Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 6 Min.

„ AUF KEINEN FALL EIN FACH MEDIENKOMPETENZ!“


schule - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 26.08.2021

INTERVIEW

Schule: Vor zehn Jahren war die Hoffnung groß, die Digitalisierung würde die Gesell- schaft demokratischer machen. Haben sich diese Hoffnungen erfüllt?

Marina Weisband: Sie waren auf jeden Fall naiv. Ich habe gedacht, das Internet macht uns automatisch demokratischer, offener, besser. Doch einige wenige Konzerne haben den Markt sehr schnell erobert. Der Austausch findet heute hauptsächlich auf Werbeplattformen statt, mit allen Nachteilen wie der Radikalisierung von Sprache und Nachrichten. Es vernetzen sich nicht nur demokratisch gesinnte Menschen, sondern auch Rechtsradikale. Wir haben es mit Problemen zu tun, die die Demokratie heute zusätzlich bedrohen, statt zu stärken.

Sie sagen, je mehr Digitalisierung desto mehr Demokratiebildung brauchen wir.

Das Internet ist selbst kein Demokratieverstärker, auch kein Antidemokratieverstärker. Es verstärkt einfach alles, was wir hineingeben, weil ...

Artikelbild für den Artikel "„ AUF KEINEN FALL EIN FACH MEDIENKOMPETENZ!“" aus der Ausgabe 3/2021 von schule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von schule. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2021 von Initiative PRO BILDUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Initiative PRO BILDUNG
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von DER BEIRAT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER BEIRAT
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von BILDUNG IST, WENN JUGEND DEBATTIERT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BILDUNG IST, WENN JUGEND DEBATTIERT
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von 3 FRAGEN AN …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
3 FRAGEN AN …
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von DIE RICHTIGE FAHRRADGRÖSSE – MIT EINEM KLICK EINFACH ZU FINDEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE RICHTIGE FAHRRADGRÖSSE – MIT EINEM KLICK EINFACH ZU FINDEN
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von DIE MITTLERE SCHULBILDUNG – EIN MODELL MIT ZUKUNFT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE MITTLERE SCHULBILDUNG – EIN MODELL MIT ZUKUNFT
Vorheriger Artikel
DIGITALISIERUNG DER SCHULEN – MUSS DAS SEIN?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Ein Blick hinter die Kulissen
aus dieser Ausgabe

... es uns so gut vernetzt und unsere Stimmen multipliziert. Wir brauchen Demokratiebildung auch nicht nur zur Vermeidung von Rechtsextremismus oder Antisemitismus, sondern für die Zukunft der Demokratie selbst. Ohne handlungsfähige BürgerInnen funktioniert sie nicht. Demokratie muss man nicht nur wollen, man muss sie auch können.

„JA, ICH HABE SCHULE GESCHWÄNZT, UM ETWAS ZU LERNEN.“

Dabei können Maschinen das viel besser. Als gute/r DemokratIn muss ich hingegen handeln lernen. Handeln bedeutet, mich zu reflektieren, zu fragen, wer bin ich, was ist meine Rolle in der Welt, was kann ich bewirken. Ich muss lernen, mir eigene Ziele zu setzen, sie zu verfolgen und Kompromisse einzugehen. Das ist Persönlichkeitsentwicklung. Die Schule behauptet zwar, dass sie das fördert. Die vier Ks werden überall ganz großgeschrieben …

Wo sonst, wenn nicht in der Schule, sollen Kinder Demokratie lernen? So „vier Kompetenzen für das 21. Jahrhundert“: Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken.

Richtig, aber passiert diese Förderung wirklich? Ob SchülerInnen gut gelernt haben, prüfen wir ja in Prüfungen. Wenn ich aber zwei der vier Ks dabei anwende, also kommuniziere und kollaboriere, ist das ein Betrugsversuch. Ich bekomme eine Sechs. Das offenbart uns, dass Schule eigentlich nicht wirklich das Ziel verfolgen kann, das sie angibt.

„SCHULE IST FÜR DIE ALLERMEISTEN JUGENDLICHEN DER ZENTRALE LEBENSORT.“

Kann Schule überhaupt der Ort sein, an dem ich Demokratie so richtig lernen und praktizieren kann? Hierarchien machen ja durchaus Sinn an einer solchen Institution.

