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Auf der Suche nach der Zukunft: Schnupperwoche auf Schloss Tonndorf


Nexus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 86/2019 vom 01.12.2019

Sind Gemeinschaften eine Alternative zum System? Wird dort die Zukunft ausgebrütet? Könnten wir dort besser leben, bewusster, naturnäher? Und lässt sich das alles in einer Woche erfassen? Ein Selbstversuch in Familie – und lauter Fragen.


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Bildquelle: Nexus Magazin, Ausgabe 86/2019

Ich stehe in einer grünen Arbeitslatzhose und zerschlissenen Arbeitsschuhen in einem Stall, in dem drei Kühe Heu mampfen. Ihre käuenden Köpfe lugen durch ein Eisengatter, Lethe, die älteste, steht in der Mitte, daneben Thalia und Rupie. Björn sticht seine Mistgabel ins Heu und legt nach.

„Kühe sind im Grunde ganz ruhige Tiere“, sagt er, „da passiert relativ wenig. Aber du ...

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... musst sie trotzdem immer im Auge behalten. Denn wenn sie aufeinander losgehen, dann kriegst du schnell mal einen ab – da solltest du nicht dazwischengeraten.“

Björn hat die drei gerade gemolken, die Milchbäuerin ist mit dem Edelstahlbehälter schon ins Schloss. Wir sind in ein Gespräch versunken, reden über die Dehnbarkeit des Demetersiegels, das Glück der Milchkühe in Großbetrieben, den Unterschied zwischen Roh- und Vorzugsmilch. Es ist ein rarer Moment – den Rest der Woche werde ich mit ihm nur Kopfnicken wechseln. Eigentlich ist er ein verschlossener Mensch.

„Weißt du“, sagt er, „dieses Touristending, diese Schnupperwoche, damit können hier viele nichts anfangen. Deshalb sind sie auch kaum zu sehen. Die meisten, die hierherkommen, haben eine völlig falsche Vorstellung vom Leben in einer Gemeinschaft, die verkennen die Realität, den Alltag. Die kommen im Sommer, wo alles grünt und blüht, und denken, hier wäre immer eitel Sonnenschein.“

Die neuen Lehnsherren

Knapp zwei Monate vorher, Anfang August. Jeden Sonntag hat auf Schloss Tonndorf das Besuchercafé geöffnet, ich sitze mit Frau und Kind in einem frisch renovierten Türmchen, schlürfe Espresso und ein Glas Rohmilch. In den Händen halte ich eine Broschüre mit dem Titel: „Schmeißt euer Geld zusammen, organisiert euch, macht eigene Nahrungsmittel, teilt euch Sachen!“ Es ist das Stück eines jungen Grafikdesigners, der alternative Lebensprojekte in Deutschland porträtiert hat – Olgashof, Niederkaufungen, Tonndorf.

Die Fenster des Rundtürmchens lassen weit ins Tal blicken, immer wieder öffnen wir eins, um die Insekten, die sich an den Scheiben sammeln, ins Freie zu lassen. Das Kind juchzt, keine Wolke trübt den Himmel.

An diesem Tag gibt es auch eine Schlossführung. Gehalten wird sie von Thomas, Architekt und Mitbegründer der Gemeinschaft. Damals, sinniert er, begann es als verrückte Idee; er hatte sich einfach in das Schloss verliebt. An das hatte sich bis dahin kein Investor herangewagt: Der Abwasseranschluss fehlte und war nur mit einer fünf- oder sechsstelligen Summe umzusetzen, es gab keine Zentralheizung, alles stand seit Jahren leer. Aber das drückte natürlich den Preis. Schließlich fand er Freunde, die sich am Kauf beteiligten, und eine örtliche Elterngruppe, die nach einem Objekt für eine Gemeinschaftsgründung Ausschau hielt, und los ging es.

Die Runde, die wir durch Schloss, Burggraben und Turm drehen, ist eine historische. Thomas liefert einen ansteckenden Vortrag über die Geschichte des Schlosses – Jahreszahlen, Vorbesitzer, architektonische Details –, aber eigentlich jucken uns andere Fragen. Erst gegen Ende werden wir sie los.

„Ihr zahlt ja hier auch Miete, oder? Darf man fragen, wie hoch so die Mietpreise sind?“

„Nun, die liegen um die fünf Euro pro Quadratmeter, je nach Zustand des Wohnraums. Das Spannende ist ja, dass wir hier sozusagen unser eigener Vermieter sind, denn die Mieteinnahmen landen in der Genossenschaftskasse. Und, ja, letztens haben wir tatsächlich gemeinsam eine Mieterhöhung beschlossen.“

„Na, die Preise klingen ja immer noch moderat, wenn man bedenkt, was wir zahlen. Und wenn das Geld dann in der eigenen Kasse landet, statt bei irgendwelchen gesichtslosen Investoren? Nur mal so interessehalber: Wollt ihr euch eigentlich erweitern? Und wenn ja, wie kommt man in die Gemeinschaft hinein?“

„Ja, wir haben schon vor, die Gemeinschaft zu vergrößern. Gerade sind wir ca. 30 Erwachsene und 30 Kinder, aber so 20 bis 30 sollen langfristig noch dazukommen. Es gibt da auch festgelegte Regeln für eine Aufnahme: Wer bei uns einziehen will, der braucht mindestens fünf Fürsprecher aus der Gemeinschaft, und die müssen sich auch klar für eine Aufnahme aussprechen, jeder einzelne. Dann kann man ein Probejahr absolvieren, und nach dem wird noch einmal im Plenum entschieden, ob man bleiben darf.“

Nach der Führung sitzen wir in kleiner Runde vorm Café und löchern Thomas weiter. Wir erfahren, dass er Seminare hier am Schloss gibt, falls man eine eigene Gemeinschaft gründen will. Von den Plänen, eine freie Schule ins Leben zu rufen. Und dass sie hier Schnupperwochen durchführen, in denen man am Leben der Gemeinschaft teilnehmen kann.

Als wir wieder am Auto sind und uns eine Flasche Rohmilch zureichen, sind wir angefixt. Ob das was für uns ist? Als junge Familie stehen wir ja vor der entscheidenden Frage, wo und wie unser Kind aufwachsen soll: Mitten im etablierten System, das darauf ausgelegt ist, Robotniks für die Wirtschaft hochzuziehen, oder außerhalb davon? Würde es in einer Gemeinschaft mit Kindern, eigenem Waldkindergarten und einer freien Schule in der Nähe, umgeben von Landwirtschaft und Natur, nicht menschlicher aufwachsen, kreativer? Und wäre es nicht auch für uns stressfreier, unter Menschen zu leben, die dem System bereits den Rücken gekehrt haben und an einer Alternative werkeln?

Kreisläufe und Kompostklos

Ende September. Die Abendsonne glänzt über die Hügel und jagt mir einen Schauer über den Rücken, als ich ins Tal nach Tonndorf einbiege. Hier leben?

Oben am Schloss, am Ende des schmalen Holperpflasterwegs, warten Frau und Kind. Sie haben den Camper abgeholt, in dem wir eine Woche nächtigen werden, ein weißer Westfalia-Bus mit Klappdach. Es riecht nach Abenteuer, denn die Karre ist alt und die Temperaturen fallen, regnen soll es auch.

Ich komme gerade rechtzeitig zum Geländerundgang. Mit uns stehen etwa zehn andere unterm Torbogen vorm Schloss, ein junges Mädchen mit Mutter, 20- bis 50-jährige Frauen, zwei Männer, älter als ich. Wir sind die Einzigen mit Kleinkind.

„Na, das ist ja mal eine überschaubare Runde“, sagt Lea. „Im Sommer haben wir hier bis zu 30 Leute, normalerweise sind auch mehrere Familien mit Kindern dabei. Wollen wir starten?“

Leas Gesicht kenne ich schon – sie stand bei unserem ersten Besuch im Café hinterm Tresen, ihr Blick hat sich eine Weile in mir verhakt. Heute wirken ihre Augen gehetzter, auch wenn sie sich locker gibt.

Es geht in eine Richtung, die Tagesbesuchern verwehrt bleibt: die schlossabgewandte, der Gemeinschaft vorbehaltene Seite. Ich bin gespannt, denn schon beim Sonntagsbesuch habe ich mich gefragt, wo hier 60 Leute wohnen sollen. Doch nicht alle im Schloss und in den renovierungsbedürftigen Vorgebäuden?

Zunächst aber queren wir die Wiese, auf der unser Camper steht, und steuern auf den eingezäunten Gemüsegarten zu. Es gibt viele Blumen, viel Durcheinander; die Dolden roten Amaranths stechen ins Auge.

„Habt ihr eigentlich vor, euch hier autark zu ernähren?“, fragt einer aus der Gruppe.

Nein, das sei nicht angestrebt, sagt Lea. Hier werden Salate und Kräuter angebaut, Rhabarber, etwas Wintergemüse – und hinten, im Gewächshaustunnel, Tomaten. Das meiste Essen kaufen sie aber im Großmarkt, möglichst bio. Sie erläutert auch das System der drei Komposthaufen im Garten.

„Das Schließen der Kreisläufe, das ist für uns sehr wichtig, das versuchen wir so gut es geht zu praktizieren. Deshalb gibt es auch die Komposttoiletten, dort, gleich neben der Sauna, und am Schloss, direkt vor der Brücke. Wenn ihr die benutzt, müsst ihr aber aufpassen: Wir trennen hier die Fäzes vom Urin – daher ist vorn eine Rinne, da müsst ihr gut zielen.“

Die Kompostklos lassen mich an Jim denken, den Ökokrieger im estnischen Outback (siehe Interview in Heft 76). Ich habe solche Dinger schon öfter benutzt, und wundere mich immer, wie geruchsfrei die sind – und wie direkt. Aber mir fallen auch andere Sachen ins Auge, die mich an Jim erinnern: die zur Sauna umfunktionierte Gartenlaube mit ihren Lehmwänden, das improvisierte Außenwaschbecken, die Holz- und Materialstapel vor, neben und hinter den Gebäuden.

