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AUS DEM BAUCH HERAUS


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 29.11.2021

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 12/2021

Vor zehn Jahren erkrankte Kaitlyn schwer. Die 28-jährige Pflegekraft aus Ontario, Kanada, litt unter schmerzhafter Verstopfung, wiederkehrendem Fieber und verlor immer weiter an Gewicht. „Wenn ich zu viel aß, musste ich mich übergeben“, erzählt sie.

Nachdem mit Untersuchungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa (chronische Erkrankung des Dickdarms) als Ursachen ausgeschlossen worden waren, stellte Kaitlyns Hausarzt die Diagnose Reizdarmsyndrom. Diese chronische Erkrankung löst Krämpfe, Schmerzen und Blähungen, sowie Verstopfung oder Durchfall aus.

Auch wenn ein Reizdarmsyndrom nicht heilbar ist, lässt sich die Krankheit durch einen abgestimmten Lebensstil unter Kontrolle bringen. Eine Ernährungsberaterin erklärte Kaitlyn, dass möglicherweise das Mikrobiom in ihrem Darm – also die dort lebenden Mikroorganismen – aus dem Gleichgewicht geraten sei. Sie empfahl der 28-Jährigen Probiotika. Dies sind ...

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... Mittel, die spezielle Bakterienstämme enthalten. Die Mikroorganismen kommen natürlicherweise in milchsauren Produkten vor, etwa in Joghurt oder Kefir.

Bereits wenige Tage, nachdem Kaitlyn mit der Einnahme begonnen hatte, fühlte sie sich viel besser. „Die Schmerzen und das Fieber verschwanden und ich konnte essen, ohne dass mir schlecht wurde“, sagt sie. Sie meidet weiterhin bestimmte Nahrungsmittel, deren Verzehr ihr Beschwerden verursachen, hat aber wieder Gewicht zugelegt.

IHR DARM IST GESUND, WENN ER EINE GROSSE VIELFALT VERSCHIEDENER BAKTERIENARTEN AUFWEIST

Was genau macht eigentlich die Darmflora, wie das Mikrobiom im Darm auch genannt wird? Stellen Sie sich ein Glas mit Sauerkraut vor. Legt man Kohl in Salzlake ein und schließt ihn luftdicht ab, gedeihen Bakterien, die auf ihm leben, besonders gut. In sauerstoffarmer Umgebung schlüsseln die Mikroorganismen die Bestandteile des Kohls auf – zum Beispiel Kohlenhydrate – und geben dabei Säure ab. Diese verleiht Sauerkraut seinen würzigen Geschmack.

Ein ähnlicher Prozess findet in Ihrem Darm statt, wenn Sie etwas essen: Bakterien zerlegen die Nahrung und verwandeln sie in lebenswichtige Vitamine, Aminosäuren, chemische Stoffe und Gase. Gleich nach der Geburt beginnen Bakterien den Körper zu besiedeln. Weitere Stämme gelangen über die Muttermilch, den Kontakt mit anderen Menschen, Ihre natürliche Umgebung, Nahrungsmittel, sogar über das Haustier zu Ihnen. Im Alter von drei Jahren ist Ihr Mikrobiom weitgehend ausgeprägt.

Die Bakterien, die im Darm leben, verdauen nicht nur Nahrung. Sie beeinflussen auch das Herz-Kreislauf- und Immunsystem, das Gehirn und die Psyche. „Ihr Darm bildet ein eigenes Ökosystem“, erklärt Sean Gibbons, Mikrobiomforscher am Institut für Systembiologie in Seattle, USA. Wie jedes florierende Ökosystem ist Ihr Darm gesund, wenn er eine große Vielfalt mit Hunderten verschiedener Bakterienarten aufweist.

Zwei der wichtigsten sind Firmicutes und Bacteroidetes. Für beide Arten sind Ballaststoffe ein Festschmaus, bei deren Abbau sie unter anderem kurzkettige Fettsäuren produzieren. Diese tragen dazu bei, dass Ihre Darmwand intakt bleibt. Einerseits muss diese durchlässig genug sein, damit Nahrungsbestandteile passieren können. Andererseits drohen Entzündungen, wenn sie zu durchlässig ist.

Sie sollten also beide Bakterienstämme gut „füttern“, sonst wenden sich die Mikroorganismen nämlich anderer Nahrung zu. „Sie fangen dann buchstäblich an, Ihre Darmschleimhaut zu verspeisen“, erklärt Gibbons. Wenn dies passiert, betrachtet Ihr Immunsystem plötzlich viele Bakterien in Ihrem Darm als Eindringlinge und löst eine Reaktion aus, die zu entzündlichen Darmerkrankungen und anderen Problemen im Verdauungs- apparat führen kann.

IST IHR MIKROBIOM GESTÖRT?

Sie haben eine hartnäckige Darmerkrankung

Weniger als 1 Prozent der Europäer leiden unter Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Diese chronischen Erkrankungen lösen Entzündungen aus und schädigen die Darmschleimhaut. Schmerzen, Durchfall und Gewichtsverlust sind die Folge.

