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Auf der Suche nach dem Unbewussten


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 07.10.2022

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 11/2022

Auf einen Blick: Die Einheit des Geistes

1Nicht nur Laien, auch Kognitionsforscher unterscheiden gewöhnlich zwischen bewussten und unbewussten geistigen Prozessen. Genau besehen ist diese Trennung jedoch alles andere als klar.

2So laufen längst nicht alle bewussten Handlungen kontrolliert und wohlerwogen ab; umgekehrt können auch automatische Reaktionen sehr wohl rational und logisch strukturiert sein.

3Zudem gehen bewusste und unbewusste Prozesse Hand in Hand und unterscheiden sich eher graduell. Zukünftig wird es darum gehen, diese Unterscheidung neuronal beschreibbar zu machen.

Mächtig und unkontrollierbar sei es und sorge obendrein dafür, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind, heißt es. Laut einem beliebten Vergleich ähnelt es einem riesigen Eisberg, der unter der Oberfläche unserer bewussten Gedanken und Wünsche verborgen liegt. Gemäß einer anderen Metapher ...

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... handelt es sich um eine Art Druckkessel, aus dem verbotene Fantasien, Ängste, Traumata und Konflikte hervordrängen und sich nachts, wenn wir träumen, in schwer zu deutenden Bildern und Geschichten ausdrücken. Nur die aufwändige Analyse im Rahmen einer Therapie könne offenbaren, was sie uns mitzuteilen haben.

An solche Klischees denken die meisten Menschen, wenn von dem Unbewussten die Rede ist. Vieles davon verdanken wir Sigmund Freud und der Psychoanalyse oder jedenfalls dem, was im Alltagsverständnis davon übrig blieb. Doch was wissen wir eigentlich genau über das Unbewusste? Lässt sich unser Geist tatsächlich in zwei getrennte Bereiche aufteilen, von denen der eine bewusst und der andere unbewusst ist?

In der modernen psychologischen Forschung hat diese Sichtweise einen festen Platz. Seit den 1970er Jahren entwickelten zahlreiche Kognitionsforscher Modelle, wonach wir uns beim Denken, Urteilen und Entscheiden zweier verschiedener, komplementärer Systeme bedienen. Der Ansatz wird oft kurz als »Dualprocess«-Theorie bezeichnet, zu Deutsch: Zwei-Prozesse-Theorie.

Was damit gemeint ist, verdeutlicht das folgende Beispiel: Fragt Sie jemand, wie viel 1 plus 1 ist, so können Sie kaum anders, als an die Zahl 2 zu denken. Fragt man Sie jedoch, wie viel 46 mal 207 ergibt, werden Sie wohl erst die Augen verdrehen und dann eine Weile rechnen, um auf das Ergebnis zu kommen. Die Antwort auf die erste Frage stellt sich automatisch, schnell, mühelos undohne bewusstes Nachdenken ein. Um die zweite Frage zu beantworten, müssen wir uns vielmehr bewusst entscheiden, die Berechnung durchzuführen. Es kostet Zeit und Mühe, zu einer Lösung zu kommen, und wir müssen die dafür nötigen Rechenoperationen schrittweise »abarbeiten«.

In populärwissenschaftlichen Darstellungen ist deshalb häufig von einem Mr.-Spock- und einem Homer-Simpson-System die Rede, die sich jeweils auf bekannte TV-Figuren beziehen. Während der Vulkanier Spock aus der Serie »Raumschiff Enterprise« jede Situation vollkommen rational analysiert und Entscheidungen nach präzisen Abwägungen fällt, denkt Homer Simpson über gar nichts genauer nach, sondern handelt »aus dem Bauch heraus«. Demnach beansprucht Mr. Spock ausschließlich das bewusste »System 2« und Homer Simpson das unbewusste »System 1«.

Typische Merkmale bewusster und unbewusster Prozesse

Die beiden werden anhand weiterer Merkmale unterschieden: Prozesse in System 1 sind nicht nur unbewusst, sie sind mit sehr großer, vielleicht sogar unbegrenzter Kapazität möglich, zudem sind sie arational, assoziativ, intuitiv und heuristisch. Prozesse in System 2 dagegen sind von eng begrenzter Kapazität sowie rational, logisch strukturiert und überlegt. Inzwischen hat die psychologische Forschung zu beinahe allen geistigen Fähigkeiten »Dual-process«-Erklärungen hervorgebracht. Wie wir Entscheidungen treffen, Probleme lösen, uns erinnern, Dinge imaginieren und bewerten, lernen oder miteinander interagieren – all das können wir scheinbar entweder bewusst oder unbewusst tun.

