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AUF WINTERGAMS IN ÖSTERREICH: Gamsglück im Tiefschnee


Halali - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 24.10.2019

Im tief verschneiten Gebirge des Gesäuses findet unser HALALI-Team zum doppelten Jagdglück. Redakteurin Ilka Dorn berichtet aus der winterlichen Steiermark.


Artikelbild für den Artikel "AUF WINTERGAMS IN ÖSTERREICH: Gamsglück im Tiefschnee" aus der Ausgabe 4/2019 von Halali. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Halali, Ausgabe 4/2019

Beim Perspektivwechsel auf den Winterwald eröffnet sich eine bizarre, faszinierende Welt.


Immer wieder bläst der Wind den Schnee von den Ästen – und uns ins Gesicht.


Vernehmlich ist nur das leise Ächzen und Knarzen der hohen Fichten, die sich schwerfällig im Wind bewegen. Sonst ist es ganz „stad“ in den Bergen, als wir die gemütliche, wohlig-warme Hütte verlassen und in die frische, kalte Bergluft hinaustreten.

Der Schnee scheint alle Geräusche ...

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... verschluckt zu haben. Sogar die Worte unserer eigenen Unterhaltung dringen nur gedämpft an unsere Ohren. Eigentlich sieht die Schneedecke gar nicht so hoch aus, doch als wir den Weg verlassen und den ersten Schritt ins frisch gefallene, unberührte Weiß setzen, versinken wir bereits bis zu den Knien. Und so gibt unser kleiner Trupp ein kurioses Bild ab: Wir sind mit einem einzigen kleinen Schritt um ein Drittel geschrumpft.

Doch das ist es, worauf ich gehofft hatte, als ich die Einladung zu dieser Reise erhielt. Einmal zur winterlichen Gamsjagd in die Berge, wenn richtig hoher Schnee liegt und die Landschaft fast nur eine Farbe kennt: Weiß. Dabei standen die Vorzeichen eigentlich zunächst schlecht. Die Wetterprognose war noch 14 Tage vor unserer Abfahrt zu warm für die Jahreszeit, Änderung schien nicht in Sicht. Doch dann schlug das Wetter um, und der erste Schnee fiel, erst in den Bergen, dann bis hinunter in die Täler, und überzog alles mit seiner weißen Pracht. Es schneite nahezu ununterbrochen und hörte erst am Tag unserer Anreise in die Steiermark wieder auf. Das Revier liegt ganz in der Nähe des Nationalparks Gesäuse. Eine Gegend, die sich unberührte Winkel bewahrt hat, nicht so überlaufen ist und mit ganz besonderer Schönheit begeistert.

So türmen sich über uns die mächtigen Gipfel der Kalkalpen auf, während zu unseren Füßen die wilden Schluchten und Klüfte der Enns gähnen. Das ganze Gelände eingebettet in eine dichte Waldlandschaft. Die Ruhe und Ursprünglichkeit wirken, als wäre die Schöpfung eben erst vollendet, und wir dürften den ersten Fuß dort hineinsetzen. Steinadler kreisen in der Luft und schrauben sich in die Höhe, der Wind bürstet sanft den Schnee von den Fichten und bestäubt uns bis zu den Wimpern mit Puderzucker.

Zunächst wollen wir ein wenig pirschen, um zu sehen, wo das Gamswild steht. Andreas, der ortsansässige Berufsjäger, der in diesem Revier die Revieraufsicht übernommen hat, kennt die Einstände des Gamswildes genau und möchte mich und Christian, einen guten Freund unserer Familie, jeweils an eine Gams heranführen.

Im Gänsemarsch geht es los, Andreas vorweg, wir folgen jeweils in den Fußstapfen des Vordermanns, um möglichst viel Kraft zu sparen. Nur langsam kommen wir voran. Bereits nach einigen Hundert Metern bergauf merken wir, wie anstrengend das Gehen im hohen Schnee ist. Jeder einzelne Schritt fühlt sich an wie ein Kniehebelauf. Ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln verrät uns bereits jetzt, wo uns morgen der Muskelkater schmerzen wird. Wir reden nicht viel, sparen Energie und konzentrieren uns ganz auf das Laufen im Schnee. Dankbar für jeden Zwischenstopp, den Andreas uns gönnt, glasen wir die umliegenden Hänge und Flächen nach Gamswild ab. Doch die Verschnaufpausen währen nur kurz.

