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Aus eigener Kraft


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 30/2022 vom 14.02.2022

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Dichtes Schneetreiben ist Max Kühners Elektric Blue P gewöhnt. Schließlich verbrachte er jahrelang jeden Winter im Offenstall.

Von der Kaffeemaschine bis zur ersten Box sind es für Max Kühner morgens maximal 15 Schritte plus drei Stufen. Wie in alten Bauernhäusern üblich, wohnen Tiere und Menschen auch bei Kühners unter einem Dach. Dies ist ein besonders schönes, das zu einem typisch bayerischen Gehöft im Kreis Starnberg gehört, knapp eine Stunde südlich von München. Seit 2010 sind die Kühners hier zuhause, zusammen mit 20 Pferden und diversen Hunden. Die Pferde, die am Hof stehen, gehen alle im Sport. Montag, Dienstag und Mittwoch sind die Tage, an denen Max Kühner früh morgens – „wenn es sein muss schon um 5 Uhr, aber am liebsten nicht“ – auf dem ersten Pferd sitzt. Spätestens zwischen 9 und 10 Uhr ist er dann im Auto auf dem Weg Richtung München. Dort wartet sein zweites Leben auf den 48-Jährigen, das des Unternehmers. Von Donnerstag bis Sonntag ist er dann wieder der Max Kühner, den die Pferdewelt kennt – der ...

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... Springreiter im roten Sakko der Österreicher mit dem breiten Lächeln und den Lachfältchen. Und immer ist er Familienvater von drei Töchtern, denen er und seine Grand Prix-erfolgreiche dänische Ehefrau Liv die große Liebe zu den Pferden mitgegeben haben:Jolie (12), Grace (9) und Maxie (1). „In unserer Familie gab es eigentlich immer nur Söhne, und der Erstgeborene hieß immer Max“, erzählt Kühner. „Nun ist es also eine Maxie.“ Er selbst hat noch einen jüngeren Bruder, Ferdinand. Doch den Ruf der Pferde hat vor allem Max vernommen. Ein bisschen liegt es ihm im Blut. Max Kühners Eltern ritten selbst, allerdings rein hobbymäßig. Kennengelernt haben sie sich 1972 bei den Olympischen Spielen in München. Beide waren dort als freiwillige Helfer bei den Reiterwettbewerben im Einsatz. Zwei Jahre später kam Max zur Welt. Dass er die Pferdeliebe seiner Eltern geerbt hat, merkte er mit zwölf Jahren im Skiurlaub. Die Schneelage ließ keinen Wintersport zu, also gab es stattdessen die ersten Reitstunden – der Beginn einer lebenslangen Liebe, die seine Eltern nach bestem Wissen und Gewissen unterstützt haben. „Dabei haben wir allerdings alle Fehler gemacht, die un- erfahrene Pferdefamilien nur machen können“, sagt Kühner in der Rückschau – falsche Pferde, falsche Beratung etc. Er ging trotzdem seinen Weg. Mit 14 gab es die erste Turnierschleife – in einer L-Dressur auf dem Connemara-Pony Libelle. Und dann immer weiter.

„Bei keinem Lebewesen kann die Leistungskur ve immer bergauf gehen. Sie brauchen immer wieder Pausen.“

Max Kühner

ZUR PERSON

Max Kühner

Geboren 1974 in München. Im Urlaub mit dem Reiten begonnen. Schule mit Abitur beendet, anschließend Studium der Betriebswirtschaftslehre. Nebenbei immer geritten. 2005 Mitglied des deutschen Bundeskaders. Von 2012 bis 2014 Aktivensprecher im FEI-Springausschuss. Seit 2009 Vorstandsmitglied des International Jumping Riders Club (IJRC). Seit 2015 für Österreich am Start. Erstes Championat: Europameisterschaft 2015 in Aachen mit Coeur de Lion. Aktuelle Erfolge: Sieger im Rolex Grand Prix von ’s-Hertogenbosch, Sieg im Preis von Europa beim CHIO Aachen, Dritter im Rolex Grand Prix von Genf, alles mit Elektric Blue P. Kühner ist aktuell die Nummer 14 der Weltrangliste.

