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Aufatmen!


plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 05.02.2020

Juckende Augen, laufende Nase: Jeder Dritte in Deutschland hat eine Allergie, meist in Form eines Heuschnupfens. Neben kortisonhaltigen Medikamenten gibt es auch natürliche Heilmittel. Experten und Betroffene berichten von den erstaunlichen Erfolgen


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Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 3/2020

Prof. Karl-Christian Bergmann, Allergologe und Leiter des Polleninformationsdienstes


Dr. Judith Haus, Pneumologin an der Silberbergklinik in Bodenmais


Leicht salzig riecht die Luft. Fast so wie an der Ostsee. Dabei handelt es sich um den Kurgarten im bayerischen Bad Reichenhall. Darin steht ein imposantes, 160 Meter langes Gradierhaus, dessen Wände feucht ...

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... schimmern von der Alpen-Sole, die aus der Tiefe nach oben gepumpt und mit Wasser vermischt wird. Aus 13 Metern Höhe plätschert die wässrige Salz-Lösung über Schwarzdorngestrüpp nach unten. Wieder und wieder zerplatzen die Tropfen an den vielen Dornen und Verästelungen und werden zerstäubt. So entsteht Aerosol, ein feiner Nebel aus Salz-Teilchen, der beim Atmen tief in die Bronchien gelangen kann.

Zahl der Allergiker steigt

Gabriella Squarra schwört auf diese besondere Form der Klima-Therapie: „Ich kann danach viel freier atmen.“ Die 59-jährige Betriebswirtin genießt es, die überdachten Gänge des Gradierhauses entlangzuwandern und dabei langsam und so tief wie möglich über die Nase einzuatmen – so bekommt sie ihren Heuschnupfen in den Griff . Wenn es ihre Zeit erlaubt, verbringt Gabriella Squarra täglich eine halbe Stunde in dem großen Freiluft-Inhalatorium. „Ich habe großes Glück, direkt in der Nähe des Gradierhauses zu wohnen. Ich will gar nicht wissen, wie schlimm mein Heuschnupfen sonst wäre“, sagt sie.

So wie Gabriella Squarra geht es Millionen Menschen in Deutschland. Seit den 90er-Jahren hat sich die Zahl der Allergiker nahezu verdoppelt: Fast jeder dritte Bundesbürger reagiert auf Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmelpilzsporen oder eben Pollen. Kaum zeigen sich die ersten Blütenzäpfchen an den Erlen, kribbelt und juckt es vielen Leuten in der Nase: Die Heuschnupfen-Saison beginnt. Die häufi gste allergische Erkrankung der Atemwege triff t rund 15 Prozent der Erwachsenen im Laufe ihres Lebens, davon mehr Frauen (16,5 Prozent) als Männer (13 Prozent).

Die Symptome von Heuschnupfen sind vielfältig und unterschiedlich ausgeprägt. Besonders oft leiden die Betroff enen unter tränenden Augen, Nies-Attacken und laufender Nase. Ausgelöst durch eine Reaktion des Immunsystems, das an sich ungefährliche Fremdstoff e – wie zum Beispiel pfl anzliche Pollen – als bedrohlich wahrnimmt und entsprechend bekämpft (s. Infografi k nächste Seite).

„Heuschnupfen kann tatsächlich in jedem Lebensalter auftreten, selbst mit 75 Jahren“, weiß der Allergologe Prof. Karl-Christian Bergmann, Leiter des Polleninformationsdienstes. „Vor allem, wenn typische Symptome wie Fließ-Schnupfen und Nies-Anfälle jedes Jahr zur gleichen Zeit auftauchen, sollten Betroff ene ärztlich abklären, ob eine Allergie dahintersteckt“, rät der Experte vom Europäischen Zentrum für Allergieforschung (ECARF).


„Nach einem Besuch im Gradierhaus kann ich freier atmen Gabriella Squarra (59) ist Allergikerin


Eine medikamentöse Behandlung ist sehr wichtig. Denn was viele nicht wissen: „Aus jedem dritten unbehandelten Heuschnupfen entsteht Asthma“, erklärt Prof. Bergmann. Der wichtigste Therapie-Baustein bei Allergien: Reizstoff e vermeiden. Dabei helfen mehrwöchige Aufenthalte in einer allergenarmen Umgebung (s. Kasten rechts unten).