BIS ZU DEN KNIEN

Im frischen Schnee kommen wir nur mühsam voran.

1 Der Abstieg durch den Tiefschnee erfordert unsere ganze Konzentration.


@2 Stabile Schussposition und den Bock fest im Blick



Wir reden nicht viel, sparen Energie und konzentrieren uns ganz auf das Laufen im Schnee.


Wir sind noch nicht lange unterwegs, als Andreas unterhalb von uns im hohen Fichtenbestand auf einer kleinen Lichtung einen Gamsbock entdeckt. Kaum auszumachen ist das Tier, man sieht nur ab und zu die Krucken hinter einer Schneewehe hervorlugen. Doch Andreas ist sich sicher, dass dieser Bock eine nähere Betrachtung wert ist. Dafür müssen wir ein wenig durch den hohen Fichtenbestand querfeldein laufen, was sich als ziemlich beschwerlich erweist. Was von oben wie eine plane Schneedecke wirkt, offenbart sich ein paar Zentimeter unterhalb der Kristalloberfläche als ein Gewirr aus umgestürzten Bäumen, Felsbrocken, Ästen und Steinen. Hier liegt der Schnee jetzt noch höher, und wir sinken teilweise bis zur Hüfte ein.

Der unverzichtbare Begleiter auf der Bergjagd, der Pirschstock, leistet uns wertvolle Hilfe. Immer wieder tasten wir mit unseren Stöcken den Boden ab, bevor wir den nächsten Schritt setzen. Mitunter stützen wir uns seitlich in den Hang auf den Stab. Das alles tun wir so geräuschlos und vorsichtig wie möglich und immer eingedenk des Bockes, der vielleicht passend schon direkt unter uns steht. Dank des Schnees, der jeden Laut unseres Nahen verschluckt, schaffen wir es noch etwa 30 m voran. So erreichen wir eine gute Schussposition.

MANCHMAL PASST ES EBEN

Jetzt zieht der Bock ein Stück weiter und zeigt seine gesamte Statur. Andreas kann ihn nun noch einmal präzise ansprechen. Er nickt mir zu, da bedarf es nicht vieler Worte. Er macht mir Platz an einem Baum. Den Schießstock lehne ich an die Fichte, sodass ich eine stabile Schießposition einnehmen kann. Der Bock äugt in meine Richtung, hat er uns etwa doch mitbekommen? Ich bin mir nicht sicher, möchte jedoch jetzt auch nicht zu lange zaudern und riskieren, die entscheidenden Sekunden aufs Spiel zu setzen. Ich spanne meine Waffe. Das Absehen ruht sicher auf dem Wildkörper, ich atme ein letztes Mal ein. Und wieder aus. Dann lasse ich die Kugel fliegen. Der Bock liegt!

DER BOCK LIEGT

Gemeinsam erweisen wir dem Stück die letzte Ehre.


Am Stück angekommen, erweisen wir dem Gamsbock die letzte Ehre.


Die Anspannung macht der Erleichterung Platz. Ich bin glücklich, dass alles so gut geklappt hat und die Kugel den Bock sicher an seinen Platz bannte. Andreas und Christian gratulieren mir, ich kann es noch gar nicht fassen, schließlich ist alles so schnell gegangen! Wir waren ja noch gar nicht lange unterwegs gewesen. Dass das erste Stück, das man in Anblick bekommt, gleich ein passender Gamsbock ist, gehört ja nicht unbedingt zu den Grundregeln der oft so unberechenbaren Bergjagd.

Die Schussdistanz war nicht weit gewesen, etwas mehr als 160 m, doch dafür steil den Berg hinunter, quer durch den hohen Fichtenbestand. Wie schwierig die Fortbewegung bei dieser hohen Schneelage ist, durften wir eben schon erfahren, doch jetzt wird es nicht gerade einfacher. Ich entlade meine Waffe, bevor wir uns langsam und vorsichtig auf den Weg zu meinem Gamsbock machen.

Immer wieder sinken wir bis über die Hüfte in Löcher ein, rutschen halb den Hang hinunter oder stolpern über den unebenen Untergrund. Glücklicherweise fängt der Schnee jeden dieser Stürze sanft wie ein Kissen ab. Am Stück angekommen, erweisen wir dem Gamsbock die letzte Ehre. Christian überreicht mir meinen Bruch. Wir sitzen noch lange am Stück, kommen erst jetzt so richtig ins Plaudern, während uns Andreas noch ein paar Tricks über das Ansprechen von Gamswild verrät.

