu den Männer – ihr Haupt bedecken, das Gesicht bleibt jedoch unverhüllt.

10. DHU – L-HIDDSCHA 1438 (1. SEPT. 2017)

3. TAG DES HADDSCH

Je näher ich der Al-Harām-Moschee komme, desto chaotischer geht es zu. Stellt man sich jeden Pilger als Wassertropfen vor, ist diese Straße ein mächtiger, permanent fließender Strom. Auch ich bin ein Tropfen, der sich zum Ziel treiben lässt. Der Vorteil: Ich muss nicht überlegen, wo ich hinmuss. Der Nachteile: Ich werde angerempelt und gedrückt. Es überkommt mich Frustration; wie gut, dass der Haddsch auch die Gelassenheit lehrt, Energie nicht an Negativität zu verschwenden.

Ich konzentriere mich daher auf das Ziel, die Moschee. Ein breiter, prächtig dekorierter Gang führt direkt zur Kaaba, wo bereits 500.000 Menschen – so kommt’s mir vor – den Tawāf erledigen. Ich spüre Gänsehaut auf meinem Rücken, fühle, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Das ist es. Mein erfüllter Traum. Viel Zeit zum Staunen bleibt nicht, der Strom schiebt mich weiter zur östlichen Ecke, wo der Schwarze Stein eingefügt ist und der Tawāf beginnen soll. Mehr als jemals zuvor suche ich den Dialog oder eher Monolog mit Gott. Ich rezitiere aus dem Koran, spreche Gebete, verliere mich darin, nehme die Massen, den Lärm und die Schmerzen nicht mehr wahr.

Die Stadt Mekka liegt im Südwesten Saudi-Arabiens. Ihren innersten Kreis bildet die Al-Harām-Moschee. Sie ist mit prächtigen Arabesken und Ornamenten verziert. Böden, Wände, Stufen und der Platz vor der Moschee sind mit weißem Marmor verfliest. Ventilatoren groß wie Lkw-Reifen kühlen die Umgebung. In der offenen Moschee befindet sich die würfelförmige Kaaba, das „Haus Gottes“. In ihre Richtung drehen sich die Muslime weltweit beim Gebet.

Um die Moschee herum drängt sich eine obskure Skyline – Luxushotels, Einkaufszentren, Fast-Food-Lokale und Mini-Shops, die alle das Gleiche anbieten: Gebetsteppiche, Parfums, Gewand für Männer und Frauen. Während der Pilgerreise sollte man sich vom Materiellen trennen und wird dennoch vom Konsum überrannt.

Nach dem Tawāf erledige ich den Sa‘ j, den siebenmaligen Lauf zwischen den Hügeln Safā und Marwa. Beide sind im Gebäude der Moschee integriert, zwischen ihnen verläuft ein Gang aus weißem Marmor. Dieses Ritual gedenkt Hagars, der Zweitfrau des Propheten Abraham. Sie wurde, so die Legende, mit ihrem Sohn Ismael in der Wüste vor Mekka zurückgelassen. Sie ging die Strecke zwischen den Hügeln ab, um Wasser zu finden. Dann schenkte ihr Gott die Quelle Zamzam. Die Pilger rekonstruieren diese Strecke symbolisch. Der Haddsch ist insgesamt eine Spurensuche: Man geht dort, wo der Prophet Muhammad und vor ihm der Prophet Abraham gegangen sind, macht das, was sie gemacht haben, nächtigt dort, wo sie geschlafen haben. Daraus schöpft man Kraft.

Für Tawāf und Sa‘ j brauche ich etwa drei Stunden. Nun gehe ich zum nächsten Ritual: Ich lasse mir die Haare abrasieren. Um die Moschee herum gibt es Dutzende Salons, in denen hunderte Friseure arbeiten. Danach geht die Reise weiter nach Minā, wo man Steinchen werfen muss. Danach kann ich aus dem Ihrām-Zustand aussteigen und wieder mein gewohntes Gewand tragen.

Ausflug nach Medina Der Besuch der Prophetenmoschee ist zwar Teil der insgesamt dreiwöchigen Pilgerreise, jedoch kein Haddsch-Ritual. Pilger besuchen die Moschee, weil der Prophet darin begraben liegt.


Wie der Prophet es will
Nachdem sie die Saulen gesteinigt und Tawāf sowie Sa‘j erledigt haben, mussen mannliche Pilger sich ihre Haare kurzen oder abrasieren lassen. Preis: 2 bis 3 Euro.


Mitfahrgelegenheiten
Es ist keine Sunde, sich die Strapazen eines Fusmarsches zu ersparen: Tausende Busse und Lkw ubernehmen den Transport.


