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AUGENBLICK, verweile doch!


Emotion Slow - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 23.11.2019

Vor drei Jahren erschien Meik Wikings Wohlfühl-Manifest „Hygge“, jetzt präsentiert der Glücksforscher DIE KUNST DER GUTEN ERINNERUNG –eine Hommage an die Nostalgie und eine persönliche Midlife-Beichte


Artikelbild für den Artikel "AUGENBLICK, verweile doch!" aus der Ausgabe 4/2019 von Emotion Slow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Emotion Slow, Ausgabe 4/2019

Warum Erinnerungen unser Leben bereichern Zeit, den Pausenknopf zu drücken! Digital Detox war gestern – eine neue Achtsamkeitsstrategie fürs Netz


Mehr spüren, schönere Erinnerungen produzieren: „Wir können alle zu Gedächtnis-Architekten werden“, sagt Wiking


Herr Wiking, bitte erklären Sie uns kurz den Ansatz Ihres Buches: Ist die Kunst gemeint, Gutes zu erinnern oder sich gut zu erinnern – im positiven ...

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Als Glücksforscher richte ich meine Aufmerksamkeit naturgemäß auf positive Dinge. Deswegen haben wir vor allem glückliche Erinnerungen untersucht. Es ging uns darum, herauszufinden, wie sich die Erinnerungen, die jeder Mensch an seine Kindheit oder wichtige Momente in der Vergangenheit hat, langfristig auf seine Lebensfreude auswirken.

Kann man sagen: je glücklicher deine Erinnerungen, desto glücklicher deine Gegenwart?

Nostalgie ist eine universelle und alte menschliche Emotion. Aktuell untersuchen Wissenschaftler auf der ganzen Welt, wie Nostalgie positive Gefühle hervorrufen, unser Selbstwertgefühl steigern und uns das Gefühl geben kann, geliebt zu sein. Die Glücksforschung deutet darauf hin, dass Menschen mit ihrem Leben glücklicher sind, wenn sie dazu neigen, eine positive, nostalgische Sicht der Vergangenheit zu haben.

Warum sind Erinnerungen denn so wichtig für unser Glück?

Erinnerungen sind der Kitt, der uns im Inneren zusammenhält. Sie prägen, wer wir sind und wie wir handeln. Sie beeinflussen unsere Stimmung und helfen, unsere Träume für die Zukunft zu gestalten. Ich muss gestehen, das Thema hat mich persönlich auch deswegen sehr interessiert, weil ich gerade die 40 überschritten habe und mir zunehmend die Frage stelle, wie ich in der zweiten Hälfte meines Lebens möglichst viele Glücksmomente erschaffen kann.

Um herauszufinden, was die Menschen in aller Welt positiv erinnern, haben Sie eine Studie durchgeführt. Was kam dabei heraus?

Die Studie wurde in 75 Ländern an mehr als 1.000 Personen durchgeführt. Meines Wissens ist sie die größte Erhebung zu diesem Thema. Eine Erkenntnis war, dass wir uns ähnlicher sind, als wir denken – nationenübergreifend. Egal ob wir in Dänemark, Afrika oder dem Irak leben, unsere positiven Erinnerungen ähneln sich sehr.

Was können die Menschen konkret tun, um glückliche Erinnerungen zu schaffen und zu behalten?

Das Wichtigste, was ich bei der Recherche zu diesem Buch erkannt habe, ist, dass Erinnerungen keine Informationen sind, die zufällig in unser Gehirn gelangen. Wir alle können zu Gedächtnis-Architekten werden! Zunächst ist es nützlich zu wissen, wie Erinnerungen gespeichert werden. In unserem Gehirn spielt der Hippocampus eine wichtige Rolle bei der Konsolidierung von Informationen aus dem Kurz-und Langzeitgedächtnis und bei der Wiederherstellung von Erinnerungen. Er sammelt all die verschiedenen Bits, die ins Gedächtnis eingehen – das kann man sich ungefähr so vorstellen wie einen Regisseur, der eine Szene neu arrangiert. Der Hippocampus fragt dabei ab: Was waren die sensorischen Eindrücke des Tastens, Hörens, Sehens, Schmeckens und Riechens in der Erinnerung?