Das Bergen der Gams geschieht einfacher als gedacht. Wir müssen sie Gott sei Dank nicht durch den Fichtenwald nach oben schaffen. Andreas zieht die Gams weiter abwärts, wo wir bald auf den nächsten geräumten Forstweg treffen. Dort warten wir ein wenig, bis Andreas das Auto geholt hat und wir die Gams komfortabel zur Hütte transportieren und dort auch versorgen können. Als auch das erledigt ist, ist es noch nicht einmal 11 Uhr. Der halbe Tag liegt noch vor uns!

1 Die verschneiten Berge bilden eine traumhafte Kulisse.


2 Christian überreicht Ilka den Bruch


3 Totenwacht am Stück – ein Moment der Besinnung und der Reflexion


3 Totenwacht am Stück – ein Moment der Besinnung und der Reflexion


AUFWÄRTS

In kleinen Schritten durch den Tiefschnee zum nächsten Ansitz


Das Panorama ist ein Traum: schroffe Gipfel, ein gefrorener Gebirgsbach und eine tiefe Schlucht.


VIELE ERLEBNISSE – UND NOCH MEHR LIEGEN VOR UNS!

Während wir uns noch ein wenig in der Hütte ausruhen und die geplagten Beine ausstrecken, planen wir den restlichen Jagdtag. Andreas muss sich heute noch um die Rotwildfütterung kümmern, sodass er uns in den nächsten zwei, drei Stunden nicht begleiten kann. Doch wir sollen die Zeit nutzen und auf einem Hochsitz in der Nähe warten. Käme Passendes, könnten wir es gerne schießen, so Andreas. Gesagt, getan. Wir packen unsere Sachen wieder zusammen, Andreas begleitet uns noch bis zum Hochsitz.

Der Weg dorthin führt wohl 500 m den Berg hinauf, doch er erweist sich als ebenso anstrengend wie die Pirsch am Vormittag. Wieder wühlen wir uns im Gänsemarsch durch den Tiefschnee, und wieder kommen wir nur sehr langsam voran. Endlich erreichen wir den bequemen Hochsitz am Rand einer tiefen Schlucht. Ein traumhaftes Panorama erstreckt sich vor uns: über uns die schroffen Gipfel, links von uns ein tiefgefrosteter Gebirgsbach, dessen Bett sich unter uns in der tiefen Schlucht verliert.

Auf der anderen Seite des Tals blicken wir auf einen Bergwald und ein paar steile, offene Berghänge, nach rechts geht es tief nach unten weiter in die Schlucht hinein. Andreas weist uns kurz ein, erklärt uns die wichtigsten Wechsel, schildert, wo das Wild üblicherweise entlangzieht, und verabschiedet sich dann, um sich um die Fütterung zu kümmern. Ich freue mich, ein paar Stunden hier gemeinsam mit Christian verbringen zu können. Ich erwarte nicht viel, so mitten am Tag. Aber was wünscht man sich auch mehr, es ist erholsam still, das Wetter schön und die Aussicht atemberaubend. Was gibt es also Schöneres als einen Mittagsansitz in den winterlichen Alpen? Wir unterhalten uns flüsternd über den Vormittag und darüber, wie viel Dusel wir doch hatten. Dabei behalte ich die freie Fläche unterhalb des Waldrands auf der anderen Seite der Schlucht im Auge. Das gibt es doch nicht! Dort steht eine Gams! Keine zehn Minuten, nachdem sich Andreas von uns verabschiedet hat, haben wir bereits wieder Wild in Anblick. Nach meinen zahlreichen Gamsjagden klappt es mit dem Ansprechen von Gamswild schon ganz gut. Natürlich treffe ich als Flachlandtirolerin mit diesen Wildtieren nicht ganz so oft Verabredungen, doch allmählich wird mir auch diese Wildart immer vertrauter. Christian und ich beraten uns kurz: Wir kommen beide zu dem Schluss, dass es sich um einen jungen Gamsbock handelt. Gut im Wildbret und sicherlich zu schonen. Doch während wir noch den Bock bestaunen, sichte ich weiter oben am Waldsaum eine weitere Gams. Die zieht jetzt noch höher, hinter die Bäume, und ein Blick auf ihr graues Haupt beschleunigt unseren Puls.

