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„AUS EINEM KAMPF IST FREUNDSCHAFT ENTSTANDEN “


BoxSport - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 11.09.2019

20 Jahre Klitschko vs. Schulz

Am 25. September jährt sich der EM-Kampf zwischen Wladimir Klitschko und Axel Schulz zum 20. Mal. Im exklusiven BOXSPORT-Doppel-Interview sprechen die beiden einstigen Rivalen über ihr legendäres Duell, ihr heutiges Verhältnis zueinander und über die aktuelle Lage im Boxen.


Artikelbild für den Artikel "„AUS EINEM KAMPF IST FREUNDSCHAFT ENTSTANDEN “" aus der Ausgabe 10/2019 von BoxSport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: BoxSport, Ausgabe 10/2019


KLITSCHKO (L.) SCHICKTE SCHULZ IN RUNDE ACHT AUF DIE BRETER UND WURDE ZUM SIEGER DURCH TECHNISCHEN K. O. ERKLÄRT


Elf Millionen Zuschauer vor den TV-Bildschirmen, 18.000 lautstarke Fans in der ausverkauften Kölnarena. Am 25. September 1999 steht Box-Deutschland Kopf. Das Duell Axel Schulz vs. Wladimir ...

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... Klitschko um die Europameisterschaft im Schwergewicht zieht die Menschen in ihren Bann wie nur wenige Fights hierzulande zuvor. Doch im Ring wird bereits früh deutlich, wer die Oberhand behalten wird. Klitschko übernimmt bereits in den ersten Runden das Kommando. Der damals 23-Jährige hält Schulz mit dem Jab auf Distanz und kommt immer wieder mit krachenden Rechten durch. Axel Schulz versucht dagegenzuhalten, kann aber seine Offensive gegen den körperlich klar überlegenen Ukrainer nur selten zur Entfaltung bringen. In der achten Runde muss der dreimalige WM-Herausforderer gleich zwei Mal auf die Bretter, ehe Referee Daniel van de Wiele den Fight beendet und Klitschko zum T. K.o.-Sieger erklärt. Damals war es Klitschkos Durchbruch in Deutschland – und Schulz’ zwischenzeitliches Karriereende. 20 Jahre später erinnern sich die beiden Box-Legenden exklusiv in BOXSPORT an ihr großes Duell zurück.

Wladimir, Axel, euer EM-Duell jährt sich am 25. September zum 20. Mal. Was kommt euch als Erstes in den Sinn, wenn ihr an den Kampf zurückdenkt?
Wladimir Klitschko : Dass an dem Abend alle „Beteiligten“ gewonnen haben. Die 18.000 Axel-Schulz-Fans vor Ort, die Zuschauer im zweistelli- gen Millionenbereich zu Hause vor den Fernsehschirmen – und ich. Im Nachhinein kann ich es kaum glauben, aber an jenem Abend wurde ich zum neuen Publikumsliebling. Mir ist es nach meiner ersten Niederlage zehn Monate zuvor (gegen Ross Puritty; d. Red.) gelungen, zurück ins Licht zu treten. Trotz seiner Niederlage, hat aber auch Axel etwas dazu gewonnen: einen Freund fürs Leben – und zwar mich. Und natürlich den großen Respekt seiner Fans.
Axel Schulz: Das war einfach eine tolle Zeit. Ich denke dabei auch nicht nur an den Kampf, sondern die ganzen zehn Jahre von 1990 bis 1999. Wenn ich mich zurückerinnere, kommt mir eigentlich nur diese unglaublich schöne und erlebnisreiche Zeit ins Gedächtnis.

Das Duell wurde als „Stunde der Wahrheit“ tituliert. Für dich, Wladimir, war es das rückblickend in gewisser Weise auch, da du mit dem Sieg über Schulz auf einen Schlag große Bekanntheit in der deutschen Öffentlichkeit erlangtest. Welche Bedeutung hatte der Kampf für deine Karriere?
WK : Es war wirklich die „Stunde der Wahrheit“. Sportlich gesehen, weil ich an diesem Abend meinen ersten großen internationalen Titel (die Europameisterschaft; d. Red.) gewann und zeitgleich das Ende von Axels Karriere eingeläutet wurde. Ich gewann in diesem Kampf aber noch mehr: mit einem Mal war ich bekannt und wurde „Deutschmark-Millionär“.