Doch leider ist die Sache längst nicht so einfach, wie es klingt. So wurde die Plausibilität der »Dual-process«-Theorie immer wieder von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Frage gestellt. Zu den prominenten Kritikern zählen die Psychologen David Melnikoff und John Bargh von der Yale University. Sie argumentieren, dass es keinerlei empirische Belege für die Annahme zweier getrennter Systeme gibt. In einem Aufsatz von 2018 schreiben sie: »Der Aufstieg der ›Dual-process‹-Typologie wurde nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse vorangetrieben, sondern durch die menschliche Vorliebe für vereinfachende, aber unbegründete Stereotype.«

Ein zentraler Einwand lautet: Die Merkmale, welche den jeweiligen Systemen zugeschrieben werden, treten nicht immer getrennt auf. So gibt es automatische Prozesse, die dennoch bewusst und absichtsvoll sind, etwa wenn man nach langem Üben ein kompliziertes Klavierstück spielt. Umgekehrt können auch unbewusste Prozesse langsam vonstattengehen, beispielsweise wenn sich unser Gedächtnis im Schlaf neu sortiert.

Unbewusste Prozesse sind zudem unter Umständen durchaus rational, mühevoll und von begrenzter Kapazität. Präsentiert man Probanden zum Beispiel eine Gleichung wie »9 – 3 – 4 = …« derartig kurz, dass sie diese nicht bewusst wahrnehmen, so reagieren sie auf die Zahl 2 (das Ergebnis der Gleichung) dennoch meist schneller als auf andere Zahlen. Offenbar haben die Probanden das korrekte Resultat unbewusst »berechnet« – eine Aktivität, die auch von der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses abhängt.

Es gibt noch weitere Probleme. Der Psychologe Wim De Neys vom Centre national de la recherche scientifique in Frankreich erklärt in einem 2021 erschienenen Artikel, dass es sich bei den Merkmalen der zwei Systeme lediglich um quantitative, nicht um qualitative Unterschiede handelt. Demnach besteht unser Geist nur aus einem einzigen System, in dem Prozesse ablaufen, die jeweils in verschiedenem Grad bewusst, kontrolliert, rational oder heuristisch sein können. De Neys hält »Dual-process«-Ansätze für unfruchtbar: »Es ist fraglich, ob die Debatte je gelöst werden kann, und selbst wenn, wird sie unsere Theorieentwicklung über den zentralen Verarbeitungsmechanismus, der dem menschlichen Denken zu Grunde liegt, nicht weiterbringen.«

Zusätzlich erschwert wird das Ganze durch eine Vielzahl von begrifflichen Unklarheiten: Was bedeutet »unbewusst« eigentlich? Was genau ist ein geistiger Prozess? Und sind die schnellen, automatischen Prozesse aus System 1 überhaupt wirklich geistig? Dass unser Verhalten und Denken von Faktoren beeinflusst wird, die uns nicht immer präsent sind, bestreitet sicherlich niemand. So färben Hormone unser emotionales Erleben, und die soziale Prägung und Erziehung eines Menschen beeinflussen oft sein Denken und Verhalten, ohne dass ihm dies unbedingt klar ist. Niemand würde annehmen, dass uns all das immer bewusst ist oder überhaupt bewusst sein kann. Mit der These, wir hätten einen unbewussten Geist, muss also mehr gemeint sein, als dass es solche verborgenen Einflüsse gibt. Nur was ist dieses »mehr«?

Kennen wir unsere impliziten Vorurteile?

Betrachten wir ein Beispiel für angeblich unbewusste geistige Prozesse, um die begrifflichen Probleme zu veranschaulichen. In vielen »Anti-Bias-Trainings« lernen wir, dass unser Verhalten und Denken von impliziten Verzerrungen (englisch: implicit bias) beeinflusst wird. Diese Annahme stützt sich auf sozialpsychologische Forschung, die mutmaßlich nachwies, dass wir unbewusste Assoziationen haben.