Ohne Fleiß kein Preis

Für Max Kühner stand schnell fest, was er in seinem Leben machten wollte: reiten. Aber bei allem Verständnis, sein Vater drängte ihn zum Studium. Das war der Deal. „Als Jugendlicher habe ich davon profitiert, dass meine Eltern mich unterstützt haben. Dafür sollte ich aber dann auch das Studium abschließen.“ Er entschied sich für BWL, Betriebswirtschaftslehre. Da habe er gelitten. „Ich hätte lieber auf dem Pferd gesessen.“ Heute ist er seinem Vater besonders dankbar dafür, dass er so hartnäckig war. Denn nun kann er beide Bildungswege nutzen, den akademischen und den reiterlichen.

Profi im Pferdesport ist Kühner seit 2004. Damals gründete er die MK Sporthorses mit dem Ziel, sich seine Leidenschaft finanziell auch leisten zu können. 2005 wurde er in den Bundes kader der deutschen Springreiter aufgenommen. 2007 baute er zusammen mit Freunden die LeaseForce AG auf, ein Unternehmen, das von Forstwirtschaftsgeräten über Boote bis hin zu Pferdetransportern mittelständischen Unternehmen finanzielle Lösungen für unterschiedlichste Fortbewegungsmittel bietet. Inzwischen operiert die LeaseForce AG nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz. Dort arbeitet Kühner unter anderem mit Remo Baleri zusammen, dem Sohn von Luigi Baleri, dem Mäzen von Martin Fuchs. Es gibt immer wieder Überschneidungen zwischen Kühners unternehmerischer Tätigkeit und der Reiterei. So war es auch die 2021 leider verstorbene Sabina Illbruck, die zu Anfang nicht nur in Kühners Unternehmen investiert hat, sondern auch Pferde mit ihm zusammen ge- und verkauft hat. Auch die Anlage in Starnberg, auf der Familie Kühner heute zuhause ist, stand einst im gemeinschaftlichen Besitz von Illbruck und Kühner. Inzwischen hat er sie alleine übernommen. Aber wer sich wundert, was hinter dem „EIC“ steckt, das vielen Namen seiner Pferde als Präfix vorangestellt ist – die Abkürzung steht für Equestrian Investment Cooperation, und dazu gehört unter anderem auch Sabina Illbrucks Sohn Marco.

Ausbildungssystem Kühner

Investieren in Pferde bedeutet für Max Kühner Investieren in junge Talente. „Teure Pferde waren nie eine Option, weil ich nie einen Sponsor hatte.“ Also suchte er gute Jungpferde, teilweise Fohlen, die er heute auch selbst züchtet, die er sich selbst aufbauen konnte. Dieses System hat er inzwischen perfektioniert. Die Zucht ist nach Italien ausgelagert. Drei Zuchtstuten stehen dort bei DEM Experten für die Reproduktionsmethode ICSI, Professor Galli: Max Kühners ehemalige Erfolgsstute Electric Touch v. Untouchable Z, die einstige 800.000 Euro-P.S.I.-Preisspitze Balsandra v. Baloubet du Rouet, die zunächst im Sport ging, mit dem Calvaro-Sohn Calouso aber bereits einen international 1,60 m erfolgreichen Sohn hat, und Cornetta v. Cornet Obolensky, die Max auch erfolgreich im internationalen Sport geritten hat. Die Fohlen wachsen in einem Aufzuchtstall auf. Die Jungpferde unter dem Sattel werden zunächst vor allem von Kühners Bereiter Helmut Schönstetter vorgestellt. Sie gehen in der grünen Saison ihre ersten Springpferdeprüfungen, lernen zuhause auf dem großen Rasenplatz auf Kühners Anlage spielerisch besondere Hindernisse kennen, wie etwa das Aachener Doppelwasser, das Kühner hier nachgebaut hat. Aber gearbeitet wird nur ein paar Monate lang. Im Anschluss gehen die jungen Pferde wieder auf die Weide. Dann sind sie für mehrere Monate quasi wieder Wildpferde. Wie das aussieht, kann man bei Kühner erleben.

