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AUFSTIEG


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 16.11.2022
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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 12/2022

Natürlich kennt man Brian Johnson heutzutage hauptsächlich als Vokalist der legendären australischen Hard-Rocker AC/DC. Seine Autobiografie dreht sich jedoch nicht allein um diesen sehr erfolgreichen Abschnitt seines Lebens. Zwar steigt Johnson im Prolog mit seinem Hörverlust im Jahr 2016 und dem drohenden Ende seiner langjährigen Sängerkarriere ein, den Hauptteil des Buchs widmet er jedoch seinen Erlebnissen vor dem Aufstieg in den Rock-Olymp. Er berichtet über seine Kindheit in England sowie erste Brot-Jobs im Teenager- und frühen Erwachsenenalter, erzählt aber auch von seiner Sozialisation durch Musik, die eine immer stärkere Faszination auf ihn ausübte und schließlich zur Gründung erster eigener Bands sowie ersten Live-Auftritten führte. Wir erfahren dabei, dass es für Johnson danach nicht immer nur bergauf ging, sondern der Musiker sich vielmehr durch ein stetes Auf und Ab kämpfen musste und ...

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... seine musikalischen Träume mehr als nur einmal an den Widrigkeiten des Lebens zu scheitern drohten. Viel Platz räumt der Autor seiner Zeit mit der Formation Geordie und deren Aufstieg ein, bevor er 1980 nach dem Tod von Bon Scott als neuer AC/DC-Sänger rekrutiert wurde. Nach einer ersten Vorstellung bei Malcolm und Angus Young sowie ihren Mitmusikern mit noch ungewissem Ausgang wird es im folgenden Kapitel 19 ernst für Brian Johnson – lest selbst!

19 Der Tag des Grand National

Ich fuhr nicht nach Newcastle zurück, ich schwebte zurück.

Es lag nicht daran, dass ich glaubte, den Job bekommen zu haben. Ganz im Gegenteil. Ich war überzeugter denn je, dass es ohnehin nur eine unrealistische Träumerei gewesen war. Ich war zu alt, zu klein und definitiv nicht australisch genug. Das spielte aber alles keine Rolle, denn ich war immer noch high von der einmaligen Erfahrung, mit einer solch unfassbar guten Band wie AC/DC gespielt zu haben. Obendrauf kamen der Dreihundertfünfzig-Pfund-Scheck in meiner Tasche sowie die Aussicht auf Wiederholungstantiemen und weitere Jobs von André.

Das Leben war gut.

Genau genommen war es nie besser gewesen.

Ich konnte es kaum erwarten, den Jungs in der Band von meinem verrückten Erlebnis in London zu berichten. Da die Audition Vergangenheit war – und für mich ganz sicher nirgendwohin führen würde –, mussten sie sich keine Sorgen machen. Die Sache würde weder für unsere Band noch für das Album, an dem wir gerade arbeiteten, irgendwelche Konsequenzen haben.

Als ich am nächsten Morgen die Werkstatt aufschloss, klingelte schon das Telefon.

»Hallo?«

»Der Herr Peter Mensch möchte Sie sprechen.«

Olga. Mit ihr hatte ich am allerwenigsten gerechnet. Schon gar nicht um diese Uhrzeit.

»Ähm … okay«, sagte ich. »Wann würde es ihm denn passen?«

»Bleiben Sie dran.«

Und dann: »Hey … Guten Morgen, Brian. Peter hier.«

»Ach, hallo, Peter«, sagte ich. »Hör mal, ich wollte noch mal Danke für die Session gestern sagen. Es war einer der großartigsten Momente meines Lebens. Richte es doch bitte den Jungs aus, okay? Sie waren supernett zu mir.«

Peter kicherte. »An Angus wirst du dich schon noch gewöhnen. Er ist ein Mann weniger Worte«, sagte er.

»Das mit dem Brown Ale war eine nette Geste«, sagte ich.

»Pass auf, Brian, wir wollen, dass du noch mal runterkommst«, sagte er.