Welche Bedeutung hatte der Fight für deine Boxkarriere, Axel?
AS: Das war ein richtungweisender Kampf für mich – entweder ich höre auf oder ich mache weiter. Das hing von diesem Duell ab.

Kannst du das etwas genauer ausführen?
AS: Nach den drei WM-Kämpfen war ich einfach platt, besonders auf mentaler Ebene. George Foreman hätte ich wohl k.o. schlagen müssen, um gewinnen zu können. Dann kam der Kampf gegen Botha. Das war für mich der Tiefpunkt überhaupt. Danach wollte ich eigentlich aufhören. Ich habe aber mit dem Taschenrechner zu Hause gesessen und gedacht: „Oh Gott, wenn du jetzt aufhörst, dann musst du später wieder als Fernsehmechaniker arbeiten gehen.“ Davon hatte ich aber noch nie Ahnung. (schmunzelt) Also habe ich entschieden weiterzumachen. Dann kam heraus, dass Botha gedopt war und ich erhielt die dritte Titelchance gegen Michael Moorer. Die Niederlage ging dann allerdings auch in Ordnung. Danach war es nicht einfach. Ich war zwar nicht in einem Tief, habe mich aber schon gefragt, wie viele Aufbaukämpfe ich noch machen muss, bis ich mal wieder irgendwo weiter oben anklopfen kann. Und dann kamen eben die Klitschkos, die bei vielen Pressekonferenzen anwesend waren und gesagt haben: „Hey Axel, box’ gegen mich“. Das war natürlich auch ein cleverer Schachzug vom Management. Zum Schluss habe ich dann eingewilligt, weil ich gedacht habe: „Okay, dann mache ich noch mal das große Ding.“ Wladimir hatte gerade gegen Ross Puritty verloren und wenn ich ihn schlagen könnte, dann wäre ich wieder in der Spur und vielleicht sogar auf dem Weg zu einem weiteren WM-Kampf.

Wladimir, warum hast du Axel damals herausgefordert?
WK: Es war Prestige und eine Ehre, gegen ihn anzutreten. Axel war und ist ein Star im Box-Geschäft und ein wahrer „People’s Champion“. Ich hatte großen Respekt – ich wusste, dass ein Kampf gegen Axel eine Herausforderung werden würde. Gegen ihn zu boxen war eine Art Traum, der in Erfüllung ging.

Über 18.000 Zuschauer in der Kölnarena und rund elf Millionen vor den TV-Bildschirmen. Du warst damals gerade mal 23 Jahre alt. Wie hast du dich vor dem Duell gefühlt?
WK: Ich habe mich komplett unterschätzt gefühlt. Trotzdem habe ich gemerkt, dass an diesem Abend für mich was drin ist. Spätestens, als Axels Promoter Wilfried Sauerland Ross Puritty – den Gegner, gegen den ich zuletzt verloren hatte – mit in Axels Ringecke stellte, um mich zu provozieren. Auch wenn ich diese Provokation registrierte, blieb ich ganz ruhig. Ich wusste, wer zu solchen Mitteln greifen muss, kann nicht sehr siegessicher sein. Bis heute lebe ich nach dem Prinzip „Spiel der Gegensätze“: Je lauter es um mich herum ist, desto ruhiger bin ich, desto fokussierter auf das, was ich zu tun habe. Heute ist dieses Prinzip fester Bestandteil meiner Methode „F. A. C. E. the Challenge“: F wie Focus nimmt hier viel Raum ein. Meine Vermutung gab mir recht: Axels Boxstil passte dank meiner Vergangenheit im Amateurboxen wie die Faust aufs Auge. Und das habe ich genutzt.

