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AUS ALLER WELT: HIRSCHBRUNFT IN SPANIEN: Gredos‘ Geweihte


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 16.05.2019

Das Spanische Zentralgebirge ist weltbekannt für Steinwild. Doch auch kapitale Rothirsche ziehen hier ihre Fährten. Pedro Ampuero versucht, während der Brunft einen Geweihten zu rufen und zu erlegen.


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Bildquelle: Wild und Hund, Ausgabe 10/2019

Auf einer offenen Grasfläche steht plötzlich ein Hirsch 400 Meter neben den beiden Jägern.


Ein gewaltiges Röhren dröhnt das vor uns liegende Tal hinauf. Die Haare an meinen Armen stellen sich auf. Aufgeregt wie ein kleiner Junge schnappe ich mit hohem Puls das Fernglas und blicke hinunter. In der Talsohle herrscht schon fast Dunkelheit, doch ich glaube, eine Bewegung zwischen den Ginsterbüschen zu sehen. ...

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Ein gewaltiges Röhren dröhnt das vor uns liegende Tal hinauf. Die Haare an meinen Armen stellen sich auf. Aufgeregt wie ein kleiner Junge schnappe ich mit hohem Puls das Fernglas und blicke hinunter. In der Talsohle herrscht schon fast Dunkelheit, doch ich glaube, eine Bewegung zwischen den Ginsterbüschen zu sehen. Viele weiße Spitzen bewegen sich dort zwischen dem im Sonnenlicht satten Grün. Das Grau in Grau täuscht, und nachdem ich nun das Spektiv bemühe, sehe ich Äste, Blätter und Steine – keinen Hirsch.

Mit meinem Freund Alberto, dem das Jagdgebiet gehört, sitze ich 300 Höhenmeter über unserem Zeltlager.

Auch er versucht, den Geweihten zu entdecken, gibt aber viel früher auf als ich. Behutsam legt er mir eine Hand auf die Schulter. „Lass gut sein, wir sind heute erst angekommen“, beruhigt er mich und drückt mir ein Glas Rotwein in die Hand. Wir genießen zusammen mit zwei Helfern den Sonnenuntergang, den Klang des Gredosgebirges mit seinen unzähligen Singvogelarten und dem Röhren der Recken im Tal.

Nach etwa einer Stunde wird es kühler. Wir packen unsere Rucksäcke und steigen ab. In Septembernächten kann es im Hochgebirge mit Gipfeln bis 2 500 m empfindlich kalt werden. Tagsüber erreicht das Thermometer noch 25 °C, nachts sind es einstellige Plusgrade. An unseren Zelten angekommen, füllen wir den Trog der Pferde noch mal mit Wasser auf, bevor wir das Abendessen auf einem Campingkocher zubereiten.

Alberto hat für morgen schon einen Plan. Früh morgens, wenn es noch kühl ist, stehen die Hirsche in den schattigen Tälern. Im Laufe des Tages ziehen sie immer weiter in die höheren Berglagen. Wir wollen noch vor Sonnenaufgang absteigen und nach einem Rudel Ausschau halten. Nicht selten melden darin bis zu 30 Hirsche, erzählte Alberto noch vor der Anreise. An einem der Wechsel hoffen wir, Rotwild abpassen zu können.

Hinter einem Ginsterbusch versteckt, forme ich mit meinen Händen einen Trichter um den Mund. Unsicher schaut mich Alberto an. „Das kann in die Hose gehen“, flüstert er und gibt damit seinem Zweifel Nachdruck. Es ist noch früh am Morgen, und die ersten zarten Rosatöne zeigen sich am Himmel. Ich will es trotzdem versuchen, einen Hirsch zumindest zum Melden zu bringen. Ich mache das nicht zum ersten Mal und habe schon einige Recken überredet, zumindest ihren Standort preiszugeben. Einen anzulocken ist meist nur dann möglich, wenn er allein zieht oder nicht direkt bei seinem Harem steht. Ihn von den Altieren wegzurufen, ist mir nur gelegentlich bei der Bogenjagd gelungen, während ich sowieso schon auf 30 m am Rudel war – also mitten in der Komfortzone des Platzhirsches. Bis auf 20 m konnte ich ihn zum Zustehen bringen.

Das Zeltlager befindet sich auf mittlerer Höhe, zwischen Gipfel und Talsohle.


Mit Pferden werden Verpflegung und Zelte in das unwegsame Gebirge transportiert.


