Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

Auf Sand gebaut: Die Geschichte Venedige


Logo von HÖRZU Wissen
HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 22.09.2022
Artikelbild für den Artikel "Auf Sand gebaut: Die Geschichte Venedige" aus der Ausgabe 5/2022 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 5/2022

Es ist die glorreichste Stadt, die ich je gesehen habe; sie erweist allen Fremden die höchsten Ehren und regiert sich selbst mit der höchsten Klugheit.“ So beschreibt der französische Botschafter Philippe de Commynes im Jahr 1495 die Lagunenstadt. Die Weltoffenheit, die der Diplomat lobt, ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Erfolgsgeschichte: Die Venezianer sind Händler und Kauf leute, Gelassenheit im Umgang mit Fremden gehört zu ihrem Geschäft. Doch wie wurde aus einer Flüchtlingssiedlung auf Sandbänken eine kosmopolitische Metropole, Hauptstadt einer reichen Republik, die in ihrer Glanzzeit weite Teile des Mittelmeerraums beherrschte?

Salzwasser als Fundament eines mutigen Stadtstaats

Im Jahr 452 stürmen Attilas Hunnen Aquileia, eine strategisch und wirtschaftlich bedeutende Stadt der römischen Provinz Venetien und Istrien. Wer kann, rettet sich auf die Inseln in der nahen Lagune. Das Marschland ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU Wissen. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2022 von Das größte und das kleinste Landsäugetier der Welt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das größte und das kleinste Landsäugetier der Welt
Titelbild der Ausgabe 5/2022 von Einfach abperlen lassen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Einfach abperlen lassen
Titelbild der Ausgabe 5/2022 von Seit wann gibt es U-BOOTE?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Seit wann gibt es U-BOOTE?
Titelbild der Ausgabe 5/2022 von DEUTSCHLAND im Griff der CLANS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DEUTSCHLAND im Griff der CLANS
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
WISSENSQUIZ
Vorheriger Artikel
WISSENSQUIZ
Die geheimen Codes der KÖRPERSPRACHE
Nächster Artikel
Die geheimen Codes der KÖRPERSPRACHE
Mehr Lesetipps

... ist von der Adria aus schwer zugänglich. Die „muri salati“ (Salzmauern) des Lagunenwassers schützen besser vor Feinden als Mauern aus Stein, sagt man damals. Aus dem Meer gewonnenes Salz, „weißes Gold“, ist das erste Exportgut der Siedlung, die auf Fundamenten aus in den Boden getriebenen Holzpfählen erwächst. Der Fischfang sichert die Grundversorgung der Bewohner.

Italien gehört seinerzeit zum Oströmischen bzw. Byzantinischen Reich. Venedigs Geschichte beginnt als Provinzstadt, die den Kaisern im fernen Byzanz (Konstantinopel) Steuern zahlen muss und durch deren Beamte regiert wird. Doch die Stadt im Wasser löst sich aus der Abhängigkeit. 726 tritt der erste Doge sein Amt als Venedigs gewähltes politisches Oberhaupt an und beginnt mit dem Ausbau einer Kriegsflotte – auf die Byzanz in den folgenden Jahrhunderten dankbar zurückgreifen wird: Das Oströmische Reich sieht sich mit angriffslustigen Eroberern konfrontiert, etwa Sarazenen in Süditalien oder Normannen auf Sizilien. Da mag man sich nicht auch noch mit den Untertanen an der Adria anlegen und entlässt sie in die Selbstverwaltung. Für seine Unterstützung zur See handelt der stato da mar (Meeresstaat) vergünstigte Zolltarife und weitere Handelsprivilegien aus. Das Prinzip „Geben und Nehmen“ prägt den Aufstieg zur Seehandelsmacht. „Venedig hat die Kunst der Diplomatie in Europa entwickelt“, konstatiert der Historiker Volker Reinhardt im Gespräch mit HÖRZU WISSEN.

Venedig hat Staatsräson praktiziert, bevor dieser Begriff erfunden wurde.“

Volker Reinhardt, Professor für Geschichte der Neuzeit

Ein Reich ohne Könige: Venedigs noble Verfassung

Auch nach innen beweist Venedig Geschick: mit einer Verfassung, die Stadt und Staat über Jahrhunderte erstaunliche Stabilität verleiht. Venedig ist nie Königreich, sondern stets Republik.

