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Aus altem Glück mach neues


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 43/2022 vom 22.10.2022

Der große abgeschlossene ADELS-ROMAN

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Seit sie aus Berlin aufgebrochen war, trug Bennice ein Lächeln im Gesicht Hinter ihr lag ein Praxissemester in der aufregenden Megastadt – eine spannende Erfahrung. Doch jetzt freute sie sich riesig, wieder nach Hause zu kommen. In die vertrauten Mauern des Schlosses, wo jeder Winkel die Erinnerung an eine glückliche Kindheit atmete.

Während der letzten Kilometer kreisten ihre Gedanken schon um die bevorstehenden Ereignisse.

Sie würde ein, zwei Tage gar nichts tun, alte Freunde treffen, vielleicht mit ihrer Mutter zum Shoppen gehen. Und natürlich ihre geliebten Pferde wiedersehen!

Bennice und ihre Schwester Yolanda waren von jeher pferdeverrückt. Ihr Vater, Graf Armand, selbst ein passionierter Reiter, hatte diese Leidenschaft von Anfang an gefördert. Aus dem kleinen Stall, den er seinerzeit am Rand des Schlossparks für seine Pferde und die ...

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... Ponys der Töchter errichtet hatte, war mittlerweile eine eigenständige Reitanlage geworden.

Eng damit verbunden war der örtliche Jagdverein, der unter der Schirmherrschaft des Grafen jedes Jahr im Herbst eine große Reitjagd auf dem Gelände rund um Schloss Röthenstein veranstaltete. Diese und der anschließende glanzvolle Abendempfang im Schloss hatte sich zu einem gesellschaftlichen Ereignis entwickelt, dem die ganze gräfliche Familie jedes Jahr mit gespannter Erwartung entgegensah.

Es dämmerte schon, als Bennice in die Zufahrt zum Schloss einbog. Die mächtigen Bäume im Park trugen ihr farbenfrohes Herbstlaub, was im letzten Tageslicht einen warmen rötlichen Schimmer auf die Fassade des Gebäudes warf. Im Kontrast dazu hob sich die breite Freitreppe hoch zum Portal leuchtend weiß davon ab. Automatisch warf Bennice einen Blick zu den Fenstern im Ostflügel, in dem sie und ihre Schwester ihre Zimmer hatten. Efeu bewucherte mittlerweile beinahe die komplette Front, nur die Fenster waren akkurat freigeschnitten. Jetzt aber lag alles dunkel, so wie auch im Rest des Hauses. Yolanda würde erst in ein paar Tagen eintreffen. Aber war denn sonst niemand da?

Bennice stellte ihr Auto ab und lief die Treppe hoch, gerade als die schwere Tür sich öffnete. Irma, Haushälterin und gute Seele seit jeher, strahlte ihr warm entgegen.

„Willkommen zu Hause“, sagte sie herzlich. „Wie schön, dass du da bist. Wie war die Fahrt?“

„Gut. Danke. Ja, ich freu mich auch.“ Bennice trat ein, warf einen schnellen Blick durch die große Halle und sah Irma dann fragend an. „Sind meine Eltern nicht da?“

Irma zögerte kaum merklich. Dann schmolz ihr Lächeln ein Stück zusammen. „Die gnädige Frau ist oben“, sagte sie.

Zugleich nahm Bennice oben auf der Galerie eine Bewegung wahr. Da kam ihre Mutter auch schon die Treppe herunter, lächelte ihr entgegen und zog sie in die Arme. „Bennice, meine Liebe. Wie schön dich zu sehen.“

Sidonie Gräfin von Röthenstein war mit Ende 50 immer noch so schön und elegant wie in jungen Jahren. Hochgewachsen, schlank, stets umgeben von einer Aura vornehmer Zurückhaltung und einem Hauch Chanel-Duft. Von ihr hatte Bennice die Stilsicherheit und Diplomatie geerbt. Das Temperament eher von ihrem Vater.

„Wo ist Papa?“, fragte sie, als ihre Mutter die Umarmung löste.