Die Stimmlage der iberischen Hirsche ist höher als die der zentraleuropäischen. Sie sind im Vergleich zu ihren Verwandten in Deutschland, Polen oder Ungarn auch wesentlich geringer – sowohl im Gewicht als auch im Geweih. Trotzdem bilden sie starke Kronen mit vielen Enden aus. Der Bestand in ganz Spanien wird auf etwa 350 000 Stücke Rotwild geschätzt.

Nach meinen ersten Versuchen meldet kein Hirsch. „Ich hoffe, du hast sie nicht mit deinem Geröhre vertrieben“, flüstert Alberto. Wir warten noch eine halbe Stunde, können aber in dem eng eingeschnittenen und noch recht dunklen Tal kein Rudel ausmachen. Wir brechen ab und steigen auf. Von einem Bergrücken aus will Alberto ein Rudel bestätigen. Sollten wir Alttiere mit einem oder mehreren reifen Hirschen entdecken, wollen wir sie bis auf Schussdistanz anpirschen. Üblich ist es in Spanien, Hirsche während groß angelegten Drückjagden – sogenannten Monterias – zu erlegen. Dass es dabei hauptsächlich um den Wildbretgewinn und nicht um die Trophäen geht, gefällt mir. Doch der Umgang, gerade im Hinblick auf die Hygiene, ist nicht meine Sache. Teilweise bleiben die Stücke stundenlang in der Sonne liegen und werden abends nach dem Streckelegen zentral aufgebrochen. Oft wird dabei aus einem 180-kg-Hirsch in Sekundenbruchteilen durch entweichende Faulgase ein 120-kg-Stück. Mir ist deshalb die Einzeljagd während der Pirsch lieber.

Kurz vor dem Schuss: Alberto spricht mit dem Fernglas den Hirsch an, während der Autor zielt.


Von einem Bergkamm aus halten die Jäger bei aufgehender Sonne Ausschau nach einem Hirschrudel.


Auf dem Bergkamm kommt nicht sofort ein Rudel in Anblick. Etwa eine halbe Stunde genießen wir die noch schwachen Strahlen der gerade aufgehenden Sonne und wärmen uns ein bisschen auf. Plötzlich stößt mich Alberto an. Im schattigen Gegenhang hat er eine Bewegung wahrgenommen. Mit dem Finger deutet er in die Richtung. Im Spektiv zeigt sich ein Rudel von etwa 20 Stücken. Wie an einer Perlenkette aufgereiht, ziehen sie hangaufwärts. Ein reifer, nicht besonders starker Hirsch ist dabei. Wie ein Hütehund treibt er die Alttiere vor sich her, die Schmaltiere und drei geringere Hirsche folgen. „Der ist alt“, bestätigt Alberto. „Den können wir angehen.“

Das Stativ zusammengepackt und die Rucksäcke geschultert, führt mich der Berufsjäger hangaufwärts. „Sollten wir nicht in die andere Richtung?“, frage ich ihn verdutzt. „Ich glaube, ich weiß, welchen Wechsel sie halten“, erklärt der drahtige Mitfünfziger. Er kennt das Revier natürlich extrem gut, und da er auch die Pirsch bevorzugt, hat er hier in den letzten Jahren viel Erfahrung gesammelt. Im zügigen Tempo gehen wir den Berg hinauf. Mit zunehmendem Stand der Sonne nimmt auch ihre Kraft zu, und es wird langsam warm. Schweiß beginnt, die Mütze und das Shirt zu trän ken. Der Puls steigt synchron mit den gewonnenen Höhenmetern. Ich komme außer Atem. Auch Alberto schnaubt schon gewaltig. Nach zwei Stunden bleibt er plötzlich stehen und orientiert sich. „Wir sind fast da“, presst er nach einem tiefen Atemzug zwischen den Lippen hervor. „Den anstrengendsten Teil haben wir hinter uns.“ Er biegt in Richtung Tal ab. Im Gänsemarsch, unterbrochen durch kleine Pausen zum Spekulieren, tasten wir uns entlang der Höhenlinien noch mal zwei Stunden weiter.