Lea hat inzwischen weitererzählt: Von der neuen Schwarzwasseranlage, den Duschen und Wassertoiletten, die sie jüngst für die Schlossgäste installiert haben, von den alten Tomatensorten, die sie im Gewächshaus nachziehen. Auch hier geht es um Kreisläufe. Nun sind wir am Kuhstall, hinter dem sich ein weites Areal öffnet: die Streuobstwiese, auf der alte Obstbäume in Reih und Glied stehen. Die Bäuerin treibt gerade drei braune Kühe über die Wiese.

„Die Bäume haben wir den Vorbesitzern des Schlosses zu verdanken, den Rauchfußens“, erklärt Lea. „Die haben ja viele Umbauten am Schloss vorgenommen und waren auf dem ganzen Gelände aktiv, unter anderem hier. Ja, und wie ihr vielleicht wisst, steht das Schlossareal auf kargem Kalkfelsboden, für Obstbäume alles andere als optimal. Aber damals wurde gerade das Dynamit erfunden …“

Boom. Loch für Loch haben sie gesprengt und mit Mutterboden gefüllt, ein Großteil der Bäume stammt noch von ihnen. So hat jetzt jeder Baum seine eigene Grube, und die Jungbäume, die Stück für Stück nachgepflanzt werden, landen genau dort, wo die alten stehen. Anders geht es gar nicht.

Aber wo sind sie denn nun, die Wohnungen? Wenn sie sich erweitern wollen, dann wird hier doch irgendwo gebaut, oder? Am Rand der Obstwiese erspähe ich ein Schild, vor dem wir als Nächstes halten:

PRIVATGELÄNDE! Fotografieren ohne Erlaubnis der Bewohner VERBOTEN.

Es sind Bauwägen, sechs, sieben Stück. In der Herbstsonne wirkt das kleine Hobbithausen pittoresk, man will sofort die Kamera zücken. Deshalb wohl auch das Schild. Aber hier wohnen? Einen Bauwagen hatte ich eigentlich nicht im Kopf, als ich mir das Wohnareal der Gemeinschaft ausgemalt habe – eher ein paar Niedrigenergiehäuser mit Solardach, geplant vom Architekten. Ob die noch kommen? Der Rundgang geht jedenfalls noch weiter, und am Ende eines Weges, den weitere Bauwägen säumen, stehen wir vor einem Landhaus mit gestrecktem Anbau, der alten Klöppelei. Nur: Hier ist offenbar auch alles bewohnt.

„Sag mal, Lea“, frage ich, „habt ihr eigentlich vor, hier noch anzubauen?“

„Uh, ja, keine ganz einfache Frage. Ein Ausbau ist schon länger geplant, wir würden hier gern noch mehr Gebäude hinstellen. Aber da gibt es ein Problem: Das Amt genehmigt nur einen Gesamtbebauungsplan, also einen Plan für das gesamte Areal. Wir haben zwar in den Ämtern Leute, die uns inzwischen wohlgesonnen sind, aber die können da trotzdem kein Auge zudrücken. Wenn sie uns nur ein einziges Gebäude genehmigen, dann stehen bei denen sofort die angrenzenden Ferienhaussiedlungen auf der Matte und wollen auch Sonderrechte.“

„Aber erweitern wollt ihr euch doch als Gemeinschaft, oder wie? Thomas hatte jedenfalls bei der Schlossführung davon gesprochen …“

„Hmm, tja, eigentlich schon. Aber wie das in einer Gemeinschaft immer so ist: Es gibt verschiedene Meinungen, und nicht alle sind dafür. Deshalb diskutieren wir auch schon sehr lange über den Bebauungsplan.“

Meine Frau und ich wechseln Blicke: So einig scheint man sich ja in dieser Frage nicht zu sein. Als wir am Ende des Rundgangs im Dachgeschoss des Schlosses stehen, hat sich die Sache endgültig erledigt – hier hat es im letzten Jahr einen Brand gegeben, seither wird saniert. Die Etage ist noch immer unbewohnbar, eine Familie ist komplett ausgezogen, andere Bewohner umquartiert. Ausnahmezustand.

Aber gut, Hals über Kopf wären wir sowieso nicht in ein solches Abenteuer gestürzt. Genau deshalb sind wir ja hier: Um zu sehen, ob das überhaupt was für uns ist, hinter die Fassade zu schauen, einen persönlichen Eindruck vom Gemeinschaftsleben zu bekommen.

Zu dem gehört zum Beispiel das gemeinsame Essen, das unseren Rundgang beschließt. Wir stehen um die große Anrichte in der Gemeinschaftsküche, auf der das Abendbrot kredenzt ist: Nudeln und Tomatensauce, Wirsing-Kartoffel-Eintopf, Brot und Käse. Prinzipiell wird in der Gemeinschaftsküche vegetarisch und vegan gekocht, sagt Lea, und außerhalb der Schnupperwoche nur mittags. Wir dagegen werden alle Mahlzeiten zusammen einnehmen, außerdem wird am Nachmittag ein Kaffeetaxi umherfahren. Je zwei oder drei von uns haben mit einem Mitglied der Gemeinschaft Küchendienst.

„Eins noch“, sagt Lea zum Abschluss. „Ihr seid in dieser Woche Teil der Gemeinschaft, das heißt, ihr dürft euch hier überall frei bewegen, als wärt ihr einer von uns. Schaut euch um, und wenn ihr Fragen habt, fragt. Und vergesst nach dem Essen nicht das Abwaschprinzip: Jeder seins – plus eins.“

Als wir uns aufgetan haben, setzen wir uns in den kleinen Billardraum neben dem Speisesaal, abseits der Gruppe. Ich bin still, die Eindrücke wirken nach, außerdem brauche ich unter neuen Leuten eine Weile, bis ich aufgetaut bin. Das Kind offenbar nicht: Es krabbelt durch die Schiebetür, und flugs tauschen wir erste Hallos.

„Boah“, lache ich in den Camper, als meine Frau gerade das Kind wickelt, „könntest du dir vorstellen, in so einem Bauwagen zu leben? Ich meine, wir sind hier mit Busund Auto angereist – und ich kriege nicht mal alle unsere Taschen im Camper unter!“

Ja, was braucht man zum Leben? Und wie viel Platz? Vier Zimmer waren bei unserer aktuellen Wohnung Minimum – dass es für mich eine Tür gibt, die ich zumachen kann, war Bedingung, auch wegen der Arbeit.

Am Abend bin ich fürs Kind zuständig und tippe die ersten Eindrücke runter, eingemummelt in eine Daunendecke im Camperdach. Im heftiger werdenden Wind ploppen noch ein paar Untertöne des Rundgangs auf, von Mitgliedern, die nicht mehr da sind, verpassten Gelegenheiten, Prozessen. Meine Frau ist in der Vorstellungsrunde, von der sie den Wochenplan mitbringt: Es gibt mehrere Arbeitsgruppen, in die man sich eintragen kann; die Zettel dazu hängen im Eingangsbereich des Schlosses. Mich hat sie vorsorglich eingetragen.

Baum-, Stall- und Feldstudien: Alltag in der Gemeinschaft

Teebaumöl zum Desinfizieren und ein Panoramafenster vor der Nase, das einen Mischwald zeigt. Während ich fröstelnd ziele, versuche ich, die Nacht abzuschütteln. Bis zwölf hielt ich den Wind noch für romantisch, dann wurde er heftiger und kam unter die Decke gekrochen. Meiner Frau erging es nicht besser, zusätzlich musste sie ihre enge Liegefläche mit dem Kind teilen. Immerhin das ist gut drauf.

Als im Morgenkreis, für den wir uns alle vorm Schloss versammelt haben, ein schwarzer Plüschrabe namens Juri durch die Luft fliegt und sich unsere Namen merkt, öffnet sich ein Zeitloch: Plötzlich bin ich wieder 15 Jahre alt, sitze im katholischen Jugendhaus und werfe anderen Pubertierenden ein Wollknäuel zu. Ich bin der Daniel, und du? Die Ukulele komplettiert die Vision: Peter, ein blonder Rastamann in Zimmermannshosen, stimmt das Lied von den zwei kleinen Wölfen an, die des nachts durch den Wald tappsen und sich die Pfoten an den Wurzeln krumm laufen. Ist das jetzt Programm, Show oder Alltag?

Mir ist der Kreis noch im Kopf, als ich vormittags mit dem Kind übers Gelände schiebe. Muss man das so betulich tun? Die meisten von uns sind doch erwachsene Leute. Auf den Arbeitszetteln im Eingangsbereich lese ich, dass meine Frau gerade „Geschenke annimmt“: Sie ist irgendwo zur Apfelernte, ich werde nachmittags übernehmen. Und morgen darf ich dann „den Kreislauf erfüllen“ und „der Natur zurückschenken“, indem ich Baumscheiben hacke und Obstbäume dünge.

Mittags habe ich eine Runde ums Areal gedreht, gesprochen habe ich noch mit keinem. Es ist aber auch ein ulkiges Gefühl. Hier leben Menschen wie du und ich, und dann kommt da ein Pulk Fremder und stellt die immergleichen Fragen: Und, wie bist du hier gelandet? Wie lange bist du schon dabei? Wie ist das so, ein Leben in Gemeinschaft? Wie verdienst du eigentlich dein Geld? Ich muss mich wirklich an den Gedanken gewöhnen, hier als Voyeur unterwegs zu sein – aber dazu ist sie da, die Schnupperwoche.