„Vielleicht trinken wir erst eine Tasse Tee“, wich Sidonie aus und bedachte Irma mit einem seltsamen Blick. Die nickte und verschwand in Richtung Küche, und Sidonie wies auf die Bibliothek. „Hein hat den Kamin befeuert. Oder möchtest du dich erst frisch machen und deine Sachen verstauen?“

Bennice grinste. „In der Reihenfolge. Und dann plaudern wir.“

Die Atmosphäre ist verkrampft, stellte Bennice irritiert fest

Als sie wenig später in die Bibliothek kam, saß ihre Mutter in einem der Polstersessel. Auf dem Tisch dampfte Tee in einer Kanne, daneben stand ein Schälchen mit Gebäck, ein knisterndes Feuer im Kamin verbreitete gemütliche Wärme. Die Szene war heimelig, und dennoch wirkte die Atmosphäre irgendwie verkrampft.

„Stimmt irgendwas nicht, Mama?“, fragte Bennice irritiert.

Sidonie sah einen Moment nachdenklich in die Flammen. Dann richtete sie den Blick fest auf ihre Tochter. „Dein Vater und ich …“, begann sie, brach ab und schien ihre Worte abzuwägen. „Wir haben uns getrennt“, kam es dann ruhig.

„Getrennt“, echote Bennice. Das Wort mochte ihr kaum über die Lippen. Und ihre Gedanken stoben erschrocken auseinander. „Aber was, äh, ich meine … warum?“, brachte sie schließlich hervor.

Sidonie schickte einen weiteren langen Blick in die Flammen, als läge dort die Antwort auf diese Frage. „Es ist schwer, einen einzelnen Grund auszumachen“, sagte sie schließlich ausweichend. „Fakt ist, dass wir an einen Punkt geraten sind, wo einige Dinge neu überdacht werden müssen.“

Bennice starrte ihre Mutter an. Es wollte einfach nicht in ihren Kopf. Die beiden waren doch immer ein perfektes Paar gewesen! Oder war das nur Fassade?

Als hätte sie ihre Gedanken gelesen setzte Sidonie hinzu: „Dinge ändern sich, Menschen ändern sich. Vielleicht ist es ja auch nicht das Ende. Aber im Moment haben wir uns eine Auszeit verordnet.“

„Wo ist er jetzt?“, wollte Bennice wissen. „Wo wohnt er?“

„In einem Hotel.“ Sidonie lächelte schmal. „Aber nun lass uns von etwas Anderem reden.“

Sie plauderten noch über Neuigkeiten aus der Verwandtschaft und aus dem Stadtgeschehen. Diese Hiobsbotschaft aber ließ Bennice nicht los und erfüllte sie mit einem Gefühl tiefer Ernüchterung.

Am nächsten Tag gleich nach dem Frühstück machte Bennice sich auf zu den Pferden. Es gab kaum einen Kummer, der dem warmen lebendigen Stallgeruch oder dem Gefühl von weichem Pferdefell unter den Fingern standhielt.

Die Reitanlage bestand aus mehreren Trakten, für die Einsteller, ihre eigenen Pferde und die Schulpferde für den Reitbetrieb. Als Bennice den Hof überquerte lugte ein bekanntes Gesicht aus einem der Stalltüren. Simon! Bennice hatte gehofft, ihn hier zu treffen.

Da bemerkte er sie auch schon, grinste und winkte herüber. „Hey, Prinzessin. Wieder im Lande?“

Mit ein paar langen Schritten war er bei ihr, zog sie kurz an sich und küsste sie auf beide Wangen.

Bennice strahlte. „Ja, seit gestern. Und bei dir? Alles klar?“

„Sicher.“ Er nickte, grinste breit und sah über die Schulter. „Mein alter Herr kann Untätigkeit nicht sehen. Deshalb hat er mich eingespannt, ihm zur Hand zu gehen. Ich hab ja schließlich noch Ferien.“

Bennice folgte seinem Blick und entdeckte den alten Haudegen am Tor. Dieter Messner war Pferdemensch mit Leib und Seele und der beste Stallmeister, den sie sich wünschen konnten. Er hatte gehofft, sein Sohn würde in seine Fußstapfen treten. Dass der studieren wollte, war lange Zeit ein Reizthema. Jetzt war Simon fast fertiger Rechtsanwalt und Hobbyreiter. Dazu Freizeitstallknecht, wie er gerne scherzte. Und Bennices Lieblingsfreund, Seelentröster und bester Kumpel seit Jugendtagen.

Der alte Stallmeister nickte einen Gruß, den Bennice lächelnd erwiderte. Dann winkte er seinen Sohn heran. Simon schnitt eine Grimasse. „Ich muss. Wir sind gleich mit dem Förster verabredet, um die Strecke für die Jagd festzulegen. Aber später können wir uns ja zum Quatschen treffen?“

Sie verabredeten sich für den Nachmittag in einem Café. Da würde sie ihn um Rat fragen, wie sie mit der Krise ihrer Eltern umgehen sollte, beschloss Bennice. Dann aber tauchte sie tief ein in diesen Mikrokosmos, der sich nur um Pferde drehte, und vergaß für die nächsten Stunden alles andere.