Ach du heilige Scheiße …

Mit einer klaren Absage, wie ich sie von Anfang an erwartet hatte, hätte ich sicher einfacher umgehen können als mit der Einladung zu einem zweiten Vorsingen. Das bedeutete nämlich noch mehr Nervosität, noch mehr Hoffnungen und noch mehr Unsicherheit. Ganz zu schweigen von der praktischen Seite, die ein absoluter Albtraum werden würde. Mittlerweile hatten sich die unerledigten Aufträge angestaut. Außerdem hatte ich Joanne und Kala versprochen, am Wochenende mit ihnen essen zu gehen. Und zu allem Überf luss hatte ich an diesem Abend auch noch ein Konzert – es muss ein Dienstag oder ein Mittwoch gewesen sein – gefolgt von weiteren Gigs am Freitag, Samstag und Sonntag. Sogar für den Montag hatte man uns im Heaton Buffs gebucht, eine große Show mit drei- bis vierhundert Zuschauern.

»Okay«, sagte ich einigermaßen verzweifelt angesichts der Frage, wie ich ein weiteres Mal mitten in der Woche nach London runterfahren sollte. Dieses Mal ohne einen bequemen Vorwand, wie die Hoover-Werbung ihn mir geliefert hatte. »Wie wäre es denn mit, ähm … nächsten Mittwoch?«

»Wir dachten eigentlich an morgen«, sagte Peter. »Wir können dir auch Flugtickets besorgen, falls das einfacher ist.«

Mir brach der Schweiß aus. Das ging alles viel zu schnell für mich. Ich hatte das ungute Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

»O nein, nein, nein«, sagte ich zu Peter. »Ich fahre. Ich liebe Autofahren.« Das bedeutete in Wahrheit natürlich nur: Wenn ich selbst fahre, habe ich die Kontrolle. Ich kann mich jederzeit in meinen Wagen setzen und abhauen.

»Wie du willst«, sagte Peter. »Aber wir bestehen darauf, das Benzin zu bezahlen und alle anderen Kosten zu übernehmen.«

»Das ist sehr nett von euch.«

»Eine Sache noch«, fügte er hinzu.

Mist, jetzt kommt der Haken, dachte ich.

»Kannst du dir für die Session ›Highway to Hell‹ draufschaffen?«

Ich grinste.

Das war kein wirklicher Haken. Ich liebte diesen Song.

Wer am folgenden Morgen die A1 nach London runterfuhr, wurde möglicherweise von einem zu schnell fahrenden Toyota Crown überholt, in dem ein zweiunddreißig jähriger Geordie mit Schiebermütze saß und sich zu einem Tape mit »Highway to Hell« die Lungen aus dem Leib trällerte. Ein Freund hatte darauf bestanden, mir den Toyota für meinen zweiten Trip nach London zu leihen, denn er war überzeugt, dass der Jag es nicht schaffen würde. Der Junge hieß Simon Robinson und führte ganz in der Nähe von meiner Klitsche eine Autowerkstatt.24Die Kassette gehörte einem anderen Freund, der mich regelrecht verhört hatte, als ich mir das Tape bei ihm ausleihen wollte. »Was willst du denn damit?«, fragte er. »Das ist mein absolutes Lieblingsalbum! Dieses Tape darfst du nicht verlieren, hörst du?!« Am Ende musste ich lügen und erzählte ihm, wir würden mit Geordie II gerade unsere Setlist um ein paar AC/DC-Nummern erweitern.

Wieder hatte man mich in die Vanilla Studios bestellt, wo Malcolm, Angus, Cliff und Phil auf mich warten würden. Dieses Mal jedoch gab es kein Billard, kein Gequatsche, kein Newcastle Brown Ale. Dieses Mal ging es direkt ans Eingemachte. Zuerst spielten wir ein paar Mal »Highway to Hell« durch, was sich genauso toll anfühlte, wie ich gehofft hatte. Dann meinte Malcolm irgendwann, dass die Band gerade am Titeltrack für das neue Album arbeite.

