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AUF EDISONS SPUREN


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 45/2022 vom 10.11.2022

REPORTAGE / EDISON-TOUR

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Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 45/2022

Da stehen wir nun. Die neue Ladestation von Electrify America vor dem Walmart, zu der uns das Navi gelotst hatte, ist zwar bereits aufgebaut, aber noch nicht in Betrieb. Und im Ladepark der riesigen Menlo Park Mall im einige Kilometer entfernten Edison, New Jersey, funktionieren nur die acht Tesla Supercharger. Die sechs Ladesäulen von EV Go hingegen sind sämtlich außer Betrieb. Und der Mitarbeiter im Callcenter, den wir telefonisch erreichen, macht uns keine Hoffnung, aus der Ferne einen der Stromanschlüsse reaktivieren zu können: „Sorry“ – und legt auf.

Die Tour mit einem Elektroauto durch den Nordosten der USA hatten wir uns einfacher vorgestellt. Lange hatten wir sie geplant und wochenlang vorbereitet, auch mit Unterstützung der Ford Motor Company. Vor fünf Jahren wurde dort das „Team Edison" aus der Taufe gehoben, um die Transformation des Konzerns zu einem reinen ...

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... E-Auto-Hersteller voranzutreiben. Vor fünf Jahren wurde unsere eigene Plattform gegründet, und in diesem Jahr hätte unser Namenspatron, der geniale wie geschäftstüchtige Erfinder Thomas Alva Edison, seinen 175. Geburtstag gefeiert – es konnte kein besseres Timing für eine solche Reise geben. Das passende Gefährt war schnell gefunden: ein Mustang Mach-E, der erste Stromer, der bei Ford im „Team Edison“ ersonnen worden ist. Und auch die Route war schnell gesteckt: Von Dearborn, Michigan, wollten wir einige der Lebensstationen von Edison abfahren, von seinem Geburtsort über die Standorte seiner Labors bis rauf zum 1917 Meter hohen Mount Washington in New Hampshire. Der war 1910 Zielort eines spektakulären Automobilrennens von New York bis „in die Wolken“, in das Edison 1910 zwei Elektroautos mit einem von ihm entwickelten Nickel-Eisen-Akku entsandt hatte. Alles in allem rund 1000 Meilen oder 1600 Kilometer – das sollte zu schaffen sein. Allemal mit einem „Mäcki“ in der Langstrecken-Version, die nach Angaben seiner Entwickler seine Insassen idealerweise über 300 Meilen oder fast 500 Kilometer weit trägt.

Chefentwickler Darren Palmer hatte uns beim Start am Ford Engineering Lab in Dearborn Mut gemacht: Der Aufbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos habe in den zurückliegenden zwei Jahren auch in den USA große Fortschritte gemacht. Die meisten Ladeplätze seien im Navi des „Mäcki“ verzeichnet und über den Ford Pass leicht zu aktivieren. Für alle Fälle sollten wir aber noch die App „ABetterRouteplanner“ (ABRP) in der Profi-Version aufs Smartphone laden – es gebe derzeit keine bessere Planungshilfe für Langstreckentouren mit einem Elektroauto. Selbst nicht von Ford, fügt der Brite lachend hinzu: „Fragen Sie mich nicht, warum.“

Auf Umwegen nach Milan

Tatsächlich gestaltet sich die erste Etappe von Dearborn in Michigan nach Milan, Ohio, sehr entspannt. Abgesehen davon, dass das Navi unseren Mustang zunächst über Landstraßen zum Ziel lotst, was uns zwar Mautgebühren erspart, aber etliche Mehr-Meilen kostet und eine deutlich längere Reisezeit einträgt. Des Rätsels Lösung: Ein früherer Fahrer hatte dem „Mäcki“ die Nutzung aller Interstates, wie die Autobahnen in den USA heißen, verboten.

So stehen wir erst am späten Nachmittag vor dem Thomas A. Birthplace Museum in „Meilän“, einer etwa 2000 Einwohner zählenden Kleinstadt am südlichen Ufer des Huron River, wo der Erfinder am 11. Februar in einem winzigen Backsteinhaus als eines von sechs Kindern von Sam und Nancy Edison das (noch nicht elektrische) Licht der Welt erblickte und seine ersten sieben Lebensjahre verbrachte. Der ganze Ort feiert bis heute seinen berühmtesten Sohn. Vor dem Rathaus von Milan steht eine riesige Edison-Statue, die Schule ist nach ihm benannt, es gibt ein „Erfinder-Restaurant“ und eine Edison-Kaffeerösterei. Dankbar sind wir für eine AC-Ladestation – und eine Sitzbank vor Edisons Geburtshaus, auf der wir mit ihm in der Abenddämmerung einen kleinen Plausch halten können.

