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Auferstanden aus Ruinen


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.11.2022

2. KAPITEL ZWEITE BLÜTE

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 12/2022

Babylon um 550 v. Chr. Im Zentrum der Tempelturm Etemenanki alias Turm zu Babel (siehe Beitrag ab Seite 16)

Quer durch die Gassen und Straßen kämpfen Männer mit Schwertern und Speeren gegeneinander. 605 v. Chr. stürmen Soldaten aus Babylon durch das Westtor in die Stadt Karkemisch am Oberlauf des Euphrat. Sie verfolgen Soldaten und Söldner des Pharao, die nach einer Schlacht in der Nähe hinter die Stadtmauern fliehen. Aber Karkemisch bietet ihnen keinen Schutz, dort sitzen sie in der Falle. Fast um jedes Haus in der Vorstadt ringen die Verteidiger von Karkemisch mit den Angreifern aus Babylon, die vom Kronprinzen Nebukadnezar angeführt werden.

Nahe des Westtors schießen babylonische Bogenschützen ihre Pfeile auf die Kämpfer Ägyptens, die verzweifelt versuchen, die Türen eines großen Gebäudes zu halten. Drei Stufen führen von der Straße auf einen Vorplatz, der mit Basaltplatten bedeckt ist. Dort liegt der Haupteingang zu diesem Haus. Nicht nur am Portal liefern sich die Ägypter und ...

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... die babylonischen Angreifer hitzige Kämpfe, sie ringen um jeden Raum. Pfeilspitzen aus Eisen und Bronze prallen an Wänden und den Metallbeschlägen der Türen ab. Manches Geschoss dürfte sich in menschliche Körper bohren.

Die Angreifer stürmen in einen Vorraum des Gebäudes, links führt eine Tür in den Hauptsalon, rechts eine Treppe nach oben. Im ersten Stock liegen mehrere Zimmer hintereinander. Wahrscheinlich lassen viele Babylonier beim Angriff ihr Leben. Wurfspieße fliegen in dem Gebäude durch die Luft, Kämpfer schlagen mit Schwertern aufeinander ein. Im Hauptsalon stehen sich mehrere Männer gegenüber.

Dort kämpft vermutlich ein Söldner des ägyptischen Heeres gegen die Angreifer. Er verliert womöglich einen Bronzeschild griechischorientalischen Typs. Später finden Archäologen menschliche Knochen in dem Haus, verlorene Waffen und liegengebliebene Schutzausstattung von Soldaten. Die Babylonier hatten das Gebäude zerstört und steckten es wohl absichtlich in Brand. Aber das unterste Stockwerk blieb erhalten und erzählte 1912 den Forschern des British Museums die Geschichte des einstigen Gefechts.

Noch Jahrhunderte später finden sich Relikte der Schlacht von Karkemisch

Die Schlacht um Karkemisch führen die Feinde so erbittert, dass noch Jahrhunderte später bei der Ausgrabung die Spuren zu sehen sind – nicht nur in dem Haus in der Nähe des Westtors. Die Stadt stellt den wichtigsten Stützpunkt Ägyptens in Nordsyrien dar. Für die Angreifer bietet sich hier die Möglichkeit, hart und effizient zuzuschlagen. Ein Verlust Karkemischs würde die Ägypter treffen und ihre militärischen Möglichkeiten in Mesopotamien stark einschränken.

Der babylonische Kronprinz Nebukadnezar hatte sein Heer wohl gut 20 Kilometer von der Stadt entfernt über den Euphrat geführt, an dem K arkemisch liegt. Der Altorientalist Ernst Vogt hat den Verlauf der Schlacht rekonstruiert, so gut das mit den kaum vorhandenen Quellen und den Ergebnissen von Ausgrabungen möglich ist. Sicher ist, dass Nebukadnezar dort triumphiert.

