Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

AUFSTIEG der Frauen


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 29/2021 vom 16.07.2021

REPORT

Artikelbild für den Artikel "AUFSTIEG der Frauen" aus der Ausgabe 29/2021 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 29/2021

GIPFELSTÜRMERINNEN Die ?Cholitas Escaladoras? Lidia Huayllas Estrada, Dora Magueño Machaca, Ana Lía Gonzales Magueño, Elena Quispe Zincuta, Cecilia Llusco Alaña

”Ich trage den Rock mit Stolz. Er zeigt, was wir Cholitas erreichen können.“

Ana Lía Gonzales Magueño, Lehrerin & Bergsteigerin

Ana Lía nestelt an einem kleinen Stoffbeutel, zieht ein paar dunkelgrüne Cocablätter heraus und streut sie auf den Boden. Die junge Frau steht am Fuß des Huayna Potosí, des imposanten Hausbergs von La Paz in Bolivien. Sie verstreut die Blätter, um den Schutzgeist des Gipfels, den Achachila, freundlich zu stimmen. Viele Andenbewohner kauen Coca regelmäßig. Die Blätter haben etwa die Wirkung von starkem schwarzem Tee oder Kaffee – und sollen auch vor der Höhenkrankheit schützen. Ein wichtiges Detail, denn Ana Lía plant heute keinen Spaziergang, sie will mit ihrer Familie den 6088 Meter hohen Huayna Potosí besteigen.

Es ist nicht der erste Gipfelzug für sie und ihre Mutter Dora. Sie gehören zu den „Cholitas Escaladoras“, einer Gruppe von Bergsteigerinnen, die seit 2015 ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,09€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Liebe Leserinnen und Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser,
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Mit Vollgas ins Jubi läum. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mit Vollgas ins Jubi läum
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Städte zum Verlieben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Städte zum Verlieben
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von STARTSCHUSS FÜR OLYMPIA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
STARTSCHUSS FÜR OLYMPIA
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Die geheimen Tricks. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die geheimen Tricks
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Feuriger Spanier. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Feuriger Spanier
Vorheriger Artikel
Städte zum Verlieben
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel STARTSCHUSS FÜR OLYMPIA
aus dieser Ausgabe

... rund ein halbes Dutzend 6000er in Bolivien und Argentinien bezwungen hat. Chola oder Cholita heißen Boliviens indigene Frauen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung gehört zum Volk der Aymara, die auch in Chile und Peru leben. Nach heutigen Erkenntnissen sind sie die Nachkommen der Tiwanaku-Hochkultur in den Hochanden, die lange vor den Inka existierte.

Familienausflug auf den 6000er

Die traditionelle Kleidung der Cholitas prägt unser Bild von den Bewohnern der Anden. Typisch sind der weite, farbenfrohe Rock mit vielen Unterröcken, die Pollera, ein Schultertuch mit auffälligem Muster, das Aguayo, und der kleine melonenförmige Hut. Auch den Gipfel geht Ana Lía in dieser Tracht an. Im weiten Rock auf einen schneebedeckten Berg? „Ich trage die traditionelle Kleidung mit Stolz“, erklärt Ana Lía gegenüber HÖRZU mit Nachdruck. „Der Rock zeigt, dass wir Cholitas trotz der Diskriminierung in der Vergangenheit viel lernen und alles erreichen können. Ich bin stolz auf meine Kultur und möchte die Bräuche retten.“ Selbst wenn sich Ana Lía mit Eispickel und Steigeisen eine Eisrinne hochkämpft, trägt sie den typischen Rock, die Pollera.

Heute geht die ganze Familie mit, alle sind bergerfahren: Ana Lía, ihre Mutter Dora, ihre Schwester Estrella, ihr Vater Agustín, ein Onkel – und ein Fernsehteam aus Deutschland. Filmemacher Manfred Uhlig hat die Familie für seine eindrucksvolle Reportage „Majestätische Anden: Bolivien“ begleitet. Der NDR sendet die Koproduktion mit dem ZDF in der Reihe „Menschen – Länder – Abenteuer“ (siehe TV-Tipp). Der Film zeigt neben der erhabenen Landschaft des Gebirgsstaats auch Einblicke in das Land und einfühlsame Porträts seiner Bewohner.

Der Höhepunkt ist der Aufstieg auf den Huayna Potosí. Unter der Woche führt Dora einen Imbiss. Ana Lía hilft ihr, arbeitet als Lehrerin und Reiseleiterin. Am Wochenende widmen sie sich ihrem Hobby, dem Bergsteigen. Die Gruppe verfällt in einen schnellen Trott, geredet wird wenig. Es ist ein steiler, steiniger Weg, der bei gut 4000 Höhenmetern startet. Die meisten Andengipfel sind Vulkane. Sie gelten als technisch leicht, fordern aber wegen der Höhe enorme Kondition und Akklimatisierung. Wetterwechsel und Höhenkrankheit können gefährlich werden. „Man geht oft auf Geröll, macht einen Schritt vor und rutscht gefühlt einen zurück“, so Uhlig.