Zu Mittag sitzen wir im Gemeinschaftssaal an einem der kleineren Tische. Als die Bäuerin, mit der wir ein paar Worte über Milchverarbeitung gewechselt haben, sich zum Mittagsschläfchen verabschiedet hat, landen zwei neue Gesichter.

„Das ist Manolo, der Praktikant von der Waldorfschule. Die Anreise war ein bisschen haarig, weil ein paar Züge ausgefallen sind, aber jetzt hat er es geschafft.“


„Erwarte nicht, dass wir hier alle einer Meinung sind – jeder, mit dem du sprichst, wird dir was anderes sagen.“


Eine interessante Idee: In Waldorfschulen ist es Usus, dass Schüler der neunten Klasse ein dreiwöchiges Landwirtschaftspraktikum machen. Im Wirrwarr der Pubertät sollen sie festen Boden unter den Füßen bekommen, heißt es in der Waldorfpädagogik, und Pflichtbewusstsein lernen: Die Natur wartet nicht. Manolo ist ein schmächtiger Kerl mit fahler Haut, zögerlich erzählt er von seinem Vegetarismus. Die, die ihn vorgestellt hat, ist Katrin, eine Alteingesessene: Sie ist schon seit der Gründungszeit dabei. Wir nutzen Manolos Auftakt und kommen in ein Gespräch über den Sinn und Unsinn des Fleischkonsums. Katrin selbst isst Fleisch, wenn auch wenig; letztlich kommt es dabei auf die innere Haltung an, sagt sie. Und wie ist das hier in der Gemeinschaft, sind da die meisten Vegetarier? Nein, der Großteil nicht – aber die Gemeinschaftsküche im Schloss bleibt vegetarisch und vegan, aus Rücksicht. Ich nutze den Augenblick, um endgültig Klarheit zu gewinnen. Wie ist das jetzt: Wollen sie als Gemeinschaft nun größer werden oder nicht?

„Ja, ja, die Gemeinschaft“, seufzt sie lächelnd.

„Thomas hat ja bei der Führung gemeint, dass ihr euch erweitern wollt. Stimmt das denn nun?“

„Ach, der Thomas. Das ist unser Visionär, musst du wissen, der hat immer das große Ganze im Kopf, die ganz großen Ideen. Erwarte nicht, dass wir hier alle einer Meinung sind – jeder, mit dem du sprichst, wird dir was anderes sagen. Und es gibt genügend Leute, die meinen, wir sind schon genug hier. Das wird heftig debattiert. Also nehmt das mit dem Wachsen mal nicht zu wörtlich.“ Ja, aber wozu dann überhaupt die Schnupperwochen, wenn man gar keinen Zuwachs will? Inzwischen stehe ich gebückt im Camper und quäle mich in eine grüne Arbeitslatzhose. Die Stiefel, die ich bei meinem Vater geschnorrt habe, sind viel zu groß, die alten Sicherheitsschuhe meines Bruders passen etwas besser. Draußen gießt es, daher ist die Frage, ob ich überhaupt dazu kommen werde, „Geschenke anzunehmen“. Auf der Suche nach Lea, die für die Erntegruppe zuständig ist, laufe ich an einer Kiste Gummistiefel vorbei: Die liegen noch auf der Wiese, wo wir den Morgenkreis hatten und sind inzwischen eingeregnet. Irgendwer hat sie hingestellt, aber nicht weggeräumt. Als ich Lea schließlich gefunden habe, klart der Himmel unvermittelt auf. „Mensch, das ist ja wie Aprilwetter. Ich wollte dich gerade fragen, ob wir das jetzt durchziehen oder nicht?“ „Na logo. Wir treffen uns dann hinten am Pflaumenbaum, gleich neben der Jurte, okay?“ Hochstämme sind ertragreich und robust – nur bei der Ernte eben unpraktisch und ineffizient. Genau deswegen sind sie in der konventionellen Landwirtschaft kaum noch zu finden. Ich bin einer von zweien, die sich auf eine ausgeschobene Klappleiter gewagt haben; am Ende der Leiter angele ich nach einer erschreckend geringen Anzahl von Pflaumen. Die Ausbeute ist spärlich: Nicht einmal der Boden des Eimers ist bedeckt, aber man will hier nichts verkommen lassen. Den Äpfeln erging es ähnlich: Der Frost hat die Blüten erwischt. Doch hier macht sich die Vielfalt einer Streuobstwiese bezahlt – in einem Mix aus Früh- und Spätblühern schaffen es immer ein paar, und die steuern wir als Nächstes an. Ich bin schon als Kind gerne in Bäumen herumgekraxelt, apfelbaumaffin und daher gleich in meinem Element. Bald hänge ich in den Wipfeln, suche nach dem sichersten Tritt und strecke mich nach den verlockendsten Früchten, die immer am Rand, immer eine halbe Hand zu weit außen hängen. Unten nehmen zwei aus der Gruppe die Äpfel entgegen und sortieren sie in Kisten. Die ohne Schlagstellen werden eingelagert, die anderen so bald wie möglich verarbeitet. Nach den ersten beiden Eimern hänge ich im Wipfel und schwatze wie ein Schwarm Stare.

„Sag mal, hörst du auch mal auf zu reden?“, ruft Lea.

Es ist ein gutes Zeichen, ich bin angekommen. Bevor ich den Baum wechsle, wird noch kräftig an jedem Ast geschüttelt: Die letzten unerreichbaren Früchte gehen nieder.

„Kaffeetaxi!“
„Was, schon? Wir haben doch gerade erst angefangen!“

Die Runde um den kleinen Bollerwagen, in dem selbst gebackene Kekse, Kuchen, Kaffee, Tee und Rohmilch bereitstehen, ist munter, überall summen Gespräche. Nicht nur die Pflückmannschaft ist hier, auch andere haben sich eingefunden, darunter die Milchbäuerin, deren Namen ich inzwischen kenne: Christiana. Wir reden über Monokulturen, Wetterphänomene, das Klima.

„Vor drei Jahren“, sagt Christiana, „war es so nass, das haben die meisten Leute schon wieder vergessen. Aber der Sommer vor zwei Jahren war dann so trocken, dass sich der Boden noch immer nicht davon erholt hat. Dieses Jahr war es okay, aber in den Spitzen waren die Tage so heiß wie nie. Wie kriegst du deine Felder da feucht? Wir waren ganz schön am Improvisieren den ganzen Sommer. Was fehlt, ist ein fetter Winter mit richtig viel Schnee, das wäre ideal.“


Möglichst viel des Gemeinschaftsgelds soll intern kursieren: Wenn Projekte geplant sind, wird zuerst geschaut, ob jemand aus der Gemeinschaft dafür bezahlt werden kann.


Ich stelle mir vor, wie es wohl ist, so ein Leben. Tagein, tagaus Tiere zu versorgen. Felder zu bestellen, Aussaat und Ernte zu planen. Und dabei immer aufs Wetter, auf die Zyklen der Natur angewiesen zu sein. Es klingt hart, aber aufrichtig. Für Christiana war es der Grund, die Großstadt hinter sich zu lassen.

„Doch, doch, das kann man schon sagen: Ich lebe hier meinen Traum, ich habe meine Berufung gefunden. Die Erde. Aber du musst diese Arbeit wirklich wollen – wenn du dir noch immer wünschst, die Welt bereisen zu wollen, bist du falsch hier. Wer mit der Natur arbeiten will, der muss am Ort bleiben. Klar, ich habe auch mal ein Wochenende, wo ich raus muss – aber das geht erst im Herbst oder Winter. Von Mai bis September ist hier Vollzeitprogramm.“

Sie strahlt, während sie erzählt. Ein wenig blendet ihr breites Lächeln, denn es endet nie, aber die Aufrichtigkeit, mit der sie von der Landwirtschaft schwärmt, steckt an. Demnächst will sie mehr anbauen, Kartoffeln, ein bisschen Getreide, Möhren. Aber ganz deckeln werden sie die Bedürfnisse der Gemeinschaft nicht.

Nach einem Happen Kuchen und einem Schluck Rohmilch kraxele ich zur letzten Etappe, einem alten Hochstamm mit Äpfeln, mehlig und sauer. Der Wind geht immer noch heftig, ich wage mich nicht zu weit hinaus. Als ich mit meinem Dreiviertel Eimer zur Sammelstelle zurückkomme, grinsen mich zwei Kindergesichter an. Sie pesen eine kleinere Leiter hinauf, schnappen sich ein paar Restäpfel, beißen herzhaft hinein. Eine davon ist Leas Tochter, eine Expertin im Grimassenschneiden. Ich grinse sie an, scherze. Langsam entsteht hier doch ein Groove.

„Feierabend!“, ruft Lea.

Als Leitern und Äpfel weggeräumt sind, schlendere ich noch eine Runde über die Streuobstwiese, quere kahle, knorrige Riesen, frisch gemistete Jungbäume in Sprengloch-Formation, eine Reihe Bienenstöcke, in denen es geschäftig surrt. Auf dem Rückweg zum Camper fällt mein Blick in den Kuhstall, die Geschäftigkeit zieht mich hinein. Es wird gerade gemolken, ein Edelstahlbehälter wandert zwischen den Beinen der Tiere herum, Schläuche saugen sich an Eutern fest.

„Och, Lethe, nicht schon wieder stänkern.“

Die Kuh in der Mitte hat mit den Hörnern ausgeschlagen, jetzt fixiert Christiana sie mit einem Seil. Es ist der Auftakt zu einer Lektion in Öko-Landwirtschaft und Nutzviehhaltung, einem Gespräch, das mich über Schlachtethik und Kuhgemüt bis ins Herz der Gemeinschaft führt. Als Christiana weg ist und ich mit ihrem Kollegen Björn allein bin, ist es Zeit. Zeit, die immergleichen Fragen zu stellen.