Womit würde sich „Al“, wie er in jungen Jahren gerufen wurde, wohl heute beschäftigen, frage ich mich, während ich mich auf der Bank an seine Bronzestatue anlehne. Die meisten Menschen verbinden mit ihm die Erfindung der elektrischen Glühbirne. Doch auch der Börsenticker, die Wahlmaschine, die Tonaufzeichnung und Filmwiedergabe sind in seinen Labors entwickelt worden. Er arbeitete (zusammen mit seinem früheren Angestellten und lebenslangen Freund Henry Ford) am Elektroauto, an neuen Akkutypen, an Ladesystemen und sogar schon an einem Batterie-Wechselsystem für Elektro-Taxen in New York. Er entwickelte elektrische Stifte und neue Verfahren zur Herstellung von Kautschuk, erfand neue Zement-Mischungen und Techniken zur Nutzung der Abwärme von Stahlöfen und vieles mehr. 1093 Patente hielt Edison Zeit seines Lebens und schuf damit ganz wesentlich die moderne Welt, so wie wir sie heute kennen. „Wenn wir alles täten“, sagte er einmal, „wozu wir imstande sind, würden wir uns wahrlich in Erstaunen versetzen.“ Er zumindest tat es.

„Edisons größte Erfindung war nicht die Glühbirne, sondern die Erfinder-Fabrik.“

Holly Marino, Ranger im Thomas Edison National Historical Park

„Wenn wir alles täten, wozu wir imstande wären, würden wir uns wahrlich in Erstaunen versetzen.“

Thomas Alva Edison

Es gäbe also einiges noch mit ihm zu besprechen. Doch die nächste Etappe steht an – und was für eine: 487 Meilen bis Menlo Park in New Jersey, wo Edison zwischen 1875 und 1885 sein erstes großes Forschungslabor betrieb. Das Navi errechnet eine Reisezeit von knapp acht Stunden, das Navi schlägt zwei, die ABRP-App drei Ladestopps vor – es verspricht, kniffelig zu werden. Zumal der AC-Lader in Milan wenig Strom geliefert hat und der Akku des

Mustang nur noch zu 15 Prozent gefüllt ist. Erst einmal brauchen wir einen Schnelllader. Wir finden ihn in Niles an einer Tankstelle. Sogar gleich drei, von Electrify America mit 150 und 350 kW Ladeleistung. Da kann man nicht meckern, zumal der Ford Pass sofort akzeptiert wird und der Strom nach der Kopplung mit der Ladesäule umgehend fließt.

Auch für Unterhaltung wird gesorgt: Wenige Minuten nach uns checkt Abdul mit seinem nagelneuen Kia EV6 ein. Und schnell sind wir in einen Ladetalk verstrickt, über Elektromobilität, den Mustang und die Strompreise – in den USA und in Deutschland. 45 Cent nimmt Electrify America für die Kilowattstunde, was Businessman Abdul (und viele andere, die wir nach ihm treffen) für Wucher hält: Daheim zahle er nur 15 Cent. Sein Mund bleibt aber offen stehen, als ich ihm von den Tarifen bei uns erzähle. Ein Dollar pro Kilowattstunde – hey, that’s crazy.

Sparen mit E-Autos

Allerdings sind auch die Energiepreise in den USA deutlich gestiegen, an der Tanke kostet der Liter Benzin mittlerweile umgerechnet 1,20 Dollar. Bei uns würden derlei-Preise Hurra-Geschrei auslösen, drüben befeuern sie die Antriebswende. Autohändler Gary Rome, der uns später in Massachusetts aus Ladenöten hilft, berichtet stolz, dass ihm jeder Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6 sofort aus den Fingern gerissen werde: „Bei einem Spritpreis von 4,50 Dollar pro Gallone hört für die Menschen hier der Spaß auf.“

Und auch die steigenden Strompreise sorgen die Menschen, zumindest überall dort in den USA, wo der Strom noch mit Erdgas und Kohle produziert wird. So weiß zumindest David Lutz aus Vermont zu berichten, den wir mit seinem Hyundai Kona an einer Ladesäule von Chargepoint treffen.

David hat einen Elektrobetrieb und derzeit alle Hände voll zu tun, weil viele Eigenheimbesitzer jetzt möglichst ruckzuck eine Solaranlage auf dem Dach haben wollen, um den Haushalts- und Ladestrom selbst erzeugen zu können. Bis weit ins kommende Jahr hinein sei er ausgebucht. Und er habe größte Nöte, Facharbeiter zu finden, um die PV-Module zu montieren. Das kommt uns irgendwie bekannt vor.

