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AUF DER SUCHE NACH DER perfekten Welt


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 201/2022 vom 07.04.2022

THEMA

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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 201/2022

Wie wollen wir Menschen zusammenleben? Welche Umgebungen kehren das Beste aus uns heraus, fördern unser Wohlbefinden, unsere Prosperität, unser Glück? Die Geschichte der Menschheit ist gleichzeitig auch eine von der Suche nach Antworten auf diese Fragen. Von der Antike an ist unser Weg begleitet von unzähligen Utopien. Viele blieben reine Gedankengebäude, blieben Wünsche und Träume. Manche wurden auch realisiert, wie der an der Hochschule Furtwangen als Professor für Gesellschaftlichen Wandel tätige Soziologe Stefan Selke in seinem Buch »Wunschland« ausführt. Da wäre etwa der Monte Verità, eine zu Beginn anarchische Reformkommune bei Ascona. Oder »Fordlandia«, eine vom Industriellen Henry Ford im Amazonasbecken gegründete »Company-City«. Oder »Levittown«, eine prototypische US-Vorstadt. Oder »Auroville«, eine esoterisch-spirituelle Siedlung in Indien.

An all diesen und noch vielen Orten mehr ...

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... wurde versucht, die alte Frage, wie es denn wäre, in einer perfekten Welt zu leben, durch ein Realexperiment zu beantworten. Selke unternimmt diese Reisen in die Vergangenheit gleichsam als »Rückspiegel« auf dem Weg in eine bessere Zukunft, die sich immer mehr Menschen imaginieren. »Pioniere real-utopischer Projekte verwandeln die Welt durch mehrere Jahrhunderte hindurch in ein Labor, in dem die Zukunft immer wieder getestet wurde«, so Selke. »Zusammen könnten sie uns helfen, den Blick für neues Terrain zu schärfen – für ein Wunschland.« Den Soziologen faszinieren dabei insbesondere Utopien, wie sich der Mensch im Weltraum ausbreiten könnte.

Um den Weg ins Wunschland zu finden, brauche es eine »kollektive Lernkurve der Menschheit«. Selke seziert daher die historischen Beispiele nach allen Regeln der Kunst. Er geht der Motivation der Menschen nach, die ihre Utopien in die Realität überführen wollten. Er beschreibt die sozialen Prozesse nach der Gründung. Und er legt die Gründe für deren Untergang offen: Alle real-utopischen Experimente seien gescheitert, weil sie »ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurden – weil überzogene ideologische Ansprüche zu Verkrampfungen und Ersatzhandlungen führten«. Der Forscher zieht daraus auch Lehren, und er skizziert einen »Werkzeugkasten für Weltverbesserer«, in dem sich u. a. ethische Prinzipien (das rechte Maß), hehre Motive, elastische Regeln, der Verzicht auf das eigene Ego oder ein gemeinsamer Wille befinden.

In Selkes Augen mangelt es heute nicht an »Engagement und Utopielust, sondern an zusammenhängenden und konsensfähigen Modellen des Zivilisationsmangels«. Er will zu weiteren utopischen Real-Experimenten anregen, er fordert einen radikalen Perspektivwechsel für kooperative planetarische Gestaltungsstrategien – und bleibt dabei dennoch realistisch: »Trotz aller Bemühungen blieb das wirklich perfekte Wunschland bislang unentdeckt.«

WIE DER MENSCH URBANISIERT WURDE

Die Lektüre macht indes auch deutlich, dass im Grunde jede heute realisierte Form des Zusammenlebens irgendwann, im Rückspiegel betrachtet, wie eine Utopie gewirkt haben muss. Das gilt auch für jenes Modell, das sich als (bisher) erfolgreichste Art des Zusammenlebens herauskristallisiert hat: das Leben in Städten. Wie es dazu kam, versucht der britische Historiker Greg Woolf zu erklären. Der Direktor des Instituts für Klassische Studien an der University of London macht das in seinem jüngsten Buch »Metropolis« aus einem sehr speziellen Blickwinkel heraus: Er lässt sowohl Erkenntnisse der Human-und Sozialwissenschaften als auch der Biologie einfließen. Auf der einen Seite legt er eine solide Faktenbasis, indem er die Entwicklung des mediterranen Städtewesens nachzeichnet: Er beginnt im Nahen Osten der Bronzezeit und beschreibt, wie sich nach und nach im ganzen Mittelmeerraum Städte bildeten – die meisten von ihnen blieben klein, nur einige wenige wuchsen zu Großstädten im heutigen Sinne heran. Und schließlich kam es auch wieder zu einer Gegenbewegung: Am Ende der Antike schrumpften die Städte, doch sie verschwanden nie völlig, die physischen Überreste wurden von späteren Kulturen (Byzanz, Kalifat, Franken usw.) weiter genutzt.