Wie war es bei dir, Axel?
AS : Das war damals für mich eine sehr große Herausforderung. Mein komplettes Management – inklusive Trainer – war dagegen, dass ich den Kampf mache. Ich musste aber für mich eine Entscheidung treffen. Ich hatte eine erfolgreiche Amateurkarriere hinter mir. Auch die neun Jahre als Profi waren in Ordnung. Aber zu dem Zeitpunkt kam ich einfach nicht mehr weiter und da war eine Entscheidung nötig. Und der Klitschko-Kampf sollte diese bringen, was er im Nachhinein ja auch getan hat.

@@Die Rivalen posierten vor dem Duell bei einem Presse-Event vor dem Kölner Dom


Warum war dein Team gegen den Kampf?
AS: Für sie kam der Fight zu früh. Sie rieten mir, noch zwei, drei weitere Kämpfe zu machen und diesen dann als Höhepunkt nachzuschieben. Aber wenn man ehrlich ist, dann sahen meine Kämpfe davor auch nicht so berauschend aus. Nach drei WM-Fights stand ich in Aufbaukämpfen. Das war einfach nicht befriedigend. Ich war da einfach ehrgeizig und suchte die große Herausforderung. Und das war es ja im Ring auch und ich möchte es nicht missen.

Wladimir, du warst damals bei Universum Box-Promotion unter Vertrag, Axel beim Sauerland-Stall. Auf Promoter-Ebene agierten somit zwei „Intimfeinde“, aber wie war damals euer persönliches Verhältnis?
AS : Ich hatte damals überhaupt kein persönliches Verhältnis zu Wladimir und auch nicht zu Vitali. Die Jungs waren aber nicht unsympathisch, da gab es viel schlimmere Gegner. Und sie haben es damals auch richtig gemacht. Sie haben mich provoziert und damit auch gepackt.
WK : Ehrlich?! Ich habe sogar mit Vitali im Vorfeld darüber gesprochen, dass Axel so nett rüberkommt, dass ich fast ein bisschen Skrupel habe, ihn zu „vermöbeln“. Aber ich wusste, dass mich das nicht weiterbringt. Also habe ich mich rein auf das Boxerische konzentriert. Meine Devise war: Möge der Stärkere gewinnen – und das werde ich sein. Ich muss aber noch hinzufügen, dass die 18.000 Fans, die zum Großteil hinter Axel standen, mich zu Beginn durch ihr Pfeifkonzert enorm motiviert hatten. Statt Einlaufmusik gab es Pfiffe und mein Plan, den Ring als Sieger zu verlassen, nahm noch konkretere Formen an. Ich nahm die Pfiffe als Versuch wahr, mich abzulenken, und mein Wille zu gewinnen stieg ins Unermessliche. Bis heute kalkuliere ich solche „Ablenkungsversuche“ von außen ein, wenn ich einen Plan verfolge. Das hilft, nicht unvorbereitet zu sein, wenn die Ablenkung eintritt. Das kann ich jedem nur empfehlen. Es klappt. „Fight Distractions“ (dt.: Ablenkungen bekämpfen)!

@@Zu selten schaffte es Schulz (r.) in die Offensive und konnte so auch kaum eine Runde gewinnen


„DAS INTERESE DER DEUTSCHEN IST BEI WEITEM NICHT SO GRO SS, WIE ES NOCH IN DEN 90ER-JAHREN WAR. UND DAS IST SEHR SCHADE.“ AXEL SCHULZ


Wladimir dominierte den Kampf siegte durch T. K.o. in der achten Runde. Wie erinnert ihr euch an das Geschehen im Ring zurück?
AS : Es war gigantisch. Die Stimmung in der Kölnarena war unglaublich. Und ich bin Wladimir heute noch dankbar. Ich glaube, er hätte mich schon in der zweiten Runde k.o. schlagen können. (schmunzelt) Ich weiß noch, ich bin in der ersten Runde in eine Linke von ihm gelaufen und dachte dann nur: „Ach du Scheiße, dass kann ja heiter werden …“ Wladimir konnte wirklich hauen, dass muss man einfach sagen.
WK: Auch wenn es vielleicht so aussah und ich mich an diesem Tag gut fühlte, war das für mich kein Spaziergang. Ich musste mein bestes Boxen zeigen, um so präzise wie möglich meinen Plan umzusetzen.