„Bei 4,50 Dollar pro Gallone hört für die Menschen hier der Spaß auf.“

Gary Rome

So arbeiten wir uns langsam voran, von Ladestation zu Ladestation, von Ohio über Pennsylvania nach Newark und bis nach Menlo Park. Oder Edison City, wie der Ort seit 1954 zu Ehren des Erfinders heißt.

Zauberei in Menlo Park

Kathleen Carlucci kennt die Historie des Ortes und die von Edisons Forschungslabor Menlo Park haarklein. Sie leitet das Thomas Edison Center, das auf dem Gelände des früheren Forschungsparks entstand. Zu sehen sind davon allerdings nur noch die Umrisse: Sämtliche Gebäude (so weit sie noch vorhanden waren) hat Henry Ford 1929 abtragen und im Freilichtmuseum Greenfield Village in Dearborn samt Mobiliar und Labortechnik orginalgetreu wiederaufbauen lassen. Nur ein 40 Meter hoher Turm im Art-déco-Stil aus Portland-Zement mit einer riesigen Glühbirne auf der Spitze sowie Kathleens Museums-Kiosk erinnern heute noch daran, dass hier einst der „Zauberer von Menlo Park“ wirkte.

In Menlo Park ließ Edison zwar schon 1881 eine Elektrolok laufen. Doch was Elektromobilität anbetrifft, hat inzwischen Tesla die Nase vorn. Zumindest die Automarke, die nach dem ehemaligen Edison-Angestellten Nikola Tesla benannt ist. Wir müssen jedenfalls in Edison City lange suchen, bis wir eine funktionierende Ladesäule finden, um unseren Mustang für die Tour nach West Orange zu stärken. 30 Meilen scheinen zwar nur eine kurze Entfernung. Aber die ziehen sich, wenn der Bordcomputernur noch eine Restkapazität der Batterie von zehn Prozent ausweist. Und den Thomas Edison National Historic Park muss man gesehen haben. Nicht nur, weil unser Namenspatron auf dem riesigen Komplex am Rande von New York eine privat finanzierte Erfinder-Fabrik mit Chemielabor, Schmiede und Maschinen-Werkstatt sowie Tonund Filmstudio aufbaute. Sondern auch, weil auf der anderen Straßenseite in einem weitläufigen Parkgelände Edisons schlossähnliches Privatdomizil „Glenmont“ steht – hinter dem Edison und seine zweite Frau Mina ihre Ruhestätte fanden.

Parkrangerin Holly Marino gewährt uns eine exklusive Führung durch die Labors, die kurz nach Edisons Tod 1931 für immer geschlossen wurden, aber nach wie vor so aussehen, als würde hier die Arbeit gleich wieder aufgenommen werden. Sämtliche Chemikalien und Apparaturen, versichert Holly, sind noch original. Ob das für das Bettzeug auf der Liege in Edisons Bibliothek gilt, darf bezweifelt werden. Auch einen Blick in Edisons Garage dürfen wir werfen, in der noch eines der Elektroautos steht, mit dem Edison 1910 am legendären Rennen in die Wolken teilnahm. Geladen wurde der Nickel-Eisen-Akku an einer riesigen Wallbox, die Edison eigens konstruiert hatte. Anhand von 26 Glühbirnen konnte Edison – oder sein Chauffeur – feststellen, wie weit die Batterie geladen war. Für das Autorennen soll er sogar eine mobile Ladestation entwickelt haben.

Das Gerät ist leider verloren gegangen – wir hätten es gut gebrauchen können. Denn die Ladeinfrastruktur in den White Mountains, dem Nationalpark in den Appalachen, ist noch rudimentär. Vor dem White Mountain Resort in Bretton Woods (wo Edison 1910 nächtigte und 1944 die internationale Währungsordnung mit dem US-Dollar als Leitwährung aus der Taufe gehoben wurde) gibt es zwar noch einen Wechselstrom-Lader mit immerhin 16 Ampere. Aber um den Akku unseres „Mäcki“ zu füllen, hätten wir hier Stunden verbringen müssen. Da im Gipfelgebiet des Mount Washington zudem bereits Schnee gefallen ist, lassen wir unsere Fahrt in die Wolken vorsichtshalber ausfallen.

Zurück ins Depot

Stattdessen geht es anderntags zurück nach Michigan. Durch Ontario, vorbei an den Niagarafällen (wo Tesla und George Westinghouse 1895 mit dem Bau des ersten Wasserkraftwerks die Elektrifizierung der Welt starteten) zum Edison-Museum nach Port Huron. Dorthin, wo die Karriere von Edison begann, im Alter von 12 Jahren. Als Zeitungsverkäufer und mit chemischen Experimenten in einem Gepäckwagen: Alle großen Dinge beginnen oft klein.

Mehr Informationen zum Themawww.edison.media/edisontour