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Auf die harte Tour


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Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 29.04.2022

MATT KILLEN

Artikelbild für den Artikel "Auf die harte Tour" aus der Ausgabe 2/2022 von Golfpunk. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 2/2022

A nfang Februar 2022 verwandelt sich der Springfield Royal Country Club in Hua Hin für eine Woche in einen richtigen Tourstopp. Die Thailand Mixed Series by Trust Golf ist zu Gast und mit ihr 144 Spielerinnen und Spieler, die um ein Gesamtpreisgeld von drei Millionen Thailändische Baht spielen, umgerechnet etwa 82.000 Euro. Auf dieser Tour spielen Frauen und Männer auf demselben Golfplatz um dasselbe Preisgeld und werden auf demselben Leaderboard geführt. Es wird lediglich von unterschiedlichen Teeboxen gespielt. Die Ladys spielen den Platz bis zu zehn Prozent verkürzt gegenüber den Herren, was sich als absolut fair und überaus attraktiv erwiesen hat. Nach dem totalen Stillstand in Sachen Profi-Golf in Asien herrscht eine Atmosphäre, deren Wuseligkeit beinahe an ein European- Tour-Event erinnert. Vor der Clubhausterrasse steht eine riesige Leinwand, auf der ein Livestream vom Platz ...

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... laufen wird und das Turnierbüro hat mit 30 Mitarbeitern genügend Personal, um das Gemeindeamt einer deutschen Kleinstadt zu leiten. Der Platz ist mit Sponsorenbannern geschmückt, auf der Range liegen neue Bridgestone-Bälle und für die Corona-Tests steht ein Medical Team zur Verfügung.

Mini-Touren wie diese sind für die meisten Profi-Golfer das unterste Sprungbrett auf dem erhofften Weg nach oben. Ein Weg, an dessen ultimativem Ziel Turniere wie die Players Championship mit einem Gesamtpreisgeld von 20 Millionen Dollar liegen, von denen der glückliche Sieger Cam Smith 3,7 Millionen mit nach Hause nehmen durfte. Derartige Summen vermitteln den Eindruck, der Beruf Golfprofi könnte ein Selbstläufer sein. Das mag für den Players Champion zutreffen, für Golf-Pros, die von einem Startplatz in Sawgrass nur träumen können, sieht das Leben dagegen weitaus weniger glamourös aus. Matt Killen spielt fernab seiner Heimat in England gleich auf mehreren dieser Mini-Touren. Der 32-Jährige folgt seinem Traum vom Leben als Golfprofi von seiner Wahlheimat Hua Hin in Thailand aus. Beim ersten Turnier der Thailand Mixed Series sind Matt und ich beide an den Start gegangen. Ich habe mich über die Monday Quali ins Teilnehmerfeld gekämpft, während Matt aufgrund seiner Ranglistenposition aus 2021 automatisch dabei ist.

„Lass uns eine Kleinigkeit essen gehen“, schlägt Matt nach einer gemeinsamen Trainingseinheit vor. Er hat seine Proberunde bereits hinter sich – übrigens ein wichtiger Posten im knappen Budgets des Profis. Da er das Logo des Springfield Royal CC auf seinem Shirt trägt, spielt Matt zwar greenfee- frei auf der Anlage, doch an der Gebühr für die vorgeschriebenen Caddies führt kein Weg vorbei. Jede Runde schlägt so mit 20 Euro zu Buche, weshalb man Matt täglich und zu fast jeder Uhrzeit auf dem Trainingsgelände antrifft. Range-Bälle sind schließlich kostenlos.

