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Aus Liebe zum Detail


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Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 30.06.2022

DER RATGEBER-KURZROMAN VON MANUELA FEILER

Artikelbild für den Artikel "Aus Liebe zum Detail" aus der Ausgabe 7/2022 von Ratgeber Frau und Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 7/2022

Juliatrommelte mit den Fingern auf das Lenkrad und warf einen nervösen Blick auf das Navigationssystem. Die Ankunftszeit hatte sich mittlerweile so bedrohlich nach hinten geschoben, dass ihr Termin platzen würde, wenn die Autokolonne sich nicht endlich bewegte. In der Hoffnung auf gute Nachrichten schaltete sie den Verkehrsfunk ein. „ … LKW hat auf dem betroffenen Autobahnabschnitt Ölflaschen verloren. Es gab keine Verletzten, doch die Reinigung der Fahrbahn ist aufwendig. Derzeit kann niemand sagen, wie lange die Vollsperrung dauern wird.“ „Das meinst du jetzt nicht ernst“, entgegnete sie dem Radiosprecher entgeistert. Doch die zahlreichen

Ein lautes Klopfen riss Julia aus ihren trüben Gedanken

Autos vor und neben ihr bestätigten die Verkehrsmeldung. Hier ging nichts mehr, und trotz des großzügig eingebauten Zeitpuffers würde sie es nicht pünktlich zum ...

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... Vorstellungsgespräch schaffen. Die Luft im Inneren des Autos erschien plötzlich stickig und verbraucht. Julia ließ das Fenster herunter. Brütende Hitze strömte herein. Von draußen war definitiv keine Abkühlung zu erwarten, und weil der Füllstand des Tanks bedrohlich zur Neige ging, war das Laufenlassen des Motors, um auf die Klimaanlage zugreifen zu können, auch keine Option. Resigniert schloss sie das Fenster wieder und griff nach dem Mobiltelefon, um ihren potenziellen Arbeitgeber anzurufen. Doch dort nahm niemand ab. Frustriert ließ Julia den Kopf auf das Lenkrad sinken. Nach der Trennung von Reinhard reichte das Gehalt ihres geliebten Teilzeitjobs nicht mehr. Schon seit mehreren Jahren arbeitete sie bei einem kleinen Verlag vormittags in der Verwaltung. Ihre Arbeitszeit aufzustocken wäre leider nicht möglich, hatte ihr der Inhaber mit ehrlichem Bedauern erklärt.

Obwohl ihr das Herz schon beim Gedanken an einen Jobwechsel blutete, hatte sie sich deshalb auf Jobsuche begeben. Und wenn sie nicht in den Stau gekommen wäre, würde sie jetzt schon auf dem Parkplatz des potenziellen neuen Arbeitgebers und nicht auf der Autobahn stehen. „Sind Sie okay?“ Dieser Ausruf und ein lautes Klopfen rissen Julia aus ihren trüben Gedanken. Sie hob den Kopf und sah durch die Windschutzscheibe in ein Paar dunkelbraune, besorgt dreinblickende Augen. Sie öffnete die Autotür ein Stück und versicherte dem

Mann vor ihr: „Bis auf die Tatsache, dass ich gerade einen wichtigen Termin verpasse, geht es mir gut.“ „Sie sehen blass aus und sollten vielleicht ein bisschen frische Luft schnappen“, erwiderte der besorgte Mann. Nun erst bemerkte Julia, dass die Fahrbahn mittlerweile belebt war. Auf der rechten Spur neben ihrem Wagen lehnte ein kleines Mädchen trinkend an einem blauen Ford Fiesta, während ihre Mutter Gymnastikübungen machte. Um den Audi davor schritt in gemächlichem Tempo ein grauhaariges Paar. Vielleicht war es draußen doch angenehmer als im Wageninneren, dachte Julia und stieg aus. Der Asphalt schien zwar unter ihren Füßen zu glühen, doch es ging ein leichter Wind. Jetzt erst stellte Julia fest, wie heiß und stickig es im Auto gewesen war. „Sie waren mein Retter in der Not“, sagte sie lächelnd zu dem Dunkelhaarigen, der sich an den Kofferraum des silberfarbenen VWs vor ihr lehnte. „So nett wird mein Bruder leider nicht über mich sprechen“, gab er zur Antwort und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Wenn wir in einer halben Stunde zum Himmel schauen, sehen wir das Flugzeug, in dem ich sitzen sollte. Nun muss die Strandtrauung auf Ibiza wohl ohne mich stattfinden.“ „Sie sind doch hoffentlich nicht der Bräutigam?“, rief Julia erschrocken. Der Mann lachte. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich bin der Trauzeuge. Das glückliche Paar wird sich auch ohne mein Zutun vermählen lassen.“ Bei den letzten Worten sah er so erleichtert aus, dass Julia sich fragte, ob er der verpassten Hochzeit wirklich nachtrauerte. Die Gedanken standen ihr anscheinend ins Gesicht geschrieben, denn der Dunkelhaarige gestand schmunzelnd: „Sie haben mich erwischt. Eigentlich hätte mir gar nichts Besseres passieren können, als diesen Flug zu verpassen. Das Verhältnis zwischen meinem Bruder und mir ist nicht gut. Wir haben uns jahrelang nicht gesehen, und jetzt sein Trauzeuge zu sein kam mir von Anfang falsch vor.“ „Dann hat der Stau Sie wohl vor einer schlechten Entscheidung gerettet“, stellte Julia fest.

