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Auf diesem Schiff im Nirgendwo


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 15.09.2022

KRAFTKLUB

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IM OSTEN WAS NEUES: Felix Kummer (Mitte) hat seine Solo-Phase abgeschlossen, jetzt ist er wieder mit seiner Band Kraftklub am Start.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang auf dem Chemnitzer Kaßberg. Zwar hat der Jugendstil ihm eine prachtvolle Bausubstanz hinterlassen, doch über die Jahrzehnte lassen Wind und Wetter die Fassaden bröckeln. Allerspätestens in den 90er-Jahren sind viele Häuser marode. Ihre Bewohner wärmt nicht etwa eine komfortable Zentralheizung, wie in den damals gefragten Plattenbausiedlungen. Hier muss meist ein Kaminofen mit Kohlen geschürt werden. Die von mehreren Parteien geteilte Toilette befindet sich für gewöhnlich auf halber Treppe zwischen den Etagen. In diesem Viertel durchlebt Felix Kummer seine Kindheit. Für ihn ist diese Gegend ein großer Abenteuerspielplatz: Weder sind die Hinterhöfe verschlossen noch die leerstehenden Fabriken. „Ich habe das nicht als dreckig und doof empfunden, sondern eher als morbide und schön“, erinnert er sich heute an jenen urbanen Freiraum zurück. Als Kind flitzt er ...

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... die Straßen entlang und entdeckt eine Stadt, deren unschöne Eigenheiten ihm erst später bewusst werden sollten.

Sein Vater hört auf den Namen Jan Kummer, ein Mann, der zu DDR-Zeiten gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau Ina Kummer in der einflussreichen Avantgarde-Gruppe AG Geige musiziert. Kurz nach der Wende trennen sie sich, als Band und als Paar. Dennoch wächst die Kummer-Familie: Jan heiratet ein weiteres Mal; Felix bekommt im Laufe der Jahre mit Till, Nina und Lotta drei Geschwister. Allesamt gehören sie zu den Familien aus dem Osten, die trotz widriger Umstände nicht in den Westen gehen. Nach dem Mauerfall betreibt Jan Kummer eine Zeit lang den Plattenladen „Kiox“, nur fünf Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Auf Rosen betten kann er seine Familie damit natürlich nicht, was bringt so ein Plattenladen schon ein – weiter schlimm ist das aber auch nicht. Nach 40 Jahren Planwirtschaft ist vielen das Prinzip der Gewinnmaximierung noch immer fremd; sowieso werden in der Künstlerfamilie Kummer andere Richtschnüre gelegt. Anfang der Nullerjahre wird Felix dann flügge.

Die erste Single der neuen Kraftklub-Platte trägt den Titel „Ein Song reicht“. Darin besingst du die Indie-Disco deiner Jugend. In früheren Interviews hast du diese Zeit als ambivalent beschrieben: Du lerntest die süßen Früchte der Nacht kennen, aber eben auch die Schattenseiten deiner Heimatstadt – in Chemnitz musstet ihr euch stets vor prügelnden Nazis in Acht nehmen. Gab es Schlüsselereignisse, die dich besonders geprägt haben?

Wir haben die gleichen schönen Dinge erlebt, wie viele andere Heranwachsende auch, die Klassiker: Ganze Sommer vor irgendwelchen Clubs verbracht, Stempel abgemalt und danach ins Schwimmbad eingebrochen. Ehrlich gesagt, war das damals auch nicht so getrennt: die Gewalt und das Aufregende. Erst im Nachhinein denke ich darüber nach, wie krass es eigentlich war, dass das immer eine Rolle gespielt hat. Der Regisseur des Musikvideos zu „Ein Song reicht“ und ich waren zu genau dieser Zeit, in der das Lied spielt, in einem bestimmten Club unterwegs – „Fuchsbau“ hieß der. Dort haben wir unsere ersten Knutsch-Erfahrungen gemacht. Dann gab es aber auch einen Abend, an dem er einen Headbutt bekommen hat und mir einfach so in den Bauch geschlagen wurde – völlig random, einfach nur, weil wir in deren Augen kacke aussahen. Und es gab nicht mal ansatzweise die Option, zu den Türstehern zu gehen und zu sagen: „Ey, mir hat da gerade jemand aufs Maul gehauen.“ Weil die Securitys selbst Vollfaschos waren. Das eigentlich Interessante ist, dass man das so normal fand. Erst im Nachhinein frage ich mich: Was war denn daran normal?