MATT

Es sind nur einige Hundert Meter vom Golfplatz bis zum „Billabong“, Matts Zuhause in Hua Hin. Das „Billabong“ ist Bar/Restaurant/Motel im Besitz eines golfverrückten Australiers, fungiert als inoffizielles Clubhaus der Gegend und dient aufstrebenden Pros aus Europa und den USA als Herberge. Das Essen ist gut, das Bier kühl und günstig. Letzteres interessiert Matt kaum, er trinkt keinen Alkohol. Er ernährt sich vegan, was in Thailand eine echte Herausforderung ist, sind Fischsauce und Fried Chicken doch weit davon entfernt, irgendwann einmal als vegan eingestuft zu werden. Als Stammgast genießt er jedoch das Privileg, sich hier alles nach seinem Gusto zubereiten lassen zu können, was äußerst hilfreich ist, denn eine Küche bietet sein Zimmer nicht. Als unsere Bestellungen aufgegeben sind und die Getränke auf dem Tisch stehen, holt er zu einer kompakten Version seines Lebenswegs aus, der ihn 10.000 Kilometer von der Heimat entfernt hier angespült hat.

„Ich bin mit dem Zug zu Turnieren nach Malaysia gefahren. Das dauert länger als 16 Stunden – pro Strecke, versteht sich. Heute weiß ich, dass es eine gute Investition ist, ein paar Euro mehr für ein Flugticket zu bezahlen und halbwegs fit am Austragungsort anzukommen.“

„Ich war so etwas wie ein Spätzünder und hatte keine hochdekorierte Junior-oder Amateurkarriere in Großbritannien. Ich war schon recht früh ziemlich gut, aber eben nicht herausragend.“ Mit einem Handicap von +2 machte sich Matt nach der Schule auf in die Vereinigten Staaten, um in South Carolina vier Jahre lang College-Golf zu spielen. „Selbstverständlich hat dort im Team jeder den Traum, es später mal auf die Tour zu schaffen.“ Matt war allerdings nicht nur ein guter Golfer, sondern beendete sein Business-Studium auch als Klassenbester. Die Professoren gaben ihm unisono den Rat, an der Uni zu bleiben und einen Masterstudiengang zu belegen. „Aber ich wollte es als Golfprofi versuchen“, erinnert er sich grinsend. „Zurück an die Uni und meinen Master machen kann ich schließlich auch später noch.“ Aus Amerika ging es zurück nach England, wo Matt als Barkeeper arbeitete, um das nötige Geld zu verdienen, um an den wichtigen Amateurturnieren des Turnierkalenders in Großbritannien teilnehmen zu können. „2014 hatte ich dieses Leben dann satt. Es ging mir auf die Nerven, bei Winterwetter trainieren zu müssen, und ich hatte ein bisschen Geld gespart, um endlich alles auf eine Karte setzen zu können. Ich dachte: ,Jetzt oder nie!‘, und durchsuchte den Kalender nach den verschiedenen Q-Schools. PGA und European Tour waren bereits verstrichen. Die verbliebenen Optionen waren die Sunshine Tour in Südafrika, Australien oder die Asian Tour.“

Asien machte am meisten Sinn, also packte Matt seine Koffer und beschloss, dass es an der Zeit war, Golfprofi zu werden. Er scheiterte zwar an der Q-School für die Asian Tour, erspielte sich jedoch eine Spielberechtigung für die Asian Development Tour (ADT). „Bis dahin wusste ich noch nicht einmal, dass diese Development Tour überhaupt existiert. Ich kannte absolut niemanden in Asien und war ziemlich grün hinter den Ohren. Aber ich entschied mich zu bleiben.“

Doch die Konkurrenz in Asiens zweiter Liga entpuppte sich als hart. In seinem ersten Jahr spielte Matt 17 Events, schaffte dabei nur ein einziges Mal den Cut und hatte sich am Ende der Saison durch seine gesamten Ersparnisse gespielt. Ein Sieg auf der ADT brachte damals um die 10.000 Euro Preisgeld, ein zehnter Platz etwa 1.200 Euro. Um nur die Reisekosten einzuspielen, müssen auf dieser Tour Spitzenergebnisse her, finanzielle Totalausfälle durch verpasste Wochenenden sind kaum zu kompensieren. Total abgebrannt war ein Plan B vonnöten: „Ich musste Geld verdienen und nahm einen Job in einem Golfclub in Abu Dhabi an. Dort war es mir nicht nur möglich, ein bisschen Geld zu sparen, sondern ich konnte auch trainieren und nach Sponsoren Ausschau halten.“ Während des Jahrs im Nahen Osten spielte Matt auf einer dortigen Mini-Tour und konnte mit zahlreichen Top-Ten-Platzierungen beweisen, dass er durchaus über das nötige Talent für ein Leben als Profi-Golfer verfügt. „Natürlich war das erste Jahr in Asien hart und nagte an Motivation und Selbstbewusstsein. Doch ich lebte mit einem Amerikaner zusammen, der es ebenfalls auf der ADT versuchte. Er spielte in dem Jahr wirklich gut und qualifizierte sich als Fünfter der Gesamtwertung am Ende der Saison für die Asian Tour.“ Durch das gemeinsame tägliche Training war Matt überzeugt davon, golftechnisch nicht weit von seinem Mitbewohner entfernt zu sein, lediglich in Sachen Erfolg trennten die beiden Welten.