Der Mann nickte. „Ich glaube, Sie haben recht. Eigentlich wollte ich gar nicht zusagen, aber ...“ Er brach ab und suchte sichtlich nach Worten. „Aber weil es die Familientradition verlangt, haben Sie nachgegeben“, führte Julia den Satz zu Ende und fühlte sich dabei an zahlreiche Wochenenden mit Reinhards Bekannten erinnert, an denen sie nur Reinhard zuliebe teilgenommen hatte. Sie hatte vorgegeben, sich bestens zu amüsieren, und höfliche Konversation gemacht, während sie im Stillen das Ende des Treffens herbeigesehnt hatte, um noch einige Stunden hinter der Kamera zu verbringen. Seit ihrer Kindheit fotografierte sie leidenschaftlich gerne. Während der vergangenen Jahre hatte sie sich auf Makrofotografie von Insekten und Pflanzen spezialisiert. Die kleine und oftmals übersehene Welt der Tiere und Pflanzen groß abzubilden hatte sich zu ihrer größten Leidenschaft entwickelt. Unwillkürlich warf sie einen Blick auf den Grünstreifen neben der Fahrbahn. Beim Anblick der wilden Bepflanzung juckte es sie in den Fingern. Doch jetzt war nicht die Zeit für Fotos, sie hatte Wichtigeres zu tun. „Sie blicken so düster auf das Mobiltelefon in der Hand“, sagte der Mann mit den dunklen Haaren. „Haben Sie eine schlechte Nachricht erhalten?“ „Noch nicht, aber das wird sicher gleich passieren“, seufzte sie und erzählte ihm von dem Vorstellungstermin, der in weniger als einer halben Stunde stattfinden sollte. „Du siehst aber traurig aus“, rief das kleine Mädchen vom Auto nebenan und lief auf sie zu. „Hast du vielleicht Durst?“ Es bot ihr eine halb ausgetrunkene Getränkepackung an. Lächelnd schüttelte Julia den Kopf, doch schon beim Anblick des Getränks lief ihr das Wasser im Mund zusammen, und sie ärgerte sich nichts zu trinken eingepackt zu haben.

Auch der Mann warf einen Blick auf die Getränkepackung. Dann öffnete er den Kofferraum und kramte in einem riesigen Reiserucksack. „Bei der Hitze sollten wir tatsächlich etwas trinken. Meinen Vorrat für die Wartehalle des Flughafens brauche ich jetzt ja nicht mehr.“ Er gab ihr eine Wasserflasche, prostete ihr zu Mit einem solche und stellte sich als Max vor. „Und hatte Julia ni ich bin Lea“, sagte das kleine Mädchen. „Und das da ist meine Mama Yvonne. Wir waren auf dem Weg zum Kinderarzt. Ich sollte geimpft werden. Jetzt klappt das nicht mehr, sagt Mama.“ An dem breiten Grinsen des Mädchens war unschwer zu erkennen, dass es darüber alles andere als traurig war. „Weil wir beim Arzt immer so lange warten müssen, hat Mama mein Lieblingskartenspiel mitgenommen“, fuhr Lea fort. „Sollen wir zusammen spielen?“ „Lea! Sei nicht so aufdringlich“, wurde sie von ihrer Mutter zurechtgewiesen, die nun ebenfalls zu ihnen trat. „Bitte entschuldigen Sie die Störung.“ „Also ich fühle mich nicht gestört“, sagte Max lächelnd. „Und ich habe auch nichts gegen ein Kartenspiel einzuwenden.“ Er setzte sich im Schneidersitz in den Schatten seines Autos und warf Julia einen fragenden Blick zu. „Ich würde gerne mitspielen“, sagte diese. „Aber ich muss erst noch einen Anruf tätigen.“ Sie setzte sich wieder in ihr Auto. Weil dort mittlerweile eine Hitze wie in der Sauna herrschte, ließ sie die Fahrertüre offen.