Wie vieles in Chemnitz hat auch die Nacht in dieser Stadt zwei Seiten. Wo ganze Straßenzüge leer stehen, gibt es reichlich Platz für Rausch und Subkultur – aber eben auch für Gewalt. Rechte Gewalt. Es sind die Nachwehen der sogenannten Baseballschlägerjahre. Zwar tragen die meisten Prügelknaben nach der Jahrtausendwende keine Glatzen, Bomberja- cken und Springerstiefel mehr. Ihr faschistisches Gedankengut haben sie jedoch genauso wenig abgelegt wie die Aggression, die sich gegen fast alles richtet, was nicht ihrem Spiegelbild gleicht. Für Felix Kummer verengt sich das, was er in seiner Jugend erlebt hat, in der Rückschau zu einer einzigen Nacht. Manches Mal sei man glimpflich durch die Wochenenden gekommen, zum Beispiel, indem man in den brenzligen Minuten des Heimweges nicht die Hauptstraße, sondern Schleichwege passiert habe. Oder gerannt sei: Sobald ihm jemand die rhetorische Frage nach einer Zigarette gestellt habe, sei es für ihn fast immer die beste Entscheidung gewesen, seine Beine in die Hand zu nehmen. „Liefen schnell wie die Hasen, doch schneller als Autos waren wir nie“, wird er sich Jahre später in dem Song „9010“ von seiner Soloplatte KIOX (aufgenommen unter dem Namen Kummer) an diese Momente erinnern.

Trotz dieser allgegenwärtigen Bedrohung wird die Nacht, werden Clubs und Konzertstätten für Felix Kummer bald zu Sehnsuchtsorten. Geld, 4,90 Euro in der Stunde, verdient er zu dieser Zeit im Kino. Das hat seine Vorteile: Während die Filme über die Leinwände flackern, wird er fürs Däumchendrehen entlohnt. Einzig in der Pause zwischen Werbeblock und Vorführung muss er durch die Sitzreihen und Eis verkaufen. „Da gab es ein paar erdende Momente, wo man wieder auf den Boden zurückgeholt wurde“, sagt Felix Kummer. 2009 gründet er dann gemeinsam mit Till Kummer, Karl Schumann, Steffen Israel und Max Marschk die Band Kraftklub. Dann geht alles ganz schnell.

KARGO beginnt mit „Teil dieser Band“, einer Reflexion eurer Geschichte: „Vom 17 Uhr Festival-Opener, zu 17-tausender Open-Air“. Im Laufe des Stückes zeigst du dich sehr dankbar für einen „Job ohne Selbsthass und Magengeschwür“. Hat dich dein Dasein als Musiker zu einem glücklichen Menschen gemacht?

Doch. Vermutlich liegt es daran: Unser Freundeskreis besteht aus vielen Leuten, die keine Musik machen und irgendwie andere Jobs haben. Natürlich ist mein Leben manchmal auch Stress und anstrengend. Aber der Vergleich zu dieser Erwerbsdruck-Maschine, in der sich manche befinden – das ist schon ganz schön scheiße. Und wenn man da auch selber mal kurz dringesteckt hat – doch ich bin schon sehr froh, dass das nicht passiert ist. Es gibt Aspekte im kapitalistischen System, die einfach krass sucken. Die Leute kaputt machen. Und dem kann ich mich ein Stück weit entziehen. Ich weiß auch gar nicht, wie das passiert ist. Davon handelt der Song ja auch: Ich bin kein besserer Mensch als andere. Es ist auch nicht so, dass ich das sonderlich verdient hätte. Oder übertalentiert wäre. Ich habe auch nicht viel härter gearbeitet als andere. Es ist einfach so passiert, weil es passiert ist.