„Es gibt demokratische Anklänge, obwohl es natürlich insgesamt eine rigoros aristokratische Konstitution war“, sagt Reinhardt. „Das komplexe System funktionierte, weil es sich immer auf einen gewissen Gruppenkonsens stützen konnte. An der Spitze steht eine kleine Gruppe von Personen aus einer übersichtlichen An- zahl von Familien. In der Republik haben vielleicht sieben, acht Dutzend Personen zeitweise wirkliche Macht ausgeübt – Betonung auf zeitweise.“ Denn während der Doge auf Lebenszeit bestimmt wird, zirkulieren die meisten Ämter und Funktionen schnell. Kein Einzelner, keine Familie soll übermächtig werden.

Das demokratische Element ist der Große Rat (maggior consiglio, später: Senat), der aus Patriziern über 25 Jahren besteht – etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Wahlmänner aus diesem Parlament ernennen den Dogen. Der Regierungssitz wird ins geschützte Innere der Lagune verlegt, auf eine Inselgruppe namens Rivus altus (hohes Ufer). Daraus entsteht der Name Rialto, aus dem Siedlungskern um den Dogensitz das heutige Venedig.

Der Legende nach „entführen“ 828 zwei venezianische Kauf leute die Gebeine des Evangelisten Markus aus dem ägyptischen Alexandria. Noch im selben Jahr wird die erste Markuskirche geweiht (später durch den Markusdom ersetzt) und das Symbol des Schutzpatrons, der Markuslöwe, zum Wappentier.

Fortan nennt sich Venedig „La Serenissima Repubblica di San Marco“, die durchlauchtigste Republik des heiligen Markus. Der Markusplatz mit dem Dogenpalast, Macht- und Prachtzentrum, ist deren Visitenkarte.

1177 richtet La Serenissima gar einen Friedensgipfel aus. Mit jetzt etwa 70.000 Einwohnern ist die Stadt auch den logistischen Anforderungen gewachsen, als die höchsten Autoritäten des christlichen Abendlandes und ihre Gefolge aufeinandertreffen. Der römisch-deutsche Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, war gegen Norditalien gezogen, um die „überheblichen“ Kommunen – inklusive Venedig – an ihre (Steuer-)Pf lichten zu erinnern. Papst Alexander III., der auf die Vormachtstellung des Kaisers wenig Wert legt, unterstützt das Verteidigungsbündnis. Nach zähen Kämpfen unterliegt Barbarossa in der Schlacht, der „Frieden von Venedig“ wird verhandelt.

Mächtige Kaufleute, von Europas Adel verachtet

Ein glorreicher Meilenstein in der Außenwirkung der stolzen Republik. Denn: „Die Venezianer waren nicht beliebt in Europa“, sagt Volker Reinhardt. „Venedig war immer eine sehr wohlhabende soziale Gemeinschaft, das erzeugte Neid und Ressentiments.“ Noch dazu handelt es sich um eine Kaufmannsaristokratie. „In der Regel wird Adel mit Feudalismus gleichgesetzt, also mit Grundbesitz und der Herrschaft über Bauern. Die Venezianer waren aber städtische Adlige, Großhändler, die von den ,echten‘ Adligen Europas, Grafen und Herzögen, nicht akzeptiert wurden“, erläutert der Experte, der zu den Autorinnen und Autoren von „La Serenissima“ (siehe Buchtipp Seite 89) zählt.

Selbstverständlich gibt es immer wieder Bestrebungen, das Dogen-amt innerhalb der Familie weiterzugeben, also in eine Erbmonarchie umzuwandeln. Alle wurden zerschlagen und geahndet. „Die Kunst der venezianischen Staatsführung bestand darin, auch den kleinen Leuten zu suggerieren: Ihr gehört dazu, ihr habt Anteil“, sagt Volker Reinhardt. „Gerade Handwerker und Ladenbesitzer verwalteten sich weitgehend selbst. Die mächtigen Clans wussten, dass sie abgeben müssen, wenn sie ihre P rivilegien behaupten wollen.“

Plündern für die Republik: Kreuzzug gegen Byzanz

Zum Aufstand kommt es im 14. Jahrhundert, als Reaktion auf ein miserables Pandemie-Management. Handelsschiffe aus dem Osten bringen den „Schwarzen Tod“ in die Stadt, doch Venedig ergreift keine Lockdown-Maßnahmen. Die Pest rafft ein Drittel der Einwohner dahin.