Am gedachten Ansitz angekommen, sinken wir ins Gras, holen erst mal Luft und trinken. Alberto glast sofort den Gegenhang ab. „Dort unten sollte das Rudel entlangziehen“, vermutet er. Wie gebannt schauen wir auf einen Wechsel, der auch als ausgebauter Mountainbikeweg durchgehen könnte. Der Entfernungsmesser zeigt etwa 160 m. Plötzlich erklingt ein tiefes Röhren, so laut, dass mir fast das Fernglas aus der Hand fällt und das Herz stehen bleibt. Der Ruf kommt nicht aus der Richtung, in der der Wechsel liegt, sondern von links neben uns. Ich wage es kaum, mich zu bewegen. Langsam drehen wir unsere Köpfe zum Ursprung des Lauts. Ein einzelner, kapitaler Hirsch steht auf unserer Hangseite des Tals. Nicht der, den wir beim Rudel gesehen haben, aber ebenfalls schussbar. Ich messe die Distanz: etwas mehr als 400 m. Zu weit. „Näher“, flüstert Alberto zu Bestätigung.

Weit entfernt zeigt sich im Spektiv ein reifer Hirsch.


In der Dämmerung ist alles bereit, das Wildbret und die Trophäe zu bergen.


In tiefster Gangart schleichen wir uns von Hain zu Hain an den Recken. Doch nach etwa 150 m und einer Stunde ist Schluss. Kein Ginsterbusch, kein Felsbrocken kann uns mehr Deckung bieten. Eine offene Grasfläche breitet sich vor uns aus, auf der der Hirsch äst und immer wieder sichert. Jetzt kann ich ihn genauer ansprechen: Ein gerader Vierzehnender, mit mächtigen Stangen und starkem Rosenstockumfang. Für diese Region ein Kapitaler. 246 m leuchtet im Display auf. Immer noch zu weit. Trotzdem baue ich das Zweibein auf, lade die Büchse und richte mich für einen liegenden Schuss ein. Vorsichtig drücke ich die Waffe aus der Schulter und setze den Hinterschaft ab. Zum Entsetzen von Alberto nehme ich meine Hände wieder an den Mund und rufe – ohne meinem Jagdfreund eine Chance zu lassen, zu intervenieren. Der Hirsch reagiert sofort. Doch nicht wie Alberto befürchtet. Mit erhobenem Haupt zieht er im Troll ca. 50 m auf uns zu. Dann verhofft er und sichert wieder. Ein zweites, tieferes Röhren von mir quittiert der Geweihte ebenfalls mit einer gereizten Antwort, und wieder stürmt er auf der Suche nach seinem Kontrahenten in unsere Richtung. Jetzt ist er nah genug.

Im Schuss zeichnet der Hirsch deutlich, flüchtet aber mit mächtigen Sätzen talwärts. Eine zweite Kugel gewährt er mir nicht. „Du bist gut abgekommen“, berichtet Alberto direkt. Wir stehen sofort auf und können noch zwischen den Büschen die Kronen des Geweihs verschwinden sehen. Mit einem Mal ist alles still um uns. Kein Vogel zwitschert, keine Biene summt, kein Windhauch ist zu hören. Nur ein tiefes Schnauben kommt aus dem tiefen Tal etwa 400 Höhenmeter unter uns.

Zusammen gehen wir zum Anschuss. Helles Rot auf fahlem Grün leuchtet uns schon von Weitem entgegen. Der Treffer ist tödlich, darin sind wir uns sicher. Vorsichtig machen wir uns an den Abstieg, nachdem Alberto zwei Helfer mit Pferden herbeigerufen hat. Während sie unten das Tal in unsere Richtung entlangreiten, versuchen wir, den Hirsch zu finden. Bei der Schweißfährte aber kein Problem. Nach einer halben Stunde stehen wir am verendeten Stück. Gemeinsam brechen wir auf, schlagen es aus der Decke sowie das Haupt ab und zerwirken das Wildbret. Als es sauber in Einzelteilen verpackt ist, warten wir noch etwa eine Stunde auf Helfer und Pferde. Die Sonne verschwindet schon hinter den Bergen, bis wir alles verladen haben. Gemütlich und auf die Trittsicherheit der Reittiere vertrauend, geht es im Dunkeln zurück zum Zeltlager. Es ist eine mondlose Nacht mit klarem und sternenübersäten Himmel. Noch auf dem Pferderücken schaukelnd, freue wir uns alle auf frisch gebratene Hirschlende.

Beim gemeinsamen Abendessen erzählen die Jäger den Helfern von der Erlegung des Hirsches.


Alberto (r.) und der Autor freuen sich über den kapitalen Zufallsfund.


Foto: Pedro Ampuero/Javi Martinez

Fotos: Pedro Ampuero/Javi Martinez

Fotos: Pedro Ampuero/Javi Martinez

Fotos: Pedro Ampuero/Javi Martinez