Auf der anderen Seite fragt Woolf, warum das Leben in Städten für die Menschen so interessant war und ist. Oder man muss in den Augen Woolfs eher sagen: Warum es im Laufe der Zeit so interessant wurde. Seine These lautet: Die Spezies Mensch weise mehrere Merkmale auf, »die es uns zufällig erleichtern, in Städten zu leben.« Mit der Zeit habe sich herausgestellt, dass das Leben in der Stadt jenen, die es praktizieren, einen Vorteil bringt im Vergleich zu jenen, die es nicht tun. »Unsere sozialen Gehirne, unsere Omnivorie (also unsere Fähigkeit, uns von allem Möglichen zu ernähren), unsere Mobilität, unsere unablässige Neigung, durch enge Solidaritätsbindungen Lösungen für Wandern und Nestbauen zu finden – die Kombination dieser Eigenschaften hat uns urbanisierbar gemacht«, führt Woolf aus. Urbanismus wurde durch diese sozialevolutionäre Anpassung »zu einem zentralen Teil der Erfahrung der Spezies Mensch, und Städte wurden zu einer der bevorzugten Nischen unserer Spezies«. Er will damit nicht sagen, dass »wir in Städten leben müssten«. Aber das Leben in Städten biete nun einmal Lösungen für ein breites Spektrum an Problemen: Das Zusammenleben an einem Ort brachte Sicherheit, Größenvorteile und neue Möglichkeiten für Spezialisierung und Akkumulation.

TRANSFORMATIVE KRAFT VON STÄDTEN

All dies erschafft Chancen, erschafft Traumbilder und Utopien. So darf es nicht verwundern, dass Städte immer mehr Menschen anziehen. Das Jahr 2008 wurde in diesem Zusammenhang zu einem historischen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte: Erstmals lebten mehr Menschen in urbanen als in ruralen Gebieten. Schon bald werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Ballungsräumen wohnen. »Das 21. Jahrhundert muss zwangsläufig ein Jahrhundert der Städte werden. Ob wir wollen oder nicht, in ihnen entscheidet sich maßgeblich die weitere Zukunft«, heißt es in dem Buch »Das Zeitalter der Städte«, herausgegeben in der Serie »Jahrbuch Ökologie«.

Zwei Dutzend Expertinnen und Experten aus etlichen deutschen Forschungsinstitutionen legen darin dar, dass Städte die Treiber des Anthropozäns (des Zeitalters des Menschen) sind. Mit all ihren Folgen: Einerseits entfernt das urbane Leben viele Menschen von der Natur, es bringt ökologische und soziale Probleme mit sich. Städte seien »auch Brennpunkte der Armut, Vertreibung und Naturbelastung«, führen die Herausgeber an. Andererseits hätten Städte auch eine enorme transformatorische Kraft. »Städte engagieren sich in wichtigen Fragen oft früher als nationale Regierungen, so beim Klimaschutz, bei der Integration der Bürgerinnen und Bürger, beim Kampf gegen Populismus, für Demokratie, Gesundheit und Bildung oder für eine sozial und ökologisch verträgliche Mobilität.« Oftmals seien Städte wichtige Vorreiter, entwickelten neue Allianzen und verpflichteten sich globalen Aufgaben. »Wenn sie zu Orten der Nachhaltigkeit werden und ihre Zukunft nicht globalen Investorenmodellen überlassen, können sie wertvolle Beispiele für die soziale und ökologische Gestaltung der Transformation leisten«, lautet eine zentrale Botschaft des umfassenden und vielschichtigen Buches.

