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Aufbruch in die Steinzeit


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Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 10/2023 vom 09.12.2022

MEERESANGELN

Auf Island läuft das Leben ein bisschen langsamer ab. Auch auf der Straße. Auf der gesamten Insel gibt es eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 90 km/h. Mit einem rüstigen Leihwagen schieben wir uns auf schmalen, sich windenden Straßen durch die Nacht. Insa schläft auf dem Rücksitz, Torsten sitzt neben mir als Beifahrer. Wir unterhalten uns über das Angeln und die Fische in Islands verwinkelten Fjorden und draußen auf dem mächtigen Atlantik. Torstens Berichte über unvorstellbare Dorsche und Heilbutt-Drills, die seinen Guiding-Gästen Tränen der Erschöpfung, Freude und Überwältigung in die Augen trieben, fachen die Vorfreude auf die kommenden Tage in mir an.

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Steine sind beim Meeresangeln vielfältig einsetzbar ? unter anderem an der Dropshot-Montage. In Island haben Torsten Ahrens (l.) und Karsten Jaszkowiak mit ihnen tolle Dorsche gefangen.

ABENTEUERLICHE FAHRT ENTLANG DER KÜSTE

Nach einem vierstündigen Flug und mittelschweren Verzögerungen bei der Abholung des Leihwagens halten nur die aufregenden Gedanken an die bevorstehenden Angeltage meine müden Augen offen. Vom ...

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... Flughafen in Reykjavik bis zur Unterkunft in Súdavík haben wir 8 Stunden Fahrt vor uns. Je weiter wir uns in den Norden bewegen, desto verschlungener und enger werden die Straßen. Die letzten 50 km Luftlinie dehnen sich wie ein langgezogener Kaugummi auf die zehnfache Entfernung. Von der äußersten Spitze bis hinein in die letzte Biegung umfahren wir jeden einzelnen Fjord nacheinander. Abhänge säumen den rechten Fahrbahnrand. Schafherden ruhen an der Straße und tauchen plötzlich aus dem dunklen Nichts auf. Einzelne Tiere sitzen zur Hälfte auf der Fahrbahn, weshalb ich mich nur wenig an die rechte Fahrspur halte. Ohnehin kann man hier kaum von Gegenverkehr sprechen, die Lichtkegel der vereinzelten Fahrzeuge sind in der Finsternis bereits aus der Ferne sichtbar. Immer wieder starten kleine Trupps Vögel plötzlich aufgeschreckt vom Scheinwerferlicht, sodass sie fast die Windschutzscheibe touchieren. Zur linken Seite zeichnen sich zerklüftete Felsen und Hügel in der Dunkelheit ab, zur anderen das Wasser – Stunde um Stunde. Ich kann es kaum erwarten, diese Landschaft am Morgen das erste Mal richtig zu erblicken.

ÜBERRASCHENDE EINLADUNG AM ERSTEN MORGEN

Torsten berichtete mir von den Menschen auf Island. Sie seien sehr nett, freundlich und von einer gewissen angenehmen, nordischen Rauheit. Hier zu ihnen nach Hause eingeladen zu werden, bedeute etwas, erzählt Torsten. In dieser Region sei es ein wertschätzendes Zeichen. Natürlich ist er hier längst sehr bekannt. Schließlich hat er die Guidings in Nordisland vor 30 Jahren als einer der ersten mit aufgebaut. Sagen wir mal, wir hatten einen Stein im Brett. Dennoch sind wir beide überrascht, als uns die Anlagenbetreiber direkt am ersten Morgen zu Baguettes und Kaffee einladen. Sie erkundigen sich nach meinen Steinmontagen, die ich ihnen natürlich gern präsentiere, und bestätigen mir, was mir Torsten bereits auf der Autofahrt erzählte: „Du hast ein tolles Konzept. Wir sind allen Menschen dankbar, die etwas für die Umwelt tun. Wir merken die Veränderungen hier am eigenen Leibe. Es muss etwas passieren und Menschen wie dich, mit solchen Projekten, unterstützen wir gern.“

Dieser Empfang macht mich glücklich und hat eine Art inspirierende Wirkung. Aber er stimmt mich auch nachdenklich. Die Themen, in die ich hier Einblicke aus erster Hand bekomme, sind schon seit einigen Jahren ein grundlegender Aspekt meines Alltags bei „Fishstone“ und bestätigen mich in meinem Wirken. So sehr mich dieser Start meiner Reise auch bewegt, so sehr kribbelt es mir in den Fingern. Wann geht es endlich raus auf die Wellen? Jetzt!