„Sag mal, Björn, was ich mich die ganze Zeit schon frage: Wie verdient ihr eigentlich euer Geld?“

Die Antwort ist komplex. Ziel der Gemeinschaft ist es auch hier, auf die Kreisläufe zu achten. Möglichst viel des Gemeinschaftsgelds soll intern kursieren: Wenn Projekte geplant sind, wird zuerst geschaut, ob jemand aus der Gemeinschaft dafür bezahlt werden kann. Im nächsten Schritt schaut man dann, ob man Leute aus dem Dorf oder der Region findet, die helfen. Das hatte Thomas schon bei der Führung erwähnt.

„Also, für mich sind die Devisen enorm wichtig“, sagt Björn. „Das Geld, das von außerhalb hereinkommt, was wir als Gemeinschaft einnehmen. Wir mit unserer Landwirtschaft sind ja eigenständig und verkaufen unsere Milch ins Dorf, haben aber auch andere Kunden. Der beste Abnehmer ist zurzeit eine Eisdiele in Erfurt, die zahlen auch ziemlich gut.“

Im Dorf, das sie jeden Freitag mit dem Pferdewagen beliefern, bekommen sie 1,80 Euro für den Liter Milch. Was mich überrascht: Die Gemeinschaft kauft auch bei ihnen, natürlich zu einem günstigeren Preis.

„Aber weißt du, das ist im Verhältnis zu den Großpackungen, die wir im Großmarkt kaufen, immer noch teuer. Wir zahlen ja Essengeld in die Gemeinschaftskasse – und dafür kann ich im Grunde keine drei Liter meiner eigenen Milch am Tag trinken. Das geht dann so weit, dass ich mich schon dabei ertappt habe, vom Frischkäse aus dem Biogroßmarkt zu nehmen, weil der billiger als mein eigener ist und die Gemeinschaft damit spart.“

Ich muss lachen. Echt jetzt? Aber wie habe ich es mir vorgestellt? Dass hier alle gemeinsam füreinander produzieren, alles kostenlos ist? Es ist wohl eine Frage der Autarkie, denke ich. Solange eine Gemeinschaft von außen zukaufen muss – Strom, Wasser, Nahrung –, werden die Devisen, wie Björn sie nennt, ein Problem sein. Wie ich ihn so am Heuschober lehnen sehe, die Mistgabel in der Hand, kommt es plötzlich wieder hoch, das ulkige Gefühl.

„Irgendwie ist das doch komisch, oder? Ich meine, ihr führt hier euer Leben, habt euren Alltag – und dann kommen ständig irgendwelche Leute, glotzen und fragen euch aus. Habt ihr hier überhaupt mal Ruhe und seid unter euch?“

„Ja, das ist echt so ne Sache. Man ist hier wirklich nie allein, nie unter sich. Ständig ist irgendjemand da. Du kannst hier nicht einfach nackt über den Hof springen, wenn dir danach ist, weil dir irgendein Politiker über den Weg laufen könnte. Letztens hat es sogar der Ministerpräsident hierher geschafft …“

„Boah, stimmt, die ja auch noch. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, man ist ja quasi ständig im Rampenlicht. Dabei will man doch nur sein Ding machen …“

„Eben. Weißt du, meinen Alltag, den habe ich hier jeden Tag, ob Schnupperwoche oder nicht. Und es ist wirklich so: Dreimal im Jahr beantworte ich hier dieselben Fragen. So ein Gespräch hier, das geht schon mal, das mache ich auch gern … aber das eigentliche Ansinnen der Schnupperwoche sollte es sein, die Leute anzustecken, selbst so was zu machen, die Idee nach außen zu tragen.“

„Ja, so was hatte ich auch im Hinterkopf. Wenn es hier nicht passt oder halt kein Platz ist, dann gründet man eben selbst so eine Gemeinschaft. Oder nimmt die besten Dinge mit und guckt, was sich davon draußen in der Gesellschaft umsetzen lässt. Was können wir besser machen? Was ist erprobt und hat sich bewährt? Ich mag ja zum Beispiel diese Sache mit der Konsensfindung, dass Gegenmeinungen nicht ignoriert, sondern ausdiskutiert werden. Allerdings frage ich mich, ob das nicht manchmal auch hemmt. Ich meine, kann das nicht ganz schön zäh sein, gerade wenn man mit irgendwas vorankommen will?“

„Ha, da kann ich dir ein gutes Beispiel nennen. Wir haben ja hier eine Menge Wald, und als Landwirt weißt du, der muss halt irgendwann ausgedünnt werden, da müssen Bäume raus. Und hier in den Wäldern, da wurde jahrzehntelang nichts gemacht. Nun ist das aber so, dass hier jeder eine Beziehung zu irgendeinem Baum hat. Tja, was machst du? Du triffst eine Gruppenentscheidung, das heißt, du gehst mit jedem, dem die Sache offenbar am Herzen liegt, durch den Wald, und jeder sagt dann, den nicht, da wohnt ein Kuckuck, den hier auch nicht, das ist immer ein gutes Versteck für die Schnitzeljagd und so weiter. Schließlich bist du durch: Da sind dann fünf Bäume rausgekommen, die gefällt werden dürfen, auf die haben sich alle geeinigt – und die kennzeichnest du dann mit Schnüren. Aber dann fällt jemandem ein, der nicht dabei war, dass er da ja auch noch was zu sagen hat, und der schaut sich das dann an und meint: Was,die Bäume? Die auf keinen Fall! Ja, und am nächsten Tag sind die fünf Schnüre wieder ab. Und nichts passiert …“

„Ach du Gott.“

„Ja, so ist das. Und mit dem Plenum jede Woche, das ist auch so ne Sache. Halb neun solls immer losgehen, um neun sind dann alle eingetrudelt, Kinder, Abwasch, Telefonat irgendwas ist ja immer. Ja, und dann sind nur 8 von 30 da. Und wenn die dann eine Entscheidung für die Gruppe treffen, und dann kommt am nächsten Tag einer, der nicht dabei war, weil er was ganz Wichtiges hatte, und der sagt dann, nee, das mache ich nicht mit, und die Entscheidung steht nicht mehr – gehst du dann noch zum Plenum?“

„Puh. Klingt ernüchternd. Im Grunde ist das aber genau die Frage, die ich mir mit meiner Frau gestellt habe: Beflügelt so eine Gemeinschaft, oder hemmt sie nicht mehr? Ich meine, wenn da über jede Entscheidung endlos debattiert wird, das kann sich doch ewig hinziehen?“

„Ja, so eine Gemeinschaft hat halt keinen Leitbullen. Bei den Kühen, da würde die Leitkuh vorneweg rennen, und alle würden sagen, ah, da geht’s lang, und hinterher. Bei uns gibt es so was nicht, keinen Anführer, keine Herrschaftsstrukturen. Und wenn ich so darüber nachdenke, also, wenn ich ganz tief in mich hineinhöre und wirklich ehrlich zu mir bin, da ganz unten in mir, da weiß ich, dass mich das eher hemmt als voranbringt.“

Es ist ein Satz, der mir im Gedächtnis bleibt, weil er einen Verdacht bestätigt: Wo aufgeweckte Individuen zusammenkommen, gibt es immer Sonderwünsche, immer Spezialfälle. Das Problem des Endlosdiskutierens ist mir schon in anderen alternativen Gruppen untergekommen. Und doch: So ganz abkaufen kann ich ihm die Aussage nicht. Als er davon erzählt, wie naturschonend die Arbeit mit Pferden ist, die er jetzt wieder im Wald und vorm Pflug einsetzt, als er mir die alten Landwirtschaftsgeräte zeigt, die landein, landaus verrosten, weil sie keiner mehr braucht, und die er hier zusammenträgt – da frage ich mich: Könnte er das, was er hier tut, diese Kleinstlandwirtschaft mit drei Kühen, das Ausfahren der Milch mit dem Pferdewagen, ohne Rückhalt tun? Würde sich das in einem System tragen, das auf Effizienz und Gewinnmaximierung ausgelegt ist, könnte er da draußen davon leben?

Wir haben so lange gequatscht, dass vom Abendbrot nichts mehr übrig ist, als wir im Gemeinschaftssaal ankommen. Was wohl in den leeren Edelstahlbehältern gewesen sein mag?

„Meine Güte“, sage ich zu meiner Frau, während wir Brot mit Frischkäse kauen. „Wir sind noch nicht einmal einen Tag hier, und ich habe das Gefühl, es wäre schon eine ganze Woche.“

Humanphysik: Von Reibung und Wärme

Gut, dass es bei meinem zweiten Arbeitseinsatz ruhiger zugeht. Als Peter zu mir meint, ich wäre dann aber allein auf dem Gerüst, nicke ich: Das ist völlig okay, ich kann die Zeit für mich gebrauchen. Nun stehe ich, bewaffnet mit einer Drahtbürste, im noch immer pfiffigen Wind und soll Ochsenblutfarbe von dicken Eichenbalken schubbern. Die Balken stehen an einem Panoramafenster Spalier, durch das ich in den Raum sehen kann, der fürs Plenum und andere Zusammenkünfte genutzt wird.