1 Die Aussicht ist atemberaubend, die Stille ebenso.


2 Auf der anderen Seite der Schlucht taucht eine Gams auf.


WENN DIESE GEISS NICHT PASST, WELCHE DANN?

Noch wissen wir nicht, was uns erwartet, doch ich ahne bereits, dass es sich um ein älteres Stück handeln muss. Wir suchen den Saum ab, ist ein Kitz dabei? Wir können keines entdecken. Jetzt zieht die Gams auf die freie Fläche und äst von den dürren Zweigen am Waldrand. Eine Geiß, und was für eine! Alt und grau, und hoch hat sie auf! Und nicht führend. Dennoch fassen wir uns lieber noch ein wenig in Geduld, glasen den Waldrand ab: Doch dort steht mutterseelenallein lediglich der junge Gamsbock. Wenn diese Geiß nicht passend ist, dann ist es keine!

Die Geiß zieht jetzt weiter auf die offene Fläche. Christian geht in Anschlag. Ich spüre ein wenig seine Anspannung, doch die Waffe liegt ruhig auf der Brüstung des Hochsitzes. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Mittlerweile bin ich, wenn andere schießen, oft aufgeregter, als wenn ich selbst die Waffe führe. Der Schuss fällt, die Gams zeichnet gut. Sie überschlägt sich einmal, zweimal und rutscht dann den Hang hinab. Weiter und weiter, bis ein umgefallener Baumstamm im tiefen Schnee den Wildkörper stoppt.

Verblüfft merke ich, wie mir die Luft ausgeht. Ich hatte die ganze Zeit den Atem angehalten. Nun setzt Zittern ein, das vegetative System funktioniert wieder, die Anspannung löst sich. Ich umarme Christian. Was für ein Erlebnis, welch ein Glück! Nach gerade erst einmal 20 Minuten auf dem Hochsitz liegt bereits das zweite Stück!

Nachdem wir abgebaumt haben und an den Rand der Schlucht treten, überlegen wir uns, wie wir die Gams am besten bergen können. Was so einfach vom Hochsitz aussah, stellt sich jetzt als ziemlich schwierig heraus. Die Schlucht ist nicht sonderlich tief, vielleicht 60 bis 70 m.

1 Beinahe unwirklich erscheinen die Berge in ihrer winterlichen Schönheit.


2 Hier zeigt sich, ob die Jagdkleidung wirklich hält, was sie verspricht.


3 Andreas steuert den Schneepflug an den Rand der Schlucht und bereitet die Seilwinde vor


4 Christians erste Gams stellt sich als steinaltes geltes Stück heraus.


Wir lassen uns auf der Schneepflugschaufel zur Hütte kutschieren.


Doch allemal tief genug, um bei einem unbedachten Schritt Gefahr zu laufen, sich ordentlich zu verletzen. Vor allem, da wir beiden Ortsunkundigen die Gegebenheiten überhaupt nicht kennen.

Vor uns liegt eine weiße, steile Fläche. Und wir ahnen, dass darunter weitaus mehr Stolpersteine lauern könnten als im vormittäglichen Fichtenwald auf dem Weg zu meiner Gams. Wir entschließen uns, nicht den direkten Weg zu wählen, sondern einen Bogen außen um die Schlucht herum zu schlagen und von der anderen Seite zur Gams zu gelangen. Hier wird die Schlucht breiter und ist nicht mehr ganz so steil.

Wir lassen alles überflüssige Gepäck am Hochsitz liegen und brechen auf. Doch wir kommen nicht weit, bereits nach 30 m stellen wir fest, dass jede Menge großer Felsbrocken verborgen im Tiefschnee liegen. Nachdem wir bereits etliche Male abgerutscht und mit unseren Füßen in eine Felsspalte geraten sind, müssen wir umkehren. Zu unsicher ist der Untergrund, zu groß die Unfallgefahr. Zum ersten Mal heute habe ich am tückischen Gebirgsschnee doch einiges auszusetzen.

FEHLT DA NICHT WAS?

