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Aus Liebe zum Leben


maas - epaper ⋅ Ausgabe 17/2020 vom 15.05.2020
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Bildquelle: maas, Ausgabe 17/2020

Die britische Primatenforscherin Dr. Jane Goodall engagiert sich weltweit für Klimaschutz, Naturschutz und ein nachhaltiges Umweltbewusstsein. Mit 86 Jahren ist sie auch heute noch 300 Tage pro Jahr unterwegs. — Mit diesen Worten eröffnete sie 2020 die weltweit größte Messe für biologische Produkte BIOFACH in Nürnberg:

»Momentan findet das 6. große Massensterben in der Pflanzen- und Tierwelt statt, das eine Zerstörung des Ökosystems zur Folge hat. Es scheint so, als hätten wir vergessen, dass wir selbst ein Teil der Natur und auf den Wald und das saubere Wasser angewiesen sind, um leben zu können…

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Alles Leben ist miteinander verbunden | Als ich im Regenwald die Schimpansen studierte, lernte ich, dass alles Leben miteinander verbunden ist. Jede kleine Spezies spielt eine Rolle im Netz des Lebens. Wenn auch nur eine kleine Spezies ausstirbt, kann das zum Zusammenbruch des gesamten Ökosystems führen. Deshalb ist es so wichtig, sich um Nachhaltigkeit zu kümmern, denn wir leben auch in diesem Ökosystem. Ich habe den Dschungel verlassen, als ich 1986 bemerkt habe, dass die Schimpansen aus dem Regenwald verschwinden. Also bin ich durch Afrika gereist und habe erfahren, dass so viele Menschen, die in Armut leben, den Wald zerstörten und die Tiere töteten, um zu überleben!

Schimpansen sind wie wir: Wir teilen 98,6 % unserer DNA mit ihnen. Der Hauptunterschied ist die Entwicklung unseres Intellekts. Wie bizarr ist es also, dass das intelligenteste Lebewesen der Welt seine einzige Heimat zerstört? Wir dachten, wir könnten auf dem Mars leben. Brillante Gehirne haben es geschafft, eine Sonde hoch zu senden, und wir wissen nun, dass wir dort nicht leben können. Wir haben nur diesen einen schönen, grünen Planeten und Tag für Tag zerstören wir ihn.

Ökologische Landwirtschaft | Eines unserer großen Probleme ist die sogenannte »konventionelle« Landwirtschaft. Kann mir jemand sagen, wie es zu dieser doch sehr unkonventionellen Art des Lebensmittelanbaus kam? Ich nenne sie deshalb lieber industrielle Landwirtschaft. Die industrielle Landwirtschaft hält es für eine gute Idee, chemische Gifte auf unsere Felder zu sprühen und damit auf unsere Lebensmittel. Dies ist ein großer Fehler, wie beispielsweise die Entwicklung und Anwendung des Herbizids Roundup zeigt. Es werden gentechnisch veränderte Kulturen angebaut, die resistent gegen das Herbizid sind. Dann wird Herbizid gesprüht und die Ernte ist anfangs groß, doch das landwirtschaftliche Unkraut wird nach einiger Zeit auch resistent dagegen. Verzweifelte Bauern sprühen dann immer mehr Gift, zerstören die Böden und können darauf nichts mehr anbauen. Als sie sich an Monsanto wanden, empfahl man ihnen, einen chemischen Cocktail zu verwenden, dessen Hauptbestandteil eine Chemikalie war, die als Agent Orange im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Wir alle kennen die schrecklichen Folgen davon. Die Menschen in Vietnam leiden heute noch unter der Kontamination mit Agent Orange. Das wird auf unseren Acker gesprüht! Wir wissen noch nicht viel über das Ökosystem des Bodens, welcher sich unter unseren Füßen befindet. Deswegen können wir gar nicht beurteilen, welche Folgen Agent Orange für unseren Ackerboden hat.

Pestizide zerstören die Hummeln und die Honigbienen, von denen wir abhängig sind, da sie unsere Blüten bestäuben. Wenn wir die Bienen verlieren, ist das das Ende unserer Existenz. Ich wuchs in England auf. Die Hälfte der Insekten, die Schmetterlinge, die ich als Kind kannte, die Vögel und ihr Morgenchoral, all das ist verschwunden. Wir tun das mit unserem erstaunlichen Intellekt. Ist uns das egal?

Es geht nur mit Kopf und Herz | Vielen Menschen scheint es offenbar gleichgültig zu sein und ich denke, das liegt daran, dass sie es nicht vollständig verstehen. Bildung ist also etwas wirklich Wichtiges. Ein Problem der Aktivisten, die gegen die landwirtschaftlichen Riesen kämpfen, die unser Land vergiften, ist, dass sie oftmals sehr konfrontativ vorgehen. Ich habe festgestellt, dass es einen nicht sehr weit bringt. Doch wie können wir Menschen erreichen? Ich denke, wir müssen ihr Herz erreichen. Ich tue das, indem ich Geschichten erzähle.