Hast du damals mehr Gegenwehr im Ring erwartet? Schließlich hatte Axel schon WM-Erfahrung und galt für viele als dein bis dahin stärkster Gegner.
WK : Ein Boxstil macht einen Boxkampf aus – voller Herausforderungen oder mit weniger. Schon damals habe ich erkannt, dass Koordinationsfähigkeit einer meiner Erfolgsfaktoren ist, den ich daher heute auch in meiner Methode F. A. C. E. the Challenge verankert habe: ich hatte das Glück – oder Axel das Pech –, dass ich dank meiner Koordinationsfähigkeit, meinen Boxstil perfekt an Axel ausrichten und seine Stärken somit gut unter Kontrolle bringen konnte. Den Kampf habe ich trotzdem nicht „mal eben so“ gewonnen, aber ich spürte früh, dass es ganz gut für mich läuft und ich gewinnen werde – in welcher Runde auch immer.

Warum ist dir im Ring so wenig gelungen, Axel?
AS : Weil Wladimir einfach ein unglaublicher Boxer ist. Das hat er auch danach noch sehr häufig gezeigt und man wird ja nicht umsonst Olympiasieger. Für die Promotion des Fights war ich das Zugpferd. Und dadurch, dass Wladimir mich so dominiert und beherrscht hat, gewann er auch die Gunst des deutschen Publikums, was ihn danach jahrelang begleitet hat.

War das damals auch eine Art Fackelübergabe?
AS : Ja, auf jeden Fall. Das war eine Generationsübergabe. Ich war damals 30 und Wladimir jung (23; d. Red.), hungrig, talentiert – und er wollte natürlich an die Spitze. Das war eine ähnliche Situation wie 2017 bei Joshua vs. Klitschko. Durch den Sieg von Wladimir gegen mich haben die Klitschkos wahnsinnig an Popularität gewonnen. Elf Millionen haben den Fight damals im Fernsehen verfolgt, das war der Durchbruch der Klitschko-Brüder. Das gönne ich ihnen auch.
WK: Das sehe ich genauso und fühle mich noch immer geehrt, dass ich derjenige war, an den die Fackel weitergereicht wurde.

Axel, du warst und bist auch heute noch ein echter Publikumsliebling. Nach dem Kampf gegen Klitschko wurdest du allerdings in den Medien als „Lachnummer“ verschrien. Hat dich das damals enttäuscht?
AS : Nein, überhaupt nicht. Das war noch harmlos. Das Schlimmste war für mich die Zeit nach dem Botha-Kampf, wo ich für alle der Arsch der Nation war und 14 Tage lang überhaupt nicht wusste, was ich machen soll. So ist aber auch einfach die Gesellschaft. Als dann herauskam, dass Botha gedopt und ich der theoretische Weltmeister war, waren die ganzen A.…löcher aus meinem Umfeld wieder da. Das war mir eine Lehre. Im Vergleich dazu, war die Situation nach dem Kampf gegen Wladimir harmlos. Dass die Medien so vorgehen, ist verständlich, und ich habe damit auch kein Problem. Im Sport zählt nicht, ob du ein guter Typ bist oder nicht, sondern nur die Leistung.