Am Tag unseres Besuches schneit es. 20 Zentimeter Neuschnee und noch immer rieselt es beständig aus einem bleigrauen Himmel – „the weather outside ist frightful …“ Das mag die Menschen stören, den Pferden ist es egal. Vom Esstisch neben dem Kamin in der gemütlichen Stube neben der Diele, die an den Stall angrenzt, erahnt man durch das Schneetreiben fünf Pferdesilhouetten auf der einige hundert Meter entfernten Koppel. Es sind Senior Cornet Kalua, den Max Kühner selbst gezogen hat und mit dem er auf der ganzen Welt Fünf-Sterne-Erfolge feierte, und vier Youngster. Decken? Brauchen sie nicht. Dafür haben sie einen mehrere Zentimeter langen, dichten Pelz. Der jüngste der Mini-Herde ist vier, ein Sohn des Diamant de Plaisir, der letztes Jahr noch Prämienhengst bei den DSP- Hengsttagen war. Jetzt sieht er aus wie ein ungerittener Dreijähriger. Wie seine Kollegen freut er sich über den Besuch der Zweibeiner. Eifrig wird Kühner umringt, berochen und beknabbert. Jeder will eine Streicheleinheit und jeder bekommt sie ausgiebig. „Hier stand auch Blue noch bis Anfang siebenjährig. Kurz darauf ging er dann die Youngster-Springen bei der Sunshine Tour in Vejer“, berichtet Max Kühner vom Werdegang seines ’s-Hertogenbosch-Siegers Elektric Blue P, den er ebenfalls bei den DSP-Hengsttagen entdeckt hat – auf der Videoleinwand. Ein einziger Sprung und zwei Gespräche haben genügt, um ihn zu überzeugen: Diese Leichtigkeit beim Springen, das ist vielleicht kein Hengst für die Zucht, aber ein Naturtalent für den Sport!

Doch egal wie begabt, erstmal sind sie alle Pferde. Wenn die Turniersaison wieder losgeht, werden sie in den Stall geholt und langsam wieder aufgebaut. Wobei das recht schnell gehe, versichert Kühner. „Sie haben eine gute Grundkondition, wenn sie den ganzen Winter hier draußen waren. Die Weide liegt ja am Hang und sie sind den ganzen Tag in Bewegung. Manchmal laufen sie 15 Minuten am Stück, einfach so. Das trainiert.“ Ob die Pferde vergessen, was sie im Sommer gelernt haben, wenn sie monatelang nichts tun? „Im Gegenteil! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Gelernte sich gesetzt hat und sie hoch motiviert sind. Bei keinem Lebewesen kann die Leistungskurve immer bergauf gehen. Sie brauchen immer wieder Pausen, in denen sie runterfahren können.“ Das gilt auch für seine Turnierpferde. „Ich versuche meine Pferde so einzusetzen, dass sie nie im roten Bereich laufen.“