Unser Intellekt hat uns auf bereits so viele, schlechte Wege geführt. Zwischen unserem klugen Gehirn und unserem menschlichen Herzen ist eine Trennung passiert. Mit unserem Herzen empfinden wir Liebe und Mitgefühl. Ich glaube, dass wir nur dann unser wahres menschliches Potenzial erreichen können, wenn wir Kopf und Herz miteinander verbinden. Wir haben uns in dieses Chaos gestürzt, aber wir haben auch den Verstand, uns aus diesem Chaos herauszuholen. Dafür brauchen wir auch unser Herz.

Methan aus der Massentierhaltung | Die Massentierhaltung wurde von einem Überlebenden des Holocaust mit Konzentrationslagern verglichen. Er schrieb ein Buch namens »Ewiges Treblinka«. Jeder, der entweder auf einer dieser Farmen war oder heimlich gefilmte Videos darüber gesehen hat, weiß um diese schreckliche Grausamkeit, welche Milliarden Tiere erleiden müssen, indem sie auf widerlichste Weise gehalten werden. Damit diese Tiere genug Futter haben, werden Lebensräume zerstört, oft ganze Wälder, um das Getreide auf dem anfangs sehr fruchtbaren Boden anzubauen. Dann wird viel Sprit benötigt, um das Getreide zu den Tieren zu transportieren und deren Fleisch auf unsere Teller. Während der Verdauung produzieren diese Tiere, wie wir alle, Methan, ein Treibhausgas, das den Globus bedeckt und so die Hitze der Sonne einfängt, was zum Klimawandel führt. Ein großer Prozentsatz stammt aus der Massentierhaltung, die die Folge unseres Wunsches ist, immer mehr Fleisch zu essen. Es ist nicht nur besser für uns, wenn wir kein Fleisch essen, sondern es ist auch viel besser für die Natur.

Die Jugend macht mir Hoffnung | Wir wissen, dass es immer mehr Hurrikane und Tornados gibt, dass die Überschwemmungen und Dürren immer schlimmer werden. Der Klimawandel ist nicht etwas, das irgendwann in der Zukunft zusammen mit dem Aussterben von Tieren und Pflanzen auf dem Planeten eintreten könnte, sondern eine echte Krise, in der wir uns bereits befinden. Es ist nicht verwunderlich, dass junge Menschen auf der ganzen Welt wütend, desillusioniert, apathisch und depressiv sind. Kinder und Jugendliche liegen mir besonders am Herzen, deshalb habe ich 1991 mit dem Programm Roots & Shoots begonnen. Seine Hauptbotschaft ist, dass jeder Einzelne jeden Tag etwas tun kann. Jede Gruppe wählt Projekte aus, mit denen sie die Welt zu einem besseren Ort machen wollen – entweder für Menschen, für Tiere oder für die Umwelt – denn wir sind alle miteinander verbunden. Was 1991 mit 12 Schülern in Tansania begann, gibt es jetzt in 163 Ländern und wächst stetig.

Diese Bio-Bewegung der Jugend ist sehr passioniert. Sie werden ihre Eltern und Großeltern ändern und sind die zukünftigen Verbraucher. Sie verstehen, wie wichtig es ist, Produkte zu kaufen, die es uns ermöglichen, uns auf die Zukunft zu freuen. Die Roots & Shoots-Gruppen sind fasziniert von Permakultur und Aquaponik, welche beides sehr nachhaltige Formen der Landwirtschaft sind. Darüber hinaus gibt es eine große Bewegung auf der ganzen Welt, um etwas gegen unseren übermäßigen Gebrauch von Plastik zu unternehmen. Das gibt mir größte Hoffnung: Überall, wo ich hingehe, gibt es junge Leute mit leuchtenden Augen, die Dr. Jane erzählen wollen, was sie getan haben, um eine bessere Welt zu erschaffen.

Jeder von uns bewirkt etwas jeden Tag. Jeder von uns kann in seinem Leben auf seinen ökologischen Fußabdruck achten, darüber nachdenken, was wir kaufen, was wir tragen und was wir essen. Wir müssen auch keine Tiere mehr essen.

Ich habe Hoffnung, dass wir, mit unserem unbezwingbaren menschlichen Geist, mit der Energie des Engagements unserer jungen Generation, unserem außergewöhnlichen Intellekt und der Widerstandsfähigkeit der Natur, die Fruchtbarkeit unserer Böden auf ökologisch nachhaltige Weise wiederherstellen können. Wir haben uns dieses Chaos erschaffen, also haben wir auch die Fähigkeit, uns daraus zu befreien.«


Foto: Bio