»Es ist ein Tribut an Bon«, sagte er. »Es geht um den Tod, aber es soll nicht morbide sein oder so. Eher eine Art Feier, mit ein wenig Rock’n’Roll-Attitude. Das Stück heißt … ›Back in Black‹.«

»Gibt es denn schon einen Text?«, fragte ich und konnte gar nicht fassen, dass ich tatsächlich Teil dieses Prozesses war.

»Text gibt es noch nicht, Mate. Melodie ebenso wenig. Nur dieses Riff in Dauerschleife. Angus, spiel’s doch mal für Jonna.«

Was dann aus den Boxen rollte, war so laut, dass ich den Kopf einzog.

»Hey Jonna«, rief Malcolm, während Angus das Riff wiederholte, immer noch in ohrenbetäubender Lautstärke, versteht sich.

24 Witzigerweise platzte gleich zu Anfang der Fahrt einer der Reifen des geliehenen Toyota. Eine halbe Stunde lang hockte ich kurz hinter der Stadtgrenze von Newcastle bei Nieselregen im Dreck, um den Reifen zu wechseln. Kein idealer Start für eine fünfstündige Fahrt zu einem wirklich wichtigen Vorstellungstermin.

»Wir spielen das jetzt einfach immer weiter. Schau doch mal, ob dir was dazu einfällt. Lass dir Zeit, Kumpel.«

Ich nickte.

Während Angus das Riff schrubbte, wurde mein Kopf leicht wie ein Luftballon. Verdammte Scheiße, das war das beste Riff, das ich je gehört hatte. Und ich sollte jetzt einfach … drüber singen? Aber was überhaupt? Den Titel des Songs? Und mit welcher Melodie? Ich schob alle Gedanken beiseite, öffnete meinen Mund und ließ es einfach raus.

»BACK IN BLACK!« Die Luft wurde förmlich aus meinen Lungen herauskatapultiert. »I HIT THE SACK!«

Fuck! Das klang gut!

Ich versuchte die Zeile noch einmal. »Back in black / Ihit the sack.« Klang immer noch großartig. Über den Rest des Riffs musste ich dann allerdings »doo-doo-doo« singen, da mir keine Worte mehr einfallen wollten. Immerhin war eine erste Melodie entstanden, und für einen kurzen Moment schien sich die Atmosphäre im Raum zu verändern. Leute, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte, krochen hinter Mischpulten und Verstärkern hervor. Köpfe drehten sich, Blicke wurden ausgetauscht. Es lag ein Knistern in der Luft. Im Allgemeinen sieht man den Leuten an, wenn sie etwas hören, das ihnen einen Schauer über den Rücken jagt. Das kann niemand kontrollieren. Die Ohren senden die Botschaft direkt an die Gesichtsmuskeln. Ich verspürte eine Art Zugehörigkeitsgefühl, aber kaum hatte ich es bemerkt, war es auch schon wieder verschwunden. Und dann schaute ich zu den Jungs, um zu sehen, wie sie reagierten.

Nichts.

Sie waren in der Musik versunken.

Ihre Gesichter waren nicht zu deuten.

»Sorry, Leute«, sagte ich, als wir die erste »Back in Black«-Session beendet hatten. »Ich hätte euch gern mehr als diese zwei Zeilen geliefert.«

»Kein Problem«, sagte Malcolm.

»Ich weiß, es klingt etwas direkt und offensichtlich«, fügte ich hinzu, um den direkten Ansatz der Melodie zu erklären. »Das ist mir spontan eingefallen, und deshalb hab ich’s einfach mal probiert. Ich war selbst überrascht davon, wie es im Endeffekt klang …«

Rückblickend muss ich sagen, dass die Jungs bei der Session einen ganz guten Vorgeschmack auf die Zukunft bekamen, als ich diese ersten zwei Zeilen improvisierte. Wenn es auch nur ein paar Sekunden waren. Man muss bedenken, was auf dem Spiel stand. Es galt, einen Nachfolger für Highway to Hell abzuliefern und gleichzeitig das Erbe von Bon zu achten und fortzuführen. Sie konnten jedoch keine Bon-Kopie anheuern, sondern brauchten jemanden, der anders war … aber nicht so anders, dass sie ihr bisheriges Werk über den Haufen werfen mussten. Ich glaube, die Jungs standen damals noch mehr unter Druck als ich.