Ä gypten die Kontrolle über Syrien und Palästi-Mit der Niederlage in Karkemisch verliert na. Was für ein Erfolg für Babylon, das in diesem Jahrhundert zweimal von den Assyrern zerstört wurde und nur noch ein unbedeutender Vasallenstaat war. Das änderte sich mit Nabopolassar, der 626 v. Chr. den babylonischen Th ron übernimmt. Er stammt aus Uruk, nennt sich selbst in Inschriften den Sohn eines Niemand. Wahrscheinlich stammt er aus einer Familie von Würdenträgern, die mit den Assyrern kollaboriert haben, vielleicht war Nabopolassar v or seinem Aufstand ein Heerführer des Gegners gewesen. In Uruk hat er Rebellen gegen die assyrische Herrschaft angeführt und den Süden hinter sich geschart.

Fünf Jahre nach seiner Machtübernahme gelingt es Nabopolassar, die Besatzungsherrschaft der Assyrer endgültig zu brechen. Nun nutzt er die Schwäche des einstigen Großreichs und formt mit den Medern, die im Westiran ein großes Heer aufgestellt haben, eine Allianz. Sein neuer Bündnispartner hat bereits 614 die Stadt Assur gestürmt und geplündert.

Der Kronprinz will seine Gattin mit prächtigen Gärten beglücken

Zwei Jahre später schließt Nabopolassar mit ihnen ein Abkommen gegen die Assyrer. Um den Pakt zu festigen, verheiratet Nabopolassar seinen Sohn Nebukadnezar mit der medischen Prinzessin Amytis. Für die Gattin lässt der Kronprinz angeblich später die Hängenden Gärten errichten, die dann zu den Sieben Weltwundern gezählt werden(sieheSeite39).

Gemeinsam mit babylonischen Truppen erobern die Meder nach und nach Assyrien. 612 v. Chr. nehmen die Heere zusammen die assyrische Hauptstadt Ninive ein. Dort zerstören sie wichtige Tempel, in denen die feindlichen Herrscher gekrönt wurden.

Nun rücken die Alliierten auch nach Westen an den Euphrat vor. Ägypten ergreift jetzt Partei für den übriggebliebenen assyrischen Rumpfstaat, weil der Pharao ein starkes Babylon fürchtet. Und diese Sorgen sind berechtigt.

Nebukadnezar

II. um 640 v. Chr.Geburt als Sohn von König Nabopolassar

ab 620Aufstieg zum Heerführer und jährliche Feldzüge in aufständische Regionen

605Sieg in der Schlacht von Karkemisch. Im selben Jahr stirbt sein Vater, Nebukadnezar wird König

587/586Zweite Eroberung und Zerstörung von Jerusalem

580Die Mittelmeerregion wird militärisch befriedet

7. Oktober 562Nebukadnezar II. stirbt mit etwa 80 Jahren. Nachfolger wird kurzzeitig sein Sohn Amel-Marduk

607 v. Chr. geht König Nabopolassar zum Angriff gegen Ägypten über. Er zieht mit Truppen den Euphrat entlang bis Kimuhu am rechten Ufer, dessen genaue Lage unklar ist. Der König belagert die Stadt und nimmt sie im Dezember ein. Als er im Februar des Folgejahres mit Gefangenen und Beute nach Hause zurückkehrt, erobert ein ägyptisches Heer Kimuhu zurück und tötet die babylonische Besatzung.

Daraufhin rückt Nabopolassar erneut vor und nimmt die Stadt Quramati am linken Ufer des Euphrats ein. Als dann wiederum ein ägyptischer Trupp aus Karkemisch vorrückt, um die Invasoren zur Schlacht zu zwingen, ziehen sich die Babylonier zurück. Verfolgt werden sie nicht.

Die Ägypter sind vorbereitet und werden doch von Babylon überrascht

Nun, 605 v. Chr., erfolgt der nächste Versuch, diesmal unter dem Kommando von Kronprinz Nebukadnezar. »Die Herrschaft über Syrien musste durch weitere Kriegszüge gesichert werden«, erklärt Michael Jursa, Professor für Altorientalistik. Offensichtlich hat Babylon zu neuer militärischer Kraft gefunden und fühlt sich stark genug, die Ägypter herauszufordern.