Jolie bringt’s auf den Punkt

Dieses „solide, gewachsene System“ zusammen mit einer sorgfältigen dressurmäßigen Grundausbildung, bei der ihm auch schon mal seine Frau hilft („inzwischen kann sie auch Springdressur“), erachtet Max Kühner als eine seiner Stärken. Und die Schwächen? „Ich hätte wohl schon mehr gewonnen, wenn ich mehr Risiken eingegangen wäre.“ Jüngstes Beispiel: der Rolex Grand Prix von Genf. Als Sieger von ’s-Hertogenbosch hatte Kühner hier die Chance gehabt, als erster Reiter nach Scott Brash zwei der sogenannten „Majors“ innerhalb eines Zyklus zu gewinnen. Er verschenkte diese Möglichkeit auf dem Weg von Hindernis eins zu zwei. Sein Elektric Blue sprang in super Form und war schnell, am Ende waren sie Dritte. „Aber da überwog der Ärger fast die Freude“, sagt Kühner. „Ich hätte gewinnen können. Es wäre für Blue möglich gewesen, einen Galoppsprung weniger zu machen.“ Als er nach Hause kam, empfing ihn seine älteste Tochter Jolie, Bundesnachwuchschampionesse der Ponyspringreiter von 2021, mit den Worten „Oh Papa! Wie konntest du da denn nur sieben reiten???“ Autsch! „Sie hat den Finger direkt in die Wunde gelegt“, schmunzelt Max Kühner heute im Rückblick.

Seine drei Töchter wachsen mit den Pferden auf. Darüber ist er froh. „Ich genieße es wahnsinnig, wie die Kinder hier als Horsemen groß werden! Gerade für mich, wo ich ja eher von außen an die Sache herankam, ist das schön zu sehen.“ Um die Karriere der Kinder kümmert sich vor allem Kühners Frau Liv. Ihre eigenen Dressurambitionen hat sie hinten angestellt. Bei Kühners ist fast jedes Wochenende Turnierwochenende – Papa in der großen weiten Welt, Mama mit den Kids in ganz Deutschland. Aber wenn es passt, sind sie auch gerne dabei und feuern ihren Vater an. Dieses Wochenende ist es mal anders. Dadurch, dass das Weltcup-Turnier in Basel Pandemie-bedingt ausfiel, ist Max Kühner zuhause mit seinem Team und der jüngsten Tochter, während der Rest der Familie bei einem Lehrgang von Children- Bundestrainer Eberhard Seemann ist. So hat Kühner Zeit, dem Besuch alles zu zeigen, was seinen Betrieb ausmacht, vor allem natürlich die Pferde.

Vorstellungsrunde

„Das hier ist eigentlich die Box von Chardonnay“, beginnt Kühner die Sightseeing-Tour direkt hinter der Tür, die das Zuhause der Menschen von dem der Pferde trennt. Eigentlich? Ja, weil statt seines schneeweißen WM-Helden von Tryon ein hübscher Brauner neugierig den Kopf über die Boxenwand streckt, um sich Streicheleinheiten abzuholen. „Das ist ein fünfjähriger Conmiro- Chacco Blue-Baloubet Sohn, ein ganz gutes Pferd! Eigentlich sollte er mit den anderen draußen auf der Weide stehen, aber er springt ständig über die Zäune. Als neulich der Supermarkt im nächsten Ort anrief, dass er bei ihnen im Laden steht, haben wir beschlossen, dass es wohl besser ist, ihn in den Stall zu holen.“ Zwischen Kühners 15 Hektar-Anwesen und dem nächstgelegenen Ort liegen mindestens fünf Zäune von schätzungsweise 1,50 Metern Höhe. So viel zum T hema Pferde springen nicht freiwillig … Zu jedem einzelnen Pferd im Stall kann Kühner eine Geschichte erzählen. Kein Wunder, die meisten wurden ja bei ihm groß. Und fast alle sind begeistert, dass der Chef sich Zeit für sie nimmt. Bis auf Elektric Blue, sein Star im Stall. Dessen Gesichtsausdruck sagt sehr deutlich, dass er gerade keine Sprechstunde hat. „Blue ist hochintelligent, aber auch eigen“, erklärt Kühner. „Er mag es zum Beispiel überhaupt nicht, wenn es um ihn herum laut und trubelig ist.“ Darum steht der Eldorado van de Zeshoek-Sohn in einem Teil des Stalls, in dem es keinen Durchgangsbetrieb zur Reithalle gibt, und wo nur seine Freundin Vancouver Dreams neben ihm steht. Die elegante Fuchsstute ist übrigens eine Verwandte von Isabell Werths Superstute Bella Rose. Beide kommen aus der Zucht der Familie Strunk. Bella Roses Großmutter Franziska v. Frühlingsball ist die Ururgroßmutter der Hannoveraner Valentino-Tochter Vancouer Dreams, die wir später auch noch unter dem Sattel erleben. Dann stellt Kühner uns weitere aktuell erfolgreichen Pferde vor, den irischen Chacco-Blue-Sohn Up Too Jacco Blue und den Selle Français-Hengst EIC Coriolis des Isles v. Zandor Z.