Fragt man Testpersonen beispielsweise, ob sie Männer für intelligenter und beruflich kompetenter als Frauen halten, dürften die meisten das verneinen. Unterzieht man sie allerdings einem so genannten impliziten Assoziationstest (IAT; siehe »Auf der Pirsch nach verborgenen Vorurteilen«), zeigt sich oft, dass Männer eher mit Begriffen wie Gehalt oder Karriere assoziiert werden, Frauen hingegen mit Begriffen wie Zuhause und Kinder. Aus solchen Beobachtungen schlussfolgern einige Fachleute, dass wir unbewusst begriffliche Verknüpfungen herstellen, die als Verzerrungen gelten, wenn sie unseren bewussten, rationalen Überzeugungen widersprechen.

Der wissenschaftliche Status von unbewussten Verzerrungen ist Gegenstand hitziger Debatten (siehe »Fragwürdige Anti-Bias-Trainings«). Ein häufiger Kritikpunkt lautet: Es ist unklar, ob diese Verzerrungen überhaupt unbewusst sind. Der Psychologe Bertram Gawronski schlussfolgert in einem Artikel von 2019: »Es gibt keinen Beweis dafür, dass sich die Menschen der mentalen Inhalte, die ihren impliziten Verzerrungen zu Grunde liegen, nicht bewusst sind.«

Anlass für diese Zweifel gab etwa eine Studie des Sozialpsychologen Adam Hahn, damals an der University of Western Ontario, und Kollegen von der University of Colorado in Boulder. Hier sollten Versuchspersonen vorhersagen, wie sie in einem später zu absolvierenden impliziten Assoziationstest abschneiden würden. Dazu sollten sie ihre Aufmerksamkeit auf ihr Bauchgefühl lenken. Wie sich zeigte, konnten die Teilnehmenden ihr eigenes Abschneiden recht treffend vorhersagen – besser als das Abschneiden anderer Personen. Daraus folgern die Psychologen, dass solche Assoziationen, wie sie der IAT misst, im Prinzip durchaus bewusst sein können. Das offenbart eine begriffliche Unschärfe: Es ist nicht klar, was mit der These, eine Assoziation sei unbewusst (oder nicht), überhaupt gemeint ist.

Es ist nicht klar, was mit der These, eine Assoziation sei unbewusst, überhaupt gemeint ist

Der Philosoph Ned Block von der New York University hat einst eine in diesem Zusammenhang wichtige Unterscheidung gemacht, nämlich die zwischen phänomenalem Bewusstsein und Zugangsbewusstsein. Phänomenal bewusst sind beispielsweise Emotionen oder Wahrnehmungen. Es fühlt sich auf eine bestimmte Weise an, Angst oder Freude zu haben. Genauso fühlt es sich auf eine bestimmte Weise an, Rotwein zu trinken oder ein Parfüm zu riechen. Zugangsbewusstsein dagegen bezieht sich auf unsere Fähigkeit, darüber berichten zu können, was in unserem Geist vor sich geht, und unsere Emotionen, Wahrnehmungen, Überzeugungen, Wünsche, Erinnerungen und so fort in Überlegungen oder bei Handlungsplänen zu berücksichtigen.

Eine nach wie vor offene Frage ist, wie sich das phänomenale Bewusstsein und das Zugangsbewusstsein zueinander verhalten. In einem Artikel von 2011 beschreibt Ned Block seine »Anna-Karenina-Theorie« des Unbewussten so: »Alle bewussten Zustände sind gleich; jeder unbewusste Zustand ist auf seine eigene Weise unbewusst.« (In Anlehnung an den ersten Satz aus dem Roman »Anna Karenina« von Leo Tolstoi: »Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.«)

Unser Geist kann demnach wahlweise phänomenal unbewusst oder zugangsunbewusst sein. Zudem können zugangsunbewusste Prozesse laut Block auf ganz unterschiedliche Weise zu Stande kommen, etwa dadurch, dass Reize unterhalb der Wahrnehmungsschwelle präsentiert werden oder indem unsere Aufmerksamkeit abgelenkt oder Erlebtes falsch kategorisiert wird.