Simon war Kumpel, Seelentröster, bester Freund seit jeher!

Simon wartete schon, als sie in dem Lokal eintraf, lässig in Jeans und Pullover und mit seinem typischen verschmitzten Grinsen. Es tat Bennice gut, ihn zu sehen – er würde wissen, was jetzt zu tun war.

So kam sie gleich zur Sache und erzählte, was ihre Mutter ihr gestern eröffnet hatte. Sie sprach auch über das Chaos ihrer Gefühle, Verwirrung, Betroffenheit, Traurigkeit, und ihre Sorge, die Familie könnte zerbrechen. Sie redete sich alles von der Seele, und Simon hörte still und aufmerksam zu.

So war es immer schon gewesen. Sie konnte ihm alles sagen, und meist hatte er einen wertvollen Rat oder gar die Lösung ihres Problems parat. Diesmal schwieg er lange, als sie geendet hatte. „Was meinst du dazu?“, fragte Bennice bang.

Simon zögerte. „Zu den Gründen hat deine Mutter nichts gesagt?“, wollte er dann wissen.

„Nein. Sie sagte nur, dass es wohl mehr als einen Grund gibt.“

„Mag sein“, räumte Simon ein. „Aber es ist eine Frau im Spiel.“

Was er dann erzählte, gerann zu einem bitteren Kloß in Bennices Kehle. Es war sozusagen der Klassiker. Die junge Praktikantin, die dem Chef den Kopf verdreht hatte. Was für ein Alptraum!

„Dann weiß es schon die ganze Stadt?“, fragte Bennice tonlos.

„Nein, bestimmt nicht. Bloß, ich kenne diese Frau zufällig.“

Bennice starrte ihn an. Sie wollte es gar nicht wissen und fragte es dennoch: „Wie ist sie?“

Wieder zögerte Simon. „Sehr hübsch“, meinte er schließlich. „Aber sonst nicht viel dahinter. Sie hat keinesfalls das Format deiner Mutter. Ich denke, das wird dein Vater auch erkennen.“

Mit dieser Aussage versuchte Bennice sich zu trösten, was nur halbwegs gelang. Dafür erwartete sie zurück im Schloss eine schöne Überraschung. Yolanda war eingetroffen! Die Schwestern fielen sich lachend in die Arme und redeten erst einmal wild durcheinander.

Yolanda hatte ein Auslandssemester absolviert, würde aber jetzt ihr Studium hier fortsetzen. „Hast du es schon gehört?“, fragte Bennice, nachdem sie ihre Schwester losgelassen und aufmerksam in deren Gesicht gelesen hatte.

Yolanda nickte. „Das mit Papa? Ja, Mama hat es mir erzählt. Schöner Käse. Was meinst du, wie geht das Ganze jetzt weiter?“

Bennice hob ratlos die Schultern. „Wenn man das wüsste.“ Dann erzählte sie knapp, was sie vorhin von Simon gehört hatte.

Yolanda legte die Stirn in Falten. „Schöner Käse“, wiederholte sie. „Na, lass uns nach Mama sehen.“

Sie fanden ihre Mutter in der Eingangshalle, wo sie mit einem Korb voller Rosenzweige stand, die sie in einer Vase arrangierte. Als sie heran traten lächelte Sidonie ihnen entgegen. „Die letzten Boten des Sommers“, sagte sie. „Bevor es endgültig Herbst wird.“

Bennice und Yolanda tauschten einen Blick. Sie dachten in diesem Moment beide das Gleiche. Der Herbst stand für das große Ereignis, das untrennbar mit der Person ihres Vaters verknüpft war. Bennice sprach es schließlich aus. „Was wird eigentlich dieses Jahr aus der Reitjagd? Und dem Empfang?“

Sidonie ließ sich mit der Antwort Zeit. Sie rückte einen Rosenzweig zurecht, zupfte hier und da ein paar verwelkte Blätter ab und begutachtete ihr Werk. Dann wandte sie sich ihren Töchtern zu, sah von einer zur anderen und lächelte schließlich. „Beides findet statt wie geplant. Und ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mir einige der Vorbereitungen abnehmt.“

Bennice atmete hörbar auf. Auch Yolanda wirkte erleichtert. „Selbstverständlich“, versicherte sie und nickte ihrer Schwester zu. „Wir reden beim Abendessen darüber.“

Das taten sie, und auf diese Weise waren die drei so auf das gemeinsame Ziel fokussiert, dass alle Probleme außen vor blieben.