Experten wie Professor Eugene Chang, Direktor des Mikrobiom-Forschungsprogramms an der University of Chicago, USA, sind überzeugt, dass Betroffene eine genetische Veranlagung für ein überaktives Immunsystem aufweisen. Dies verändere ihr Mikrobiom so, dass es Bakterien bevorzuge, die bei Entzündungen gedeihen. „Diese Bakterien aktivieren das Immunsystem weiter. Es ist ein Teufelskreis, der die entzündlichen Darmkrankheiten auslöst“, sagt Chang.

Das Reizdarmsyndrom betrifft deutlich mehr Menschen – bis zu 11 Prozent der Bevölkerung weltweit. Viele seiner Symptome sind mit jenen von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa identisch, es löst jedoch keine Entzündungen und Geschwüre aus.

Die genauen Ursache des Reizdarmsyndroms sind ebenfalls unbekannt. Studien haben jedoch gezeigt, dass das Mikrobiom von Reizdarmpatienten Veränderungen aufweist und die Einnahme von Probiotika bei manchen zu einer Besserung führt.

Ihre Medikamente wirken nicht

So wie Mikroben Nahrung zerlegen, bauen sie auch Medikamente ab, was deren Wirkung beeinflussen kann. 2019 untersuchten Forscher für eine Studie 271 Medikamente, die eingenommen werden. Sie fanden heraus, dass die Darmflora bei zwei Drittel der Mittel etwa 20 Prozent der aktiven Substanzen die Wirkung nahm.

Haben Sie beispielsweise – wie ein Drittel der Bevölkerung – zu viele Bakterien vom Typ Eggerthella lenta im Darm, lindert der häufig eingesetzte Wirkstoff Digoxin möglicherweise die Symptome einer Herzerkrankung nicht.

Diese Erkenntnisse sind nicht zuletzt für die Behandlung von Krebserkrankungen von Bedeutung. Vor Kurzem fand man heraus, dass die Darmflora beeinflusst, ob Patienten auf Immuntherapien und Knochenmarkstransplantationen ansprechen.

Aktuell laufen klinische Studien, um zu klären, ob Krebspatienten größere Überlebenschancen haben, wenn sie auf sie abgestimmte Probiotika, eine spezielle Diät oder eine Stuhltransplantation erhalten. Bei Letzterer wird Betroffenen eine kleine Menge Stuhl eines Gesunden zugeführt.

Sie kämpfen mit Ihrem Gewicht

„Vor 20 Jahren dachten wir, dass es bei Fettleibigkeit und Stoffwechselstörungen nur darum geht, wie viel Sie essen“, sagt Chang. „Nun stellt sich heraus, dass anscheinend die Darmflora eine wichtige Rolle spielt.“

MENSCHEN, DIE JUNG MIT VIELEN BAKTERIEN IN BERÜHRUNG KAMEN, LEIDEN SELTENER UNTER ALLERGIEN

Dafür gibt es einige Belege. So verabreichten belgische Forscher vor zwei Jahren im Rahmen einer Studie Personen mit Insulinresistenz, die übergewichtig oder fettleibig waren, ein Bakterium, das im Darm schlanker Menschen häufiger vorkommt. Tatsächlich besserte sich die Insulinresistenz dieser Teilnehmer. Zudem verloren sie mehr Gewicht als die Probanden einer Vergleichsgruppe.

Sie sind niedergeschlagen

Eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigte, dass sich im Darm von Menschen, die unter Depressionen litten, vergleichsweise wenig Coprococcus- und Dialister-Bakterien befanden. Andere Forschung en haben ergeben, dass Mäuse, die eine Stuhltransplantation von depressiven Menschen erhielten, ebenfalls depressiv wurden.

Könnte eine Veränderung der Darmflora die psychische Gesundheit verbessern? Weitere Forschung ist nötig, doch eine australische Studie aus dem Jahr 2017 lieferte vielversprechende Resultate. Dafür wurden Menschen mit schweren Depressionen betrachtet, die Medi kamente nahmen oder in Psycho therapie waren.

Eine Hälfte von ihnen führte nicht nur diese Behandlungen fort, sondern folgte zudem einer Mittelmeerdiät. Diese Form der Ernährung ist reich an Vollkornprodukten, fettarmem Eiweiß, Gemüse und Obst. Bei den Personen der Diätgruppe besserten sich die Depressionen deutlich stärker als in der Vergleichsgruppe.

DAS TUT DEM DARM GUT

Sie leiden unter Allergien

Eine gesunde Darmflora beeinflusst das Immunsystem positiv. Reagiert dieses überempfindlich, erhöht sich Ihr Risiko, Allergien, Asthma und Ekzeme zu entwickeln.

Kinder, die auf natürliche Weise geboren werden, leiden später seltener unter Allergien, als diejenigen, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen. Das gleiche gilt für Menschen, die mit älteren Geschwistern, auf einem Bauernhof oder mit Haustieren aufwachsen. Dies zeigt, wie wichtig es ist, von Kindesbeinen an unterschiedlichen Bakterien ausgesetzt zu sein.