Phänomenal bewusst, aber »zugangsunbewusst«

Doch zurück zu den Problemen der »Dual-process«-Theorie. In einem Artikel von 2018 argumentiere ich, dass der Streit um unbewusste Verzerrungen auf einer unklaren Verwendung des Begriffs »unbewusst« basiert – und dass der Ansatz von Ned Block hier eine mögliche Lösung bietet: Die Assoziationen, die im impliziten Assoziationstest gemessen werden, könnten phänomenal bewusst, jedoch zugangsunbewusst sein. Das Zugangs-Unbewusstsein könnte wiederum darauf beruhen, dass die Versuchsteilnehmer ihre Aufmerksamkeit nicht auf diese phänomenal bewussten Zustände lenken, wenn sie nach ihren Einstellungen etwa zu Männern und Frauen gefragt werden. Bittet man sie explizit darum, auf ihr »Bauchgefühl« zu hören, werden die Assoziationen zugangsbewusst.

Auf der Pirsch nach verborgenen Vorurteilen

Die Messung unbewusster Stereotype mittels Impliziter Assoziationstests (IAT) folgt diesem Grundprinzip: Die Versuchsperson sieht auf einem Bildschirm nacheinander verschiedene Wörter (in manchen Varianten des Tests auch Bilder). Das können zum Beispiel typisch männliche und weibliche Vornamen sein, familienbezogene Begriffe wie Zuhause, Kinder, Familie, Hochzeit oder karrierebezogene Wörter wie Unternehmen, Gehalt, Büro. Nun soll die Versuchsperson möglichst schnell eine bestimmte Taste, beispielsweise »E«, drücken, wenn ein männlicher Vorname oder ein Karriere-Wort gezeigt wird, beziehungsweise auf eine andere Taste (»O«), wenn ein weiblicher Name oder ein Familien-Wort erscheint. Im nächsten Durchgang wird die Tastenbelegung getauscht: Jetzt ist die eine Taste für »männlicher Vorname« oder »Familien-Wort« reserviert, die andere für »weiblicher Vorname« oder »Karriere-Wort«. Hierbei zeigt sich oft: Die Reaktionszeiten sind im ersten Durchgang im Schnitt kürzer, und die Probanden machen weniger Fehler als im zweiten. Die Erklärung: Die meisten Menschen assoziieren Männer rascher mit Karriere und Frauen mit Familie. Den Test kann man auch zu Hause am Computer durchführen: https://

Empirische Belege für diese These lieferte eine kürzlich veröffentlichte Studie der Sozialpsychologen Alexandra Gödderz von der Universität zu Köln und Adam Hahn von der University of Bath. Sie legt nahe, dass Probanden von ihrem Abschneiden im impliziten Assoziationstest in der Regel deshalb überrascht sind, weil sie den im Test gemessenen Assoziationen bisher keine Aufmerksamkeit schenkten. Demnach gäbe es auf die Frage, ob die Assoziationen bewusst sind oder nicht, gar keine klare Ja-Nein-Antwort, sondern nur ein »hängt davon ab«.

Eine weitere begriffliche Unklarheit, die mit der Redeweise vom unbewussten Geist verbunden ist, offenbart das folgende Beispiel: Ein vermeintlicher Nachweis von unbewusstem Sehen basiert auf dem Phänomen der binokularen Rivalität. Dabei präsentiert man Versuchsteilnehmern auf beiden Augen unterschiedliche Bilder, was zur Folge hat, dass die Bilder abwechselnd bewusst gesehen werden.

Präsentiert man dem einen Auge nun einen so genannten Mondrian-Reiz aus vielen bunten Pixeln, so verhindert dieser das Bewusstwerden des anderen Bildes für mehrere Minuten.

Sexuelle Orientierung lenkt Aufmerksamkeit

Der Psychologe Yi Jiang führte 2006 mit Kolleginnen und Kollegen an der University of Minnesota eine Studie durch, in der Versuchspersonen auf dem einen Auge ein Mondrian-Bild gezeigt bekamen und auf dem anderen Aktfotos. Die Bilder der Nackten wurden von den Probanden nicht bewusst wahrgenommen. Trotzdem zogen sie in unterschiedlichem Maß die Aufmerksamkeit der Betreffenden auf sich – je nach sexueller Orientierung der Versuchsperson.

Das war daran ablesbar, dass homosexuelle Personen bei einem anschließenden Test schneller auf Reize reagierten, die auf der gleichen Bildschirmseite erschienen wie zuvor die gleichgeschlechtlichen Nacktfotos. Analog zeigten die Heterosexuellen eine Präferenz für die Seite, auf der das Aktbild des jeweils anderen Ge-schlechts präsentiert worden war. Offenbar hatten sie die Nacktbilder unbewusst registriert.