Später, als Gräfin Sidonie sich zurückzog und die Schwestern sich ebenfalls auf den Weg in ihre Zimmer machten, zögerte Yolanda.

Papa in den Armen einer viel zu jungen Frau – schrecklich!

Sie hatten eine so intuitive Verbindung, dass Bennice fühlte, was ihre Schwester dachte, noch bevor die es aussprach: „Es ist nicht das Gleiche – ohne Papa.“ „Nein. Ist es nicht. Aber wir werden das Beste daraus machen.“ Schweigend liefen sie weiter durch den Flur zum Ostflügel, wo jede ein geräumiges Zimmer mit eigenem Bad bewohnte. Vor ihrer Tür hielt Yolanda wieder inne und sah Bennice an. „Was meinst du, werden sie sich scheiden lassen?“

Bennice antwortete nicht gleich. Sie musste gegen das Bild ihres Vaters in den Armen einer viel zu jungen Frau ankämpfen. Dann aber dachte sie an Simons tröstliche Einschätzung und fühlte ein Lächeln auf ihre Lippen schlüpfen. „Nein“, sagte sie schließlich. „Das kann ich nicht glauben.“

Die erwartungsfrohe Stimmung nach diesem Abend trug sie durch die nächste Zeit. Sie hatten die Aufgaben verteilt und waren jede für sich gut beschäftigt. Yolanda würde sich um Menü und Catering für den Empfang kümmern. Ihre Mutter übernahm die Dekoration und bereitete die Begrüßungsrede vor. Und Bennice wollte sich in die Organisation der Reitjagd einbringen. Dass auch Simon an dieser Aufgabe beteiligt war, sah sie als erfreulichen Nebeneffekt.

Eine knappe Woche vor dem Ereignis war die gesamte Planung unter Dach und Fach. Zeit jetzt, sich um den eigenen Auftritt zu kümmern. Bennice sagte gerne zu, als ihre Mutter vorschlug, gemeinsam zum Einkaufen zu gehen.

Sidonie hatte eine neue Lieblingsboutique, von der sie geradezu schwärmerisch erzählte. Bennice wiederum freute sich an der Unbeschwertheit und dem Optimismus ihrer Mutter. Auf dem Weg durch die Innenstadt waren sie in eine angeregte Unterhaltung über Modefragen vertieft, als Bennices Blick plötzlich auf einen Laden ein Stück voraus gezogen wurde.

Dort vor dem Schaufenster standen ein Mann und eine Frau. Er sagte etwas und sie lachte, wobei sie den Kopf in den Nacken legte und das lange Haar schüttelte.

Bennice verspürte ein seltsam leeres Gefühl in der Brust. Sie verhielt ihren Schritt und fasste nach Sidonies Arm. „Schau doch nur, dort vorne ist Papa“, sagte sie leise.

Ein Ruck ging durch Sidonies Körper. Sie straffte sich, und ein entschlossenes Funkeln trat in ihre Augen. „Und wenn schon“, gab sie zurück. Damit setzte sie hoch erhobenen Hauptes ihren Weg fort.

Nach kurzem Zögern lief Bennice neben ihr her. In diesem Moment drehte Graf Armand den Kopf und sah zu ihnen herüber. Ein seltsamer Ausdruck zuckte über sein Gesicht, den Bennice nicht deuten konnte. Sein Blick lag unverwandt auf ihrer Mutter, bis sie heranwaren und Sidonie vor ihm stehen blieb.

„Hallo, Armand“, sagte sie in einem so normalen Tonfall, dass Bennice nur staunen konnte. Sie streifte seine Begleiterin mit einem kurzen, sachlichen Blick und sah ihrem Mann dann wieder ins Gesicht. „Machst du Besorgungen?“

„Wir, also, ich …“ Armand räusperte sich nervös. Ihm war die Situation offensichtlich äußerst unangenehm. „Äh, ja. Besorgungen“, murmelte er dann. „Und ihr?“

„Wir statten uns neu aus“, erklärte Sidonie und blinzelte ihrer Tochter vergnügt zu. „Für den Empfang“, setzte Bennice hinzu.