Am ersten Tag schafft es die Gruppe zur steinernen Schutzhütte auf 5130 Metern. Die Landschaft ist karg, die Luft dünn, das Panorama gewaltig. Ein heller Wolkenteppich bedeckt die Täler. Der Blick reicht weit über das steinerne Meer aus Gipfeln. Das mächtige Gebirgsmassiv der Cordillera Real ist die Heimat von Ana Lía. Ihre Familie wohnt in El Alto. Die Stadt liegt über La Paz auf einem zugigen Plateau in 4150 Metern Höhe. Die schwierigste Part ist die morgige Gipfeletappe. Felsiges Gelände, Schnee, Eis und mögliche Gletscherspalten. Damit alles gut geht, sichern sich Ana Lía und ihre Mutter den Beistand von ganz oben. Sie sind ein paar Tage zuvor zum „Mercado de las Brujas“ gefahren, dem Hexenmarkt. Dort gibt es Opfergaben und Heilmittel aus der Aymara­ Kultur – auch getrocknete Lamaföten. Wie in vielen Ländern Südamerikas verschmilzt die althergebrachte Naturreligion mit dem Katholizismus der spanischen Eroberer.

„Auf dem Berg hält uns niemand auf.“

Ana Lía Gonzales Magueño, Bergsteigerin

Schnaps und Cocablätter für den Achachila

Am Abend feiert die Seilschaft das Feueropfer. Ana Lía gibt ihre Opfergaben vom Hexenmarkt in das Lagerfeuer: Zuckerfiguren, Lametta und Cocablätter. Auch etwas Schnaps wird ins Feuer gegossen – und getrunken. „Man trinkt stellvertretend für den Achachila“, sagt Uhlig. Ana Lía kam über ihre Mutter zum Bergsteigen. Dora kochte für Kletterer, weil ihr Mann Agustín als Bergführer arbeitet. Dann entdeckte sie das Bergsteigen als Hobby für sich. 2015 ging sie mit anderen Hochgebirgsköchinnen und Frauen von Bergführern erstmals auf den Huyana Potosí.

Das waren die Anfänge der Cholitas. Dora motivierte ihre Tochter, die die Idee heute vorantreibt und zum Vorbild für junge Aymara wurde. Dabei war ihr erstes Mal ein Desaster. Ihr wurde schwindelig, sie wollte abbrechen. Dora spornte sie an, heute teilen sie die Liebe zu den Gipfeln. „Auf dem Berg hält uns niemand auf, wir erklimmen auch Eiswände.“ Anfangs wurden sie belächelt, sie drängten schließlich in eine Männerdomäne. Doch seit sie 2019 mit drei anderen Cholitas den Aconcagua in Argentinien bezwangen, den höchsten Berg Amerikas, werden sie ernstgenommen.

Die Nacht ist kurz. Aufbruch um zwei Uhr. Die Frauen tragen Helm, Stirnlampe und Eispickel, sichern sich mit Seilen. Doch der Berg zwingt einige in die Knie. Manfred Uhlig bleibt entkräftet auf der Hütte. Dora macht auf einem Zwischengipfel kehrt, ihr Mann begleitet sie. Für den Kamera- und den Tonmann ist bei 5700 Metern Schluss. „Danach haben wir eine Drohne mitfliegen lassen und eine Kamera mitgegeben“, so Uhlig. Ana Lía und ihre Schwester arbeiten sich voran, stapfen auf den schneebedeckten Gipfel – und schicken Grüße in die Kamera.

In Bolivien hat Ana Lía viel erreicht, ist bekannt und hat klare Wünsche für die Zukunft: „Ich möchte unbedingt andere Länder mit schneebedeckten Bergen besuchen, den Kilimandscharo und die Dolomiten. Ich träume auch vom Himalaja und vom Mount Everest. Ich möchte alle Frauen mit Stolz erfüllen – und Kraftbotschaften von den Gipfeln senden.“

DAGO WEYCHARDT

DIE GIPFEL DER CHOLITAS

Eine Gruppe indigener Frauen aus La Paz und El Alto besteigt seit 2015 die 6000er in Bolivien. In Argentinien gelang den Cholitas der Gipfelzug auf den Aconcagua, den höchsten Berg Amerikas (6962 m). Ihr bisher größter Erfolg