Die günstige Lage am Nordrand der Adria hat Venedig zur Drehscheibe für den Handel zwischen Abend- und Morgenland gemacht, zum Umschlagplatz für Waren aus dem Orient. Mit einem buchstäblich abwegigen Kreuzzug gewinnt die Stadt 1204 weiter an Boden. 1202 folgen französische Ritter dem Aufruf zum Vierten Kreuzzug, diesmal wollen sie den Seeweg nehmen. Die benötigte Flotte wird in Venedigs berühmter Werft Arsenal in Auftrag gegeben. Als die Schiffe bereitliegen, kommen jedoch nur Bruchteile des Kaufpreises und der erwarteten Kreuzfahrer zusammen.

Der greise Doge Enrico Dandolo, seit Langem mit Byzanz im Streit, hat das Sagen. Und so steuern die Kreuzfahrer nicht das Heilige Land an, um „Ungläubige“ zu vertreiben, sondern plündern Byzanz. Zu den erbeuteten Schätzen gehören auch die Pferde von San Marco: Die Bronzequadriga ziert das Hauptportal des Markusdoms.

Mit der Eroberung des byzantinischen Kaiserreichs sichern sich die Venezianer das Monopol für den Ost-West-Handel, Dandolo beansprucht Küstenregionen und Inseln im östlichen Mittelmeer. So unrühmlich der Angriff von Christen auf Christen auch sein mag: „Venedig hat Staatsräson praktiziert, bevor dieser Begriff überhaupt erfunden wurde. Alles, was der Republik nützte, war erlaubt“, erklärt Volker Reinhardt. „Anders als europäische Monarchien haben die Venezianer ihre rücksichtslose Machtpolitik aber als Gruppe, als Kollektiv betrieben: Die res publica – die öffentliche, gemeinsame Sache – rangiert vor Eigeninteressen. Insofern war 1204 ein goldenes Jahr für die Venezianer. Sie besetzten dann eine große Zahl von griechischen Inseln und gründeten Handelskolonien. An einer f lächendeckenden Herrschaft über Land und Leute war Venedig nie interessiert.“

Ein schlagkräftiger Feind bedroht das Seereich

Der Kollektivgedanke spiegelt sich auch bei der Organisation wider: Handelsreisende schließen sich in Bruderschaften (fraterna) zusammen, Mitglieder sind oft Verwandte. Venedigs namhafteste fraterna ist die Familie Polo: 1271 bricht Marco Polo mit Vater Niccolo und Onkel Matteo nach Asien auf. Seine Reisen führen ihn bis an den Hof des mongolischen Kaisers von China, Kublai Khan.

Im Mittelalter erstreckt sich das venezianische Seereich von Oberitalien über die Adriaküsten bis in die Ägäis und ins östliche Mittelmeer, umfasst zeitweise Kreta, Zypern sowie Besitzungen auf dem oberitalienischen Festland, der Terra ferma. Doch Mitte des 15. Jahrhunderts steht Venedig im Osten einer neuen Weltmacht gegenüber: dem Osmanischen Reich. 1570 erobern die Osmanen Zypern, der Sieg in der gewaltigen Seeschlacht bei Lepanto (Griechenland) 1571 ist ein letzter Höhepunkt der venezianischen Militärgeschichte.

„Venedig behauptet sich beachtlich, muss aber nach und nach wichtige Besitzungen aufgeben“, so Reinhardt. „Eine militärische Großmacht ist Venedig ab dem 16. Jahrhundert nicht mehr, hat aber als einziger Staat Italiens noch eine gewisse Bedeutung – vor allem kulturell. Auch im 18. Jahrhundert beweist Venedig durchaus Anpassungsfähigkeit an gewandelte Verhältnisse. Dass man vor der Armee von General Napoleon Bonaparte kapituliert, ist ein Akt der Vernunft und kein Zeichen für die innere Schwäche dieser Republik. Napoleon hat von 1796 bis 1810 fast ganz Europa besiegt!“

1797 besetzen französische Soldaten Venedig und setzen der Unabhängigkeit ein Ende. 1805 wird die Stadt dem von Napoleon geschaffenen Königreich Italien zugeschlagen, 1815 dann Lombardo-Venetien unter Habsburger-Herrschaft.