„Wir wollen auch diesen Teil des Schlosses noch sanieren“, sagt Peter, „aber das wird wohl erst in sieben, acht Jahren. Bis dahin kann man es ja wenigstens schön machen.“

„Das ist auch so eine Sache, die mir schon aufgefallen ist“, meine ich. „Wenn man hier übers Gelände streift, denkt man, Mensch, hier gibt’s ja an jeder Ecke was zu tun. Im Grunde bräuchte es doch schon ein eigenes Team, nur um den Bestand zu erhalten, oder?“

„Stimmt“, sagt er, „zu tun gibt’s hier immer und überall. Aber weißt du, irgendwann habe ich aufgehört, mir deswegen Stress zu machen, sonst wirst du verrückt. Es ist halt so. Und außerdem wollen ja die nächsten Generationen auch noch was zu tun haben. Das muss man nämlich erstmal begreifen: Das ist eine Mehrgenerationenbaustelle hier, das schaffen wir nicht in einer Generation. Also tun wir das, was vor der Nase liegt, Stück für Stück, anders geht’s ja gar nicht.“

Der Trakt mit dem Café ist schon mal gelungen, denke ich, als ich über das mattrote Dach mit seinem Vorzeigetürmchen ins Land schaue. Aber wenn ich mich umdrehe, steht da dieser Kaventsmann von Schloss, unkaputtbar zwar mit seinen drei Meter dicken Außenmauern, aber eben an allen Ecken renovierungsbedürftig. Und davon hat es hier genug. Okay, der Cafétrakt und die Besuchertoiletten sind nicht zu übersehen, und in den letzten Jahren haben sie auch neue Zuleitungen für eine Zentralheizung verlegt, die Schlossbrücke erneuert – nur wirkt das wie die Maniküre eines runzligen Riesen. Und das Schloss ist ja nur ein Teil vom Ganzen, ein Stück des Areals.

Die Arbeit hat etwas Meditatives. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass Peter keinen Bürstenaufsatz für den Winkelschleifer gefunden hat: Die Handarbeit ist anstrengender, daher muss ich öfter absetzen – und das gibt mir Gelegenheit, aufs Gerüst gelehnt meine Gedanken schweifen zu lassen.

Was macht sie denn nun aus, so eine Gemeinschaft? Ich muss an den heutigen Morgenkreis denken, wieder so ein Spielchen. Am Ende stehe ich vor einem Wildfremden, der heute zum ersten Mal auf der Baustelle im Dachgeschoss tätig ist, und beantworte die Frage: Was lässt dein Herz singen? So kindisch es sich anfühlt – sofort ist da ein Gefühl von Nähe, ein Brückenschlag ins Persönliche. In der Runde stehen auch zwei Langzeitarbeitslose, die sie hier als Ein-Euro-Jobber auf der Baustelle beschäftigen – durch den Kreis und das Spiel sind sie sofort integriert. Überhaupt, die Menschen hier: Von allen, die ich bisher getroffen habe, geht eine Herzlichkeit und Vertrautheit aus, als wäre man im engsten Freundeskreis. Manche klangen tatsächlich, als hätten sie ihre Bestimmung gefunden – zumindest haben sie eine bewusste Entscheidung getroffen, etwas anders zu machen, sonst wären sie nicht hier. Habe ich bisher ein einziges oberflächliches Gespräch geführt?

Ich bürste weiter. Gar nicht so einfach, die alte Farbe herunterzukratzen, denn sie blättert nur an der Wetterseite. Aber letztlich geht es ja nur ums Aufrauen, hat Peter gesagt, damit neue Farbe aufgetragen werden kann. Puh, ich muss die Hände ausschütteln.

Mal abgesehen vom Platz, wie würden wir hier hineinpassen? Könnten wir nicht wunderbar unser Know-how, unsere Fähigkeiten einbringen? Meine Frau ist Profi im Organisieren, ich im Bereich Medien. Ich könnte zum Beispiel mit meinem Schreiben helfen, die Website betreuen, Artikel verfassen, Vorträge übers Gemeinschaftsleben halten. Selbst beim Ausbau könnten wir anpacken, denn zwei linke Hände haben wir beide nicht. Und dann ist da noch dieses Potenzial, das überall aufblitzt: Wie viel Wissen haben die 800 Ökodörfer und Gemeinschaften in Deutschland wohl schon generiert, wie viele nachhaltige Lösungen gefunden? Wenn ich mich da hineingrabe – wären da nicht genau die Wege zu finden, nach denen die Welt gerade sucht? Oder die Wildnisschule, die sie hier haben: Es war schon immer eine meiner Ideen, in der Natur mit Kindern zu arbeiten, statt sie vor Bildschirmen verstrahlen zu lassen. Nur, angenommen wir landen wirklich hier: Lässt sich das alles auch finanzieren? Würde die Gemeinschaft für unsere Arbeit Geld bezahlen? Derzeit gibt es nur zwei halbe Stellen hier, viel scheint für neue Posten nicht da zu sein. Oder wie soll das laufen – weiterarbeiten wie bisher, auswärts oder eben freiberuflich, nur nebenbei ein bisschen Gemeinschaft?

Die Essenglocke reißt mich aus meinen Gedanken. Georg, mit dem meine Frau heute Küchendienst hat, steht mit schalldichten Kopfhörern vor einer aufgehängten halben Sauerstoffflasche, die er mit einem Metallklöppel bearbeitet. Es gibt gedünstete Rote-Bete-Scheiben, überbackenen Blumenkohl, Kartoffeln und Quark.

Nach dem Essen krieche ich auf die höchste Ebene des Gerüsts. Ganz wohl ist mir nicht, denn das Geländer ist nur kniehoch – aber alles ist professionell gesichert, und ich mache ungern halbe Sachen.

Potenzial, gut und schön. Aber will die Gemeinschaft sich überhaupt weiterentwickeln, will sie wachsen? Und wenn ja, wohin? Die Aussagen waren da ambivalent – aber ich habe in den Gesprächen auch herausgehört, dass jedes derartige Projekt ganz eigene Ansätze hat, eine eigene Aura, wenn man so will. In Tempelhof bei Stuttgart soll es brummen wie in einem Unternehmen, alles ist durchorganisiert: Es gibt eine gemeinschaftseigene Schule, 90 Prozent der Nahrung kommt von den eigenen Feldern, regelmäßig finden Seminare mit bis zu 200 Gästen statt. Siebenlinden soll eher auf die Gemeinschaftsprozesse Wert legen, besonders selbstreflexiv sein, aber längst die Kapazitätsgrenze erreicht haben. Und wenn man sich die nun alle anschaut und die besten Ideen in den Alltag mitnimmt? Sich in seiner Kleinstadt mit den interessantesten Menschen vernetzt, über mehrere Häuser hinweg?

Da ist nämlich noch etwas, das mich zögern lässt: Nähe erzeugt zwar Wärme, aber die kommt eben auch durch Reibung zustande. Wo so viele eigenwillige Charaktere aufeinandertreffen, da eckt man unweigerlich an – Knatsch ist vorprogrammiert.

Und der hängt schon am zweiten Abend in der Luft. In meiner Familie zeichnen sich erste Stresssymptome ab: Das Kind isst wenig, weil so viel Trubel im Essensaal ist, will nur noch zur Mama und verweigert mich, hinzu kommt das ständige An- und Auspellen, wenn wir es zum Windeln in den Camper tragen. Auch die zweite Nacht war bescheiden; wenigstens konnten wir ein Verlängerungskabel organisieren und unsere mitgebrachte Heizung betreiben. Weil schon wieder Strippen vom Himmel fallen und ich meine Frau nicht Kind, Schirm und Zubehör allein zum Camper schleppen lassen will, gehe ich mit – dabei bin ich eigentlich fürs Abwaschen eingeteilt.

„Sagt mal, das war doch vereinbart, dass nur einer von euch fürs Kind zuständig ist, und nicht beide, oder?“

Tanja, eine aus unserer Gruppe, steht vor mir, als wir zurückkommen, und kratzt an meinem Gewissen. Was ist jetzt wichtiger? Meiner Frau spontan zu helfen – oder meiner Pflicht für die Gruppe nachzukommen? Mit säuerlichem Grinsen bekenne ich mich schuldig, wasche die restlichen Teller ab, wische Brotkrumen von der Anrichte, beginne zu fegen. Eigentlich steht da aber schon der nächste Programmpunkt an, ein zentraler: Fragen an die Gemeinschaft. Ich habe mir schon einige notiert, und als meine Frau mir anbietet, die übrige Küchenarbeit zu übernehmen, verschwinde ich.

Ein warmer Schwall empfängt mich aus dem Plenumsraum, in dem Schnupperwöchler und Gemeinschaftsmitglieder in einem Stuhlkreis sitzen. Geleitet wird die Runde von Christiana. Sie erzählt, dass dieser Raum der luftigste im ganzen Schloss ist, weil er als angebautes Balkonzimmer die dünnsten Wände hat – was könnte sich besser eignen für die wöchentlichen Plenen, das Yoga und andere Gruppenzusammenkünfte? Dann bittet sie uns, die Augen zu schließen, unseren Körper zu spüren, tief einzuatmen.

„Stellt euch nochmal vor, wie es war, als ihr hergekommen seid“, sagt sie. „Was habt ihr gedacht, als ihr das Schloss zum ersten Mal gesehen habt? Was für Fragen habt ihr euch gestellt? Welche haben sich in der Zwischenzeit geklärt, welche sind dazugekommen?“

Ja, was hat sich für mich bisher geklärt? Ich denke an die Euphorie, mit der wir nach der Sonntagsvisite vom Schloss gingen, voller Tatendrang und Inspiration. Nun ist der Vorhang gelupft, ein paar Kulissen sind inspiziert. Als Christiana und die anderen vom Plenum erzählen, bei dem sie über Themen reden, „die Energie haben“, und dass immer „genau die Leute da sind, die da sein müssen“, fällt mir Björn ein. Wie kommt man zu Entscheidungen, wenn nur 8 von 30 Leuten regelmäßig zum Plenum kommen? Und wenn man nur die Themen anpackt, die vibrieren – bleiben dann die leidigen auf der Strecke?

