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Auf die sanfte Art


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 05.07.2019

KURZINTERVENTION Ein Brief mit persönlicher Anrede, eine Übung im Perspektivenwechsel: Schon kleine psychologische Tricks können oft wichtige Verhaltensänderungen bewirken.


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 8/2019

UNSER AUTOR

Klaus Wilhelm ist Biologe und Wissenschaftsjournalist in Berlin.

Manchmal verschwinden wichtige Erkenntnisse in den Archiven der Fachliteratur, statt in die Praxis umgesetzt zu werden. Zwar ist Erica Slotter und Laura Luchies absolut klar, dass sie ihre Kurzintervention mit einer Smartphone-App unters Volk bringen sollten, weil sie womöglich hunderttausenden Menschen helfen könnte. Doch angepackt haben die ...

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... US-amerikanischen Psychologinnen das Projekt auch Jahre später nicht. Dabei wurden die Ergebnisse ihrer Studie schon 2013 veröffentlicht – und gingen damals viral durch die Medien. Die Forscherinnen und ihre Kollegen tönten damals: »Nur 21 Minuten ›Therapie‹, und schon schätzen Sie Ihre Partnerschaft wieder.«

Sie hatten 120 Ehepaare, die durchschnittlich elf Jahre lang verheiratet waren, über zwei Jahre hinweg immer wieder befragt, wie zufrieden diese mit ihrer Beziehung waren und welche Streitpunkte es gab. Nach einem Jahr kam die eine Hälfte der Paare in den Genuss der Intervention. Und die gestaltete sich scheinbar simpel: Alle vier Monate schrieb jeder Partner sieben Minuten lang auf, was er über den aktuell wichtigsten Streitpunkt in seiner Beziehung dachte – und zwar aus der Sicht eines fiktiven Dritten, der für beide nur das Beste will.

Im ersten Jahr der Untersuchung nahm die durchschnittliche Qualität der Beziehungen sowohl in der Interventions- als auch in der Kontrollgruppe ab. Das ist nicht überraschend, denn viele Befunde weisen darauf hin, dass die Zufriedenheit in einer Partnerschaft im Schnitt mit der Zeit sinkt. Im zweiten Jahr allerdings zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Paare, die zum Perspektivenwechsel aufgefordert wurden, gaben an, wieder glücklicher mit ihrem Partner zu sein. Sie berichteten zum Beispiel, dass ihnen Sex wieder mehr Freude bereite. »Die Maßnahme kann eine negative Abwärtsspirale in langjährigen Beziehungen stoppen«, betonen Slotter und Luchies in einem Buch über solche »weisen Interventionen« (siehe Quelle S. 35).

Ein Mittel zur Veränderung

Herausgeben hat es unter anderem Gregory Walton von der Stanford University in Kalifornien. Den Psychologen könnte man ohne Übertreibung als den Papst der weisen Interventionen bezeichnen. Hunderte davon hat er in einer Datenbank zusammengefasst. Sie sind für ihn ein neues Mittel, um bestimmte psychische Prozesse bei sozialen Problemen ganz spezifisch zu beeinflussen – etwa im Kampf gegen Vorurteile oder eben bei Beziehungsproblemen. Und das kurz und gezielt, auf Basis wissenschaftlicher Befunde und mit »mittel- bis langfristiger Wirkung«, wie der US-amerikanische Wissenschaftler betont.

Ohne die sozialpsychologische Grundlagenforschung der vergangenen 60 Jahre wären die Interventionen nicht möglich, erklärt Walton. Denn diese beruhen stets auf Erkenntnissen darüber, wie Menschen sich und ihre soziale Umgebung wahrnehmen und bewerten. Die Interventionen seien deshalb weise, weil dahinter immer eine fundierte Hypothese über einen spezifi schen psychologischen Prozess steckt. Ganz im Sinne Kurt Lewins, eines der Begründer der modernen Psychologie, der meinte: »Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.«

Sich ausgegrenzt fühlende Jugendliche, die in einem Brief der Schulleitung mit Namen angesprochen wurden, zeigten danach weniger Aggressionen.