Ihre Ansprechpartnerin meldete sich nach dem ersten Klingeln. Julia erklärte die Situation und dass sie es nicht zum Termin schaffen würde. „Von einer künftigen Vertriebsmitarbeiterin hätte ich mehr Voraussicht erwartet“, tönte es aus dem Hörer und weiter: „Stellen Sie sich vor, ich wäre ein wichtiger Kunde!“ Julia spürte, wie sich ihre Nackenmuskeln verkrampften. Mit Verärgerung hatte sie gerechnet, mit solchem Unverständnis hingegen nicht. Am liebsten hätte sie aufgelegt, doch weil sie sich das nicht leisten konnte, schlug sie vor: „Wir können das Gespräch auch telefonisch führen. Oder wir verschieben es auf morgen.“ In eisigem Tonfall kam zurück: „Für unpünktliche Personen ist in unserem Unternehmen kein Platz. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft!“ und legte auf. „Oh je, du siehst so aus, als hätte jemand am Telefon mit dir geschimpft.

Mit einem solchen Unverständnis hatte Julia nicht gerechnet

Magst du vielleicht eine Lakritzstange?“, ertönte die Stimme von Lea, und eine Kinderhand streckte ihr die Süßigkeit durch die geöffnete Autotür entgegen. „Ich dachte, ihr spielt Karten“, sagte Julia in der Hoffnung, etwas Zeit zum Nachdenken zu finden, aber das Mädchen schüttelte den Kopf. „Wir warten auf dich. Hier ist die Lakritzstange und jetzt komm.“

Bevor Julia eine Ausrede einfiel, umfasste die Kinderhand ihre Linke und zog sie aus dem Auto.

Gegen ihren Willen musste Julia lächeln, als sie die Szene erblickte, die sich zwischen den Autos abspielte. Max und Leas Mutter Yvonne, hatten sich zusammen mit dem grauhaarigen Paar zwischen die Autos im Kreis auf Handtücher gesetzt. „Wir waren auf dem Weg zum Badesee“, sagte die ältere Dame und streckte Julia ein Badetuch entgegen. „Hier nehmen Sie es. Damit sitzt man besser auf dem Asphalt.“ „Wäre es nicht gemütlicher auf dem Gras neben der Fahrbahn?“, warf Leas Mutter ein, doch der nicht leisten konnte, schlug sie vor: „Wir können das Gespräch auch telefonisch führen. Oder wir verschieben es auf morgen.“ In eisigem Tonfall kam zurück: „Für unpünktliche Personen ist in unserem Unternehmen kein Platz. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft!“ und legte auf. „Oh je, du siehst so aus, als hätte jemand am Telefon mit dir geschimpft.

Magst du vielleicht eine Lakritzstange?“, ertönte die Stimme von Lea, und eine Kinderhand streckte ihr die Süßigkeit durch die geöffnete Autotür entgegen. „Ich dachte, ihr spielt Karten“, sagte Julia en Unverständnis icht gerechnet in der Hoffnung, etwas Zeit zum Nachdenken zu finden, aber das Mädchen schüttelte den Kopf. „Wir warten auf dich. Hier ist die Lakritzstange und jetzt komm.“

Bevor Julia eine Ausrede einfiel, umfasste die Kinderhand ihre Linke und zog sie aus dem Auto.