Unsere Sinneswahrnehmungen spielen also eine tragende Rolle?

Ganz genau! Je mehr unserer Sinne wir in einem Moment benutzen, desto lebhafter erinnern wir uns später an diese Situation. Wenn du also mehr glückliche Momente erschaffen und dich daran erinnern willst, stell sicher, dass du deine Sinne so gut wie möglich ansprichst. Dabei kann auch ein Tagebuch helfen, in dem du möglichst auch alle Sinneseindrücke festhalten solltest.

Meik Wiking leitet das Institut für Glücksforschung in Kopenhagen


Mindful Journals sind ja gerade schwer im Trend. Führen Sie selbst auch ein Glückstagebuch?

Ja, ich notiere mir tatsächlich regelmäßig schöne Ereignisse, aber vor allem habe ich auch ein Handyarchiv mit Glückssoundtracks. Das ist eine Sammlung von Songs oder Geräuschen, die ich mit glücklichen Momenten verbinde – von Vogelstimmen über Meeresrauschen bis hin zu Liedern, die ich in bestimmten Lebensphasen besonders geliebt habe.

8 ZUTATEN FÜR GLÜCKLICHE ERINNERUNGEN

ERSTE MALE Such nach neuen Erfahrungen und mach deine Tage außergewöhnlich.


MIT ALLEN SINNEN Versuch nicht nur zu sehen. Erinnerungen haben auch einen Klang, Geruch, Fingergefühl und Geschmack.


SEI AUFMERKSAM Behandle deine glücklichen Momente wie ein Date. Sei aufmerksam!


Sie schreiben im Buch, dass Sie sogar Gerichte kreieren, die Sie als persönliche Erinnerungen abspeichern. Welches zum Beispiel?

Ich war dieses Jahr mit meiner Freundin auf Bornholm. Auf der Insel gibt es eine Stadt namens Gudhjem (wörtlich übersetzt: „Gottes Haus“). Dort saßen wir nach einem sehr entspannten Tag am Meer, um den Sonnenuntergang und den Mondaufgang zu beobachten. Es war ein besonderer Moment für uns, und wir haben abends ein Gericht kreiert, das wir „Mond über Gottes Haus“ nannten. Es besteht aus einem pochierten Ei mit geräucherten Garnelen auf Toast. Wenn man das Ei auf den dunklen Garnelen schneidet, kann man förmlich den Mond aufgehen sehen. Uns wird das Bild immer an diesen perfekten Sommertag erinnern.

Eine weitere Zutat für glückliche Erinnerungen sind „erste Male“, heißt es in Ihrem Buch. Wie viele glückliche Premieren Ihres Lebens haben Sie abgespeichert?

Oh, das sind unzählige! Eine Situation, die ich noch sehr gut erinnere, weil ein Geschmack daran geknüpft ist, ist die erste Mango meines Lebens. Ich war 16 und hatte so etwas Köstliches vorher noch nie gegessen. Ich werde dieses Gefühl, die Konsistenz und meine Überraschung, welche Geschmacksexplosion sich in meinem Mund abspielte, nie vergessen. Einen anderen schönen Moment erlebte ich, als ich vor zwei Jahren mit meiner Freundin in Schottland auf der Straße in eine Parade mit einem Dudelsackorchester geriet. Es gab ein Feuerwerk und diese Musik dazu – wir waren beide zu Tränen gerührt.

Happy-Polaroid-Moment: Meik Wiking (Mi.) als Zehnjähriger


Kann man solche zufälligen Glücksmomente auch bewusst erschaffen?