„Für den Empfang“, echote der Graf dumpf. „Das Fest nach der Jagd. Na dann. Viel Vergnügen.“

„Ebenso.“ Sidonie nickte ihm zu. Sehr aufrecht, ohne sich noch einmal umzusehen, ging sie davon.

Bennice folgte ihr, konnte aber nicht widerstehen, einen schnellen Blick über die Schulter zurück zu werfen. Da stand ihr Vater reglos am selben Fleck und sah ihnen hinterher, während das hübsche Gesicht seiner Begleiterin irritiert und ein wenig missmutig wirkte.

Sidonie hatte nicht zu viel versprochen. Der Laden war klein, aber fein, die Beratung stilsicher und kompetent. Als sie irgendwann beladen mit großen Tüten wieder auf die Straße traten, hatten sie ein paar außergewöhnliche Kleidungsstücke erstanden. Mehr vielleicht, als eigentlich geplant … als Trost, oder vielleicht gegen den Frust?

So souverän wirkte Gräfin Sidonie, so verletzlich zugleich

Bei diesem Gedanken warf Bennice ihrer Mutter einen prüfenden Blick zu. Sidonie strich sich eben die Haarsträhne aus den Augen, die eine Bö aus ihrer Frisur gerissen hatte. Sie wirkte unerschütterlich in diesem Moment und so verletzlich zugleich, dass Bennice eine Welle von Zärtlichkeit überfiel.

Sie lächelte weich. „Du warst großartig vorhin“, sagte sie bewundernd. „So stark und souverän.“

„Danke.“ Sidonie lächelte schwach. „Es hat aber auch viel Kraft gekostet. Fast 30 Jahre Ehe wischt man nicht einfach so weg.“

Bennice nickte betroffen. „Ja. Das kann ich mir denken. Wie soll es denn jetzt weitergehen?“

Sie sahen sich einen Moment schweigend an. Anders als bei ihrer Schwester war es Bennice nicht möglich, die Gedanken und Gefühle ihrer Mutter zu deuten. Dafür war Sidonie zu beherrscht. Auch jetzt verschleierte ihre glatte Miene, wie es wirklich in ihr drinnen aussehen mochte. Dann aber kehrte ihr heiteres Lächeln zurück. „Vielleicht mit einer schönen Tasse Kaffee?“, schlug sie vor.

Bennice lachte. „Gute Idee. Komm, heute lade ich ein.“

Sie erwähnten die Begegnung vorhin mit keinem weiteren Wort. Gönnten sich jede ein Stück Kuchen, plauderten, zogen ihre Einkäufe noch einmal hervor und überlegten verschiedene Kombinationsmöglichkeiten. Dennoch verspürte Bennice nicht mehr die gleiche Unbeschwertheit wie zuvor.

Ihren Vater mit dieser anderen Frau zu sehen, die Distanziertheit zwischen ihren Eltern zu erleben, all das hatte den Ernst der Situation erst richtig greifbar gemacht.

Ob Sidonie das ebenso empfand? Bennice musterte ihre Mutter verstohlen, fand jedoch keine Antwort in ihren Zügen. Und direkt zu fragen scheute sie sich.

Später am Abend saß Bennice mit ihrer Schwester zusammen und berichtete von ihren Erlebnissen. „Da ist mir die ganze Tragweite dieser Angelegenheit erst richtig klar geworden“, versuchte Bennice zu erklären, als sie über das Zusammentreffen ihrer Eltern sprach. „Die beiden so zu sehen, wie Fremde fast, und Papa mit dieser anderen Frau … das war verstörend.“

Yolanda machte ein betretenes Gesicht. „Und er und Mama, sind sie denn noch … ich meine, als sie sich angesehen haben, war da noch Gefühl da?“, wollte sie wissen.

Bennice dachte lange nach. „Das kann ich nicht sagen“, meinte sie schließlich. Sie versuchte, sich die Szene vom Nachmittag noch einmal bildhaft vorzustellen – das distanzierte Lächeln ihrer Mutter, Armands sonderbaren Ausdruck – und konnte doch keine Schlüsse daraus ziehen. Schließlich zuckte sie ratlos mit den Schultern. „Das kann ich nicht sagen“, wiederholte sie. „Allerdings hoffen …“

Die nächsten Tage waren randvoll verplant mit den letzten Vorbereitungen. Nach und nach trafen auch die Lieferungen ein. Kisten mit Wein und Champagner, ein ganzes Sortiment bunter Flaschen für diverse Cocktailgetränke, Fruchtsäfte eines regionalen Anbieters und viel Mineralwasser.