Gegen ihren Willen musste Julia lächeln, als sie die Szene erblickte, die sich zwischen den Autos abspielte. Max und Leas Mutter Yvonne, hatten sich zusammen mit dem grauhaarigen Paar zwischen die Autos im Kreis auf Handtücher gesetzt. „Wir waren auf dem Weg zum Badesee“, sagte die ältere Dame und streckte Julia ein Badetuch entgegen. „Hier nehmen Sie es. Damit sitzt man besser auf dem Asphalt.“ „Wäre es nicht gemütlicher auf dem Gras neben der Fahrbahn?“, warf Leas Mutter ein, doch der ältere Herr schüttelte den Kopf. „Eigentlich dürften wir im Stau die Autos gar nicht verlassen“, erklärte er. „Bei einer Vollsperrung an einem so heißen Tag wie heute wird die Polizei sicher eine Ausnahme machen, aber wir bleiben besser in der Nähe der Fahrzeuge, sodass wir sofort reagieren können, wenn es weitergehen sollte.“

Sie spielten mehrere Runden und ließen das kleine Mädchen mehrfach gewinnen. Dessen Freude darüber seine Siege war so ansteckend, dass Julia für kurze Zeit ihre Sorgen vergaß. Erst als Lea dringend zur Toilette musste und zusammen mit ihrer Mutter in einem Gebüsch verschwand, kehrte die Realität mit aller Wucht zurück. „Sie sehen bedrückt aus, ich vermute, das Gespräch ist nicht gut gelaufen?“, fragte Max mitfühlend. Julia schüttelte den Kopf. „Es hätte gar nicht schlimmer ausgehen können!“ Sie wusste nicht, ob es die Notsituation war oder die Tatsache, dass der Tag lang und heiß gewesen war, aber sie fühlte plötzlich das Bedürfnis, sich anzuvertrauen und berichtete Max und dem älteren Paar von Reinhards Affäre, der Trennung und den Schwierigkeiten, sich wieder ein eigenes Leben aufzubauen. „Da haben Sie ja ganz schön etwas mitgemacht“, sagte die Rentnerin und erhob sich überraschend zügig für ihr Alter. „Ich finde, Sie haben sich eine Stärkung verdient.“ Sie förderte einen Picknickkorb aus dem Auto zutage. „Bitte bedienen Sie sich und Sie auch, Max. Heute kommen wir nicht mehr zum See. Und bei der Hitze würde alles verderben.“ Sie entnahm der Tasche belegte Brote und klein geschnittenes Obst sowie hart gekochte Eier und kleine Törtchen. „Oh Picknick“, ertönte Leas Stimme. Gefolgt von ihrer Mutter, eilte das Mädchen wieder auf sie zu und setzte sich zu ihnen. Gemeinsam verspeisten sie die Leckereien und erzählten sich dabei aus ihrem Leben. Julia erfuhr, dass die junge Mutter alleinerziehend und gerade umgezogen war. Sie tauschten Adressen aus und stellten erfreut fest, dass sie nicht weit voneinander entfernt wohnten. Das Rentnerehepaar kam zwar nicht aus der Nähe, hatte aber eine Ferienwohnung an einem See in der Region und lud alle spontan für ein Wochenende dort ein. Nach dem Essen wollte Lea wissen: „Und was machen wir jetzt? Auf Kartenspielen habe ich keine Lust mehr.“ „Wir könnten auf Fotosafari gehen“, schlug Julia vor. „Mein liebstes Hobby ist das Fotografieren. Meine Fotoausrüstung liegt auf dem Rücksitz des Autos.“

Für eine kurze Zeit konnte sie ihre Sorgen vergessen

Während die älteren Leute im Schatten der Autos blieben und dem Verkehrsfunk lauschten, um Bescheid geben zu können, falls der Stau sich wider Erwarten zeitnah auflösen sollte, gingen Julia, Max, Yvonne und Lea zum kleinen Grünstreifen neben der Autobahn. „Hier sind ja gar keine Tiere“, sagte Lea enttäuscht. „Das ist aber langweilig!“ Bevor sie von ihrer Mutter zurechtgewiesen werden konnte, ergriff Julia die Hand des Mädchens und zog es in die Knie. „Hier leben viele Insekten, du musst nur genau hinsehen, dann kannst du ihre versteckte Welt entdecken. Siehst du ihren ganz eigenen Ameisenstraßen.“ Sie brachte die Kamera in Stellung und schoss ein Foto, das sie den Umstehenden auf dem Display zeigte. „Die Ameise die Ameisen? Die laufen auf ist ja riesig und sie schaut mich direkt an“, staunte Lea. „Das Foto ist wirklich gut“, murmelte Max und auch Yvonne sah beeindruckt aus. „Es wäre noch besser, wenn ich mein Stativ aufbauen könnte, doch das würde den Rahmen hier sprengen“, erklärte Julia und bog behutsam die Zweige eines kleinen Strauches auseinander. „Igitt eine Spinne“, rief Lea und ließ ihre Hand los. Lachend drückte Julia einige Male auf den Auslöser ihrer Kamera und zeigte der Vierjährigen die Fotos. „Die hat ja Haare auf den Beinen und ein Kreuz auf dem Rücken“, rief Lea. „Deshalb heißt sie auch Kreuzspinne. Mit den Haaren nimmt sie die kleinsten Schwingungen wahr und findet so ihre Beute“, erklärte Julia. Dann zeigte sie auf eine gelb blühende Pflanze. „Auch Pflanzen sind spannend, wenn man sich mit ihnen befasst. Hier haben wir zum Beispiel einen Einwanderer aus Südafrika, das Schmalblättrige Greiskraut. Die Pflanze wird bei uns mittlerweile zum Problem, weil sie sich stark ausbreitet und heimische Arten verdrängt.“ Sie schoss ein Foto und zeigte es den Umstehenden, bevor sie ein paar Schritte weiterging und auf ein zartes Gewächs wies. „Hier seht ihr das Dänische Löffelkraut. Die Pflanze hat ihren Lebensraum eigentlich am Meer, fühlt sich am Seitenstreifen der Autobahn aber auch pudelwohl. Wieso wohl?“