Sie muss. Schule ist für die allermeisten Jugendlichen der zentrale Lebensort. Sie verbringen mehr als die Hälfte ihres Lebens dort, und zwar alle, unabhängig vom soziokulturellen oder Migrationshintergrund. Im Moment behandeln wir die Schule aber wie eine Blase.

Kinder kommen dort aus der echten Welt hinein, am Nachmittag kommen sie zurück in die Welt, und es gibt keinerlei Verbindung zwischen beiden. Wo soll ich da Demokratie lernen? Und wie, wenn mir dauernd gesagt wird, wann ich wo zu sein und was ich zu lernen habe? Das Gehirn lernt nur, was es immer wieder braucht. In der Schule lerne ich zu gehorchen, weil es das ist, was ich immer wieder machen muss.

Was können und sollten SchülerInnen an Schulen demokratisch mitentscheiden dürfen?

Die Frage ist, was sollten sie nicht mitentscheiden? Es ist doch ihre Veranstaltung, ihr Lebensort, und ihnen kommt es zugute. Sie sollen im Leben die Rolle der GestalterInnen einnehmen, nicht die der KonsumentInnen, der Opfer. Die Frage sollte immer sein: Wenn ich hier eine Freiheit einräume, passiert dann etwas, das irgendjemandes Leben schadet? Es wäre vielleicht keine gute Idee, SchülerInnen zu erlauben, die Personalentscheidungen der Schule mitzubestimmen, denn dann würden wahrscheinlich schlimme Dinge passieren (lacht). Aber wenn sie beschließen, im Deutschunterricht nicht „Andorra“ von Max Frisch zu lesen, passiert überhaupt nichts Schlimmes, denn es ist für sie nicht notwendig.

„DEZENTRALER UNTERRICHT IN OHNEHIN LEER STEHENDEN GEMEINDESÄLEN ODER CAFÉS, BEGLEITET VON LEHRAMTS-STUDENT:INNEN IM PRAXISJAHR. WARUM NICHT?“

Die Pandemie hat vieles schwerer gemacht. Kann demokratische Persönlichkeitsentwicklung noch stattfinden, wenn ich monatelang im Distanzunterricht allein am Rechner sitze?

Das wäre ja gerade die Chance, zeitgemäße Bildung auch für später zu etablieren. Es gibt Konzepte. Dezentraler Unterricht in ohnehin leer stehenden Gemeindesälen oder Cafés, begleitet von LehramtsstudentInnen im Praxisjahr. Warum nicht? Neue hybride Unterrichtskonzepte könnten ausprobiert werden, bei denen SchülerInnen wirklich kollaborativ zusammenarbeiten und selbst mitbestimmen können, was sie lernen. Sie wären besser aufgehoben und kämen psychisch gesund aus der Zeit. Es ist die größte Verfehlung, dass wir das nicht machen. Allein aus so einer sturen Präsenzunterrichtsbezogenheit.

Zumindest geklappt hat an den meisten Schulen aber die gewaltige Umstellung von Präsenzauf Distanzunterricht. Der Digitalisierungsschub war ja enorm.

„WAS AN VIELEN SCHULEN STATTFIN- DET, IST ABER KEINE DIGITALISIE- RUNG.“

Was an vielen Schulen stattfindet, ist aber keine Digitalisierung. Wenn ich Arbeitsblätter als PDFs auf Tablets aufrufe, ist das Buchdruckkultur in Reinform, bloß jetzt elektrisch. Digitalisierung ist Viele-zu-vielen-Kommu-nikation, kulturell ein Riesenschritt von der Einer-zu-vielen-Kommunikation des Buchdrucks. Was die Schule macht, ist aber einfach weiterhin Einer-zu-vielen-Kommunikation. Das ist nicht Digitalisierung, sondern nur die Elektrifizierung des Bestehenden.

Wie würde Unterricht aussehen, der dem Kulturwandel der Digitalität Rechnung trägt?

Echte Digitalisierung würde bedeuten, dass die SchülerInnen selber erstellen, die aktiv auf das reagieren, was sie tun. Das wären dann keine Arbeitsblätter mehr. Sie würden ein Video drehen, eine interaktive Website bauen, Präsentationen gestalten. Daraus würden Lehrmaterialien für andere SchülerInnen entstehen. Offen, gestaltbar, interaktiv.