Aber wo ist Chardonnay? „Chardonnay geht demnächst mit Helmut (Schönstetter, Anm. d. Red.) bei der Sunshine Tour“, berichtet Kühner. Der Schimmelhengst habe einen Hodenbruch gehabt. Wie das passieren konnte, sei nicht zu erklären. „Er musste dreimal operiert werden. Ich glaube, wenn er nicht so wäre, wie er ist, hätte er das gar nicht überstanden.“ Wie ist er denn? „Chardonnay hat überhaupt kein Angstgen. In gewisser Weise steht er immer über den Dingen.“ Es habe in der gesamten Karriere des Hengstes – und die hat Max Kühner von Anfang an begleitet, der heute 15-jährige Clarimo-Sohn kam als Fohlen zu ihm – keinen einzigen Moment gegeben, in dem er nicht mitgezogen und für ihn gekämpft hätte. Eine Eigenschaft, die den Holsteiner aus seiner Sicht auch in Sachen Zucht so interessant mache. Das und die ihm eigene Beweglichkeit. „Das hat er von seinem Großvater Clearway. Er kann mit sei- nem Körper Sachen machen, die andere nicht können.“

Meilensteine

Chardonnay ist aus Kühners Sicht einer der vierbeinigen Meilensteine seiner Karriere gewesen. Der erste war der Acorado-Sohn Acantus, von dem ein großes Foto in der Reithalle hängt. Seine Mutter Waldrose war mit Max‘ Freund Florian Meyer zu Hartum, der heute Ausbilder im Stall Schockemöhle ist, international erfolgreich. Dann kam Coeur de Lion, ein Coriano-Sohn, mit dem Kühner sich in Aachen platzierte und erfolgreich Nationenpreise bestritt. Und dann Chardonnay, mit dem Kühner Sechster bei den Weltreiterspielen in Tryon wurde. Ihn stellte Kühner bereits unter österreichischer Flagge vor. Die Gründe für den Nationalitäten-Wechsel Ende 2014 seien vielschichtig, so Kühner. „Wir hatten zu dem Zeitpunkt unglaublich starke Reiter in Deutschland. Da habe ich selbst nicht realistisch daran geglaubt, da eine Chance zu haben. Ich hatte zwar an Nationenpreisen teilgenommen und stand auf der Longlist für die Olympischen Spiele in Hongkong, aber ehrlich gesagt habe ich mich selbst da nicht gesehen.“ Noch wichtiger sei für ihn aber noch ein anderer Punkt gewesen, der ebenfalls mit der Leistungsdichte in Deutschland zu tun hat: „Es hat mich gestört, dass man sich permanent beweisen musste. Ich kann das schon verstehen. Es gibt so viele gute Reiter und Paare, dass es nicht anders geht. Aber das war mit meinem Verständnis, wie ich den Sport mit Pferden machen möchte, nicht zu vereinbaren.“ Denn in seinen Augen müssen Paare auch die Möglichkeit bekommen, zu lernen. „Jedes Paar muss auch Fehler machen dürfen, um zu wachsen. Das geht aber nicht, wenn jeder kleine Fehler immer sofort als Rückschlag erachtet wird.“ Da habe er jetzt viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten junge Pferde für den internationalen Sport auszubilden. Zu seinen deutschen Kollegen habe er aber nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis. Es gebe viele Reiter, zu denen er aufschaut. Jemanden kopieren zu wollen sei allerdings „das schlimmste, was man machen kann“. Aber Input holen kann man sich. Einer, zu dem er immer aufgeschaut hat, sei Ludger Beerbaum. „Und das ist auch immer noch so!“, betont er. „Einer der großen ‚Horsemen‘ in unserem Sport.“ Trotz der aktuellen Diskussion um Beerbaums Trainingsmethoden.