Fragwürdige Anti-Bias-Trainings

Laut dem Philosophen Edouard Machery von der University of Pittsburgh lässt die Forschung mit impliziten Methoden folgende Fragen unbeantwortet:

• Messen Methoden wie der IAT einerseits sowie offene Befragung andererseits tatsächlich unterschiedliche Prozesse?

• Beeinflussen die gemessenen Assoziationen kausal das Verhalten?

• Weshalb liefern implizite Methoden für die gleiche Person zu verschiedenen Zeitpunkten oft unterschiedliche Ergebnisse?

Laut Machery hinkt die Wissenschaft der öffentlichen Debatte um »unbewusste Vorurteile« hinterher. Daraus ergibt sich eine Reihe von Problemen. So geben Unternehmen und Universitäten viel Geld für Anti-Bias-Trainings aus, deren Effekte kaum belegt sind. Zudem kann der Verweis auf unbewusste Vorurteile die Verantwortung für Diskriminierung auf den Einzelnen abschieben; strukturelle Ursachen erscheinen dann weniger wichtig. Andererseits kann auch das Individuum die Ursachen von Diskriminierung zu einem psychologischen Phänomen erklären: »Ich kann nichts für meine unbewussten Vorurteile – also auch nichts dafür, ob ich diskriminiere.«

Machery, E.: Anomalies in implicit attitudes research: Not so easily dismissed. WIREs Cognitive Science 13, 2022 JACOBLUND / GETTY IMAGES / ISTOCK

Aber kann man hier von »Wahrnehmung« sprechen im Sinne eines geistigen Prozesses? Laut der Kognitionswissenschaftlerin Megan Peters von der University of California in Irvine liegt ein Wahrnehmungsprozess nur dann vor, wenn jemand einen Reiz mit hoher Sicherheit identifiziert, also eben nicht raten muss. Dieses Kriterium ist im Fall der Aufmerksamkeitslenkung durch die Nacktbilder nicht erfüllt.

Einen ähnlichen Einwand erhob der Philosoph Ian Phillips von der Johns Hopkins University in Baltimore. Die Aufmerksamkeitslenkung reicht ihm zufolge nicht aus, um zu zeigen, dass es sich um einen unbewussten geistigen Prozess handelt. Die Aufmerksamkeitslenkung könnte ebenso gut als basaler Reflex eingestuft werden, nicht als Handlung der Versuchsperson im eigentlichen Sinne. Letzteres sei jedoch notwendig, um von einem geistigen Prozess zu sprechen. Die Aufmerksamkeitslenkung ist damit zwar unbewusst, aber nicht geistig – ähnlich wie etwa der Einfluss von Hormonen auf unsere Gefühle, von dem wohl auch niemand behaupten würde, es handle sich um einen geistigen Prozess.

Der Argumentation von Phillips liegt dabei eine Prämisse zu Grunde: Geistige Prozesse sind solche, die Handlungen herbeiführen. Handlungen sind keine bloßen Reflexe, sondern durch die Person steuerbare Verhaltensweisen. Ersteres kann man durchaus bestreiten, schließlich gibt es viele Prozesse, die wir als geistig bezeichnen, obwohl sie Verhalten hervorbringen, das wir nicht oder nur schwer steuern können. Denken wir nur an überschießende emotionale Reaktionen oder Zwangsgedanken.

In einem 2022 erschienenen Artikel argumentiere ich dafür, zwischen geistigen und nichtgeistigen Prozessen auf der Basis neuronaler Mechanismen zu unterscheiden. Die Idee basiert auf den folgenden drei An-nahmen: Erstens produzieren bewusste und unbewusste Prozesse in vielen Fällen ähnliches Verhalten. Unbewusste visuelle Verarbeitung und bewusstes Sehen können beide dazu führen, dass die Aufmerksamkeit gelenkt wird, dass man auf visuelle Reize schnell reagieren kann und so weiter.