EIN PAAR STEINBEISSER FÜR STEINSCHMEISSER

Torsten hat sich fantastisch vorbereitet. Denn wenn wir eines gelernt haben, dann, dass Steinangeln zwar grundsätzlich einfach funktioniert, jedoch eine anfängliche Umgewöhnung durchaus notwendig ist. Auf diesem Trip dringen wir schließlich in bisher für mich unbekannte Tiefen vor. Für unseren ersten Tagesausflug sind alle Montagen längst vorbereitet. Es geht auf Seewolf – diese garstig aussehenden Ungeheuer der Meere mit den schiefen, verwachsenen Zähnen und ihrem länglichen, moränenartigen Körper. Oft werden sie im Volksmund als Steinbeißer bezeichnet, was jedoch genau genommen nicht 100 Prozent korrekt ist. Sein lateinischer Name lautet „Anarhichas Lupus“ (Lupus – Wolf ) und auf Island sprechen sie ihn mit ihrem angenehmen Schnack „Steinbitur“ oder zumindest so ähnlich aus.

„Top motiviert und gespannt, diesen irgendwie grausig aussehenden Fisch das erste Mal live zu sehen, will ich dem Lupus an den Kragen.“

ISLAND AM MORGEN: EINE GROTESKE SCHÖNHEIT ERWACHT

Der Seewolf lebt nicht unbedingt in großer Tiefe. Er hält sich eher auf von Muscheln bedeckten Hügeln in 50 bis 80 m Wassertiefe auf. Mit seinem kräftigen Kiefer und seinem schauderhaft aussehenden Gebiss knackt er die Muscheln und ernährt sich zu großen Teilen von ihnen, was seinem tollen Fleisch einen eigenen Geschmack verleiht. Wir wollen auf ihn mit Naturködern angeln. Das erste Ziel heißt also: Köderfische besorgen! Torsten startet das Boot und drückt mächtig aufs Gas. Mit Karacho geht’s raus auf den Fjord. Nun tut sich das erste Mal für mich der Horizont auf und die Schönheit Islands in ihrer Gänze zeigt sich – beeindruckend und zugleich grotesk. Felsig schroffe Abschnitte brechen aus den moosbedeckten sanften Flächen. Das kleine Dorf einsam am Fuß des Berges und direkt am Wasser gelegen, die nächste Stadt in der Ferne, die wohl in Deutschland kaum als Stadt gewertet würde. Nur wenige Bäume sind zu sehen und dennoch ist es grün. Am Horizont mündet der weitgestreckte Fjord ins Meer. Es wirkt karg und einsam, aber gleichzeitig beruhigend und wunderschön. Möwen und Puffins flitzen vor unserem Boot über das Wasser davon, bevor sie abheben. Der Motor dröhnt und der Rumpf klatscht auf die Wellen, über die wir hinwegsausen.

ZWISCHENSTOPP FÜR SCHNAUBENDE GIGANTEN

Plötzlich legen wir den ersten Halt ein. Ich habe es kaum richtig bemerkt. Wahrscheinlich, weil ich die Möglichkeit überhaupt nicht in Betracht gezogen habe. Doch nicht einmal 50 m von unserem Boot entfernt schiebt sich ein enormer Rücken aus dem Wasser. Begleitet von einem zischenden, schnaubenden Geräusch stößt er eine mehrere Meter hohe Wasserdampffontäne in die Luft – ein echter Buckelwal! Ich kann es nicht fassen – am ersten Tag, live und direkt vor uns! Der Wal nimmt einige kräftige Züge Luft und taucht alsbald wieder ab in die Tiefe, während er zum Abschied seine Schwanzflosse in die Luft hebt. Dieser kurze Moment schwingt in mir noch heftig nach. Es ist eine Mischung aus der reinen Begegnung, als auch der Überwältigung, was für ein Privileg es ist, hier zu sein. Während ich noch in Gedanken versunken bin, rattert der Motor wieder los und wir begeben uns zum Köderfischspot.