Das Cateringunternehmen sandte einen Trupp Helfer, um in einer Ecke des Foyers eine Bar mit Stehtischen aufzubauen. Und ein Gärtnereibetrieb sorgte für Blumenschmuck und frisches Grün. Im Außenbereich würden glitzernde Lichterketten die Gäste empfangen, und große Kübel mit herbstlicher Bepflanzung die Treppe und das Portal flankieren.

Gräfin Sidonie schaffte es irgendwie, überall gleichzeitig zu sein und ein wachsames Auge auf alle Arbeiten zu halten. Das Fest sollte nichts weniger als perfekt werden, diesen Anspruch stellte sie jedes Jahr aufs Neue an sich selbst.

Am letzten Abend war Bennice schrecklich aufgeregt. Immer wieder versuchte sie sich den morgigen Tag auszumalen. Von Dieter Messner hatte sie erfahren, dass ihr Vater sich nun auch offiziell bei der Reitjagd entschuldigt hatte. Der Vorsitzende des Jagdvereines würde an seiner Stelle die Begrüßung übernehmen, den Ritt selbst hätte er ohnehin nicht begleitet. Aber könnte sie sein Fehlen ausblenden?

„Alles wird gut!“, schrieb Simon – für das Wetter galt das

Bevor sich diese Gedanken in ihrem Kopf verknoten konnten meldete ihr Handy piepsend den Eingang einer Nachricht. Von Simon! Als hätte er gespürt, dass sie gerade Aufmunterung gebrauchen konnte. Mit einem weichen Lächeln las Bennice die Worte: „Ich freu mich auf Morgen, Prinzessin. Alles wird gut werden.“

Sie nickte, obwohl er das ja nicht sehen konnte, drückte das Handy einen Moment versonnen an die Brust und tippte dann die Antwort. „Danke. Ja. Alles wird gut.“

Zumindest das Wetter war schon mal gut. Der Dunst hing noch über den Koppeln, als sie sich früh am nächsten Morgen auf der Reitanlage versammelten, doch der Himmel war klar, und es versprach ein schöner Tag zu werden. Auch Bennice ließ sich rasch von der aufgeregten Spannung anstecken.

Immer mehr Reiter im roten Jagdrock und weißen Reithosen versammelten sich, die Hundemeute war kaum zu bändigen, und immer wenn sie Simons Lächeln auffing, wallte ihre Aufregung gleich noch ein Stück höher.

Nach einer kurzen Ansprache des Vereinsvorsitzenden ging es los. Mit Hufgetrappel und aufgeregtem Gebell verließen sie den Hof. Die Hunde folgten der Spur einer zuvor ausgelegten Fährte, die in weitem Bogen durch Wald, Felder und Wiesen über zahlreiche natürliche Hindernisse führte.

Bennice ritt im Mittelfeld. Sie hatte alles andere aus ihrem Kopf verbannt und genoss diese Augenblicke in vollen Zügen. Yolanda an ihrer Seite wirkte ebenfalls gelöst und glücklich. „Alles klar bei dir?“, rief Bennice ihr zu. Yolanda strahlte. „Ja. Bestens.“ Als sie den Park verließen kam von vorne das Kommando zum Antraben, und im leichten Trab bewegten sie sich über einen weichen sandigen Feldweg, den niedriges Buschwerk säumten. Ein würziger Duft nach wilden Kräutern und feuchter Erde lag in der Luft, und Bennice atmete tief und genoss den frischen Wind auf der Haut.

Es war ein wunderbarer Ritt. Über Stoppelfelder ging es dahin, an deren Rand immer wieder Baumstämme und niedrige Gatter als Hindernisse aufgestellt waren. Auf einer Waldlichtung wurden die Reiter von einer Gruppe Helfern mit Erfrischungen erwartet, und danach lud eine lang gezogene Wiese zu einem frischen Galopp ein.

Bennice hielt ihre Stute nicht zurück, die übermütig davonschoss, und als plötzlich Simon ganz dicht neben ihr auftauchte legten sie den Rest der Galoppstrecke Seite an Seite zurück.

Atemlos und glücklich zügelte Bennice an ihrem Ende ihr Pferd, und auch Simon bremste seinen Schimmel und lächelte ihr zu.„Gut, dass du in Berlin das Reiten nicht verlernt hast“, flachste er.