Im Februar 2010 veröffentlichen Kraftklub ihre erste EP „Adonis Maximus“. Darauf entwerfen sie einen Stilmix, der den Zeitgeist der nächsten Jahre treffen und prägen wird: Schmissig und eingängig klingt ihr Indie-Rock; darüber sprechsingt Felix seine oftmals ironiegeladenen Texte. Noch bevor das erste Album erscheint, unterschreiben Kraftklub einen Vertrag bei Universal. Ein Jahr später steigt ihr Debüt MIT K auf Platz 1 der deutschen Album-Charts ein. In Collegejacken, Polohemden und von Hosenträgern gehaltenen Röhrenjeans erobern sie zunächst die Clubs und anschließend die Schulhöfe der Republik. Abertausende junge Menschen himmeln Felix an, zu Gassenhauern wie „Randale“ oder „Scheissindiedisko“ tanzt eine ganze Generation Pogo. In Aufruhr verfallen auch die Medien: Das alte Musikfernseh-Flaggschiff „Rockpalast“ porträtiert Kraftklub als Starlets der jungen Generation; HipHop-Magazine stellen sich ihre szeneinterne Gretchenfrage, was das alles mit Rap zu tun habe und „Die Zeit“ titelt auf einer Doppelseite: „Gaucks Enkel legen los“.

Mit 21 Jahren ist Felix einer der berühmtesten Söhne seiner Stadt. „Wenn man ehrlich ist, waren wir ja kaum zu Hause. Das Rauskommen in die große, weite Welt war genau das, wovon wir immer geträumt haben – gleichzeitig haben wir in Chemnitz gewohnt. Und dann blieben wir einfach da“, sagt er. Wie einst seine Eltern kultiviert er ein Narrativ des Bleibens. In den Texten formuliert er die unterdrückten Sentiments eines auf der falschen Seite des Landes Geborenen – und spiegelt das Gefühl von Minderwertigkeit in zur Schau getragenen Stolz: „Ich komm’ aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer-Baby, Original Ostler“, heißt es im Refrain des frühen Kraftklub-Songs „Karl-Marx-Stadt“. Schon seit dem Fall der Mauer habe es eine Art Grundwundern gegeben über jene, die nicht das Weite suchten. Nach ihrem Abitur sind viele seiner Freunde dem Lockruf der Hauptstadt erlegen. Felix hingegen singt mit aller Inbrunst: „Ich will nicht nach Berlin“ – ein weitere Hit der Debütplatte.

Springen wir zu eurem neuen Song „Wittenberg ist nicht Paris“. Ich habe das Lied auch als Kritik am eigenen Milieu gelesen – gegen Menschen aus dem Westen, die es sich nun im Osten im hippen, wohlsituierten, grünen Kiez bequem machen. Habe ich das richtig gedeutet?

Ja, ich glaube schon, dass es das ganz gut trifft. Es hatte aber auch damit zu tun: Ich bin jetzt in einem Alter, wo die ersten Leute nicht mehr studieren. Während des Studiums checkt ja kaum einer den Unterschied zwischen Menschen aus Ost und West. Wenn es dann aber losgeht mit den richtigen Berufseinstiegen und der richtigen Wohnungssuche, kriegst du auf einmal mit: Huppala, da hat wohl jemand geerbt. Dann trennen sich plötzlich die Studierenden-Freundeskreise auf. Da hört man dann auf einmal: „Meine Eltern haben hier noch eine Eigentumswohnung, da sind wir jetzt einfach reingezogen.“ Für die Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, ist das schon eine relativ krasse Erfahrung gewesen – dass das natürlich im Osten fehlt. Da gibt es halt kaum Familien, die über Generationen hinweg Vermögen aufgebaut haben.

Anfang Juni 2013 stehen Kraftklub auf der Hauptbühne von „Rock am Ring“. Nach der Hälfte des Konzerts braucht Felix trotz Hundekälte und Starkregen kein Polo mehr. Als 15 Monate später IN SCHWARZ erscheint, das zweite Album, sind Kraftklub eine gemachte Band. Auf der Platte findet sich ein bemerkenswertes Stück, vielleicht kann man es Protestlied nennen: „Schüsse in die Luft“ – eine Anklage gegen das Wegschauen, Hinnehmen, Nichtstun. Das zugehörige Musikvideo erscheint am 22. Dezember 2014, zeitgleich marschieren Tausende mit wehenden Reichsflaggen durch die Dresdner Altstadt. Vor der Kulisse von Semperoper und Zwinger demonstriert PEGIDA gegen die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“. Rund 2.000 Muslime leben in Dresden. Zwei Tage vor Heiligabend werden sie auf dem Theaterplatz von knapp 20.000 zum Feindbild stilisiert. Eigentlich habe sich Kraftklub gar nicht als eine linke Band verstanden, hat Till Kummer einmal erzählt. Man sei mit den Jahren immer stärker zu einer geworden.