STEIN ERSETZT TROPFENBLEI BEIM KÖDERFISCHFANG

Auf dem Echolot finden wir Fische in circa 40 m Wassertiefe. Unser Ziel ist es, kleine Köhler zu fangen. Wir brauchen für das Angeln auf Seewolf nur 2 bis 3 Stück. Diese werden anschließend grob filetiert und die Filets in kurze Streifen geschnitten. Es ist die einfachste Sache der Welt, mit Steinmontagen kleine Köhler zu fangen. Dieses Blei kann wirklich zuhause bleiben, wird mir schnell klar. Wir verwenden dazu einfach unser „Loop-System“ mit dem „Fix“-Gummi. Das ist eine Alternative zum Tropfenblei. Ein Stein von circa 150 bis 200 g wird in einer Naturkautschuktasche an einen Adapter gespannt. In dem Adapter ist ein Wirbel befestigt, den man wiederum in einen Karabiner einhängen kann. Wir verwenden also ein Paternoster-System und hängen einfach anstelle des Pilkers oder Bleis die Montage samt Stein als Gewicht ans Ende der Schnur. Der Nachteil ist, dass unser Gewicht in diesem Fall selbst nicht als Köder dient, wie beispielsweise ein Pilker. Da wir für die Köderfischbeschaffung sowieso nur eine leichte Rute mit etwas weniger starker Schnur nutzen, würde in diesem Fall ein großer Fisch ohnehin womöglich nur für Ärger sorgen und am Ende mit einer langen Schnur im Maul herumschwimmen. Ein riesiger Vorteil allerdings ist, dass sich der Stein durch seine Größe kaum am Grund verhängt. Sollte dies doch passieren, so rutscht er bei kräftigem Rucken über die Rute entweder aus dem Gummi oder die Gummitasche reißt im schlimmsten Fall, wobei wir jedoch nichts im Wasser hinterlassen und lediglich den Gummi (Naturkautschuk) ersetzen müssten. Die 40 bis 60 m Tiefe sind mit einem Stein auch bei stärkerer Drift problemlos zu erreichen.

Wetterwechsel: Island im Umbruch

Seit nunmehr 30 Jahren gibt Torsten Ahrens Guidings, doch seit einigen Jahren verändere sich vieles. Er berichtet, dass das Wetter in Island unberechenbarer geworden sei. Früher war es entweder gut oder schlecht, aber so war es dann auch eine Woche lang. Heute weiß man nicht, ob es am nächsten Tag regnet, stürmt oder die Sonne strahlt. Seit 5 Jahren sind die Veränderungen besonders rapide zu spüren.

Einen Grund für diese Veränderungen liefert der Polarwirbel auf der nördlichen Halbkugel. Genau an der Grenze, an der die kalte Luft aus dem Norden auf die warmen Luftströme aus dem Süden trifft, bildet sich ein gigantischer zirkulierender Strom. Der „Polar-Jetstream“ ist eine mächtige stabilisierende Kraft. Durch den sich verringernden Temperaturunterschied der beiden gegensätzlichen Luftmassen beginnt dieser Strom regelmäßig ins Wanken zu geraten und somit seine stabilisierende Kraft zu verlieren. Die Folgen dieser Instabilitäten merken wir bis nach Deutschland an ungewöhnlichen Hitze- oder auch Kältewellen, je nachdem in welche Richtung sich die Luftmassen verschieben.

Die isländischen Gletscher schmelzen rapide. Aus dem Flugzeug sind die Ströme des Schmelzwassers gut zu erkennen und sie sind gigantisch. Der Gletscher zerfließt förmlich und auch das Angeln verändert sich. Fischarten werden plötzlich in Regionen gefangen, in denen sie vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wären. Die nordische Welt durchlebt einen Wandel. Das Wort Wandel jedoch beschreibt eine sanfte Veränderung, die stetig voranschreitet. In diesem Kontext erscheint dieses Wort zu sanft. Besser ausgedrückt ist vielleicht Umbruch, denn bezogen auf die großen Räume der Zeitskala, ist es eher vergleichbar mit einem abrupten Bruch, der plötzlich irreversibel vonstattengeht.