Bei Wladimirs erster EM-Titelverteidigung im Dezember 1999 gegen Lajos Eros agiertest du als Ringsprecher. Wie kam es dazu?
AS: Ich habe davon sogar ein Bild zu Hause an der Wand. Sat.1 hatte mich davon überzeugt, dass es einfach eine super Nummer wäre, wenn ich Wladimir bei seinem nächsten Kampf ansagen würde, nachdem er mich gerade in die Rente geprügelt hatte. Die Leute haben damals gedacht: Was ist mit dem Schulz los? Ist der bekloppt? (schmunzelt) Aber das war einfach eine Anerkennung von Wladimirs Leistung und dementsprechend habe ich auch den Ringansager gemacht. Das war eine tolle Erfahrung und eine geile Geschichte. Heute sprechen mich noch Leute darauf an, wenn sie bei mir zu Hause sind und das Bild sehen.
WK: Aus einem Kampf und einer Gegnerschaft ist eine Freundschaft entstanden. Dass Axel mich als Ringsprecher ansagte, zeigt, dass die Sympathie gegenseitig war und ist. Das freut mich auch.

Später nahmt ihr auch gemeinsam an Charity-Veranstaltungen teil und habt euch immer wieder bei diversen Events getroffen. Wie ist euer Verhältnis heute?
AS: Wirklich freundschaftlich. Wir telefonieren häufiger und sehen uns auch öfter mal. Mit Wladimir und Vitali ist das ganz toll.
WK: Wir sind halt Freunde fürs Leben und versuchen, uns gegenseitig unterstützen.

Zu aktuelleren Themen: Die Drohung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), den Boxsport von den Olympischen Spielen auszuschließen, wurde glücklicherweise nicht wahrgemacht. Aber das IOC schließt den Weltverband AIBA von den Spielen 2020 in Tokio aus. Wladimir, du warst 1996 in Atlanta Olympiasieger. Wie erlebst du die aktuellen Entwicklungen?
WK: Mit großer Sorge. Ich habe den Traum, dass es wieder um die Sportler und ihre Fans geht – nicht um Manager, Promoter, Verbände oder TV-Sender, die alle ein ganz eigenes Interesse verfolgen. Doch ich sehe die Chance, dass der Sport zukünftig durch Digitalisierung transparenter wird und notwendige Veränderungen vorankommen – für die aktuelle und für kommende Sportler-Generationen.

Wie siehst du den Zustand innerhalb des Amateur-Weltverbandes AIBA?
WK: In der AIBA läuft vieles falsch.

Das Schwergewicht boomt momentan wieder. Mit Fury, Wilder, Ruiz jr. und Joshua stehen vier Männer an der Spitze, die für Spannung sorgen. Axel, wie schätzt du die aktuelle Lage in der Königsklasse ein?
AS : Als Joshua gegen Klitschko gewonnen hat, dachte ich, er würde eine neue Ära einläuten. Aber daraus ist nichts geworden. Das Interesse der Deutschen ist da bei Weitem nicht so groß, wie es noch in den 90er-Jahren war. Und das ist sehr schade. Ruiz besiegte Joshua, was sicherlich eine große Überraschung war, aber irgendwie hat es in meinem Umfeld gar keinen interessiert. Aber wenn die Zeitungen in Deutschland dabei nicht mitspielen, dann wird es auch schwierig. Wahrscheinlich bräuchten wie hierzulande wieder ein Zugpferd. Einen, der das Boxen wieder populärer macht und dem Sport Aufmerksamkeit bringt.


KLITSCHKO (L.) BRANTE IM RING EIN WAHRES FEUERWERK AB UND BRACHTE DEN PUBLIKUMSLIEBLING SO HÄUFIG IN BEDRÄNGNIS


Respektvoll: Schulz (l.) zeigte sich nach dem Fight als fairer Verlierer und gratulierte Klitschko


Was hältst du von dem Deal, den das ZDF mit Universum Box-Promotion geschlossen hat?
AS : Das finde ich gut. Je mehr Boxen übertragen wird, umso besser ist das natürlich auch. Aber man muss jetzt erst mal abwarten, wer da überhaupt boxen wird und wie man wieder das Interesse für den Sport steigern kann. Für mich zumindest hat Universum noch niemanden im Stall, bei dem ich sagen würde, auf den freue ich mich oder den werde ich mal im Auge behalten. Da muss man mal abwarten. Ich bin gespannt und freue mich sehr. Aber ein bisschen Skepsis bleibt aktuell noch.