KILLEN

Nach einem Jahr Abu Dhabi ging es mit ein wenig Geld auf dem Konto und aufgewertetem Selbstvertrauen zurück nach Thailand, wo erneut die ADT wartete. Allerdings brach kurz darauf Covid-19 über die Welt herein und wie viele Teile des öffentlichen Lebens legten auch die Profi-Golf-und die Mini-Tour- Szene in Asien eine schmerzhafte Vollbremsung hin. „Die vergangenen beiden Jahre waren wirklich hart und es fanden nur wenige Turniere statt. In Europa und den USA ging es im Vergleich zu hier bereits viel früher wieder los“, fasst Matt die vergangenen Jahre zusammen und stellt klar, dass die Reisesituation immer noch äußerst schwierig ist.

Als das Mahl verputzt und die Drinks geleert sind, möchte ich Matts Zimmer sehen. Sein Domizil ist sauber und in der Langzeitvermietung äußerst günstig – Musik in den Ohren eines Mini-Tour-Pros. Zusammen mit zwei weiteren Pros lebt Matt hier bereits seit zwei Jahren. Eine Tür weiter hat der dreimalige European-Tour-Sieger John Catlin seine Asien-Basis. Catlin, der 2020 Martin Kaymer den Sieg beim Andalucía Masters in Valderrama stibitzte, hat noch heute seine Golfschuhe, Übungsbälle und einen alten Football in seinem Zimmer im „Billabong“ liegen. Erst vor Kurzem war John während zweier Turniere der Asian Tour vor den ersten DP-World- Tour -Auftritten des Jahres wieder in seinem ehemaligen Zuhause. An der Bar neben dem Fernseher, auf dem rund um die Uhr Golf läuft, hängt ein signiertes Bag Catlins. „Eine gute Motivation“, ist Matt überzeugt. „Wenn es für Catlin geklappt hat, warum nicht auch für mich?“

Seine Einrichtung ist spärlich. Ein Bett, ein Nachttisch und ein Schrank müssen genügen. Auf dem Boden liegt eine ziemlich in Mitleidenschaft gezogene Yogamatte, denn die „Billabong“-Hauskatze hat diese als idealen Kratzbaumersatz ausgemacht. Von seinen Fitnessbändern und anderem Sport-Equipment lässt sie glücklicherweise die Tatzen. Im Schrank liegen genügend Poloshirts, um geruchsneutral durch eine Turnierwoche zu kommen, daneben Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel und geliehene Bücher – über Golf, versteht sich. Dazu die nationale Fußbekleidung Flip-Flops, ein Paar Turnschuhe und die Barfußschuhe, mit denen Matt Golf spielt.

„Als Golfprofi ohne Manager ist man nicht nur Golfer, sondern auch Buchhalter, Reisebüro und Fitnesstrainer in Personalunion. Mit einem begrenzten Budget ist Kreativität gefragt. Zu Beginn meiner Zeit in Hua Hin unternahm ich alles, um die Unkosten gering zu halten. Ich bin mit dem Zug zu Turnieren nach Malaysia gefahren. Das dauert länger als 16 Stunden – pro Strecke, versteht sich. Heute weiß ich, dass es eine gute Investition ist, ein paar Euro mehr für ein Flugticket zu bezahlen und halbwegs fit am Austragungsort anzukommen“, sinniert Matt, während die sich erneut an der Yogamatte zu schaf- fen macht. Es wird Zeit, ins Bett zu gehen, morgen ist schließlich ein Arbeitstag.