PEOPLEIMAGES / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL

Auf einen Blick: Gezieltes Beeinflussen

1 Psychologische Kurzinterventionen sind ein viel versprechendes Mittel, um bei persönlichen und sozialen Konflikten zu helfen. Sie können etwa die Zufriedenheit in Beziehungen steigern oder Schulabgänge verhindern.

2 Die Maßnahmen dauern oft nur wenige Minuten und basieren auf Befunden der sozialpsychologischen Forschung. Mit ihnen kann man gezielt bestimmte psychische Prozesse beeinflussen.

3 Die dadurch bewirkten Veränderungen sind zwar häufig klein. Dennoch lohnen sich die Interventionen, weil sie mit vergleichsweise geringem Aufwand viele Menschen erreichen.

Walton hält die Kurzinterventionen für ein probates psychologisches Heilmittel bei unterschiedlichen sozialen und persönlichen Problemen. Etwa wenn eine Lehrerin wahrnimmt, dass ihre Schüler ihr Feedback nicht annehmen, obwohl es sie doch weiterbringen könnte. Wenn ein Sozialarbeiter beobachtet, dass eine frischgebackene Mutter, die in ihrer Kindheit missbraucht wurde, zunehmend aggressiv auf ihr Baby reagiert. Oder wenn eine Professorin bemerkt, dass Studierende einer ethnischen Minderheit, die neu im Land sind, trotz bester akademischer Voraussetzungen überdurchschnittlich häufig die Hochschule verlassen müssen.

Auf den ersten Blick scheinen diese Probleme nichts miteinander zu tun zu haben, sagt Walton. Doch sie haben gemeinsame Wurzeln. In allen Fällen haben die Akteure fehlangepasste Ansichten über sich und die Umstände. »Wenn Menschen in bestimmten Situationen schlecht über sich denken, verhalten sie sich oft sich selbst gegenüber problematisch«, sagt der Kalifornier. Lehrer, Psychologen, Sozialarbeiter und andere Personen mit Verantwortung für solche Menschen sollten die Fragen vorwegnehmen, die sich die Betroffenen stellen, etwa »Gehöre ich in diese Schule?« oder »Bin ich eine gute Mutter?«.

Wissenschaftler wie Tim Müller vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität versuchen mit so genannten Selbstbestätigungsinterventionen, die Antworten auf solche Fragen gezielt zu verändern und neue Sichtweisen zu ermöglichen. Der Sozialwissenschaftler hat zusammen mit seiner Kollegin Mohini Lokhande vom Forschungsbereich des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration erstmals eine der mehr als 300 weisen Interventionen aus den USA erfolgreich in Europa wiederholt. Das ist in Zeiten der Replikationskrise in der Psychologie durchaus bemerkenswert. In den Niederlanden scheiterte zuvor ein entsprechender Versuch.

Ein Perspektivenwechsel kann helfen, die Abwärtsspirale zu stoppen

Ganz nach dem Kredo der weisen Interventionen ging auch dieser Maßnahme intensive Forschung voraus. So sprechen unzählige Erhebungen dafür, dass sich Stereotype negativ auf die Mitglieder einer sozialen Gruppe auswirken. Wenn diese negative Ansichten verinnerlichen oder bei anderen vermuten, verschlechtern sich etwa ihre Leistungen. Insbesondere in Prüfungen haben die Betroffenen häufig Angst, durch ihr Verhalten die negativen Stereotype zu bestätigen, und können deshalb oft nicht ihr ganzes Potenzial ausschöpfen – vor allem in Fächern, in denen ihnen von vornherein nichts zugetraut wird wie in Deutsch oder Mathematik. »So kann eine Abwärtsspirale in Gang kommen«, sagt Müller. »Nach und nach sinkt die Leistungsmotivation.« Mit der Zeit identifiziert sich die Person immer weniger mit den Lerninhalten und dem Bildungssystem insgesamt und verlässt eher die Schule.