In Deutschland stagniert das Boxen weiterhin. Zuschauerzahlen wie bei eurem Duell klingen aus heutiger Sicht utopisch. Gibt es dennoch Grund zum Optimismus?
AS: Ja, wir haben gute Boxer und viele Manager und Promoter die sich um den Sport kümmern. Vielleicht müsste man mal alle ohne Streitereien an einen Tisch holen und gemeinsam überlegen, wo man mit dem deutschen Boxsport hin will. Jeder kann doch ein Stück vom Kuchen abbekommen. Aber man muss nun mal Leistung produzieren. Das ist bei meiner Tochter ähnlich. Sie ist in einem Schwimmverein aktiv und ich bekomme mit, wie kein Verein dem anderen etwas gönnt. Das ist Blödsinn. Man muss doch miteinander arbeiten, um Talente zu produzieren, von denen alle etwas haben. Wenn aber alle gegeneinander arbeiten, wie soll das dann jemals etwas werden? Es müsste ein paar Veranstaltungen im Jahr geben, die die großen deutschen Promoter gemeinsam organisieren und bei denen sie ihre Boxer gegeneinander in den Ring schicken, sodass auch mal ein Duell wie Tyron Zeuge gegen Vincent Feigenbutz zustande käme. Damit würde man die Leute wieder in die Hallen bekommen und daran würden doch auch alle verdienen. Deutsche Meisterschaften auf Augenhöhe wären viel mehr wert als irgendwelche ominösen Titelkämpfe, bei denen man weiß: Die rote Ecke wird gewinnen.

Zurück zu Ruiz jr. gegen Joshua. Was erwartest du im Rematch im Dezember?
AS: Ruiz wird wieder gewinnen. Der packt Joshua richtig an den Eiern. (schmunzelt) Im ersten Kampf habe ich so viel Angst bei Joshua gesehen, das hätte ich nie gedacht. Und er hat ja letztendlich auch aufgegeben. Wenn man nach so einem Kampf direkt wieder gegen den gleichen Gegner boxt, dann wird es unheimlich schwer. Ich bin schon gespannt, glaube aber, dass Joshua wieder verliert.

Wladimir, vor rund zwei Jahren hast du die Handschuhe an den Nagel gehangen. Wie ist das Leben außerhalb des Rings für dich?
WK : Ich habe mich schon frühzeitig gut auf mein Leben nach dem Sport und meine zweite Karriere vorbereitet. Trotzdem habe ich einiges unterschätzt: zum Beispiel die Zeit, die ich in meine Projekte investieren muss. Ich dachte, dass ich mehr Zeit für mich haben werde und sich die Projekte viel schneller und praktisch wie von selbst weiterentwickeln – jetzt habe ich mehr Aufgaben als je zuvor. Ich habe festgestellt: Ich muss lernen, geduldiger zu werden. Ansonsten genieße ich die Fokussierung auf meine neuen Herausforderungen, das Leben ohne Profisport und den ganzen Trubel, auch wenn ich den Sport manchmal vermisse.

Heute bist du ein gefragter Speaker, sprichst weltweit auf Bühnen über „Challenge Management“. Was treibt dich auch nach deiner Sportkarriere noch derart an?
WK : Ich habe während meiner Profilaufbahn Unterstützung von meinen Fans erhalten. Zudem wurde ich oft um Rat und Tipps für bestimmte Lebenssituationen gefragt. Deshalb habe ich schon vor Jahren beschlossen, dass ich meine Lebensphilosophie „Challenge Management“ und meine Erfahrungen aus dem Profisport erfahrbar machen möchte. Hierfür habe ich gerade in den vergangenen zwei Jahren mit meinem Team von Klitschko Ventures viel Zeit und Energie in die Entwicklung der Methode F. A. C. E. the Challenge investiert. Das Besondere: Die Methode ist inhaltsneutral, richtet sich also an jeden, der lernen möchte, Herausforderungen systematisch zu bewältigen. Damit hoffe ich, meinen Fans ein bisschen von der Unterstützung zurückgeben zu können. Über meine Social-Media-Kanäle lasse ich sie an meiner Methode teilhaben, habe aber auch kompetente Dozenten, Experten und Mentoren, die meine Methode vermitteln – in einem Weiterbildungsstudiengang an der Uni St. Gallen und in sogenannten „F. A. C. E. Camps“. Auch an einer kleinen, feinen Lebensmittelserie, die einzelne Schritte meiner Methode gezielt unterstützt, arbeiten wir gerade. Einen Traum habe ich aber noch, der mehr und mehr zur Mission wird: Ich möchte meine Methode auf politischer Ebene implementieren – national und international. Es sieht also nicht so aus, als hätte ich demnächst mehr Freizeit. Macht aber nichts. Schließlich gilt mein Motto „Ich bin die bewegende Kraft“ für mich nach wie vor. Und ich möchte definitiv noch so einiges bewegen.