NEBEN DEM KÖDER BAUMELT VIEL KLIMBIM

Endlich habe ich das erste Mal eine Angel in der Hand. Eine gefühlte Ewigkeit hat es bis hierhin gedauert, auch wenn die Zeit bei all den Ereignissen und Eindrücken schnell verflogen ist. Ich lasse das Paternoster-System hinunter und bin kaum am Grund angekommen, da merke ich bereits die ersten kleinen Rucke. Vor Aufregung setze ich einen heftigen Anhieb, was Torsten nur lachend mit den Augen rollen lässt. Ein kurzer Druck auf der Rute, ein wenig kurbeln und mühelos zappelt der erste circa 40 cm lange Köhler am Haken. Wir fangen noch 2 Fische und Torsten lässt den Motor wieder hochfahren, bis er röhrt und zischt. Es sind nur gut 10 Minuten bis zum Seewolf-Plateau.

Top motiviert und gespannt, diesen irgendwie grausig aussehenden Fisch das erste Mal live zu sehen, will ich dem Lupus an den Kragen. Er ist ein revierbildender Fisch und die Angeltechnik ist eine Kombination aus einem verlockenden Köder mit einem provozierenden Reiz, zu dem sich Steinmontagen sogar noch besser als Blei eignen. Bestückt wird die Rute mit einem einfachen Naturködersystem. Das Stein-„Blei“ wird in den Karabiner eines Anti Tangle Booms eingehängt, der auf der Hauptschnur gleitet. Die Haken sind versehen mit fluoreszierenden Perlen, Spinnerblättern und kleinen Oktopus-Attrappen Die Steinmontage von Fishstone hat sich auf der Island-Tour bewährt. Sie ist eine kostengünstige und umweltfreundliche Alternative zu Blei. für verschiedene zusätzliche Reize neben dem Naturköder.

AUF GEMEINSAMER SUCHE NACH DER OPTIMALEN MONTAGE

Torsten Ahrens ist Teamangler bei Jenzi Dega und arbeitet im Bereich der Entwicklung des Meeresprogrammes. Die beschriebenen Montagen stammen aus seinem kreativen und erfahrenen Kopf sowie aus Fishstone’s Norwegen-Spezialpaket. Gemeinsam mit Torsten haben wir die bisherigen Montagen aus Adaptern und Naturkautschukbändern in mehreren Entwicklungsstufen zu einem speziell für die Anforderungen von Meer und Fjord ideal geeigneten System optimiert. Unsere Steinmontage besteht aus einem fluoreszierenden Adapter eines biologisch erzeugten Kunststoffes, dem sogenannten „Body“, in Verbindung mit einem speziell geformten Naturkautschukband, dem sogenannten „Rubber“ (engl. für Gummi). Dieser ist mit insgesamt 4 Löchern versehen, 1 an einem Ende und 3 auf der anderen Seite. Das Ende mit dem einzelnen Loch wird über den Anker des Bodys gezogen, anschließend wird der Rubber um den Stein gespannt und auf der anderen Seite abermals über den Anker gezogen und auf diese Weise fixiert. Durch die 3 Löcher an der zweiten Seite kann die Länge und somit die Spannung auf dem Rubber eingestellt werden, was die Anpassung an Größe und Gewicht des Steines ermöglicht. Außerdem kann hiermit der Halt des Steins variiert werden – mehr Spannung für mehr Halt, weniger Spannung für weniger Halt und schnelleres Freigeben des Steins in einem heftigen Drill. An dieser Stelle haben wir den Rubber im letzten Entwicklungsstadium nochmals angepasst und einen zusätzlichen Spalt im Mittelbereich eingefügt, um die Einstellung des Halts stärker variieren zu können. Beißen kleine Dorsche am laufenden Band, ist es nicht nötig, den Stein jedes Mal zu verlieren. Besteht jedoch die Chance auf einen dicken Heilbutt, möchten wir unsere Erfolgsaussichten im Drill erhöhen und das Gewicht schnell verlieren.

FILETS AN DEN HAKEN: 2 STICHE FÜR EINEN GUTEN HALT

Geangelt haben wir in Island mit Inline-Ruten und Multirollen. Dabei verwenden wir eine Schnur, die alle 25 m die Farbe wechselt, um beim Ablassen die Tiefe der Montage im Blick zu behalten. Auf Seewolf beködern wir nun die 2 Haken an Torstens System mit kleinen Filetstückchen, die Torsten von den Köderfischen geschnitten hat. Erst hautseitig durchstechen und dann ein zweites Mal von der Filetseite. Schiebt man das Stück nun auf den Haken über die 2 Widerhaken am Hakenschenkel, so hat der Köder einen guten Halt und das im Wasser quellende Fleisch kann die Hakenspitze nicht verdecken, da es nach außen weg von der Hakenspitze zeigt.