Wir sind wieder bei unseren Sachen angelangt und blicken in die Schlucht zu Christians einsamer Gams hinab, als wir hinter uns ein Motorengeräusch vernehmen. Wir wenden uns um und können es gar nicht recht fassen. Da hockt Andreas auf einem Schneepflug und kommt geradewegs auf uns zu! „Mir war doch so, als hätte ich einen Schuss gehört!“, sagt er grinsend und klettert vom Schneepflug.

Wir schildern dem Retter die Situation, zeigen ihm die Gams unten in der Schlucht. Andreas überlegt kurz und steuert den Schneepflug an den Rand der Schlucht. Jetzt steigt er so behände hinab, dass wir uns ein wenig unbeholfen vorkommen, angesichts unserer Zauderei. Doch auf der anderen Seite der Schlucht scheint es auch für ihn nicht ganz so einfach zu sein, hier muss auch er von der Seite an die Gams herangehen, da es hier steiler wird. Endlich ist er bei der Gams angekommen, die, bis auf die Läufe, im tiefen Schnee steckt. Er besieht sie sich kurz, schaut sich um und beginnt im tiefen Schnee zu wühlen.

Dann möchte er wissen, wo der Anschuss ist. Wir rufen ihm zu und beschreiben ihm ein wenig verwundert, wo Christian geschossen hat. Andreas zieht los, klettert die ganze Strecke zurück nach oben bis zum Anschuss und überprüft auch dort den Schnee. Dann folgt er der Fallstrecke der Gams Meter für Meter nach unten, bis er wieder bei der Gams angelangt ist. Er untersucht erneut den Baumstamm, an dem die Gams hängen geblieben ist, und kehrt dann zu ihr zurück. Dann zieht er das Tier bis zum tiefsten Punkt der Schlucht hinunter und klettert auf unserer Seite wieder zu uns hinauf.


Dass die Gams alt ist, wusste ich, dass sie aber 17 Jahre auf dem Buckel hat, hätte ich mir nie träumen lassen.


„Die Gams hat auf der einen Seite ihren Schlauch verloren“, sagt Andreas. Christian scheint ein wenig enttäuscht. Doch nur für einen kurzen Moment: Der kleine Verlust ist ja nicht unüblich auf einer Bergjagd und schmälert das grandiose Erlebnis keineswegs.

Wir haben ohnehin wenig Gelegenheit, uns mit Gamsschläuchen zu befassen. Andreas weist Christian genauestens ein und bringt den Schneepflug in Position. An der großen Seilwinde, die vorn am Pflug befestigt ist, wird Christian in die Schlucht hinuntergelassen. An der Gams angekommen, befestigt er das Tier daran, und schon geht’s los. Ich darf die Seilwinde betätigen, während Andreas am Rand der Schlucht darauf achtet, dass sowohl Gams als auch Christian ihren Weg nach oben problemlos meistern. Oben angekommen, gleicht Christian einem Schneemann. Während er sich den Schnee von seinen Kleidern klopft, löst Andreas die Gams vom Haken und legt sie waidgerecht in Position.

Ich überreiche Christian seinen Erlegerbruch, und als Andreas an der Reihe ist, meinem Jagdfreund zu gratulieren, zieht er auf einmal den zweiten Schlauch aus der Tasche und überreicht ihm feierlich die aus dem Schnee geborgene Überraschung mit Made in Germany den Worten: „Eine 17-jährige Gamsgeiß! Waidmannsheil!“

Dass die Gams alt ist, hatte ich mir gedacht, dass sie aber 17 Jahre auf dem Buckel hat, das hätte ich mir nie träumen lassen. Und ich freue mich sehr, dass Andreas den Schlauch von der Gams doch noch gefunden hat, denn immerhin ist es Christians allererste Gams! Christian strahlt denn auch übers ganze Gesicht. Die Freude ist grenzenlos, das gemeinsam erlebte Jagdglück komplett. Wir verweilen noch ein wenig an Ort und Stelle und ehren dankbar dieses Geschenk der Berge. Anschließend nehmen wir ganz bequem mit der Gams im Gepäck auf der Schneepflugschaufel Platz und lassen uns von Andreas zur Hütte kutschieren, in der noch ein gemeinsamer Ausklang in behaglicher Atmosphäre auf uns wartet.

Hier geht’s zum Video der Gamsjagd-Reportage:

www.youtube.halali-magazin.de


@FOTOS: DARRYL PACE – PACE PRODUCTIONS