Ein Problem dabei ist, dass Stadt nicht gleich Stadt ist. »Städte sind höchst unterschiedlich, klein, mittel, groß oder sogar megagroß, verschmutzt oder Vorreiter einer ökologischen Modernisierung, urban oder unwirtlich, mit vielen Slums oder Kulissen mit einem zur Schau gestelltem Luxus. Sie sind angesiedelt in zusammenwuchernden Räumen, in Wachstumszonen der Dritten Industriellen Revolution oder in altindustriellen Regionen, die an Bedeutung und Wirtschaftskraft verlieren. Sie können verarmen und verfallen. Sie können aber auch – was wir wollen – zu Vorreitern einer ›2. Moderne‹ werden, statt zu Orten der Ausgrenzung, Verteilungskämpfe und Gewalt«, zählen die Autorinnen und Autoren auf. Es gibt kein Patentrezept für eine nachhaltige Entwicklung von Städten. Aber die zentrale Herausforderung der Gegenwart ist, dass wir uns zu grundsätzlichen Weichenstellung durchringen müssen. »Wohin das Pendel schlägt, entscheidet sich heute. Deshalb dürfen wir die Entwicklung der Städte nicht einfach passieren lassen.

« BERICHT AUS DER »CHAMPIONS LEAGUE DER STÄDTE«

Eine bewusste Entwicklung in Richtung nachhaltige Stadt – eine ökologische Utopie – versucht auch Österreichs Hauptstadt Wien. Und glaubt man der Erzählung des Wiener Planungsdirektors Thomas Madreiter, so macht sie das höchst erfolgreich. »Wien spielt bildlich gesprochen in der Champions League der Städte«, stellt er – ohne Anflug von Selbstzweifel – in der in Buchform gegossenen »Wiener Vorlesung« mit dem Titel »Die nachhaltige Stadt« fest. Seine Begründung: »Wien wird durch kluge, umsichtige und vorausschauende Planung eine Spitzenposition im internationalen Diskurs um Lebensqualität eingeräumt. Dies mag von den häufig sehr (selbst-)kritischen Wienerinnen und Wienern gerne in Zweifel gezogen werden, nichtsdestotrotz nimmt Wien aber inzwischen eine globale Rolle im Transformationsprozess ein.« Die Strategien, Maßnahmen und Organisationsstrukturen Wiens fänden international Beachtung. Entsprechend würden auch Wiens Überlegungen zur nachhaltigen und klimaschonenden Stadt auf internationale Resonanz stoßen, argumentieren Madreiter und seine Mitautoren.

»Städte engagieren sich in wichtigen Fragen oft früher als nationale Regierungen, so beim Klimaschutz, bei der Integration der Bürgerinnen und Bürger, beim Kampf gegen Populismus, für Demokratie, Gesundheit und Bildung oder für eine sozial und ökologisch verträgliche Mobilität.«

Der Kern des Wiener Ansatzes zur Stadtplanung ist der Begriff der »Smart City«. »International hat dieser Begriff die starke Konnotation einer technologieorientierten Steuerung der Stadt. Die zugrundeliegende Basistechnologie der Digitalisierung ist aber kein Selbstzweck, sondern sollte vielmehr das soziale Gefüge der Stadt an den richtigen Stellen präzise unterstützen«, führen die Autoren aus. »In Wien wird der Begriff der Smart City als umsichtige Stadt, als Stadt, die weit in die Zukunft blickt, gedeutet.« Hieraus ergebe sich ein breiterer Nachhaltigkeitsanspruch, der neben der ökologischen auch die soziale Nachhaltigkeit umfasst. »Hierin zeigt sich das Wiener Konzept der lebenswerten Stadt. Eine smarte Stadt muss einen Umgang mit dem Klimawandel finden, da er letztlich eine soziale Herausforderung darstellt.«

Im Folgenden wird trotz der Knappheit des Büchleins sehr umfassend ausgeführt, welche Bereiche im Zentrum der Gestaltung einer zukunftsfähigen, nachhaltigen und klimafitten Stadt stehen – von Bevölkerungswachstum, Infrastruktur und Wohnbau bis hin zu Gewerbe, Mobilität, Digitalisierung und Beteiligungen der Bürgerinnen und Bürger. »Am Ende geht es darum, mehrheitlich getragene, attraktive Zukunftsbilder zu formulieren, denn nur diese sind verwirklichbar.«

DIE SCHATTENSEITEN VON STÄDTEN …

Wie wichtig solche gemeinsamen Visionen, solche gemeinsamen Utopien sind, zeigt auch der tschechisch-japanische Architekt und Professor an der TU Liberec, Osamu Okamura. In dem Buch »Die Stadt für alle« widmet er sich der Bedeutung der Stadtplanung und illustriert diese v. a. anhand der unschönen Seiten von Städten. Okamura nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise zu den Problemen, mit denen urbane Ballungsräume heute konfrontiert sind: etwa zum Zurückdrängen und Privatisieren des öffentlichen Raums, zu verfallenden Industrieparks, Suburbanisierung, Umweltproblemen, Gentrifizierung oder Spekulation.