Die Ansprache macht’s

Wie erreicht man mit einer Maßnahme besonders viele Menschen? Indem man sie an Personen adressiert, die in ihrem Beruf viele andere beeinflussen. Eine psychologische Kurzintervention von Forschern der Stanford University richtete sich an 31 Lehrer. Ziel war es, diese zu empathischem statt strafendem Verhalten anzuregen, wenn sich Schüler danebenbenahmen. Dadurch sollte eine Beziehung zwischen den Pädagogen und den Heranwachsenden aufgebaut werden, die auf Respekt und Vertrauen gründete. Die Lehrenden glaubten, Ziel der Studie sei es, Ansichten erfahrener Lehrkräfte darüber zu sammeln, wie schwierige Situationen mit Jugendlichen am besten zu meistern sind – vor allem, wenn sie Disziplinarmaßnahmen nach sich ziehen würden. Von ihrem Wissen könnten womöglich andere Pädagogen profitieren. Die Forscher behandelten die Teilnehmer also als Experten statt als Personen, die etwas an ihrem Verhalten ändern sollten.

Zuerst lasen die Probanden Berichte über schmerzliche Gefühle Heranwachsender – und wie fürsorgliche Antworten von Lehrkräften sie mildern und dabei helfen, dass die Jugendlichen sich positiv entwickeln und erfolgreich sein können. Dann schrieben sie auf, wie sie diese Ideen in ihre Arbeit integrieren können. Resultat: Die Zahl der Schulverweise halbierte sich unter den fast 1650 Schülern – im Vergleich zu der einer Kontrollgruppe, in der sich kaum etwas tat.PNAS 10.1073/pnas.1523698113, 2016

Selbstbewusst zu besseren Matheleistungen

GEHIRN&GEIST, NACH: BERLINER INSTITUT FÜR EMPIRISCHE INTEGRATIONS- UND MIGRATIONSFORSCHUNG (BIM) / FORSCHUNGSBEREICH BEIM SACHVERSTÄNDIGENRAT DEUTSCHER STIFTUNGEN FÜR INTEGRATION UND MIGRATION (SVR-FORSCHUNGSBEREICH) 2017: VIELFALT IM KLASSENZIMMER. WIE LEHRKRÄFTE GUTE LEISTUNG FÖRDERN KÖNNEN, BERLIN. STRICHMÄNNCHEN: KAROLINA MADEJ / GETTY IMAGES / ISTOCK; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

Wenn Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund negative Stereotype verinnerlichen, schwächt das ihr Selbstvertrauen und ihre Schulleistungen. Nach einer Kurzintervention, die eigene Talente thematisierte, schnitten türkisch- und arabischstämmige Siebtklässler in einem Mathematiktest besser ab.

Die Berliner Forscher wollten das Selbstwertgefühl der Mädchen und Jungen stärken, indem sie die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf deren Fähigkeiten und Talente lenkten. »Die Intervention«, erklärt Müller, »ermöglicht einen Perspektivenwechsel, der helfen soll, das eigene Leistungspotenzial besser zu nutzen.«

820 Schülerinnen und Schüler aus der 7. Klasse in Berlin – darunter viele mit Migrationshintergrund – erhielten eine Liste mit Interessen, etwa Sport machen, malen, Familie, Musik hören oder machen und Leute zum Lachen bringen. Die Hälfte von ihnen sollte daraus zwei auswählen, die ihnen am wichtigsten waren, und einen Aufsatz darüber schreiben. Die anderen dienten als Kontrollgruppe und hatten die Aufgabe, zu zwei für sie unwichtigen Werten zu erläutern, warum sie für andere Jugendliche wichtig sein könnten. Anschließend folgte ein Mathematiktest.