„Seit ich mehrere Male Bienenstock-Luft inhaliert habe, brauche ich mein Kortison-Spray so gut wie gar nicht mehr Ute Selzam (56) leidet unter Heuschnupfen


Seit Gabriella Squarra regelmäßig Sole im Gradierwerk in Bad Reichenhall inhaliert, braucht sie nur noch ein leichtes Anti-Histaminikum, um gut durch die Pollensaison zu kommen. Auf das Kortison-Spray kann sie ganz verzichten. Sie weiß: „Die Sole reinigt meine Atemwege, die Schleimhäute schwellen ab, die Entzündung geht zurück.“ Das kann Allergologe Prof. Bergmann bestätigen: „Bei der Inhalation gelangt Sole in die Bronchien, diese verfl üssigt das Bronchialsekret und erleichtert damit das Abhusten.“ Deutschlandweit gibt es knapp 60 Gradierwerke, die meisten davon in Kurorten. Eine Übersicht steht im Internet unter www.kurorte-und-heilbaeder.de, Stichwort: Gradierwerke.

Vielen Allergikern und Asthmatikern hilft auch eine Speläooder Höhlen-Therapie. Die weitgehend staub- und pollenfreie Luft in einem Heilstollen soll zusammen mit der hohen Luftfeuchtigkeit und der dauerhaft niedrigen Temperatur schleimlösend und entzündungshemmend wirken. Insgesamt elf solcher Therapiezentren gibt es in Deutschland. Eines davon ist in Bodenmais in Bayern. Hier hat Ines Koschke wegen ihres allergischen Asthmas vier Wochen lang eine Kur in der Silberbergklinik gemacht. Dazu gehörte der Aufenthalt im Barbara-Heilstollen, einer ehemaligen Silbermine. Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen liegen darin täglich zwei Stunden lang, warm eingekuschelt in Schlafsäcke. Zu jeder Jahreszeit herrschen im Stollen fünf Grad. Frieren muss keiner: Eine Krankenschwester, liebevoll „Stollenschwester“ genannt, fährt mit einem Bollerwagen herum und verteilt auf Wunsch Wärmfl aschen und Decken.

Im Stollen herrscht außerdem eine Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent. „Beim Einatmen wird die Luft auf 37 Grad Körpertemperatur aufgewärmt“, sagt die Pneumologin Dr. Judith Haus von der Silberbergklinik in Bodenmais. „Dadurch sinkt die relative Luftfeuchtigkeit in den Atemwegen auf etwa 20 Prozent. Die trockene Umgebung entzieht Wasser aus dem Körpergewebe. Die Schleimhäute werden so weit entwässert, dass sie für den Luftstrom besser durchgängig werden.“

Kassen zahlen je nach Fall

Die 41-jährige Ines Koschke aus München ist begeistert: „Schon nach drei Wochen im Stollen habe ich eine deutliche Besserung gespürt. Die pollenarme Luft, die Ruhe und Erholung haben meine Atmung ruhiger werden lassen. Ich kann wieder deutlich besser Luft holen.“ Die Wirkung hält bis mehrere Wochen an. Im Rahmen einer freien Badekur übernimmt die Kasse sogar von Fall zu Fall die Kosten. Das Kortison-Spray braucht Ines Koschke nach der Kur nicht mehr so oft.

Auch Ute Selzam aus Bad Königshofen in Bayern greift seltener zu Heuschnupfen-Mitteln, seit sie eine ganz besondere Form der Atem-Behandlung macht. Bei der Bienenstockluft-Therapie sitzt die 56-jährige Sportlehrerin in einem kleinen Raum mit Fenstern, vor dem mehrere Bienenkästen stehen. Über einen Schlauch, an dessen Ende eine Inhalationsmaske befestigt ist, gelangt die 35 Grad warme und sehr feuchte Luft aus dem Stock in das abgegrenzte Zimmer. Sicherheitsventile sorgen dafür, dass keine Bienen in den Schlauch gelangen. Stattdessen atmet Ute Selzam ätherische Öle und Blütenfarbstoff e aus Honig, Harzen und Propolis (ein Kitt-Wachs der Bienen) ein.