Bennice lachte. „Ich werd schon nicht zur Großstadtpflanze. Heute Abend wollen wir mal sehen, ob du nicht das Tanzen verlernt hast.“

Sein Lächeln vertiefte sich, und Bennice erfüllte mit einem Mal eine warme Vorfreude. Egal, wie auch immer der Abend verlaufen würde. Mit Simon an ihrer Seite wäre sie für alles gewappnet.

Zurück im Hof der Reitanlage gab es einen Umtrunk für die Reiter und das Curée für die Hunde, ihre wohlverdiente Belohnung aus großen Fleischbrocken, auf die sich die Meute gierig stürzte.

Anschließend versorgten die Schwestern rasch ihre Pferde und machten sich auf den Rückweg ins Schloss. „Was meinst du, wie wird es sich anfühlen?“, fragte Yolanda.

Bennice wusste sofort, was sie meinte. Der Empfang ohne ihren Vater – absolut undenkbar eigentlich. „Ach, das wird schon“, antwortete sie und bemühte sich um eine optimistische Miene. Was sollte sie auch sonst sagen?

Im Schloss war die Tafel in der Bibliothek eingedeckt, das Buffet vorbereitet, und zwei dienstbare Geister bauten im Foyer die Pyramide aus Champagnergläsern auf.

Yolanda und Bennice zogen sich in ihre Zimmer zurück, um sich frisch zu machen und in Schale zu werfen. Bald würden die Gäste eintreffen, und mit jeder Minute stieg Bennices Lampenfieber höher.

Simon zu entdecken erfüllte Bennice mit großer Zuversicht

Als sie sich kurz vor der offiziellen Eröffnung wieder in der Halle einfanden, vibrierte ihr die Spannung richtig in der Brust. Bevor die sich aber zu einem nervösen Knoten verdichten konnte, entdeckte sie Simon. Bennice lächelte breit. Weil sie plötzlich so eine Zuversicht erfüllte, als könne jetzt nichts mehr schiefgehen. „Du siehst gar nicht übel aus“, bemerkte sie beschwingt, als er herankam und die dargebotene Wange küsste.

Simon grinste. „Du aber auch nicht. Fast zum Verlieben.“ Dabei zwinkerte er ihr zu, und bestimmt sollten die Worte scherzhaft klingen. Trotzdem erfasste Bennice ein seltsam flatterndes Gefühl im Bauch. Wie die Aufregung vorhin. Nur irgendwie doch anders …

Wenig später blieb zum Nachdenken keine Zeit mehr. Das Foyer füllte sich rasch mit elegantem Publikum, es wurden Höflichkeiten ausgetauscht und Gläser herumgereicht. Gräfin Sidonie plauderte und lächelte nach allen Seiten, charmant und ungezwungen.

Als sich erwartungsvolle Blicke auf sie richteten, erbat sie sich Ruhe und ergriff das Wort. Flankiert von ihren Töchtern hielt sie souverän eine launige Begrüßungsrede, die mit Heiterkeit und Applaus honoriert wurde. Bennice blinzelte stolz zu ihr hinüber. Sie wollte ihr gerade ihre Anerkennung zuflüstern, als Sidonie mit einem gebannten Ausdruck zum Eingang hinsah. Bennice folgte ihrem Blick – und spürte im nächsten Moment einen harten Knoten im Magen.

Dort an der Tür stand Graf Armand und sah unverwandt zu ihnen herüber. Ein Blick wie ein Richtstrahl, der durch den Raum flog, zielgenau zu ihrer Mutter – und einen Augenblick lang schien die Welt den Atem anzuhalten.

Dann brach das Hier und Jetzt wieder über sie herein, Stimmengewirr, Musik – und Simons Hand, die die von Bennice mit Nachdruck umfasste und festhielt.

Die Berührung holte Bennice auf den Boden zurück, genau im richtigen Moment. Sie sah zu ihm hin, sah Verstehen in seinem Blick, Anteilnahme, Herzlichkeit. Es brauchte keine Worte zwischen ihnen. Ein Lächeln, ein Nicken, und die Welt war wieder rund.

Da kam auch schon Bewegung in die Menschen dort an der Tür, als die Gäste Armand entdeckten. Hände wurden ihm entgegengestreckt, seine Schulter geklopft, bis er umringt von zahlreichen Leuten in der Menge verschwand.