Auch die Einnahme von Antibiotika spielt dabei eine Rolle. Darauf weist B. Brett Finlay, Professor für Mikrobiologie an der University of British Columbia, Kanada, hin. Diese Mittel töten nicht nur Bakterien, die Krankheiten auslösen, sondern ebenso jene, die den Darm gesund erhalten.

Finlay und Kollegen konten zeigen, dass Kinder, die vor Vollendung ihres ersten Lebensjahres mit Antibiotika behandelt wurden, eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit hatten, bis zum fünften Lebensjahr Asthma zu entwickeln. Und das Risiko stieg mit der Zahl der Behandlungen.

DARMGESUNDHEIT VERBESSERN

Forscher sind optimistisch, dass es bald möglich sein wird, anhand von Untersuchungen des Mikrobioms, stärker auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Empfehlungen zu geben. Einige Ratschläge haben Experten aber schon jetzt:

1. Essen Sie mehr Ballaststoffe

Ballaststoffe sind die Hauptnahrungsquelle für die wichtigsten Darmbakterien, die dafür sorgen, dass das Mikrobiom in Ihrem Verdauungstrakt im Gleichgewicht bleibt. Die Ernährungsgesellschaften in Deutschland und Österreich empfehlen 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag. Laut Nationale Verzehrsstudie II erreichen in Deutschland zwei Drittel der Bevölkerung diesen Wert nicht. In Österreich verzehren Männer täglich im Schnitt knapp 22 Gramm, Frauen rund 20 Gramm. Dies zeigt der Ernährungsbericht 2017.

Um auf 30 Gramm zu kommen, sollten Sie täglich fünf Portionen Gemüse und Obst essen. Besonders ballaststoffreich sind beispielsweise Hülsenfrüchte, Kohlrabi, Karotten und Äpfel. Zudem sollten Sie zu jeder Mahlzeit Kohlenhydrate in Form von Vollkornprodukten verzehren.

2. Essen Sie abwechslungsreicher

Auch mit einer abwechslungsreichen Kost mit vielen unterschiedlichen und verschiedenfarbigen Obst­ und Gemüsesorten fördern Sie Ihre Darmgesundheit. Der Verzehr fettreicher verarbeiteter Lebensmittel hingegen verringert die Zahl der dort ansässigen gesunden Bakterienstämme, sagt Experte Chang aus Chicago.

Sobald Sie plötzlich aufhören Salat zu essen und stattdessen zu Pommes frites greifen, passiert Folgendes: „Innerhalb von 24 Stunden würde die Zahl der gesunden Mikroben, für die Pflanzenfasern förderlich sind, abnehmen“, sagt Experte Chang von der University of Chicago.

3. Nehmen Sie Antibiotika nur, wenn unbedingt nötig

Antibiotika können Ihr Leben retten. Sie töten aber eben auch hilfreiche Bakterien im Darm. In den meisten Fällen erholt sich eine gesunde Darmflora recht bald. Ist das Mikrobiom in Ihrem Verdauungstrakt jedoch bereits aus dem Gleichgewicht, können diese Medikamente zu Krankheiten wie Reizdarm führen, erläutert Experte Gibbons aus Seattle. Häufig ist Durchfall ein erster Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt.

Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob Sie während einer Behandlung mit Antibiotika zugleich ein Probiotikum einnehmen sollten. Eine Studie der Universität Kopenhagen aus dem Jahr 2017 zeigt, dass nur 8 Prozent der Menschen, die so verfuhren, während der Einnahme von Antibiotika Durchfall bekamen. In der Vergleichsgruppe, die statt Probiotika Placebos bekam, waren es 18 Prozent.

Am wichtigsten ist, vor der Einnahme sicherzustellen, ob Sie wirklich ein Antibiotikum benötigen. Laut der US­Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention sind mindestens 30 Prozent der verschriebenen Medikamente dieser Art nicht notwendig.

4. Ziehen Sie in Erwägung, Probiotika einzunehmen

Probiotika können auch vor Durchfallerkrankungen schützen, wenn Sie in Länder reisen, in denen sich die Bakterien in Lebensmitteln und im Wasser von jenen bei Ihnen zu Hause unterscheiden. Und, wie bereits erwähnt, können Probiotika Menschen mit Reizdarmsyndrom helfen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder einem Ernährungsberater.

5. Bleiben Sie aktiv

Eine Studie der University of British Columbia aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Sportler eine größere Vielfalt an Mikroben im Darm aufwiesen. Ihre Körper sind besonders gut in der Lage, Sauerstoff dorthin zu transportieren, wo er benötigt wird.

Frauen, die drei Stunden pro Woche Sport trieben – selbst wenn es sich nur um zügiges Gehen handelte – verbesserten den Zustand ihrer Darmflora, belegte eine Studie aus Spanien. Bleiben Sie also aktiv und bewegen Sie sich regelmäßig.

Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest, mit wenig Witz und viel Behagen, dreht jeder sich im engen Zirkeltanz, wie junge Katzen mit dem Schwanz.

Johann Wolfgang von goethe, dt. dichter (1749–1832)