Letztere haben sich vorbereitet und eine Armee in das nördliche Syrien geschickt. Aber mit einem kühnen Frontalangriff einer so großen Streitkraft rechneten sie anscheinend nicht.

Für Prinz Nebukadnezar bietet sich 605 v. Chr. die Chance, sich zu beweisen und so die Thronfolge endgültig abzusichern. Karkemisch ist gut geschützt. Im Osten der Stadt ragt der Burgberg hervor, eine Festungsanlage befindet sich an einem Hang zum Euphrat. Wer dort angreift, geht ein hohes Risiko ein, viele Männer zu verlieren. Der Vorteil liegt eindeutig bei den Verteidigern. Der Kronprinz wählt eine klügere Strategie. Er lässt seine Truppen von der Ebene aus die Stadt attackieren, von Westen und von Süden her.

»Du, o König, König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, Macht, Gewalt und Ehre gab«

Der Gefangene Daniel zu Nebukadnezar; aus Buch »Daniel«, Altes Testament

Nach einem ersten Aufeinandertreffen suchen wohl viele Kämpfer des Pharaos das Weite, fliehen in Richtung Ägypten. Andere ziehen sich in die Straßen der Stadt zurück. Vermutlich geschieht das chaotisch, und niemand organisiert die Verteidigung entschlossen. Denn belagern müssen die Babylonier Karkemisch anscheinend nicht. Sie dringen wohl in die Stadt ein, ohne dass die Tore geschlossen oder die Mauern verteidigt werden.

Nach der Schlacht von Karkemisch steigt Babylon zur neuen imperialen Großmacht auf. Das politische Zentrum Mesopotamiens liegt nun dort. Im selben Jahr folgt Nebukadnezar II. seinem Vater auf den Thron, der bereits durch eine Krankheit geschwächt war und gestorben ist. Auch unter dem neuen babylonischen Herrscher hält die Allianz mit den Medern.

Ägypten gerät vollends in die Defensive. »In den jahrzehntelangen Konflikten konnte sich Babylon durchsetzen, das sich damit den wirtschaftlich und politisch so wertvollen Zugang zum Persischen Golf und zum Mittelmeer sicherte«, stellt Karen Radner fest, Professorin für die Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens.

Die Bibel ruiniert den Ruf von Nebukadnezar nachhaltig

Nebukadnezar zeigt seine Erfolge mit monumentalen Bauten. Um 600 v. Chr. lässt er den Tempelturm Etemenanki zur vollen Größe ausbauen. Der dient wohl als Vorbild für den Turm zu Babel im Alten Testament(sieheBeitragabSeite16).Nebukadnezar selbst wird etwa 100 mal in der Bibel erwähnt, er wird dort als Feind der Juden und der Religion beschrieben. Was nicht überrascht, schließlich erobert der babylonische König 597 und 586 v. Chr. Jerusalem, lässt den jüdischen König sowie einen Teil seiner Bevölkerung verschleppen und dessen Reich annektieren (sieheBeitragabSeite46).

Nebukadnezars Ruf ist unverdient schlecht. Der König formt Babylon zur glänzendsten Metropole der Welt, wie der griechische Autor Herodot bewundernd festhält. Sie ist zur Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. eine der größten Städte der Welt, gut 190 000 Menschen leben dort. Athen hatte zum gleichen Zeitpunkt lediglich 40 000 Einwohner. Unter Nebukadnezars Herrschaft erlebt das Land eine nie dagewesene Blüte. Davon zeugen Tausende von Keilschrifturkunden und die gewaltige Bautätigkeit.

Das prächtige Ischtar-Tor, verziert mit blauen Kacheln und allerhand Fabelwesen, verzückt heute noch die Betrachter. Es steht im Pergamonmuseum in Berlin. Damit sowie mit zahlreichen weiteren Bauwerken und seinen glänzenden Siegen über Assyrer und Ägypter hat sich Nebukadnezar II. bis heute seinen Ruhm erhalten, der mit der Schlacht um Karkemisch begründet wurde.

LESETIPP

Michael Jursa: »Die Babylonier. Geschichte, Gesellschaft, Kultur«. C. H. Beck 2015, € 8,95