Ein heftiges Glücksgefühl durchströmte Julias Körper

Ihre Zuhörer stellten einige falsche Vermutungen an, bis Julia das Rätsel schließlich auflöste, indem sie auf das Streusalz im Winter hinwies, das den Boden am Seitenstreifen der Autobahn ähnlich salzig macht wie das Meersalz den Küstenbereich. Wie immer wenn sie sich mit ihrem Lieblingshobby befasste, tauchte sie ganz in die Welt der Pflanzen und Insekten ein und erst die Stimme des Rentners holte sie in die Wirklichkeit zurück. „Der Verkehrsfunk meldet, dass die Unfallstelle in Kürze geräumt sein wird“, rief er. „Das war so spannend“, meinte Lea. „Kannst du mir ein paar Fotos schicken? Ich will sie den anderen im Kindergarten zeigen.“ „Natürlich“, antwortete Julia erfreut. „Haben Sie schon einmal daran gedacht, Fotografieren zu Ihrem Beruf zu machen?“, fragte Max, als sie zu den Autos zurückgingen. „Ach, davon kann man doch nicht leben“, wiederholte Julia resigniert das, was sie bislang immer gehört hatte, wenn sie diesen Traum laut ausgesprochen hatte. „Vielleicht nicht in Vollzeit“, antwortete Max und fuhr fort: „Haben Sie uns vorhin nicht erzählt, dass Sie Ihren Halbtagsberuf eigentlich gar nicht aufgeben möchten? Vielleicht könnten Sie sich mit dem Fotografieren so viel dazuverdienen, dass es zum Leben reicht?“ Julia blieb stehen. „Ich überlege schon länger meine Fotos Agenturen anzubieten und einen Bildband über heimische Insekten und Pflanzen zu erstellen. Bislang hatte ich nie die Zeit, aber wenn ich den Gürtel enger schnalle, dann könnte ich es vielleicht tatsächlich wagen.“ Während sie das sagte, durchströmte sie ein heftiges Glücksgefühl. Spontan umarmte sie Lea. „Mit deiner Idee, die Fotos im Kindergarten zu zeigen, hast du meinem Leben die Wendung gegeben, nach der ich unbewusst lange gesucht habe. Vielen, vielen Dank!“ Lea erwiderte die Umarmung innig, dann meinte sie: „Du solltest auch Max umarmen, der hat dich dazu überredet, Fotografin zu werden.“ Julia spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss. „Wirklich überreden musste ich Julia zwar nicht“, sagte Max und fuhr lächelnd fort: „Aber von talentierten, hübschen Frauen lasse ich mich immer gerne umarmen.“ Julia ließ sich in seine ausgestreckten Arme fallen und stellte fest, dass seine Nähe ihren Pulsschlag beschleunigte. „Vielleicht könnten Sie mir demnächst mal weitere Fotos zeigen“, murmelte Max an ihrem Ohr. Sie hob den Kopf. Seine braunen Augen sahen sie fragend an. „Sie wissen aber schon, auf was Sie sich einlassen?“, fragte sie schmunzelnd. „Wenn es um mein Hobby geht, dann vergesse ich immer die Zeit. Das könnte also ein sehr langes Treffen werden.“ „Je länger, desto besser“, lächelte Max und griff nach ihrer Hand. •