Auf der Bildebene begleitet von künstlerisch gestalteten Modellbauszenen aus Städten, belässt es Okamura aber nicht bei diesen negativen Beschreibungen. Er gibt konkrete Anleitungen, wie man es besser machen könnte, damit Städte auch zukünftig bewohnbar bleiben. Das macht er zum einen durch Positivbeispiele aus Metropolen rund um die Welt; eines davon ist die Umgestaltung der Mariahilfer Straße in Wien zu einer Begegnungszone. Zum anderen betont auch er, wie wesentlich die Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner in die Stadtplanung ist. »In Siedlungen mit hoher Bevölkerungsdichte können wir uns nicht auf Politiker und Behörden verlassen, um die Funktionalität zu gewährleisten«, schreibt er. In kleineren Gemeinden zeige sich die anhaltende Bedeutung traditioneller zwischenmenschlicher Netze in der Arbeit der freiwilligen Feuerwehren, in verschiedenen Nachbarschaftshilfeprogrammen und im direkten, regelmäßigen Kontakt zwischen den Bewohnern eines Ortes und seinem Bürgermeister. In den Städten hingegen sei der direkte persönliche Kontakt rückläufig. »Die meisten Stadtbewohner ziehen es vor, die Lösung von Problemen an Institutionen zu delegieren. Da die Städte jedoch wachsen und die Situationen immer komplexer werden, verlieren diese Institutionen die Fähigkeit, sie zu überwachen und zu verwalten, was zu einem Bedarf an Unterstützung auf Nachbarschaftsebene und einer aktiveren Beteiligung der Bürger an der Verwaltung der Stadt führt.« Der Input der Stadtbewohnerinnen und -bewohner müsse freilich mit dem Wollen der lokalen Stadtverwaltung verschränkt werden. Und das erfordere eine »Kultur des Dialogs« bei der Suche nach Antworten. Wenn es gelingt, sei dies eine klare Win-win-Situation.

… UND IHRE BEWOHNER

Für manche Stadtbewohnerinnen und -bewohner gibt es indes gar kein »win«. Zumindest nicht aktuell. Sie leben als Obdachlose im öffentlichen Raum. Oder auch im Verborgenen. »Tatsächlich sind die meisten Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, unsichtbar: Sie leben bei Freunden und Verwandten, in Kurz-oder Langzeitunterkünften, in Krankenhäusern oder SROs (Single Room Occupancy Hotels)«, erklärt der US-Fotograf Jeffrey A. Wolin in seinem jüngsten Fotoband »Faces of Homelessness«. Darin macht er die Einzelschicksale dieser verletzlichen Bevölkerungsgruppe sichtbar, ohne dabei auf die Menschen hinzuzeigen oder gar in eine Art von Voyeurismus zu verfallen. »Wir brauchen nicht noch mehr Bilder von Menschen, die auf Heizungsrosten schlafen«, meint er. Vielmehr arbeitete er mit Organisationen zusammen, die tagtäglich mit Obdachlosigkeit zu tun haben. Diese halfen ihm, Personen zu finden, die er dann fotografieren und – was ihm noch viel wichtiger ist – interviewen konnte. In die Fotos fügte er im Buch direkt die Geschichten der Menschen in ihren eigenen Worten ein. »Dies gibt den Menschen, die ich fotografiere, eine Stimme und ermöglicht es dem Publikum, die Geschichten direkt mit den Gesichtern zu verbinden«, so Wolin.

Das Buch zeigt eindringlich, dass Obdachlosigkeit viel mehr Formen annimmt als das Leben auf der Straße – und dass das weit verbreitete Bild, alle Obdachlosen seien psychisch krank und/oder drogenabhängig, vereinfachend und oft falsch ist. »Es gibt obdachlose Veteranen, Einzelpersonen und Familien, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, als diese zwangsversteigert wurden, Menschen, die plötzlich medizinische Kosten hatten, die von ihrer Versicherung nicht übernommen wurden. Arbeitsplatzverlust, Scheidung, der Tod eines Ehepartners oder Elternteils, häusliche Gewalt, das Coming-out als schwul, der Auszug aus einer Pflegefamilie, der Mangel an erschwinglichem Wohnraum usw. – all das führt zu Obdachlosigkeit. Mehrere Personen, die ich fotografiert habe, sind Working Poor, leben in ihren Fahrzeugen oder in Zelten und haben Vollzeitjobs«, erläutert der Fotograf.