Das Ergebnis: Türkischstämmige Schüler der Interventionsgruppe verbesserten sich im Vergleich zu jenen der Kontrollgruppe. Nicht umwerfend zwar, aber doch so weit, »dass es einen Unterschied macht«, wie Müller erklärt – und vielleicht Schulabgänge verhindert. Nach ein paar Tagen erhielten alle ein schriftliches Leistungsfeedback und wurden ermutigt, dass mit mehr Anstrengung weitere Verbesserungen möglich seien. Nach acht Wochen absolvierten sie einen zweiten Mathetest. Die Effekte hielten nicht nur an, sondern stellten sich jetzt sogar bei Kindern mit arabischen Wurzeln ein.

Geringer Aufwand, kleiner Fortschritt

»Die Wirkung der Intervention scheint sich erst über die Zeit richtig zu entfalten«, erklärt die Psychologin Heike Dietrich von der Universität Heidelberg: »Im Vergleich zum überschaubaren Aufwand vor Ort ist es ein tolles Ergebnis.« In der Originalintervention aus den USA hielten die Effekte nachweislich zwei Jahre an, erprobt an vielen tausend Probanden. So lange dürfen die Berliner Forscher die Schulleistungen ihrer jungen Probanden aus Datenschutzgründen jedoch nicht erfassen.

»Die Effekte von psychologischen Kurzinterventionen sind oft klein«, sagt Dietrich. Sie lohnen sich ihrer Ansicht nach aber trotzdem, weil der Aufwand im Vergleich zu der Zahl an Menschen, die damit erreicht werden kann, so gering ist.

Wenn ich blind wäre: Woran Interventionen scheitern

Dass eine psychologische Kurzintervention auch kontraproduktiv sein kann, wenn sie nicht gut durchdacht ist, musste ein Team um die blinde Sozialpsychologin Arielle Silverman von der University of Colorado erfahren. Die Wissenschaftler wollten unter Gesunden mehr Verständnis für blinde Menschen wecken. Dafür sollten die Versuchspersonen alltägliche Dinge erledigen, während sie eine Augenbinde trugen. Doch statt Vorurteile abzubauen, verstärkte der Perspektivenwechsel sie noch: Nach der Erfahrung schätzten die Teilnehmenden Blinde beispielsweise als weniger arbeitsfähig und weniger selbstständig ein als Probanden einer Kontrollgruppe.

Der US-amerikanische Psychologe Gregory Walton vermutet: Die Simulation der Blindheit betonte den Eindruck, wie es ist, wenn man selbst das Augenlicht verliert – anstatt sich auf die Kompetenzen und Anpassungen zu konzentrieren, die sich entwickeln, wenn man blind ist. Ein, wie der Forscher findet, »entscheidender Unterschied«, der offenbar dazu beitrug, dass die Intervention misslang.

Social Psychological & Personality Science 10.1177/ 1948550614559650, 2015

Manchmal macht sogar ein einziger Brief den Unterschied, wie der niederländische Psychologen Eddie Brummelman entdeckte. Seine Maßnahme richtete sich gezielt an Jugendliche, die sich in der Schule ausgegrenzt fühlten. Am ersten Tag des neuen Schuljahrs übergab er allen Schülern einen Brief, in dem der Schulleiter sie mit Namen ansprach. In den folgenden Wochen fühlten sich die Schüler weniger einsam und wurden als weniger aggressiv und als liebenswerter wahrgenommen. Bei Heranwachsenden, die sowieso gut sozial integriert waren, oder wenn der Brief keine Namensnennung enthielt, blieb der Effekt aus.

Wichtig ist offenbar zum einen: Den Schülerinnen und Schülern muss der eigentliche Zweck der Intervention verborgen bleiben. »Man muss es gut tarnen«, sagt Müller. »Sonst kann der Effekt ins Gegenteil umschlagen « (siehe »Die Ansprache macht’s«, S. 32). Zum anderen müssen die Umstände passen. So brauchte es bei der Berliner Studie auch unterstützende Lehrkräfte sowie hilfreiche Rahmenbedingungen, etwa gute Lernmaterialien und -räume. »Es klappt also vielleicht nicht direkt an allen Schulen«, vermutet Dietrich.