Mit einem circa 600 bis 800 g schweren Stein geht es jetzt das erste Mal runter bis auf ungefähr 80 m. Beim ersten Rucken in der Rute ist der Stein am Grund angekommen, beim zweiten wird es spannend. Ich hebe nach dem Grundkontakt die Rute 2 mhoch und lasse den Stein wieder absacken. Das starke Klopfen auf dem mit Muscheln übersäten Boden weckt den Verteidigungstrieb der Seewölfe und macht sie förmlich verrückt. Schnell kommt ein erster Biss. Sollte das bereits der Erfolg sein? Tatsächlich! Ein mittlerer Seewolf kommt nach einem schönen kleinen Drill an die Oberfläche. Wahnsinn, diese Tiere sehen einfach verrückt aus und haben einen wahnsinnig zähen und starken Körper. In ihr Maul sollte man definitiv keinen Finger stecken, denn während Torsten versucht, den Fisch zu greifen, verspannt er sich komplett und klappert buchstäblich mit den Zähnen. Er schnappt mit seinem kräftigen Kiefer und erzeugt damit ein klackerndes Geräusch. Sein Kopf ist sehr hart und um den Fisch fachmännisch zu versorgen, darf Torsten nicht zimperlich sein. Auch in dieser Anwendung bieten Steinmontagen eine ausgezeichne- te Alternative zu Blei. Diese Angeltechnik ist sogar direkt die erste, der wir Vorteile anhängen, da der große Stein noch stärkeres Klopfen am Grund zur Folge hat. Man sieht am Gummi zwar ein paar kleine Schnitte durch die scharfen Muscheln, und über die Tage werden diese mehr, aber uns ist in der Woche nicht ein Gummi gerissen. Und auch mit den Seewölfen läuft es fantastisch. In wenigen Stunden fangen wir 8 oder 9 Stück, darunter auch ein wirklich stattliches Exemplar. Mission 1 ist erfüllt! Zufrieden geht es zurück zum Camp, um den Tag sacken zu lassen und neue Pläne zu schmieden.

Fangquoten und Entnahmepflicht

In Island gibt es strikt festgelegte Fangquoten, die zu Jahresbeginn auf Fischer und Anlagenbetreiber verteilt werden, beziehungsweise von diesen eingekauft werden. Jedes Jahr wird ein klares Limit für die nachhaltig entnehmbare Menge an Fisch definiert und ist dieses erreicht, ist Schicht im Schacht. Somit muss jeder Betreiber einer Angelanlage wohlüberlegen, wie viel Anteil der Quote er einkaufen möchte. Wird die gekaufte Quote nicht erreicht, stehen Strafzahlungen an. Somit ist eine übermäßige, provisorische Reservierung nicht möglich. Kauft man jedoch zu wenig Anteile, so ist möglicherweise bereits früh Schluss mit dem Angelabenteuer. Auf Island muss jeder gefangene Fisch entnommen werden. Das Zurücksetzen ist verboten. Hintergrund für diese Regel: Die Fische werden überwiegend in großen Tiefen gefangen. Setzt man einen Dorsch, der unterhalb von 50 m zügig an die Oberfläche gedrillt wurde, zurück, so schwimmt dieser vorerst quietschfidel los. Bald darauf jedoch bilden sich durch die schnellen Schwankungen des Wasserdrucks kleine Bläschen in seinem Blut. Wandern diese ins Herz, so verendet der Fisch 1 bis 2 Stunden nach dem Release an einer Art Herzinfarkt. Die strikte Entnahmepflicht – könnte man denken – wirkt sich negativ auf den Bestand aus. In diesem Fall jedoch zielt sie sogar auf den Bestandsschutz. Durch die klar geregelten Fangquoten in Verbindung mit kompromissloser Entnahme sind die Entnahmemengen kontrollierbar. Würden Fische zurückgesetzt werden, käme auf die dokumentierten Mengen noch eine zusätzliche, unbekannte Dunkelziffer der Fische, die das Freilassen nicht überleben und somit würde die gesamte Menge verschwimmen. Immerhin nehmen Angler hier doch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil der Fischerei ein.