Alles unter Kontrolle
Die einzelnen Pilgerstatten werden permanent videouberwacht. Die Sicherheitskrafte sind strategisch positioniert, um im Notfall schnell reagieren konnen.


Auf diesen Tag fällt auch das Opferfest. Pilger sind verpflichtet, ein Schlachtopfer zu bringen. Der Ablauf ist ungewöhnlich: Man zahlt bei der Islamischen Entwicklungsbank ein und bekommt eine SMS, sobald das georderte Opfertier geschlachtet wurde. Wer möchte, kann in den Schlachthaus-Bezirk fahren und ein Tier eigenhändig schächten. Das Fleisch wird in ärmere Regionen der islamischen Welt exportiert und dort verteilt. Meine Bestätigungs-SMS kommt irgendwann am Abend.

12. DHU – L-HIDDSCHA 1438 (3. SEPT. 2017)

5. TAG DES HADDSCH

Am fünften Tag nächtigt man, so wie am vierten, in Minā . In dem Tal stehen dafür zehntausende klimatisierte Zelte. Es gibt auch Hotels, für Pilger, die mehr Komfort wünschen. In der westlichsten Ecke liegt die Dschamarāt-Brücke, wo Pilger ihre Steinchen auf drei Säulen werfen müssen. Der Bau, in dem die Säulen integriert sind, ist fünfstöckig und sieht aus wie ein Parkhaus. Jede Säule soll man mit sieben Steinchen „steinigen“. Pro Stockwerk sorgen hunderte Soldaten für einen geregelten Ablauf, denn in der Vergangenheit war diese Brücke häufig Schauplatz tragischer Unfälle. 2015 starben bei einer Massenpanik an die tausend Menschen.

Eine Säule des Islam
Die Steinigung der drei Saulen auf der Dschamarāt-Brucke ist ein symbolischer Akt: Dadurch vertreibt man den Teufel (sprich: die Versuchung). Das Ritual ist angelehnt an eine Episode aus dem Leben Abrahams.


Gelenkte Massen
Sicherheitskräfte sind während des Haddsch im Einsatz, um die Pilgerströme zu lenken.
Gefährliche Massenpanik, die in der Vergangenheit oft auftrat, soll so verhindert werden.


Der Weg, der zu den Säulen führt, ist so breit, dass ein Jet landen könnte. Dennoch herrscht auch hier Platznot. Die Säulen sind seit wenigen Jahren mit einer zeltartigen Konstruktion überdacht. Meine Steinchen habe ich einige Tage zuvor in der Muzdalifa-Ebene gesammelt, ich trage sie seitdem in einer kleinen Plastikflasche mit mir herum. Nun werfe ich sie eins nach dem anderen, als würde ich Basketball spielen. Über meinem Kopf hinweg und neben meinen Ohren vorbei sausen ebenfalls Steinchen von Pilgern, die irgendwo weit hinter mir stehen.

Das Ritual gedenkt Abrahams, dem der Überlieferung zufolge hier Satan höchstpersönlich erschienen ist. An drei Stellen zeigte sich ihm der Teufel, woraufhin Abraham ihn mit jeweils sieben Steinchen vertrieb. Wenn der ‘Arafāt-Tag dafür genutzt wurde, um Vergebung zu erbitten, so dient dieses Ritual dazu, symbolhaft die Versuchung (= den Teufel) zu steinigen und sie so von sich fernzuhalten. Hier weint niemand. Eher fallen einem die wütenden Gesichter jener Pilger auf, die sich zu sehr in das Ritual vertieft haben. Nachdem ich alle Steinchen geworfen habe, überkommt mich Erleichterung und Freude. Es ist, als hätte ich eine schwere Last abgeworfen.

Ich muss nun noch einmal nach Mekka, um den Abschieds-Taw āf zu erledigen und damit den Haddsch abzuschließen. Der Asphalt unter meinen Füßen fühlt sich an wie ein Beet aus Federn. Die Luft duftet plötzlich süßer. Ich fühle mich anders. Bis zur Kaaba sind es wenige Kilometer. Ich bin zwar wieder nur ein Tropfen in einem massigen Strom, doch dieser Tropfen ist glücklich.

Ich bin physisch erschöpft, doch was ich fühle, ist unvergleichlich und unbeschreiblich. Ich habe noch nicht gänzlich mit dem Haddsch abgeschlossen, und doch steht eines fest: Ich will noch einmal.
Inschallah!


Foto: picture alliance/AP Photo/Nariman El-Mofty

Foto: Luca Locatelli/INSTITUTE

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Fotos: www.picturedesk.com, Luca Locatelli/INSTITUTE, Yazeed Kamaldien

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