Auch Gregory Walton betont, dass »weise Interventionen keine magischen Kräfte besitzen und nicht immer und überall funktionieren. Sie sind alles andere als einfach.« Damit sie gelingen, sei es entscheidend, den spezifischen sozialen Kontext genau zu beleuchten, was langwierig sein könne. Es gelte, sehr genau zu überlegen, wer welche Intervention wie in die Praxis umsetzt, erklärt Dietrich. Etwa ob niedergelassene Psychotherapeuten oder staatliche Einrichtungen wie Schulämter die richtigen Partner dafür sind.

Ein Beispiel: Während der US-Präsidentschaftswahl 2008 hatten Christopher Bryan und seine Kollegen 133 kalifornischen Bürgern einen Fragebogen geschickt, um sie zum Urnengang zu motivieren. Einige wurden gefragt: »Wie wichtig ist es Ihnen, bei den nächsten Wahlen zu wählen?« Bei anderen war die Frage anders formuliert: »Wie wichtig ist es Ihnen, ein Wähler bei der nächsten Wahl zu sein?« Später ermittelten die Psychologen, wie viele der Befragten tatsächlich ihre Stimme abgegeben hatten. Ergebnis: 82 Prozent in Gruppe 1 und 96 Prozent in Gruppe 2. Das Team replizierte das Ergebnis bei Gouverneurswahlen im US-Bundesstaat New Jersey – mit vergleichbarem Resultat.

Das Substantiv »Wähler«, so die Wissenschaftler, habe mehr Gewicht als das Verb »wählen« und erzeuge eher den Wunsch, ein positives Persönlichkeitsmerkmal in das eigene Selbstkonzept zu integrieren. Das motiviere, seine Stimme nicht ungenutzt zu lassen. So weit, so gut. Dann aber wiederholten Politikwissenschaftler um Alan Gerber von der Yale University die Intervention bei den weniger wichtigen Vorwahlen zum USKongress 2014 mit 4400 Teilnehmern aus drei Bundesstaaten – ohne Wirkung. Im Unterschied zur vorherigen Studie hatten sie die Probanden mehrere Tage vor der Wahl telefonisch kontaktiert statt unmittelbar zuvor per Mail. »Unter diesen Umständen kann die Intervention nicht funktionieren«, meint Walton.

Gerade diese mangelnde Übertragbarkeit der Maßnahmen sorgt immer wieder für Diskussionen. Manch ein Kritiker meint, deswegen würden sich die Interventionen nicht lohnen, schließlich änderten sich die Umstände im echten Leben ständig. Denn wenn es schon erfahrene Sozialwissenschaftler schwer hätten, den Effekt zu replizieren, würden ungeübte Lehrer, Psychologen oder Sozialarbeiter im Alltag erst recht scheitern. Andere kontern, daher sei es umso wichtiger, durch Experimente zu klären, von welchen äußeren Bedingungen der Erfolg abhängt.

Heike Dietrich spornen solche Herausforderungen eher an. Sie findet psychologische Kurzinterventionen reizvoll, weil sie sich prinzipiell an viele Menschen auf einmal wenden und dort Positives bewirken können und »es noch richtig was zu forschen gibt.« Ihre Kollegin Hanna Gaspard von der Universität Tübingen sieht das ganz ähnlich. Gaspard untersucht mit Kollegen des dort ansässigen Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung, ob Kurzinterventionen die Motivation in Mathematik fördern können.


Mit psychologischen Kurzinterventionen sollen Menschen fehlerhafte Ansichten über sich und die Umstände korrigieren


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In einer 2015 veröffentlichten Studie befragten die Psychologen rund 1900 Neuntklässler an Gymnasien in Baden-Württemberg zu ihrer Einstellung zu Mathematik. Anschließend durchliefen die Schülerinnen und Schüler eine Intervention im Klassenzimmer, bei der ihnen die Bedeutung und die Vorteile der Mathematik für den Alltag und für diverse Berufe erläutert wurden und sie anschließend entweder einen Text über die Relevanz des Fachs verfassen oder Zitate junger Erwachsener zur Nützlichkeit der Mathematik bewerten sollten. Jeweils sechs Wochen sowie fünf Monate später wurden die Neuntklässler erneut befragt.