DIE GROSSE VIELFALT DER STEINMONTAGEN

Wir haben viele Dinge probiert, wie zum Beispiel das XXL-Dropshot-Angeln. Wir haben in 140 m Tiefe mit feinen Paternostern, mit kleinen Fischfetzen bestückt, erfolgreich auf Rotbarsche geangelt. Wir haben es auf Plattfische im Flachwasser versucht. Manche Dinge haben besser funktioniert und andere etwas schwieriger. An dieser Stelle möchte ich eine weitere Technik beschreiben, bei der Torsten und ich davon überzeugt sind, dass Steine eine hervorragende, wenn nicht gar überlegene Alternative bieten: Das Angeln mit einer toten Rute und großen Köderfischen, bestenfalls gekrönt mit dem Fang eines Heilbutts. Wir versuchen unser Glück, mit der Posen-Montage an einer toten Rute einen Fisch während des Driftens zu fangen. Dabei verwenden wir große Köderfische um die 40 bis 50 cm, um auch die möglichen Bisse über die Ködergröße ein wenig zu selektieren. An dieser Stelle ist ein System mit einem Stein perfekt einsetzbar. Wir driften meist über Plateaus, wodurch die Tiefen nicht so enorm sind. Das Gewicht muss nicht spezifisch geführt werden, sondern hängt einfach in die Tiefe, sogar noch in einem Abstand von 20 bis 40 m zum Boot an einer Pose. Wenn ein Fisch beißt, dann können wir guten Gewissens und für nicht einen Cent jedes Mal im Drill unser Gewicht abwerfen.

AUF DAS KNATTERN FOLGT DAS SCHWEIGEN

Wir legen die Montage ein Stück vom Boot entfernt aus und stellen die Rute in den Halter. Währenddessen habe ich Zeit, um ebenfalls mit einem ganzen, aber etwas kleineren Köderfisch an Torstens Leng-System zu angeln. Es ähnelt im Aufbau dem Naturköder-System, hat aber nur einen Haken am Ende, der mit au fälligem, rasselndem und leuchtendem Dekor versehen ist. An dieser Montage lasse ich ebenfalls mit einem Stein den Köderfisch runter auf den Grund. Wenn er dort ankommt, kurble ich ihn ein paar Umdrehungen hoch und warte kurz. Den ganzen Vorgang wiederhole ich 4 bis 5 Mal. Kein wildes Pilken, ganz geschmeidiges Kurbeln und Halten. Schnell bekomme ich den ersten Biss, bin aber vor Aufregung ziemlich eifrig im Anschlag. Der Fisch bleibt nicht hängen, ein entschuppter Köder lässt mich laut aufseufzen. Torsten weiß Rat: Ich soll nach dem ersten Anfassen mit der Rute noch einmal etwas nachgeben, damit der Dickdorsch den Köder schlucken kann. Der nächste Anhieb sitzt und ich ziehe einen stattlichen Dorsch aus dem Atlantik.

Während ich mich weiter dem aktiven Naturköderangeln mit ganzem Köderfisch widme, beginnt plötzlich die Knarre der Multirolle im Halter zu krächzen. Das laute Knattern wird schneller und Torsten nimmt die Rute auf. Doch plötzlich schweigt die Bremse wieder. Wir holen ernüchtert die Rute ein, aber außer Bissspuren ist nichts weiter hängen geblieben. Wir legen die Rute wieder aus und machen weiter. Ich angle noch ein paar Dorsche auf meine aktive Technik, der ganz große bleibt jedoch aus. Torsten und Insa fangen mit Pilker und Gummifisch noch ein paar gute Dorsche bis an die Metermarke. Aber die wirklichen Riesen scheinen heute nicht da zu sein.