Pferde als Sportgeräte? Das Vorurteil verfängt bei Kühner nicht. Dafür muss man sich nur anschauen, wie er mit den Pferden ist und wie die Pferde auf ihn reagieren. Vom Management ganz zu schweigen. Große Tafeln regeln den Tagesablauf jedes einzelnen Pferdes, zu dem auch täglich Weide- bzw. Paddockzeit gehört. Dazu Training auf der Rennbahn um den Springplatz, klettern etc. „Galoppieren am Hang trainiert die Pferde und sie haben Spaß daran. Ihre Motivation zu erhalten ist das A und O“, weiß Kühner. In der Futterkammer hängt nicht nur ein ähnlicher Plan mit dem Menü für jedes einzelne Pferd, sie haben auch alle ihre eigenen Futterschalen, in denen ihre individuell abgestimmte und abgewogene Mischung gereicht wird. Einmal in der Woche werden alle Pferde auf hartem Boden getrabt, um jede Empfindlichkeit im Ansatz zu entdecken. Fieber gemessen wird auch regelmäßig. Allerdings sagt Max Kühner: „Wir machen das, weil es ja inzwischen Vorschrift ist. Ich glaube allerdings, dass keine noch so genaue Dokumentation den Blick des Pferdemenschen ersetzen kann. Wir kennen unsere Pferde ganz genau. Wenn sie sich unwohl fühlen, sehen wir das sofort.“ Das sei überhaupt etwas, das in sämtlichen Regelwerken viel zu wenig berücksichtigt werde, findet Kühner: „Bei allem, was wir machen, muss doch das Wohlergehen des Pferdes im Mittelpunkt stehen und der Maßstab sein!“ Er ist inzwischen froh, dass er nie von den Wünschen eines Sponsors abhängig war, sondern immer völlig freie Hand hatte, was die Planung für seine Pferde angeht. Aber auch er kennt Durststrecken. „Es gibt Zeiten, in denen man sich weiterentwickelt, aber das ist nicht sofort im Sport zu sehen. Zum Beispiel im Bereich Ausbildung. Das muss man aushalten.“

Worauf ist ein Max Kühner eigentlich stolzer? Darauf, dass das von ihm entwickelte Unternehmen nun 15. Geburtstag feiert und stetig wächst oder auf den sportlichen Erfolg? Pause. Dann: „Mmh, ich habe nicht so das Stolz-Gen. Ich habe eher so das ständige Unzufriedenheits-Gen.“ So sei er schon als Kind gewesen. „Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich immer etwas verbessern wollte. Das heißt nicht, dass ich mich nicht auch über Erfolge freuen kann. Aber mir ist wichtig, dass die Richtung stimmt.“ Und dann wieder Pause. „Ja, doch, ich bin schon stolz, dass ich mir den Sport selbst aufgebaut und finanziert habe, und auch das Drumherum selbst entwickelt habe.“ Die Erfahrungen, die er dabei gesammelt hat, will er weitergeben. Er plant ein Trainingszentrum auf einer der Flächen, die aktuell noch Weide sind. So etwas wie Riesenbeck International für den Süden. Große Pläne. Dass Kühner Visionen Realität werden lassen kann, hat er bewiesen.

Autor

D. Wehrmann

Wahrscheinlich haben wir alle dieses „Unzufriedenheits­ Gen“. Aber nicht jeder nutzt es so produktiv wie Max Kühner. Macht nachdenklich!