Aufstieg zur glamourösen Kulturmetropole

Die Markusrepublik mag Geschichte sein, als Kulturmetropole aber hat Venedig längst Rang und Namen errungen. „Gerade im angeblich so dekadenten 18. Jahrhundert entfaltete Venedig durch Malerei, Dichtung und vor allem die Oper eine Strahlkraft, wie sie kaum ein anderer Staat Europas jemals besessen hat“, so Reinhardt. Spannende Einblicke in die Ära der zum Sündenpfuhl umgedeuteten „libertà“ liefern die Memoiren des legendären Venezianers Giacomo Casanova (1725 – 1798), allzu oft auf amouröse Abenteuer reduziert.

Ab den 1870er-Jahren entwickeln Lokalpolitiker Pläne zur Trockenlegung der Lagune, das viele Wasser behindere den Fortschritt. Zwar werden mehrere Kanäle zugeschüttet und Industriezonen auf dem Festland geschaffen. Venedigs Einzigartigkeit, die besonders im Winter eine morbide Romantik ausstrahlt, bleibt jedoch erhalten. 1907 werden bereits 3,5 Millionen Touristen gezählt. Der glamouröse Badeort Lido mit dem (2010 geschlossenen) Grand Hotel des Bains inspiriert Thomas Mann zu seiner Novelle „Der Tod in Venedig“.

Am Lido, nur eine kurze Bootsfahrt von der Altstadt entfernt, werden seit 1932 auch die Filmfestspiele ausgerichtet. Hollywood und der Jetset kommen. Durch den stetigen Ansturm von Kreuzfahrtschiffen und den Klimawandel steigt das Wasser in den schönsten Straßen der Welt unaufhaltsam. Nach 1600 Jahren ist die „Perle der Adria“ letztlich doch dem Untergang geweiht.

ULRIKE SCHRÖDER

Buchtipp

Venedig von der Völkerwanderung bis zum Massentourismus: „La Serenissima“ erscheint am 26.9., wbg Theiss, 128 Seiten, 29 Euro

Die wichtigsten Ereignisse im Überblick

421

GRÜNDUNG laut Chronik des Venezianers Martino da Canale

726

Wahl des ERSTEN DOGEN Orso Ipato (auch: Ursus)

828

Venezianer rauben die RELIQUIEN des heiligen Markus aus Alexandria

998 – 1001

Eroberung DALMATIENS

1094

Der MARKUSDOM wird fertiggestellt

1162

Sieg über AQUILEIA, bedeutende Handelsstadt des Römischen Reichs

1177

FRIEDEN von Venedig

1202 – 04

VIERTER KREUZZUG und Eroberung Konstantinopels

1271

MARCO POLO reist nach China

1310

ADELSAUFSTAND zur Einführung einer Erbmonarchie

1348

Pandemie in Europa: Die PEST wütet

1446

In der Schlacht von CASALMAGGIORE besiegt Venedig das Herzogtum Mailand

1498

Der SEEWEG NACH INDIEN ist erschlossen

1591

Eröffnung der RIALTOBRÜCKE

1645

Der KRIEG UM KRETA beginnt

1725

Geburt von CASANOVA

1792

Eröffnung der Oper TEATRO LA FENICE

1797

Napoleons Heer BESETZT Venedig

1846

Der erste ZUG überquert den Bahndamm zum Festland

1855

Am Lido eröffnet die erste BADEANSTALT

1866

Anschluss an das junge KÖNIGREICH ITALIEN

1881

Das erste VAPORETTO „Regina Margherita“ läuft vom Stapel

1895

Erste KUNST-BIENNALE

1917

Venedigs INDUSTRIEHAFEN Marghera entsteht

1932

Premiere der FILMFESTSPIELE

1949

PEGGY GUGGENHEIM kauft Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande

1966

HOCHWASSER mit Rekordwasserstand von 194 cm