Die Luft soll entzündungshemmend und abschwellend auf die Bronchien wirken.

Therapie mit Bienen-Luft

Inhaliert wird 30 Minuten lang, nach der Hälfte der Zeit folgt ein Wechsel des Bienenstocks. Das Inhalationsgerät verfügt außerdem über einen Regler, sodass sich die Intensität des Dampfgemisches aus dem Stock individuell einstellen lässt. Vorher gibt es eine Probe-Inhalation, um allergische Reaktionen auszuschließen.

Die Universität Dresden hat bereits die Inhaltsstoff e im Bienenstock untersucht und bislang 50 verschiedene Verbindungen identifi ziert. Neue Studien konnten eine anti-biotische, -entzündliche und wundheilungsfördernde Wirkung des Bienenprodukts nachweisen.

Ute Selzam ist auf jeden Fall überzeugt: „Seit den zwölf Sitzungen am Bienenstock brauche ich mein Kortison-Spray so gut wie gar nicht mehr“, erzählt die 56-Jährige. „Ich spüre die Wirkung auch Wochen später noch deutlich, meine Nasenhöhlen sind nicht mehr so verstopft und ich kann meinen Atem viel besser kontrollieren.“

Die Franken-Therme im bayerischen Bad Königshofen ist einer der wenigen Orte, die eine Bienenstockluft-Therapie (auch Api-Therapie genannt) anbieten. Zwischen Mai und August kann man sie ausprobieren. Eine Sitzung von 30 Minuten kostet rund 20 Euro. Die Kassen beteiligen sich nicht daran. Aber das ist der Patientin egal, denn für sie wie für andere Betroff ene gilt: weniger Kortison, weniger Nies-Attacken, mehr Entspannung. Bei Allergien ist eine Kur eine entspannende Auszeit vom Alltag – und im wahrsten Sinne ein Durchatmen.

In Heilstollen, wie hier im bayerischen Berchtesgaden, ruhen Allergiker täglich bis zu zwei Stunden lang – die Atmung fällt danach leichter


Fotos: Heilstollen Berchtesgaden GmbH, Picture-Alliance / Jan Woitas / dpa, privat (5), Tourismus NRW e. V. / Teutoburger Wald Tourismus; Illustration: Picture-Alliance / dpa-infografik

Die Luft aus Bienenstöcken soll abschwellend auf die Bronchien wirken. Das Thermalbad Wiesenbad in Sachsen ist ein Anbieter



„Die Luft im Heilstollen tut meiner Lunge richtig gut
Ines Koschke (41) besucht wegen ihres Asthmas regelmäßig einen Heilstollen. Die pollenarme Luft dort wirkt entzündungshemmend


Allergiefreundliche Orte

Das Europäische Zentrum für Allergieforschung (ECARF) zeichnet Urlaubsregionen aus, die für Allergiker geeignet sind. Die Orte müssen durch externe Gutachter wie den TÜV nachweisen, dass sie sämtliche Voraussetzungen für ein allergiefreundliches Umfeld erfüllen.

Zu den Kriterien gehören:
Nahrungsmittel (laktose-/glutenfrei)
Unterbringung (tierhaar-, milbenund rauchfreie Zimmer)
Öffentliche Bepflanzung (pollenarm)

Mehr Infos unter www.ecarf-siegel.org (Stichwort „Kommunen“).

Diese Regionen sind besonders empfehlenswert:
Alpines Hochgebirge: Ab einer Höhe von 1 500 Metern gibt es kaum Pollenflug (und wenn, dann nur sehr kurze Zeit).
Nord- und Ostseeinseln: Dort ist die Pollenbelastung deutlich geringer als auf dem Festland. Die Insel Helgoland gilt sogar als beinahe pollenfrei.
Atlantik-Küste: Herrscht ein vorwiegend auflandiger Wind (also vom Meer kommend), ist die Gegend weitgehend frei von Pollen.