Das Stück „Fahr mit mir (4x4)“ vom neuen Album ist im Grunde eine romantische Roadtrip-Utopie, eine Flucht-Fantasie. Darauf heißt es: „Das mit denen und mit mir, das wird in diesem Leben nicht mehr funktionieren.“ Wer sind denn die? Das Kleinbürgertum, die Rechten? Oder ist es das Deutsche an sich?

Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus all diesen Dingen. Vielleicht ist es ein deutschtümelndes Spießbürgertum und so eine verhärmte Art, mit der ich nur schwer zurechtkomme. An der ich mich stoße. Ich sehe auch gar nicht ein, mich da einzufügen. Deswegen wird es wahrscheinlich immer diese Reibung geben und deshalb werde ich auch immer wieder solche Sachen schreiben. Eigentlich ist der Song schon ein Bruch in sich, weil er eben nur eine Fantasie von mir ist. Wie gesagt, wir wohnen ja noch da und trotzdem: Ich finde, man hat auch was falsch gemacht, wenn man nicht einmal in der Woche daran denkt, abzuhauen – dann würde ich schon misstrauisch werden.

Für den 1. Mai 2018 hat eine rechtsextreme Kleinpartei eine Kundgebung in Chemnitz angemeldet. Dagegen formiert sich Widerstand: Beschallt wird die Gegendemonstration von Kraftklub; als Bühne dient ein umfunktionierter Lastwagen. Während sich die Braunhemden mit eineinhalb Stunden Verspätung in Bewegung setzen, singt Felix den alten Refrain der Ärzte ins Mikrofon: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe“. Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer von der CDU mischt sich unter die Gegendemonstranten. Ein Stück sei er dort mitgelaufen, sagt er Tage später bei einem Bürgerdialog. Als dann jedoch „dieses Konzert von dieser unmöglichen linken Band“ begonnen habe, sei er von dannen gezogen. Mit denen wolle er nichts zu tun haben. Für Felix Kummer ist die CDU einer der Gründe für den Aufstieg der AfD: „Ich kenne den Typen nicht persönlich, aber der steht halt für eine Partei, die seit Jahrzehnten in Sachsen dafür sorgt, dass es genau so bleibt, wie es ist. Von dem erwarte ich nichts. Die denken: Man kann die ganz Rechten einfangen, indem wir gegen die vermeintliche Antifa kämpfen.“ Das Renommee von Nestbeschmutzern haben Kraftklub auch in Teilen der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Ein Problem des Ostens scheint es offenkundig zu sein, eher den Stab über jene zu brechen, die ihren Finger in die Wunde legen, statt die Wunde zu verarzten. Felix Kummer sagt, dies sei ein verbreiteter Reflex, der verhindere, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. Vor einer weiteren Analyse sträubt er sich jedoch: „Warum du die AfD wählst, das ist mir irgendwann auch scheißegal. Wenn sich darüber beschwert wird, dass solche Leute mit Nazis gleichgesetzt werden – da dann so die ganz große Differenzierungs-Brille aufzusetzen, finde ich irgendwie auch komisch.“