Sidonie stand noch einen Moment reglos. Dann riss sie sich los und übernahm wieder die Rolle der Gastgeberin, so gefasst und charmant, als wäre nichts gewesen.

Es wurde dann ein rundherum gelungenes Fest. Bennice lachte viel, tanzte immer wieder und ertappte sich mehrfach bei dem Gedanken, wie attraktiv Simon in seinem schicken Anzug aussah. Und wie leichtfüßig ihr Herz schlagen konnte, wenn er ihr zulächelte!

Immer wieder trafen sich ihre Blicke, als hätte er eine Antenne dafür, wann sie nach ihm Ausschau hielt. Und als sie eben überlegte, sich etwas zu trinken zu besorgen, stand er auch schon mit zwei Gläsern in der Hand vor ihr. „Auf das strahlendste Lächeln des Abends“, sagte er und prostete ihr zu.

Bennice lachte. „Danke. Das liegt nur an dem charmanten Tänzer.“ Sie hob ihr Glas ebenfalls und sah ihm fest in die Augen. Einen kurzen Moment blitzte etwas darin auf, das ihr unverhofft in den Bauch fuhr und dort wie Brausepulver prickelte. Sie blinzelte irritiert. „Wo stecken eigentlich meine Eltern?“, lenkte sie ab. „Ich denke, äh, ich gehe sie mal suchen.“

Damit kehrte sie dem festlichen Trubel den Rücken, froh über diesen Moment mit sich allein. Was war das eben gewesen? Simon hatte sie schon unzählige Male angesehen. Wieso reagierte ihr Köper plötzlich so merkwürdig?

Sie kam nicht dazu, diese Überlegung zu vertiefen. In Armands Arbeitszimmer nämlich entdeckte sie ihre Eltern. Sie saßen da auf dem Sofa, in ein ruhiges Gespräch vertieft. Bennice blieb an der Tür stehen und versuchte die Szene zu deuten. Ihre entspannten Mienen ließen eine vorsichtige Hoffnung keimen. Vielleicht war ja doch noch nicht alles zu spät!

Irgendwann hob Armand plötzlich den Kopf und sah zu ihr herüber. Dann erhellte ein Lächeln seine Züge. „Ah, Bennice“, sagte er. „Ich hab dich gar nicht gehört.“

Bennice atmet auf – die Eltern wieder glücklich! Und sie?

Bennice sah von einem zum anderen. Sah Sidonie strahlen, sah das Leuchten in den Augen ihres Vaters und fühlte ihre Brust weit werden. Sie zwinkerte ihm zu. „Ich bin auch gar nicht da. Einer muss sich doch um die Gäste kümmern.“

Sprach’s, zog sich leise zurück und schloss die Tür. Draußen lehnte sie sich einen Moment dagegen und atmete tief durch. Was für ein Tag! Ihre Eltern wieder glücklich.

Und sie? Bei dem Gedanken an Simon schäumte sofort wieder dieses Flirren in ihrem Bauch auf und spülte ein Gefühl wilder, prickelnde Freude hoch. Konnte das denn sein …? Sich zu verlieben in den besten Freund, nach all den Jahren, in einem einzigen Augenblick?

Bennice horchte aufmerksam in sich hinein und spürte ein neues, tiefes, überwältigendes Gefühl von Glück. Ja, musste sie schließlich zugeben. Es konnte wohl sein!

Diese Erkenntnis durchzuckte sie wie ein Stromstoß, katapultierte sie vorwärts durch die Räume.

Sie fand Simon in einer Ecke des Foyers, stürzte auf ihn zu, mit fliegendem Puls und leuchtenden Augen. Einen stummen Moment sahen sie sich nur an. Dann war sie es, die seine Hand in ihre nahm und fest drückte, wortlos, befangen und zugleich sicher wie nie zuvor.

Und Simon verstand. Sie las es in seinem Blick. Wie Schlaglichter blitzten Szenen in ihr auf aus ihrer langen gemeinsamen Zeit, als er immer da war, immer das Richtige gesagt und getan hatte. Und fast erschüttert befiel Bennice die plötzliche Ahnung, dass er ihr von Anfang an ins Herz gesehen hatte.

Dann wusste er auch jetzt, was sie fühlte. „Möchtest du mich vielleicht küssen?“, stieß sie hervor.

Er nickte nur stumm. Zog sie an sich, lächelnd, zärtlich. Und wieder hielt die Welt den Atem an. Diesmal aber vor lauter Seligkeit.

ENDE

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LIEBES-ROMAN