Auch an diesem Abend sind nicht viele aus der Gemeinschaft da, jedenfalls weniger, als ich erwartet hatte. Kein Thomas, keine Lea, kein Peter. Neben Christiana sind Detlef und Irene gekommen, zwei Gründungsmitglieder; Helene, die seit einem Monat ihr FöJ hier macht; und Georg, der Mittagsgong-Mann. Er ist Rentner, lebt aber schon länger in Gemeinschaften, und weil sich seine alte aufgelöst hat, ist er mitten im letzten Winter hier gelandet und seither in Probezeit.

Klar, bei 30 Leuten und 30 Kindern kann man nicht erwarten, dass es jeder zu allen Terminen schafft – aber geht dieses Laissez-faire nicht nach hinten los? Die Plenumsfeier, bei der sich die gesamte Gemeinschaft einmal im Jahr einen Samstag lang trifft und diskutiert, die Supervisionen, für die ein Außenstehender auf ein professionelles Gespräch vorbeikommt, in dem die Pläne und der Zusammenhalt auf Herz und Nieren geprüft werden, das Sozialplenum für die menschlichen, alltäglichen Probleme – alles freiwillig.

„Das hört man in anderen Gemeinschaften selten“, wirft jemand aus der Schnuppergruppe ein. „Aber ihr haltet es ja selbst bei den Arbeitsgruppen so: Alles kann, nichts muss. An die Idee muss ich mich erstmal gewöhnen.“

Vielleicht machen es andere Gemeinschaften aus gutem Grund so, denke ich, Verbindlichkeit bedeutet ja auch Planungssicherheit. Wie willst du gemeinsam vorankommen, wenn jeder macht, wie er lustig ist? Nur kann das Pendel auch in die Gegenrichtung ausschlagen – daran hatte ich noch gar nicht gedacht:

„Wie zieht ihr eigentlich die Grenze zwischen Gemeinschaft und Privatem?“, lautet die nächste Frage. „Wie viel trägt man zur Gemeinschaft bei, wann ist Schluss?“

„Ja, das ist eines der Hauptthemen“, sagt Christiana. „Es ist eine Mehrgenerationenbaustelle, bei der nur eins hilft: Gelassenheit. Dumusst hier lernen, Nein zu sagen. Man muss wirklich lernen, was man geben kann und geben will.“

Klar, man kann auchzu viel wollen. Gerade hier, wo die Visionsdichte so enorm hoch ist. Tatsächlich haben manche die Gemeinschaft aus einem Grund verlassen, den man hier als Letztes vermuten würde: Burn-out. Und wegen der Schwierigkeit, Gemeinschaft und Privates zu trennen, haben sich viele auch zurückgezogen.

„Diese Überforderung“, ergänzt Detlef, „die ergibt sich zum einen aus der Größe des Geländes, zum anderen aber auch aus den sozialen Prozessen. Konflikte führen immer auch an Grenzen.“

Eben. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich davon schon genug, ganz ohne Gemeinschaft. Warum sollte ich das Pensum freiwillig verdoppeln oder verdreifachen? Oder denke ich da zu negativ? Während die Runde die Außenwahrnehmung thematisiert, die wachsenden Kontakte ins Dorf, reift in mir eine Frage weiter. Als Christiana meint, wir sollten da nicht so trennen, zwischen der Gemeinschaft und den „Anderen“, darum gehe es ja gerade nicht, werfe ich sie in die Runde:

„Ich frage mich, was eine Gemeinschaft denn nun so unterscheidet von der Gesellschaft da draußen? Irgendwie kann ich das noch nicht in Worte fassen. Ich kann doch auch in der normalen Welt engere Beziehungen eingehen, zu Partnern, Freunden, in Vereinen, ich kann da ehrenamtlich tätig werden. Ich kann auch in der Gesellschaft und für sie arbeiten. Nur eben mit dem Vorteil, dass ich irgendwann die Tür zumache. Dass ich mir selbst aussuchen kann, wann ich mit wem wie eng zu tun habe.“


„Wir müssen erst wieder dorthin wachsen, wo wir schon mal waren – wir müssen wieder lernen, uns gegenseitig auszuhalten.“


Oder, häretischer ausgedrückt: Hat sich die Menschheit nicht aus gutem Grund so entwickelt, von kleinfamiliären Sippenstrukturen bis zu der ausdifferenzierten Gesellschaft, in der wir heute leben? Sind durch das moderne System nicht auch viele der grundlegenden Fragen – Nahrungsmittelversorgung, Wasser, Abwasser, Energie – geklärt, in die man hier wieder mühselig Arbeit und Zeit investieren muss?

„Die gegenseitige Wertschätzung, das fällt sofort auf“, sagt einer aus der Schnuppergruppe.

Die Antworten der Gemeinschaftsmitglieder sind vielfältig, auch widersprüchlich. „Was du hier machst, hat Konsequenzen“, notiere ich. „Ja, das Zusammenleben, dass man sich gegenseitig mitbekommt.“ – „Das Angenommensein unterschiedlicher Schichten.“ – „Aber Gemeinschaft kommt eben auch von gemein – es ist anstrengend, weil man sich sehr gut kennt.“ – „Es ist ein Wachstumsraum für alle, ein Ort des persönlichen Wachstums.“

„Persönliches Wachstum, persönliches Wachstum“, widerspricht Georg, „das ist mir zu egoistisch. Ich bin doch gerade hier, weil ich … weil ich eben in einer Gemeinschaft leben will. Hier geht es um Selbstlosigkeit, du gibst was für das Ganze.“

„Für mich ist es ein gesellschaftliches Experiment.“ Das kommt von Christiana. „Wir müssen nämlich erst wieder dorthin wachsen, wo wir schon mal waren – wir müssen wieder lernen, uns gegenseitig auszuhalten.“

Schließlich fällt noch ein Begriff, der es für mich auf den Punkt bringt: „Selbstorganisation“. Das ist es eben, was einem das moderne Gesellschaftssystem aberzieht: Da kümmern sich andere um die Lebensgrundlagen, jeder pfriemelt mit seiner spezialisierten Aufgabe in einer Ecke der Gesellschaft herum. Aber das entfremdet halt auch. Wie viele meckern heute über das System, die Politiker, die Wirtschaft? Wie viele kennen die dahinterstehenden Menschen, den Grund für ihre Entscheidungen? Und wie viele, die meinen, die Weichen werden falsch gestellt, loten tatsächlich andere Wege aus?

Während die Antworten in mir nachhallen, merke ich, wie heiß es im Raum geworden ist. Christiana steigt sogar auf einen Stuhl und öffnet ein Fenster, um frische Luft hineinzulassen. Kommt das nur vom Kamin, der am Kopf des Raums fröhlich vor sich hin lodert? Die Intensität lässt sich mit Händen greifen: Jeder ist fokussiert, jede Antwort stammt aus dem Kern, der persönlichen Erfahrung. Es ist, als hätten wir hier ein Kraftfeld aufgebaut, über das wir endgültig an die Gemeinschaft angedockt sind.

Es klopft.

Irritiert blicken wir zur Tür.

Wer soll das sein, um die Zeit?

Im Türrahmen taucht der Kopf meiner Frau auf.

„Äh, Entschuldigung, ich störe doch hoffentlich nicht?“ Hmm. Aber irgendetwas muss sein, sonst wäre sie nicht mit aufgeschnalltem Kind im Regen bis ins Schloss gedackelt.

„Ist der Peter hier?“

Äh, nein?

„Ah, da ist er ja. Also, ich wollte nur sagen, der Strom ist ausgefallen, unsere Heizung geht nicht mehr. Es wäre schön, wenn …“

„Also, heute wird sich da niemand mehr drum kümmern“, fällt ihr Christiana ins Wort, „das wird nicht vor morgen früh.“

Lächelnd wendet sie sich wieder dem Kraftfeld zu.

Meine Frau zieht die Stirn kraus.

Rumms, ist die Tür wieder zu.

Die Runde setzt nahtlos in der Diskussion an, das Kraftfeld surrt wieder. Die Sätze fliegen an mir vorbei. Äh, hallo? Wir sitzen hier in einem kochend heißen Raum, und meine Frau draußen mit Kind friert sich im klammen Camper einen ab? Unddas ist die Antwort?

Ich hatte mir noch einige Fragen notiert, aber ich kann jetzt nicht einfach weitermachen. Ich springe auf und laufe ihr hinterher.

„Das ist also Gemeinschaft? Toll!“, knurrt sie auf der Treppe.

„Ach, komm, versteh das nicht falsch. Christiana hat das bestimmt nicht so gemeint. Die Runde war halt so intensiv, und du bist da reingeplatzt wie ein Fremdkörper.“

„Ein Fremdkörper? Na danke.“

„Naja, hat sich schon so angefühlt, wir waren halt in der Runde extrem vertieft. Und überhaupt, warum bist du erst jetzt gekommen? Du bist doch nicht etwa mit dem aufgeschnallten Kind im Regen herumgerannt und hast im Dunkeln feuchte Stromkabel angefasst?“

Doch, hat sie. Zumindest ist sie ihnen nachgegangen. Das, was ich ihr im Nachtniesel an den Kopf schmeiße, sind eigentlich Dinge, die ich mir selbst vorwerfe: Ich bin wütend wegen der Unterbrechung, fühle mich aber auch mies, weil ich die beiden alleingelassen habe. Ist da ein Funke übergesprungen?, frage ich mich, als ich mit einer Taschenlampe in den triefenden Anschlussstecker der Verlängerung leuchte und mich zur Verteilung vortaste. Wird der Gemeinschaftsprozess jetzt privat?