Robin-Hood-Effekt in Mathematik

»Die 90-minütige Maßnahme hatte über mehrere Monate anhaltende Effekte auf die Motivation und Leistung der Schülerinnen und Schüler«, erklärt Gaspard. Dabei erwies es sich als effektiver, über die in Zitaten dargelegten Argumente anderer nachzudenken, als sich selbst welche zu überlegen. Von den Interventionen profitierten vor allem Mädchen sowie Kinder aus Familien mit einem eher geringen Interesse an Mathematik. Genau das hatten sich die Forscher auch erhofft. Ulrich Trautwein, der an der Studie beteiligt war, betont die Bedeutung des Ergebnisses: »Oftmals zeigt sich, dass von zusätzlichen Angeboten diejenigen besonders profitieren, die bereits gut dastehen. Unsere Intervention konnte gezielt dazu beitragen, die Motivationslücke zwischen Kindern aus interessierten und weniger interessierten Familien zu verringern.« Die ersten Replikationsstudien laufen.

Walton findet es toll, dass inzwischen auch in anderen Ländern an den Interventionen mit Minimalaufwand geforscht wird. Doch es gibt noch viele offene Fragen, die er und andere Wissenschaftler in Zukunft klären müssen: etwa, welche psychologischen Prozesse die Verfahren tatsächlich verändern und wie bewusst oder unbewusst die Prozesse sind. Außerdem möchte er herausfinden, wie die Interventionen möglichst großen Bevölkerungsgruppen zugänglich gemacht werden können – zum Beispiel über frei verfügbare Onlineangebote oder per Apps für Smartphone und Tablet.

Einen solchen Onlineansatz haben Psychologen um David Yeager von der University of Texas erstmals in der National Study of Learning Mindsets getestet, an der mehr als 12 000 Neuntklässler aus 65 amerikanischen Schulen teilnahmen. Diesen vermittelten die Forscher, dass intellektuelle Fähigkeiten nicht festgelegt, sondern veränderbar sind. Auch diesmal steigerte das 50-minütige Verfahren insbesondere die Motivation und die Noten leistungsschwächerer Schüler. »Würde man die Intervention in allen Schulen der USA anwenden«, rechnet Walton vor, »würde sie jedes Jahr etwa 95 000 Neuntklässlern dabei helfen, einen besseren Abschluss zu erzielen oder überhaupt das Klassenziel zu erreichen.«

Davon angespornt, wollen jetzt auch Laura Luchies und Erica Slotter endlich eine App entwickeln, die ihre Beziehungsintervention aufgreift. Sie hätte ein enormes Potenzial, schließlich ist eine glückliche Partnerschaft eng mit psychischem und physischem Wohlbefinden verknüpft. Die App sei allerdings nur Paaren zu empfehlen, bei denen »das Klima in der Beziehung noch wohlwollend sei«, schränkt Luchies ein. Mit anderen Worten: Wer sich schon zerfleischt, kann sich die Maßnahme sparen.

QUELLEN

Gaspard, H. et al.: Fostering adolescents’ value beliefs for mathematics with a relevance intervention in the classroom.Developmental Psychology 51, 2015

Müller, T. S., Lokhande, M.: Wider die Stereotypisierung: Bessere Schulleistung durch Selbstbestätigung.In: Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (Hg.): Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können. Berlin, 2017, S. 38–57; PDF unter:bit.ly/2IUXxTd

Walton, G. M., Crum, A. J. (Hg.): Handbook of wise interventions: How social-psychological insights can help solve problems.Guilford Press, New York 2019

Walton, G. M., Wilson, T. D.: Wise interventions: Psychological remedies for social and personal problems.Psychological Review 125, 2018Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1652252