Dieses Mal fuhr ich nach der Audition nicht gleich nach Hause, sondern blieb über Nacht in einem Hotel in der Nähe des Lord’s Cricket Ground. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen des Ladens, doch ich weiß noch, dass ich mich f ragte, was zum Henker ich dort verloren hatte. Aber das Zimmer ging auf AC/DC, und ehrlich gesagt wäre es etwas unhöf lich gewesen, erneut direkt nach Hause zu fahren.

Im Hotel leistete mir ein Bursche namens Keith Evans Gesellschaft, einer der AC/DC-Roadies. Im Lauf der folgenden Jahre sollten wir uns sehr gut kennenlernen und echte Freunde werden.

»Ich glaube, du hast den Job, Mate«, sagte er wieder und wieder mit seinem Black-Country-Akzent. Das war zwar nett von ihm, aber insgeheim wünschte ich mir, er würde endlich die Klappe halten. Seine Kommentare machten mich so nervös, ich wusste nicht, wohin mit mir. In meinen zwei Auditions hatte ich genug mit AC/DC gesungen, um sicher zu wissen, dass es der beste Job der Welt sein würde. Jahre zuvor hatte ich auch schon mal alles auf eine Karte gesetzt, hatte bei Parsons gekündigt, um mit Geordie durchzustarten – und war auf der Nase gelandet. Doch das war jetzt plötzlich völlig egal.

»Ach, weißt du«, sagte ich zu Keith. »Ich glaube, die Jungs werden noch eine Weile drüber nachdenken. Das ist eine große Entscheidung für sie.«

»Nee«, meinte Keith. »Die wollen so schnell wie möglich wieder auf Tour gehen und werden keine Zeit mehr mit weiteren Auditions verschwenden. Ich kenne die Kerle. Ich weiß, wie sie ticken. Die glauben, dass sie mit dir das fehlende Puzzlestück gefunden haben.«

Später am Abend blätterte ich im Hotel in einer aktuellen Ausgabe des Melody Maker und entdeckte einen zweiseitigen Artikel über AC/DC. Darin stand, dass die Band bereits im Studio sei und neben den noch laufenden Auditions schon am neuen Album arbeite. An Schlaf war nicht zu denken. Schon gar nicht, als mir klar wurde, dass ich meine »Back in Black«-Melodie schon wieder vergessen hatte.

Großartig, dachte ich. Das war die eine Sache, die ihnen gefallen hatte … und ich konnte mich nicht mehr daran erinnern.

Ich fuhr am Vorabend des Grand National wieder zurück nach Newcastle. Der Tag des größten Pferderennens im Land war seit meiner Kindheit immer schon etwas Besonderes für mich gewesen. 1960 hatte ich mein Taschengeld auf Merryman II gesetzt und genug Geld gewonnen, um mir einen ganzen Berg Spielzeugautos und ein Modellbauf lugzeug zu kaufen. In diesem Jahr fühlte sich das Grand National aber noch bedeutender an, da es am 29. März stattfand und mit dem Geburtstag meines alten Herrn zusammenfiel. Der Plan für diesen Tag sah vor, erst im Kreise der Familie das Rennen im Fernsehen anzuschauen (Start war kurz nach drei), dann die Geschenke zu überreichen (eine Flasche seines Lieblingswhiskys Famous Grouse von mir) und uns später ein festliches Abendessen zu gönnen.