Die Frage, ob wir Herr im eigenen Haus sind, bringt Aspekte wie Verantwortung und Schuld mit sich

Zweitens werden diese Verhaltensweisen durch bestimmte neuronale Mechanismen hervorgebracht, mit denen Forscher das Verhalten erklären. Visuelle Wahrnehmung kommt beispielsweise durch Aktivität im visuellen Kortex zu Stande und zeigt sich in Alphawellen, die sich vom hinteren Teil des Gehirns in Richtung Frontalkortex ausbreiten.

Drittens folgt der Ansatz einer gängigen Annahme in der Wissenschaftstheorie: Wissenschaftliche Erklärungen sind kontrastiv. Warum jemand nach der Präsentation eines Reizes auf einen Knopf drückt, wird davon abhängen, welcher Kontrast uns interessiert: »Knopf drücken versus nicht reagieren«, »genau diesen Knopf drücken versus jenen Knopf drücken« oder auch »Knopf drücken versus aufstehen und weggehen« und so weiter.

Dem Unbewussten eine wissenschaftliche Basis geben

Die Idee ist nun, dass bewusste und unbewusste geistige Prozesse denselben Kontrast (etwa »auf visuelle Reize zuverlässig reagieren versus raten«) mit demselben Mechanismus erklären. Tatsächlich scheint das bei Reaktionen auf visuelle Reize der Fall zu sein, wie die neurowissenschaftliche Forschung zeigt: Für unbewusst wie für bewusst wahrgenommene Sehreize ist der visuelle Kortex verantwortlich.

Ein großer Vorteil dieses Ansatzes bestünde darin, dass die Beschreibung von unbewussten Prozessen als »geistig« eine wissenschaftliche Basis bekäme: Es wird damit ausgedrückt, dass unbewusste Wahrnehmung auf ähnliche Weise Verhalten erzeugt oder beeinflusst wie bewusste. Die automatische Aufmerksamkeitsverschiebung, die in der oben genannten Studie zur binokularen Rivalität auftrat, wäre demnach genau dann ein Beleg für einen geistigen Prozess, wenn sie auf die gleiche Weise entstünde wie eine bewusste Aufmerksamkeitsverschiebung. Andere Leistungen hingegen, die etwa das motorische System autonom bewerkstelligt, könnten wir dann auf Grundlage der neuronalen Verarbeitung als »nicht geistig« bezeichnen. Dazu zählt etwa das Halten des Gleichgewichts beim Gehen. Ob diese Charakterisierung des Geistigen in allen Kontexten befriedigend sein kann, bleibt fraglich. Im Alltag interessieren wir uns jedenfalls nur selten für neuronale Mechanismen. Unsere alltägliche Redeweise vom »Geist« und die Frage, ob wir Herr im eigenen Haus sind, bringen Aspekte wie Verantwortung, Schuld und Rechtfertigung mit sich.

Festzuhalten bleibt allerdings, dass uns die Beschäftigung mit der Natur des unbewussten Geistes weit vom eingangs beschriebenen Alltagsverständnis entfernt. Zudem erscheint eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kognitions- und Neurowissenschaften einerseits sowie der Philosophie andererseits besonders fruchtbar, um die nach wie vor großen begrifflichen Hürden zu meistern.

Der Brüsseler Kognitionswissenschaftler Axel Cleeremans fasste den Stand der Forschung zum unbewussten Geist in einem Fachartikel von 2019 mit den folgenden Worten zusammen: »Abgesehen von den schwierigen methodischen und erkenntnistheoretischen Fragen, die mit dem Nachweis unbewusster Kognition verbunden sind, ist die wichtigste Herausforderung eine begriffliche. Es ist immer noch nicht klar, wie wir uns den Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Kognition genau vorstellen sollen.« Wir sollten also besser vorsichtig damit sein, diese scheinbar so eindeutige Unterscheidung allzu gedankenlos zu verwenden. 

QUELLEN Block, N.: The Anna Karenina theory of the unconscious. Neuropsychoanalysis 13, 2011 De Neys, W.: On dual- and single-process models of thinking. Perspectives on Psychological Science 16, 2021

Gawronski, B.: Six lessons for a cogent science of implicit bias and its criticism. Perspectives on Psychological Science 14, 2019

Krickel, B.: The unconscious mind worry: A mechanistic-explanatory strategy. Philosophy of Science 10.1017/psa.2022.18, 2022

Melnikoff, D. E., Bargh, J. A.: The mythical number two. Trends in Cognitive Sciences 22, 2018 Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2053212