Am Donnerstag startet Matt vielversprechend in die erste Runde und liegt schnell bei 5 unter Par. Ein Fehler kurz vor Schluss kostet jedoch Schläge und so steht am Ende eine 69 auf der Scorekarte. Alles im grünen Bereich. An Tag zwei arbeitet er sich weiter vor, schafft den Cut. Doch Runde drei wird zu einem kleinen Desaster und lässt ihn auf dem Leaderboard nach unten purzeln. Mit einer 70 am Sonntag beendet Matt das Mixed- Turnier halbwegs versöhnlich auf Rang 57 und einem Preisgeld von knapp 500 Euro. Enttäuscht? „Ja, sicherlich. Vielleicht waren meine Erwartung und der Druck, den ich mir gemacht habe, ein bisschen zu groß. Immerhin habe ich Punkte für die Order of Merit gesammelt“, resümiert Matt die Woche. Kleine Randnotiz: Für mich hat es am Ende zum 37. Platz gereicht.

„Auf dem Boden liegt eine ziemlich in Mitleidenschaft gezogene Yogamatte, denn die ,Billabong‘-Hauskatze hat diese als idealen Kratzbaumersatz ausgemacht.“

Es drängt sich die Frage auf: Warum tut man sich ein solches Leben an? Warum fern der Heimat in einem Motel wohnen, die Tage auf Driving Range und Übungsgrün verbringen, abends bei Reis mit Tofu unter den alten Männern der lokalen Golfszene sitzen und mit den Golfschlägern auf dem Rücken in Bus und Bahn quer durch Thailand zu Turnieren reisen, wenn das Leben in der Heimat so viel mehr Komfort und vermeintliche Sicherheit bieten würde? „Ich habe in all der Zeit nie ernsthaft darüber nachgedacht, zurück nach Hause zu gehen und beruflich etwas anderes zu versuchen, nein! Ich fühle mich sehr wohl hier und spreche die Sprache mittlerweile gut genug für den Alltag. Thailand ist im Moment für mich der ideale Ort, um Golf auf hohem Niveau zu spielen und besser zu werden, ohne dabei ein riesiges Budget zu benötigen. Ich bin glücklich, tagtäglich das machen zu können, was mir gefällt – nämlich Golf spielen. Aber natürlich bin ich nicht glücklich darüber, wie weit ich es diesbezüglich bisher gebracht habe.“

Matts Pläne für die kommenden Monate sind sehr konkret: „Ich habe keine volle Tourkarte, doch in dieser Saison werde ich trotzdem einige Starts auf der Asian Tour bekommen. Auf der ADT werde ich alle Turniere spielen können ebenso wie auf der All Thailand und auf der Mixed Golf Tour.“

Doch zunächst muss Matt Thailand verlassen. Nach zwei Jahren im Land und einigen Verlängerungen seines Touristenvisums, die von den Behörden mal offiziell, mal inoffiziell genehmigt wurden, ist nun auch mit Bargeld im Immigration Office nichts mehr zu machen. Also geht es für eine Woche zu seinem Sponsor nach Abu Dhabi, danach gibt es einen frischen Stempel in den Pass und der nächste Abschnitt auf dem Weg, vom „Billabong“ in Hua Hin aus die Golfwelt zu erobern, kann beginnen.

Kann Matt Killen es schaffen, eines Tages eine Trophäe auf der Asian Tour oder der DP World Tour in den Himmel zu stemmen? Ich hoffe es, denn er ist ein verdammt feiner Kerl, sympathisch, eloquent und enorm fleißig. Er verfügt über die wichtigsten Qualitäten, möchte man als Profisportler erfolgreich sein: Er kann verzichten, allein sein und das Beste aus allen Situationen machen. Da er sein großes Ziel stets fest im Blick hat, ist Matt auch gerne bereit, ein aus europäischer Sicht spartanisches Leben zu führen. Er hat längst erkannt, dass es die kleinen, manchmal auch unangenehmen Schritte auf seinem Weg sind, die ihn besser und widerstandsfähiger machen.