Am Tag des Grand National stand ich erst spät auf und überlegte kurz, ob ich auf eins der Pferde wetten sollte. Ken wartete schon auf mich, als ich runterkam. Anscheinend war meine Glückssträhne zu Ende. In den Zeitungen stand nämlich, dass AC/DC einen neuen Sänger gefunden hatten … und das war ganz offensichtlich nicht ich. Den Artikeln zufolge hatten sie sich für einen ihrer Landsmänner entschieden, einen Australier, wie ich von Anfang an gesagt hatte. Genau wie die Young-Brüder und Bon war er zudem auch noch gebürtiger Schotte. Es handelte sich um Allan Fryer, den Sänger der Band Fat Lip aus Adelaide.

Einen passenderen Frontmann hätten sie nicht finden können.

»Hab ich doch gleich gesagt«, lautete meine Reaktion.

Um ehrlich zu sein, war meine Erleichterung größer als meine Enttäuschung. Ich hatte ohnehin das Gefühl gehabt, dass die Nummer ein ganzes Stück zu groß für mich gewesen wäre.

Allan Fryer war ein großartiger Sänger und ein aus Schottland stammender Aussie. Gegen ihn hatte ich keine Chance.

Malcolm, Angus und die Jungs hatten getan, was sie tun mussten.

Nachdem Ken mir die Neuigkeiten zum Thema Allan Fryer überbracht hatte, schlug er mir vor, mit ihm auf ein Bier in einen Pub namens The Crowley zu gehen. (Ich glaube, der Laden heißt heute The Poacher’s Cottage.) Meine Mutter war unterwegs, mein Vater in seinem Club, und so nahm ich Kens Vorschlag an. Wir spielten ein paar Runden Pool, steckten ein paar Münzen in die Jukebox und quatschten darüber, wie surreal die zurückliegenden Wochen gewesen waren.

Gegen zwei Uhr nachmittags kehrte ich nach Hause zurück, meine Eltern waren immer noch unterwegs.

Bis zum Rennen war noch eine Stunde Zeit. Also machte ich mir einen Tee, plünderte die Keksdose und legte die Füße hoch. Ahhhhh. Es fühlte sich an, als läge meine letzte Ruhepause Jahre zurück …

Das Telefon klingelte.

Mein Gott, musste das jetzt sein?

Ich nahm den Hörer ab … und erlebte die Überraschung meines Lebens. Es war Malcolm, was überhaupt keinen Sinn ergab. Zum einen fragte ich mich, wie er an meine Nummer gekommen war. Zum anderen konnte ich kaum glauben, dass er mich ernsthaft persönlich anrief, um mir die schlechten Nachrichten zu überbringen: »Danke, dass du da warst, Mate, aber wir haben uns für einen anderen entschieden.«

»Hallo, Malcolm, mein Freund«, sagte ich. Da ich sicher wusste, dass ich aus dem Rennen war, fühlte ich mich jetzt sehr viel entspannter als bei den Auditions. »Alles gut bei dir?«

»Yeah, alles gut«, sagte er.

»Freut mich zu hören. Erzähl, warum rufst du an?«

»Pass auf, Brian, wir haben überlegt … ob du vielleicht wieder runterkommen könntest, um an weiteren Tracks für das neue Album zu arbeiten. Uns hat sehr gefallen, in welche Richtung ›Back in Black‹ mit dir ging.«

Lange Pause. Ich hielt den Hörer vor mein Gesicht und starrte ihn ungläubig an. Entweder halluzinierte ich gerade, vielleicht wegen der Biere im Pub, oder der Bursche nahm mich auf den Arm.

»Ähm … was meinst du?«, fragte ich.

»Na ja, wir müssen dieses Album auf den Weg bringen, weißt du?«

»Mate, ich verstehe nicht ganz«, sagte ich. »Ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, dass Allan Fryer euer neuer Sänger ist.«

»Oh, nein, nein, nein … das haben die Journalisten falsch verstanden. Vollkommen falsch. Der Bursche war noch nicht mal beim Vorsingen.«

Mit einem Mal schnürte sich meine Brust zusammen.