Der frühere Champion hat sich mit seiner Firma „Klitschko Ventures“ selbstständig gemacht und ist heute auf zahlreichen Events ein gefragter Speaker


Selfie mit dem Kumpel: Wladimir und Axel bei der Gala zum 70. Geburtstag des Bundes Deutscher Berufsboxer im April 2019


ZUR PERSON: WLADIMIR KLITSCHKO

• Wladimir Klitschko wurde am 25. März 1976 in Semipalatinsk in Kasachstan geboren.
• Er wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Vitali und seinen Eltern Wladimir und Nadeschda Klitschko auf.
• Mit 14 Jahren begann er zu boxen, es folgte eine erfolgreiche Amateurkarriere (112-6). Wladimirs Höhepunkt war der Olympiasieg 1996 in Atlanta. Zwischenzeitlich machte er seinen Doktor in den Fächern Sportwissenschaft und Philosophie in seiner Heimat Ukraine.
• Noch im selben Jahr begann Klitschko seine Profikarriere beim Hamburger Stall Universum Box-Promotion.
• 2000 wurde er erstmals WBO-Weltmeister im Schwergewicht, musste 2003 und 2004 allerdings zwei schwere Niederlagen einstecken.
• 2006 wurde Klitschko erneut Weltmeister und dominierte von da an das Schwergewicht bis zur Niederlage gegen Tyson Fury 2015. Seinen letzten Fight absolvierte er 2017 gegen Anthony Joshua (T. K.o.-Niederlage).
• Heute ist Wladimir Klitschko ein erfolgreicher Geschäftsmann und betreibt die Firma „Klitschko Ventures“.

ZUR PERSON: AXEL SCHULZ

• Geboren am 9. November 1968 in Bad Saarow (Brandenburg), absolvierte Axel Schulz mit elf Jahren sein erstes Boxtraining.
• Schnell zeigte sich sein boxerisches Talent. Ab 1982 gewann er fünf DDR-Meistertitel der Junioren in Folge, 1986 folgte der Triumph bei der Junioren-EM. Bei den Senioren holte Schulz 1988 den DDR-Meistertitel und gewann ein Jahr später den Chemiepokal sowie EM-Silber.
• Nach der Wende wechselte Schulz ins Profi-Lager zum Sauerland-Stall, wo er im September 1992 Deutscher Meister im Schwergewicht wurde.
• Er boxte insgesamt drei Mal um die Schwergewichts-WM der IBF. 1994 verlor er gegen George Foreman in den USA höchst umstritten nach Punkten. Schulz’ WM-Duell gegen den Südafrikaner Frans Botha im Dezember 1995 sorgte für einen Zuschauerrekord (über 18 Millionen) bei Boxübertragungen im deutschen Fernsehen.
• Nach seiner Karriere wurde Schulz zum gefragten TVExperten. Nach einigen Jahren am Mikrofon von Sat.1 verstärkte der 50-Jährige zwischenzeitlich Sport1.


Fotos: Getty Images (4), imago images/ Contrast (1)/ Fassbender (1)/ Sven Simon (1), pa/ Gero Breloer (2)