Besuchen Sie doch einmal im Jahr einen Ort, an dem Sie noch nie zuvor waren. Das muss kein riesiger Urlaub im Ausland sein – es reicht im Zweifel, ins Auto zu steigen und einfach mal irgendwohin zu fahren, wohin Sie schon immer wollten. Ich habe kürzlich die weiße Klippe von Møn besucht, die nur anderthalb Stunden von Kopenhagen entfernt ist. Die Klippe ist einer der besten Orte in Dänemark, um auf Fossiliensuche zu gehen. Also habe ich den Nachmittag damit verbracht, Fossilien zu sammeln und die Themenmelodie aus den „Indiana Jones“-Filmen zu summen.

Vieles halten wir heute mit dem Handy fest. Ist dies eine gute oder schlechte Art, schöne Momente zu konservieren?

Wenn du permanent deinem Handy Aufmerksamkeit schenkst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du vieles verpasst, was um dich herum passiert. Als ich klein war, hat man 24 Urlaubsbilder gemacht, und das war’s. Heute produzieren wir Hunderte von Fotos – auch von Alltagsmomenten. Das ist gut und schlecht zugleich, finde ich, denn einerseits haben wir natürlich viele Motive, die zu schönen Erinnerungen werden können, andererseits kann die Menge an Bildern überwältigend sein. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Abende in meiner Kindheit, wo wir in der Familie zusammensaßen und Urlaubsfotos in Alben angeschaut haben. Deshalb bin ich wieder dazu übergegangen, meine schönsten Fotos des Jahres in ein oldschool Fotoalbum einzukleben. Die schönsten 10, 20 oder meinetwegen auch 100 Fotos herauszufiltern, die in Erinnerung bleiben sollen – das macht Spaß und ist gerade auch für Kinder eine wunderbare Glücksübung!

BEDEUTUNG Mach aus bedeutenden Momenten erinnerungswürdige Momente.


EMOTIONALE HIGHLIGHTS Bring dein Blut in Wallung.


GIPFEL UND SIEGE Meilensteine sind wichtig, aber Kämpfe sind unvergesslich.


GESCHICHTEN Erzähle deine Geschichten und teile sie mit anderen. Weißt du noch …?


AUSLAGERN Schreibe, fotografiere, mach Tonaufnahmen, sammle. Werde zum Erzfeind von Marie Kondō, die alles wegwerfen will.


Haben Sie Tipps, wie wir noch mehr erinnerungswürdige Glücksmomente für unsere Kinder erschaffen können?

Das sind oft die ganz einfachen Freizeitbeschäftigungen wie auf Bäume zu klettern, barfuß zu laufen und im Sommer bis zur Dunkelheit draußen zu sein. Auch: Versteckenspielen, Muschelnsammeln, Ferien mit der Familie. Einige meiner schönsten frühen Erinnerungen drehen sich um die Hütte, in der meine Familie und ich jedes Jahr von Mai bis September lebten. Der Geruch von Heu, der Geschmack von Himbeeren und die Wärme eines Holzbootes, das den ganzen Tag über Hitze aufgenommen hat, versetzen mich heute noch zurück in diese Zeit. Das waren einfache, aber sehr glückliche Zeiten.

Vom dänischen Philosophen Søren Kierkegaard stammt der Ausspruch „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“. Was sagt das über zukünftige glückliche Erinnerungen?

Wir sollten uns in der Gegenwart Geschenke machen, von denen wir in der Zukunft profitieren. Wenn wir achtsam sind und schöne Momente erkennen und feiern, können wir später von diesen Erinnerungen zehren. Ich habe mir angewöhnt, einmal im Monat eine Unternehmung, ein Event oder zumindest einen Rahmen zu erschaffen, der den Tag erinnerungswürdig macht.

Was würde das Jahr 2019 für Sie persönlich zu einem erinnerungswürdigen Jahr machen?

Was 2019 zu meinem Superjahr machen würde, wäre die Zusage für das erste Glücksmuseum der Welt hier in Kopenhagen. Wir arbeiten schon sehr lange an der Idee, und wenn dieser Traum Wirklichkeit würde, wäre dieses Jahr für mich garantiert unvergesslich.


FOTO MEIK WIKING, iSTOCK, PR