IDYLLEN AM LAND?

Für all diese Menschen haben sich die Hoffnungen und Möglichkeiten, die Städte bieten, glatt in einen Albtraum, in eine Dystopie verwandelt. Und wie sieht es abseits von Städten aus? Finden Menschen eher am »flachen Land«, in Dörfern, in Kleinstädten ihre Wunschländer? Faktum ist, dass sehr viele Menschen unverändert vom Einfamilienhaus träumen. Wie so vieles hat auch das eine lange Tradition: Einerseits war das Landleben für den überwiegenden Großteil der Bevölkerung die meiste Zeit der Normalfall – das wirkt über viele Generationen nach. Und andererseits lebten ja Adel und Großbürgertum das vergnügliche Landleben vor. Romantische Vorstellungen vom intakten Leben am Land taten und tun ihr Übriges. Die Realität ist eine andere: Viele ländliche Regionen leiden an Landflucht, Dörfer überaltern und auch viele Kleinstädte haben schon bessere Zeiten erlebt. Die Klischeebilder von sozialer Enge, des Fehlens von Perspektiven, von Ausbildungsstätten und zukunftsgerichteten Arbeitsplätzen sowie der weiteren Ausdünnung der Infrastruktur stimmen leider nur zu oft. Das Land erscheint vielen definitiv nicht als Wunschland.

Ein Gefälle zwischen Stadt und Land gab es immer schon. In unser Bewusstsein gerückt wurde dieses bei Ereignissen in jüngster Zeit – wie etwa bei der Durchimpfungsrate gegen Covid-19 oder bei diversen Wahlergebnissen (Ex-US-Präsident Donald Trump gewann die Wahl in ruralen Gebieten, und dort war auch die Zustimmung zum »Brexit« am höchsten). Stellt sich die Frage, ob sich der Stadt-Land-Gegensatz in jüngster Zeit tatsächlich verstärkt hat? Oder ob uns das in unserer durchmedialisierten Zeit nur so erscheint? Eine Antwort darauf versucht der an der Universität Zürich lehrende Ökonom und Politikwissenschaftler Lukas Haffert. Sein Ausgangspunkt ist, dass in Deutschland rechtspopulistische Parteien in ländlichen Regionen wahre Siegeszüge feiern und Grüne v. a. ein urbanes Phänomen sind und bleiben. Haffert durchforstet alle möglichen Erklärungsmuster, von den ungleich verteilten Folgen der Modernisierung über strukturelle Umbrüche in Wirtschaft, Politik und Kultur bis hin zu den Mechanismen der regionalen Identitätsstiftung. Er geht dabei sehr behutsam vor, denn ihm ist klar, dass eine vereinfachende Gegenüberstellung von Stadt und Land nicht weiterführt, da beide keine homogenen Gruppen sind.

Unterm Strich kommt er dennoch zu dem Schluss, dass der Gegensatz zwischen Stadt und Land wächst. »Junge Menschen nehmen das Verhältnis von Stadt und Land heute als konfliktreicher wahr als ihre Elterngeneration«, schreibt Haffert. Frust und Verbitterung über die andere Seite sei eher ein ländliches Phänomen, wohingegen Städter eher ihr »urbanes Privileg« nutzen, den Stadt-Land-Gegensatz zu ignorieren.

Gleichzeitig stellt Haffert aber auch fest, dass die Corona-Pandemie eine Zäsur darstellen könnte. Denn fürs Erste sei der vermeintlich unaufhaltsame Aufstieg der Städte gestoppt.

»In den verschiedenen Lockdowns entdeckten viele Menschen die Nachteile des städtischen Lebens: enge Wohnungen, zu wenig Bewegung, zu viel Gedränge im Nahverkehr. Was bringen Clubszene und Craft-Beer-Bars, wenn sie ständig geschlossen sind?« Entsprechend boomten Reportagen über Menschen, die der Stadt den Rücken gekehrt und auf dem Land ihr Glück gefunden haben. »Das sind keine bloßen Anekdoten: Tatsächlich ging die Einwohnerzahl der deutschen Großstädte 2020 zum ersten Mal seit Jahren wieder leicht zurück«, so Haffert. Wobei abzuwarten bleibe, ob die Zeit der digitalen Arbeit aus dem Home-Office nun tatsächlich gekommen ist.