„Mit Karacho geht’s raus auf den Fjord. Nun tun sich das erste Mal für mich der Horizont und die Schönheit Islands in ihrer Gänze auf.“

DER TRAUMFISCH LÄSST AUF SICH WARTEN

Leider ist es mir während unseres gemeinsamen Trips nicht gelungen, einen Heilbutt an den Haken zu bekommen. Vermutlich ist es der Traum jedes Hochsee- oder Norwegenanglers, einmal neben einem Heilbutt zu stehen, der seine eigene Körpergröße übertrifft. Der Drill muss gigantisch sein und die Arme danach tagelang schmerzen. Torsten berichtet mir, dass es in Norwegen bessere Heilbutt-Reviere gibt. Setzt man Dorsche und Heilbutts ins Verhältnis, gibt es dort das zehnfache Verhältnis zugunsten des Heilbutts, im Vergleich zum Verhältnis in Islands Fjorden. Es ist immer möglich, eine große Platte zu fangen und auch riesige Exemplare bewohnen diese Meere, aber Island ist doch recht „dorschlastig“. Um hier einen Heilbutt zu erwischen, ist es meist nötig, gezielt länger auf ihn zu angeln. Nur so kommt der Köder an all den anderen Fischen vorbei – auch mal vor ein williges Heilbutt-Maul.

Die Technik mit der Steinmontage hat uns jedoch so sehr überzeugt, dass wir auf der Reise beschlossen haben, ein neues zugeschnittenes Heilbutt-System zu entwickeln. Einige Prototypen sind bereits entstanden und mehrfach optimiert worden. Während ich diesen Artikel schreibe, befinden sie sich in den Händen von erfahrenen Testern. Dieses System ist sowohl für die Drift als auch für das von mir beschriebene halbaktive Angeln einsetzbar. Der Auslösepunkt des Steins ist in 3 verschiedene Stufen einstellbar. Wenn Sie dies lesen, ist er womöglich schon als Testbox erhältlich. Falls ich nun Ihr Interesse geweckt habe, dann probieren Sie es einfach aus und entdecken auch Sie das Abenteuer Steinangeln.

TSCHÜSS ISLAND: DIE GROSSE SHOW ZUM ABSCHLUSS

Als würde uns die Insel mit einem Spektakel verabschieden wollen, hören wir am letzten Tag in der Ferne einen Knall. Es klingt fast wie ein Schuss. Wir schauen uns alle verdutzt um und plötzlich sehen wir es auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords. Der gigantische Körper eines Buckelwals schiebt sich fast über die gesamte Länge aus dem Wasser und klatscht riesige, spritzende Fontänen erzeugend auf die Oberfläche. 2 Sekunden später vernehmen wir abermals das schussartige Geräusch, was uns nach der Schallgeschwindigkeit auf eine Entfernung von circa 600 m schließen lässt. Torsten startet den Motor und fährt uns zum Ort des Geschehens. Was wir dann aus nächster Nähe beobachten dürfen, lässt uns allen den Atem stocken. Eine ganze Herde Wale ist hier auf der Jagd. Ihre mächtigen, bis zu 20 t schweren Körper, die größer sind als unser Boot, schrauben sich nach oben und krachen wieder zurück ins Wasser – immer und immer wieder. Wir vergessen komplett das Angeln und sind einfach nur fasziniert von diesem beeindruckenden Naturschauspiel. Und als würde das noch nicht reichen, erleben wir später am Tag nochmals das gleiche an einer anderen Stelle. Wir erkennen bald warum. Unter uns liegt eine 130 m tiefe Wassersäule, doch das Echolot zeigt bei 30 m bereits Grund an. Die Walherde umkreist einen überdimensionalen Krillschwarm. Sie pferchen ihn zusammen und stoßen immer wieder mit dem weit geöffneten Maul in ihn hinein. Wir sehen Tiere, die kerzengerade aus dem Wasser kommen, dabei ihr Maul schließen und sich halb seitlich wieder absacken lassen. Es ist wie in einer Naturdoku, die ich mir sonst auf Netflix ansehe, nur passiert es dieses Mal hautnah direkt vor unseren Augen. Diese Bilder brennen sich in meine Erinnerung.

Ich nehme viele Eindrücke aus Island mit. Die fantastische Landschaft in ihrer zwiespältigen Eigenart, die Menschen und ihre Charaktere. Mein Verständnis für die Veränderungen des Wetters, der Natur und auch des Angelns ist gewachsen. Die tolle Unterstützung für unser Projekt, vor allem von Torsten Ahrens und Insa, aber auch von den Einheimischen, haben mein Herz erwärmt.

Ich danke euch vielmals für die Arbeit an den gemeinsamen Projekten und die Möglichkeit für dieses Abenteuer!