In der Nacht auf den 26. August 2018 wird Daniel H. am Rande des Chemnitzer Stadtfestes niedergestochen. Der Deutsche mit kubanischen Wurzeln war mit einer Gruppe von Asylbewerbern in einen Streit geraten – es ging wohl um Zigaretten. Ein sinnloser Tod. Was danach folgt, überschreitet auch für Chemnitzer Verhältnisse alles Bekannte in Sachen Fremdenfeindlichkeit: Angestachelt vom Täterprofil, ziehen an den beiden darauffolgenden Tagen Tausende Rechtsextreme durch die Stadt, bedrohen Menschen, die sie für Flüchtlinge halten. Mehrere von ihnen zeigen den Hitlergruß. Es spielen sich Jagdszenen ab; auch ein jüdisches Restaurant wird angegriffen. Als Reaktion auf die Ereignisse organisieren Kraftklub binnen sieben Tagen ein kostenloses Konzert in der Stadt, um dem braunen Syndikat etwas entgegenzusetzen: Felix Kummer durchforstet sein Telefon nach Musikern; Zusagen erhält er von Trettmann, Feine Sahne Fisch- filet, K.I.Z., Nura, Casper, Marteria und den Toten Hosen. Ihr Credo hat Geschichte geschrieben: „Wir sind mehr“.

Mit dem Song „Vierter September“ verhandelst du die Geschehnisse aus dem Herbst 2018. Hast du das Gefühl, dass „Wir sind mehr“ ein Klebstoff für die Chemnitzer Zivilgesellschaft war?

Ich glaube, in Chemnitz selbst wurde das eher spaltend als einend wahrgenommen. Teilweise gab es da schon diesen Vibe: Die Kraftklub-Typen jagen wir jetzt mit den Mistgabeln aus der Stadt. Natürlich gab es Leute im Bürgermeister-Büro, die es gefreut haben wird, dass es auch mal gute Presse gab. Ich würde mal sagen: Ein Drittel fand es gut, einem Drittel war es komplett egal, weil denen alles irgendwie egal ist, und ein Drittel fand es richtig scheiße. Den Sinn der Veranstaltung sehe ich nach wie vor darin, Leuten Kraft zu geben. Das ist in manchen Situationen auch das Einzige, was man machen kann. Man verändert ja nichts im Wortsinn, sondern gibt Betroffenen ein Zeichen. Trotzdem: Wenn man nicht aufpasst, besteht die Gefahr, dass man anfängt, der Sache zu glauben. Ihr zu trauen. Dieses Ergriffensein von der Energie, die dort entstanden ist, und es bleibt da der Abfall am nächsten Tag, wenn alle wieder weg sind – diese Ambivalenz hinterfragt der Song. Und auch die eigene Rolle, die ich dabei gespielt habe. Aber eine Lösung habe ich dafür auch nicht, außer diesen Song zu schreiben.

Über die Jahre hatte Felix Kummer ungefähr ein Dutzend Texte angesammelt, die nicht so recht auf Kraftklub-Platten passen wollten. Weder auf ihre dritte LP KEINE NACHT FÜR NIEMAND noch auf ihre aktuelles Album KARGO. Häufig schlüpfte er für die Lieder seiner Band in Rollen, aus jenen Texten aber spricht er selbst. Beispielsweise davon, dass er sich von Jahr zu Jahr ein kleines bisschen verbürgerlicht. Oder dass er dem Rest seines Lebens ohne Verdruss entgegenblicken kann. Gebündelt werden diese Songs 2019 auf dem Soloalbum KIOX, benannt nach dem Plattenladen seines Vaters. Eines der Stücke trägt den Titel „Schiff“. Es ist die Parabel eines rostigen Dampfers auf rauer See: Abgase ziehen aus dem Maschinenraum auf das Zwischendeck, schwarze Pfützen aus Urin zeichnen den Boden, auf dem sich Ratten um die Reste reißen, aus einem Loch fallen Tropfen auf das Parkett, und weil niemand das Leck stopft, stehen irgendwann alle Etagen von der Holzklasse bis zur ersten Klasse unter Wasser. Möbel treiben durch die Gegend, einige wenige kämpfen gegen den Schiffbruch an, dazu spielt eine Band Begleitmusik.

Dies ist die Geschichte von Chemnitz und Felix Kummer, die vor drei Jahrzehnten auf dem Kaßberg begann. Er selbst hat sie zu Papier gebracht: „Ich sitze fest auf diesem Schiff im Nirgendwo / Frag mich jetzt bitte bloß nicht, wieso / Es riecht nach Pisse. Es riecht nach Tod / Aber ich fühl mich hier wohl.“