BEISPIELE DER HOFFNUNG

Dass es aber durchaus berechtige Hoffnung für Dörfer und Städte gibt, zeigen zahlreiche Positivbeispiele aus Deutschland, wie sie im Buch »Das neue Wohnen« beschrieben werden. Als »Brutkästen des ländlichen Raums« können etwa gut vernetze Coworking-Spaces dienen, in denen Homeoffice deutlich mehr Freude macht als allein im stillen Kämmerlein und die überdies die Integration von neuen Dorfbewohner/innen erleichtern. Erzählt wird von Gemeinden, die Bauland an junge Familien verschenkten, um die Einwohnerzahl und die Zahl der Kinder zu steigern und damit die Schließung einer Schule zu verhindern, oder von der Gründung eines Online-Handelsportals mit regionalem Lieferservice, das ausschließlich von lokalen Händler/innen bedient wird. Manche Kleinstädte können insbesondere dadurch punkten, dass sie an ihre Unverwechselbarkeit anknüpfen und diese ausbauen. Solche Aktivitäten mögen für viele Gemeinden utopisch erscheinen – aber offenbar zahlt es sich aus, solche Wege zu beschreiten.

Aber auch für Städte hält das Buch eine ganze Reihe von verfolgenswerten Ideen bereit. Etwa zur Etablierung von »Wohlfühlzonen« in der Stadt. »Wenn sich die Infrastruktur nur auf ein möglichst einfaches Kommen und Gehen ausrichtet, geht etwas verloren«, halten die Autor/ innen fest. Vielmehr sollte der öffentliche Raum attraktiv gestaltet werden – mit Freiräumen, an denen Menschen gerne verweilen und die sie sich aneignen können. Als gelungene Wohlfühlzone wird u. a. der Wohnpark Alt-Erlaa in Wien beschrieben. Man erfährt auch, dass in Berlin eine App namens »CitEmotion« ins Leben gerufen wurde, in der alle Bürgerinnen und Bürger per Smartphone eingeben können, wie sie sich gerade an einem Ort fühlen – entstehen soll dadurch eine Wohlfühlkarte der Stadt Berlin. Ein anderes ungewöhnliches Beispiel ist das Anpflanzen von 101 Tomatensorten entlang einer Stadtmauer unter dem Leitmotto »Pflücken erlaubt anstatt Betreten verboten«.

URBANES LEBEN AUF ZWEI UND VIER BEINEN

Solche Initiativen freuen nicht nur uns Menschen – auch viele Tiere nehmen neue Lebensräume gerne an. Davon berichtet der Münchner Biologe und Bestsellerautor Josef H. Reichholf in seiner neuesten Veröffentlichung »Stadt, Land, Fuchs«. Er beschreibt darin das Leben von 31 heimischen Säugetieren in unserer Welt – also auch in unseren Städten, die längst von zahlreichen Arten besiedelt sind. Das Buch solle »zeigen, dass sich viel Spannendes und Aufschlussreiches an ihnen beobachten lässt, ohne dass komplizierte wissenschaftliche Untersuchungen dazu nötig sind. Das geht in der Stadt sogar oft besser als auf dem Land, denn dort sind die meisten Säugetiere sehr scheu.« Die Stadt biete ihnen ungleich mehr Sicherheit.

Reichholf erzählt etwa von Füchsen in der Großstadt, die die Verkehrslage studieren, bevor sie eine Straße überqueren. Oder von Rehen, die sehr schnell lernen, dass die Ränder von Autobahnen für sie nicht gefährlich sind. Oder von Wildschweinen, die eine rote Ampelphase abwarten, bevor sie ihre Frischlingsschar über die Straße führen. Oder von Fledermäusen, die trotz ihrer hohen Spezialisierung in der Stadt vielfach bessere Lebensbedingungen als auf dem Land vorfinden. Die Anpassung an den »unnatürlichen« Lebensraum Stadt fällt vielen Tieren offenbar sehr leicht. Und: In der Stadt werden sie nicht bejagt. »Daher kommt es nicht von ungefähr, dass die Anzahl und der Artenreichtum der Säugetiere, die in Großstädten leben, auf die Fläche bezogen, also pro Quadratkilometer zum Beispiel, weit höher liegen als draußen auf den Fluren oder in den Forsten«, so der Biologe. So gesehen sind Städte nicht nur für viele Menschen, sondern auch für Tiere »Wunschländer«.