»Willst du mir damit etwa sagen … dass ich in der Band bin?«

Ich bekam die Worte kaum über die Lippen. »Na ja, also weißt du …« Malcolm kicherte leise, ohne die Frage zu beantworten.

Der Gute hatte genauso viel Angst vor einer Abfuhr wie ich.

»Pass auf, Malcolm«, sagte ich, fest entschlossen, so ehrlich wie nur irgend möglich zu sein. »Du bist ein feiner Kerl, und ich hatte unheimlich viel Spaß mit euch Jungs, aber im Moment weiß ich nicht so recht, ob ich gerade veralbert werde oder nicht. Ich sag dir, was ich jetzt machen werde: Ich werde auf legen. Und wenn es dir wirklich ernst mit der Sache ist, klingelst du in zehn Minuten durch und sagst mir noch mal, was du eben gesagt hast. Ich hoffe, du verstehst das. Ich bin etwas verwirrt von all dem und hab das Gefühl zu träumen.«

»Okay, Brian«, sagte Malcolm. »Versteh ich vollkommen. Ich ruf dich in zehn Minuten zurück.«

Es klickte, und die Leitung war tot.

Ich war wie erstarrt, saß nur da, glotzte vor mich hin und zählte die längsten zehn Minuten meines Lebens runter. Sollte das alles wahr sein, hatten sich all die schweren Zeiten in den letzten zehn Jahren gelohnt? Ich war für eine PA-Anlage aus einem Flugzeug gesprungen. Hatte eine solide Stelle bei Parsons gegen eine Band mit nur einem einzigen Top-10-Hit eingetauscht. War monate-, nein, jahrelang unter erbärmlichen Bedingungen durch die Lande getourt. Auf ausnahmslos jeden Beschiss der Musikindustrie reingefallen. War am Ende so bankrott gewesen, dass ich vor Gericht ziehen musste, um die Pfändung meines Hauses abzuwenden. Musste die Pulverisierung meiner Ehe miterleben. Wieder bei meinen Eltern einziehen. Mich mit den blasierten Konzertobmännern der Working Men’s Clubs rumschlagen …

»Also, Brian, hier ist Malcolm noch mal mit dem versprochenen Rückruf. Pass auf, in einer oder zwei Wochen müssen wir ins Studio und mit den Aufnahmen für das neue Album beginnen. Deshalb müsstest du morgen runterkommen, um mit uns zu proben. Das heißt, wenn du dazu bereit bist …«

»Soll das bedeuten, ich hab den Job?«, fragte ich. »Ich bin nicht nur ein Ersatzmann für irgendjemand anders?«

Lange Pause. Malcolm holte tief Luft. »Also«, sagte er mit einem leicht verschmitzten Tonfall, als würde er es genießen, mich derart auf die Folter zu spannen. »Wenn du den Job willst, hast du ihn.«

Mit diesem Satz graduierte ich vom Vinyldachspezialisten zum neuen Leadsänger einer der auf regendsten Bands des Planeten. Es war … ein ziemlich bewegender Moment. Ich war wie gelähmt.

»Brian?«, sagte Malcolm. »Bist du noch dran?«

»Aye«, presste ich hervor.

»Und, bist du dabei?«

»VERDAMMTE SCHEISSE, UND OB ICH DABEI BIN!!«

»Du wirst wahrscheinlich erst mal ein bisschen was einstecken müssen, weißt du? Unsere Band … na ja, die hassen uns. Die Kritiker. Das Establishment. Außerdem werden die Fans eine Weile brauchen, um sich an dich zu gewöhnen. Bist du sicher, dass du mit all dem klarkommst, Jonna?«

»Keine Ahnung«, sagte ich grinsend. »Aber wen kümmert das schon? Ich bin dabei.«

BRIAN JOHNSON

‘Die Leben des Brian: Die Autobiografie’

Heyne

416 Seiten, 16 Seiten Bildteil € (D) 25,-

ISBN 978-3-453-21837-6

Aus dem Englischen von

Daniel Müller und Sven Scheer