Sie selbst haben mit Aula ein Tool entwickelt, mit dem SchülerInnen demokratisch ihren Schulalltag mitbestimmen können. Sie bringen eigene Ideen ein und können sie auf einer Onlineplattform diskutieren und zur Abstimmung bringen. Haben Sie ein Beispiel?

Das besondere an Aula ist, dass alle SchülerInnen einer Schule beteiligt sind, nicht nur die drei Prozent in der SchülerInnenvertretung. In Freiburg hatten sie Ideen zu einem Tag, an dem alle Lehrkräfte Unterricht mit dem Smartphone machen. Das war an einer sogenannten Brennpunktschule, an der Deutsch für viele Fremdsprache ist. Normalerweise hätte die Idee jemand gehabt, aber nie geäußert, weil die Hürde zu sprechen zu hoch ist. Mit Aula geht das schriftlich, mithilfe eines Übersetzers. Das Tool ist also sehr inklusiv.

„DAS PROBLEM DER UNGLEICHHEIT IST EIN ANDERES: DASS DIE KINDER BISHER SEHR ALLEIN GELASSEN WERDEN MIT ERFAHRUNGEN IM DIGITALEN BEREICH.“

Akzeptierte die Schulverwaltung das?

Ja. Die SchülerInnen haben Plakate als Werbung geklebt, diskutiert, wie das aussehen könnte, Lehrkräfte bequatscht. Am Ende filmten sie in Sport ihre Sprünge, um die Körperhaltung zu kontrollieren. In Musik haben sie gemeinsam Musik gemacht, in Chemie digitale Tools für Experimente benutzt. Der Tag war so ein Erfolg, dass sie danach in Aula den Antrag eingebracht haben, das monatlich zu machen. So war es bis Corona auch.

Aula setzt aber voraus, dass alle ein Handy haben. Ist durch Hardware-Ausstattung die Grenze der digitalen Beteiligung erreicht?

Ja. Das Endgeräteproblem wird maßlos überschätzt. Ein ganz triviales Problem, das politisch sehr leicht zu lösen wäre. Das Problem der Ungleichheit ist ein anderes: dass die Kinder bisher sehr allein gelassen werden mit Erfahrungen im digitalen Bereich. Natürlich trennen sich da diejenigen, die ein Elternhaus haben, das sie unterstützen kann, von denjenigen, die das nicht haben. Genauso würde aber Bruchrechnen die Gesellschaft spalten, wenn das Erlernen nur vom Elternhaus abhinge und wir keine Lehrkräfte hätten, die es ihnen erklären.

Brauchen wir ein Fach Medienkompetenz?

Auf keinen Fall ein Fach Medienkompetenz! An den Schulen würde eine zweite Aufklärung bedeuten, dass ich den SchülerInnen radikal mehr Freiheit und Vertrauen gebe. Weil Verantwortung nur lernen kann, wer Verantwortung trägt.

Das Erkennen von Fake News oder Sensibilisierung für Onlinemobbing wären doch wichtige Lerninhalte für die Demokratie von morgen?

Das Problem an Fake News ist ja nicht, dass wir nicht in der Lage sind, sie zu erkennen, sondern dass wir ein emotionales Bedürfnis haben, sie zu glauben. Dann, wenn ich mich ohnmächtig fühle und jemanden suche, der für mein Unglück verantwortlich ist. Ob Angela Merkel oder die Juden, das Grundnarrativ ist immer dasselbe: Jemand hat Kontrolle über mein Leben, weil ich sie nicht habe. Diesem Gefühl begegnen wir am besten, indem wir Kontrolle über unser Leben haben. Menschen, die mit Selbstwirksamkeit aufwachsen und sich als selbstwirksam erleben, werden gar keine Verschwörungsmythen glauben und auch nicht so leicht Fake News teilen. Das ist Prävention. Das kann kein Unterrichtsfach leisten. Das müssen die SchülerInnen leben.

„DAS PROBLEM AN FAKE NEWS IST, DASS WIR EIN EMO- TIONALES BEDÜRF- NIS HABEN, SIE ZU GLAUBEN.“