Wir sind nicht die Einzigen, in denen etwas zu rühren beginnt. Als ich meine Sachen aus dem Schloss holen will, stoße ich im Essensaal auf unsere Schnuppertruppe.

„Ich finde das so krass, dass hier alles so freiwillig ist“, sagt Tanja. „Nichts ist Muss, alles Kann – und ich komme aus einer Familie, wo es immer nur Muss gab. Ich musste immer.“

Es wird persönlicher, auch zwischen uns. Charaktere und Namen schälen sich heraus. Annett und Tabea fragen, wie es dem Kind geht, ob ich das Problem lösen konnte. Ich schüttele den Kopf:Heute wird das tatsächlich nichts mehr. Mit Martin bleiben wir beim Thema Freiwilligkeit hängen: Wie ist das wohl, gerade bei Konflikten oder leidigen Themen, um die man sich drückt?

„Wenn es einen Konflikt gibt“, sagt Martin, „dann strebt der automatisch nach einer Lösung. Und in einer Gemeinschaft muss er gelöst werden – da kann man ihm nicht einfach aus dem Weg gehen.“

Nichts muss, alles kann

Erst recht nicht in einem Camper. Als ich mich im Dunkeln vorsichtig an Frau und Kind vorbeidrücke, schwirren mir weitere Gespräche im Kopf, in die ich in der Gemeinschaftsküche geraten bin. Noch mehr Informationen, Charaktere, Dramen. Aber jetzt ist Konfliktlösung angesagt: Gleich morgen früh kümmere ich mich um den Strom.

Als es dämmert, quäle ich mich an den Augenhöhlen meiner Frau vorbei. „Jaja, alles gut“, muffelt sie. Im Niesel finde ich das Problem: Nicht nur der Stecker ist nass, ein Teil der Verlängerung liegt unter einem Erdhaufen begraben, der bei unserer Ankunft noch nicht da war – und dort ist die Isolierung aufgeschlitzt. Vermutlich hat sie jemand mit einem Spaten erwischt. Zum Glück haben wir eine eigene Kabeltrommel dabei; mit etwas Improvisation läuft die Heizung wieder. Immerhin huscht ein Lächeln über das Gesicht meiner Frau, als ich zum Küchendienst schieße. Ich komme mit einem heißen Tee aus dem Kräutervorrat der Gemeinschaft und einem Kaffee zurück.

„Sag mal“, sagt sie. „ist jetzt nicht der Morgenkreis? Willst du da nicht hin?“

„Boah, vergiss den Morgenkreis!“, platzt es aus mir heraus. „Die sagen doch immer, hier ist alles freiwillig, oder? Jetzt kümmern wir uns erstmal um uns – das geht vor.“

Mittags habe ich mein Frühstück immer noch nicht aufgegessen. Meine Frau lässt sich von Christiana erklären, wie man Frischkäse und Quark herstellt, ich habe das Kind im Saal bespaßt und eine doppelte Schlepparie vom Schloss zum Camper hinter mir. Es knäckert in seinen Nucki hinein, endlich schläft es.

Wie war das in dem Gespräch heute morgen? Die Anthroposophen gehen davon aus, dass Kinder geboren werden, um uns aus unserer Gewohnheit, unseren eingefahrenen Strukturen zu reißen. Und weil unsere Gesellschaft so verknöchert ist, kommen jetzt die ADHS-Kinder, die Kinder des neuen Zeitalters. Welche Prozesse wohl dieses kleine Geschöpf in unser Leben bringen wird?

Es schläft noch, als meine Frau vorsichtig die Bustür aufschiebt. Lächelnd setzt sie sich zu mir. Wir flüstern, der Dampf der Nacht ist abgelassen.

„Hier kommt aber auch alles zusammen“, sage ich. „Die Kälte und die Enge. Der wenige Schlaf. Die ganze Intensität der Gespräche. Die neuen Leute. Man will so viel wie möglich mitnehmen – aber das Kind fordert eben auch Aufmerksamkeit.“

„Ja, und ich hab dir ja schon von Anfang an gesagt: Ich mach alles mit, aber feucht und kalt – da gehen bei mir die Nerven durch.“

„Na, jetzt ist ja wieder alles im Lot. Wie wars denn?“

„Ach, super. Echt ein Wahnsinn, wie viel Arbeit da drinsteckt bei dem, was Christiana macht. Ich will unbedingt frischen Quark und Frischkäse mitnehmen!“

Es ist ein ruhiger, friedlicher Tag. Sogar die Sonne scheint wieder. Nachmittags schiebe ich das Kind zur Streuobstwiese, wo Tanja, Annett und Tabea den Boden um die jungen Obstbäume aufgrubbern und düngen. Die Bäume werden an den Kreislauf angeschlossen – es sind die Fäkalien aus den Kompostklos. Lea erläutert mir das System: Frische Kloinhalte kommen auf einen Haufen, der mit Laub und Streu vermengt wird, um den Dung basischer zu machen. Der wird gewendet, ruht ein, zwei Jahre, und kommt auf den nächsten Haufen. Nach insgesamt vier Jahren ist er so weit und wird als Pflanzennahrung verwendet.

„Also, die Tomaten düngen wir nicht damit“, sagt Lea. „Das kommt nur an die Obstbäume. Möglichst weit weg von den eigentlichen Früchten, haben wir gedacht. Es ist ja auch nicht mehr das drin, was früher drin war. So natürlich, wie man denkt, ist das nicht mehr.“

Den restlichen Tag verbringen wir größtenteils in der Gemeinschaftsküche und im Essensaal. Als ich vor der Tür einen Postboten warten sehe und für das Paket gegenzeichne, verkünde ich triumphierend in den Saal: „Mit dieser Unterschrift bin ich jetzt offiziell Mitglied der Gemeinschaft!“

Ich ernte Schmunzeln, aber ein wenig fühlt es sich so an. Alle Gesichter sind vertrauter, aus den Fremden sind Bekannte geworden, Menschen mit Geschichten, Knoten, Untiefen. Beim Abendbrot tollen einige Kinder auf der Couch, unseres tappst durch den Saal, zieht mit ihnen Schnuten. Ich lese einem Jungen aus der Gemeinschaft aus einem Kinderbuch über die nachwachsenden Zähne von Haifischen vor, erkläre die Größe eines Blauwals.

Aufnahmefähig bin ich nicht mehr, eher todmüde. Gut, dass der Programmpunkt am Abend nur physisch intensiv wird: Die Sauna wird angeheizt. Dass ich nach dem Wachwechsel mit meiner Frau fast allein darin bin: umso besser. Am Feuer hält es mich dann doch noch ein paar Stunden: Es geht um Süchte, fehlende Naturnähe, Klimawandel; um Schulmobbing und Initiationserlebnisse. Wieder kommt die Geschichte eines Gemeinschaftsmitglieds mit exotischem Lebenslauf hinzu. Eigentlich gut, denke ich, als ich mich in den Camper zurückleuchte, dass wir uns morgen eine Auszeit nehmen und Oma besuchen werden: Langsam läuft mein Hirn über.

Wunsch und Wirklichkeit

„Wie das alles mal angefangen hat? Oje.“ Das Gespräch mit Katrin zieht sich über mehrere Tage, wir docken immer wieder an, kriechen tiefer ins Kaninchenloch.

„Ursprünglich war der Plan ja, das Schloss gar nicht anzufassen und nur bei der Klöppelei aufzustocken, aber das hat nicht geklappt, also sind wir provisorisch ins Schloss gezogen. Ganz am Anfang gab es hier nicht mal Wasser, das haben wir mit Kanistern geholt, bevor sie die ersten Leitungen angeschlossen haben. Auch Heizungen hatten wir nicht: Im Winter haben wir uns vor dem einzigen Kamin versammelt, der beheizbar war, auf engstem Raum. Und auf dem hat jeder seine Steine gewärmt, die er dann mit ins Bett genommen hat. Das war auch schön … und viel entspannter, natürlicher. Mit den Gästen und dem Besuch kam dann die Notwendigkeit, effizienter zu werden – und damit wurde auch alles schneller, moderner irgendwie.“

„Mich würde mal interessieren“, frage ich, „wie viele von den ursprünglichen Gründungsmitgliedern noch da sind – und wie viele eurer ursprünglichen Pläne ihr schon umgesetzt habt.“

Sie lacht.

„Von den Gründungsmitgliedern?“, beginnt sie. „Hmm, mal überlegen. Ich schätze, davon ist noch etwa ein Drittel hier. Konflikte bleiben eben nicht aus …“ Dann erzählt sie von der großen Wunde, einem Streit zwischen einem Alteingesessenen und einem Neuling. Nach heftigen Diskussionen entschied sich die Gemeinschaft, den Neuling aufzunehmen; der Alte, sendungsbewusst, aber auch sehr dominant, packte seine Koffer. Alle Konflikte sind dann wohl doch nicht zu lösen, auch nicht im Konsensprinzip.

„Wenn ich eins dabei gelernt habe“, sagt sie, „dann, dass man mit Konfrontationskurs nicht weit kommt. Das Alpha-Tier“ – so nennt sie den Alten – „war im Herzen auf dem richtigen Weg, ein Verfechter der Natürlichkeit … aber so rigoros, auch im Umgang mit den Behörden, dass es uns um Jahre zurückgeworfen hat. Dadurch wurden Pläne um Jahre vereitelt. Wenn ich daran denke, wie weit wir 2019 schon sein wollten! Da sollten im Vorhof schon alle Häuser saniert und ausgebaut sein, mehr Platz für Wohnungen bieten, und auch die alte Klöppelei sollte aufgestockt sein. Das klang am Anfang auch alles super, schließlich war man froh, dass sich jemand um das Objekt kümmerte – aber dann kam der erste Rückschlag, keine Baugenehmigung. Und das Alpha-Tier war nicht unschuldig daran.“

Die Narbe, die der Weggang hinterlassen hat, ist bis heute zu spüren, in den Untertönen, den Randbemerkungen. Mir drängt sich ein Bild auf: das eines Organismus, eines Neugeborenen, das euphorisch in die Welt startet, in sie hineinwächst, entdeckt, assimiliert. Bis dann die ersten Prozesse kommen, die ersten Grenzen, Krisen. 14 Jahre gibt es die Gemeinschaft schon – ein Mensch wäre da in seiner Pubertät.

Katrin betreut auch seit Längerem das Catering, eine Haupteinnahmequelle der Gemeinschaft. Hier wird täglich für eine Waldorfschule und den Waldkindergarten gekocht, auch Veranstaltungen werden abgedeckt. Freitags am Mittagstisch kommen wir mit Martin und ihr auf das Thema Freiwilligkeit zurück.

„Das ist auch so ein wunder Punkt. Ich habe da ja angefangen, Pläne zu schreiben, und da gibt es eben das Problem, dass das Essen jedes Mal um elf bei den Schulen sein muss, die warten da drauf. Was denkt ihr, wie ich da spontan immer umplanen musste! Vor allem: Wir wollen ja dafür Geld kassieren, wie es die Profis bekommen – aber keiner will sich so verhalten! Das ist dann so geendet, dass ich Köche von außerhalb angestellt habe, die das Ding schmeißen, und denen stelle ich dann ein paar Leute auf 450-Euro-Basis dazu. Das klappt schon, aber irgendjemand ist immer kurzfristig zu ersetzen. Was, Sonntagnachmittag? Nee, also da geht es dann doch nicht bei mir.“

„Ja, Freiwilligkeit bedeutet eben nicht Unverbindlichkeit“, sagt Martin. „Das ist ein wichtiger Unterschied.“

Der Satz klingelt, weil mir das Thema hier ständig über den Weg läuft. Vielleicht ist es eins, an dem alle Sozialexperimente herumkauen, weil es nun mal eine Grundfrage menschlicher Gesellschaften ist: Wie viel Freiheit darf der Einzelne haben, wie viele verbindliche Regeln braucht es, damit wir zusammen funktionieren? Gleich um die Ecke liegt noch ein anderer heikler Punkt: Gemeinschaften wurden ja nicht nur gegründet, um sich gegenseitig zu wärmen, sondern auch, um eine Alternative zum kapitalistischen System aufzuzeigen. Auch in Tonndorf höre ich solche Töne. Nun ist man aber, solange man nicht komplett autark lebt, gezwungen, mit dem System in Kontakt zu treten – und das nötigt einem nicht nur Effizienz, Verbindlichkeit und einen gewissen Leistungsdruck auf. Im Kern steht da noch eine Frage, an der so manche Utopien gescheitert sind:

„Also früher, da hätte es das nie gegeben, dass jemand aus der Gemeinschaft hier eine Wand gestrichen und dafür noch Geld verlangt hätte. Da war das völlig klar, dass Sachen, die man für alle macht, einfach gemacht werden. Wir haben hier alle Flure gestrichen, das halbe Schloss renoviert! Heute, da kommen die Leute, und fragen, ob wir Arbeit für sie haben. Und die soll auch bezahlt sein. Da hat sich einiges verändert in den letzten Jahren, die Leute kommen, weil sie Arbeit wollen. Wir haben genug Arbeit, aber eben nicht so viel Geld.“

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass wir dafür bezahlt haben, der Gemeinschaft zur Hand gehen zu dürfen. Klar, das war auch ein wenig Schmerzensgeld, aber dass das ganze Experiment nur mit Geld vom Amt in Gang getreten werden konnte – wir als Gesellschaft also indirekt daran beteiligt sind –, ist ebenso nicht von der Hand zu weisen. Alles andere wäre ja auch ein Perpetuum mobile, eine Freie-Energie-Maschine: Der Kreislauf ist in sich geschlossen, und trotzdem gelangt Überschuss nach außen. Vielleicht ist das das Ideal, das es zu erreichen gilt, vielleicht war meine Anfangseuphorie auch von der Hoffnung befeuert, hier so etwas zu finden.

Am Nachmittag stecken wir alle unter Regenschirmen, watscheln übers Gelände und beklatschen, was wir in der Woche erreicht haben: Ein umgefallener Baum wurde am Waldkindergarten beschnitten. Die Äpfel wurden geerntet und eingelagert, die Bäume gedüngt. Holzscheite gestapelt und sortiert. Neue Beete angelegt, Salat gepflanzt. Der Burggraben ist entkrautet. Die Fassade des Balkonzimmers gestrichen, Fensterrahmen für den dritten Stock aufgearbeitet. Die Zisterne – zumindest auf den ersten Metern – entschlammt. 60 Gläser Früchte sind eingekocht.

Donnerlüttchen. Schon einiges, was man gemeinsam in ein paar Tagen schaffen kann.

Was ist das nun, Gemeinschaft?

Abschlussrunde im Balkonzimmer: Wieder der Wärmeschwall, wieder komme ich etwas später. Ein Marmeladenglas wandert durch die Hände, es markiert den Sprecher. Die Worte ziehen an mir vorbei, ich spüre nur ins Feld: Da ist Dankbarkeit, Nähe, Wehmut. Münder bewegen sich in inzwischen vertrauten Gesichtern. Als Tabea das Glas in Händen hält, ringt sie mit der Fassung:

„Also, was ich mitnehme, das ist wohl, dass ich mich mal wieder mit den Strukturen in meinem Kopf auseinandersetzen muss, mit den ganzen Rollen, die ich da draußen einnehme. Es war so großartig, hier keine Rolle spielen zu müssen, einfach die sein zu können, die ich bin. Und deshalb … also, was ich hierlasse … Ich lasse meine Tränen hier.“

Als ich es plötzlich in der Hand halte, fühle ich mich überrumpelt.

„Uh, ich merke gerade, ich kann noch gar nichts sagen. Es geht um Reflexion, oder? Wie lauten nochmal die konkreten Fragen?“

„Was nimmst du mit, was lässt du hier?“, sagt Lea.

Puh, gar nicht so einfach. Ich lasse das Glas noch eine Runde wandern. Viele wollen wiederkommen, suchen nach einem Paten. Will ich, wollen wir wiederkommen? Die Eindrücke sind zu vielschichtig, um die Frage sofort zu beantworten. Da vibriert diese Nähe und Wärme, die Offenheit – aber überall bin ich auch auf Konflikte gestoßen, Prozesse, Zähflüssigkeit. Aber was hatte ich mir eigentlich vorgestellt, nach der ersten Schlossführung? Dass wir nur ins gemachte Nest einziehen müssen – und plötzlich in einer perfekten Welt leben? Einer Insel voller bewusster, erwachter Wesen, die ihre Bestimmung genauso gefunden wie sie ihre Knoten gelöst haben, und die gemeinsam wie ein Saatkristall in die Welt wachsen? Haha.

Als das Glas wiederkommt, bin ich immer noch schwer bei Worten. Ich stammele von Konturen, die sich herausschälen, dass alles ja nur ein erstes Spähen in die Gemeinschaftswelt ist, noch viele Fragen offen sind. Herzlich bedanke ich mich für den Catwalk, wie Lea ihn nennt, die Geduld, die Offenheit.

Klar, wir sind auch mit konkreten Fragen gekommen, und unser Gedankenspiel ist schon mit dem fehlenden Wohnraum gestorben. Aber sind wir vielleicht am eigentlichen Kern vorbeigeschliddert – weil wir drei unsere eigene kleine Gemeinschaft sind?

Ich bin immer noch in meiner Wolke, als wir ein Lied über Tonndorf vortragen, das wir selbst auf die Melodie der zwei Wölfe gedichtet haben. Lea ist gerührt: So etwas hätte noch keine Schnuppergruppe gemacht. Danach fassen wir uns bei den Händen, schlängeln uns in einer Acht durch den Raum, singen „Danke, danke“. Augenpaare ziehen an mir vorbei, jedes erzählt eine andere Geschichte. Überall blitzt sie, die Hoffnung auf eine neue, eine bessere, eine wärmere Welt.

Ja, wie stellt man sich das vor, wenn wir „anders leben“ wollen? Dass wir nur das System umkrempeln müssen, und alles ist paletti?

Steckbrief Schloss Tonndorf

Gründung : 2005

Rechtsformen : Genossenschaft, Förderverein

Bewohner : ca. 60

Ökonomie : konventionell, mit Augenmerk auf regionale und interne Kreisläufe

Stromgewinnung : konventionell über Stromnetz

Wärme : Holz aus eigenen oder regionalen Wäldern

Wasser/Abwasser : eigene Grau- und Schwarzwasseranlage

Aufnahme : 5 Fürsprecher für ein Probejahr, dann Gemeinschaftsentscheidung

Entscheidungsfindung : Plenum, Konsensprinzip

Lebensmittelversorgung : Bio-Großmarkt, ca. 5 – 10 % Eigenanteil

Aktivitäten, Devisen & Projekte : Schlosscafé, Catering, Waldkindergarten, Milchbetrieb, Wildnisschule, Imkerei, Wildholzwerkstatt, Seminare, Yoga

Wohnraum : derzeit knapp

Kennenlernen : 3 Schnupperwochen im Jahr, Patenschaften, Zeitspenden, FÖJ, BFD, Sonntagscafé, öffentliche Veranstaltungen

Weitere Informationen : www.schloss-tonndorf.de