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AUS LIEBE ZUR SEEKUH


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 16.12.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 1/2023

VORIGE DOPPELSEITE Aus dem Maul eines Manatis im Ichetucknee Springs State Park in Florida hängen Bänder aus Seegras. Belastete Einträge aus Stadtentwicklung und Landwirtschaft haben die für die Tiere lebenswichtigen aquatischen Gräser in zahlreichen Wasserläufen vernichtet. Der Ichetucknee River ist jedoch nach wie vor relativ unbeeinträchtigt.

AN JENEM NACHMITTAG hatte ich nicht damit gerechnet, einen Fremden in das Haus meiner Urgroßmutter einzuladen. Hier in Crystal River, einer nördlich von Tampa gelegenen Kleinstadt in Florida, wollte ich NATIONAL-GEOGRAPHIC-Explorer Buddy Powell auf dem Wasser interviewen. Aber unser Boot ging kaputt, und es war zu heiß, sich auf der Pier zu unterhalten. So saßen wir uns gegenüber – auf farblich abgestimmten orangenen Sofas in einem Wohnzimmer, das im Stil der 1970er-Jahre eingerichtet war.

Hazel Gaines, meine 1993 verstorbene Urgroßmutter, war vor über 60 Jahren nach Crystal River gezogen. Die Sofas hatten wir als Erinnerung behalten – an sie und an unsere Kindheit, in der wir den Fluss vor ihrem Haus erforschten. Buddy Powell ist nur wenig älter als die Sitzmöbel, aber besser in Form: Er besitzt eine jugendliche Körperhaltung und einen wachen Blick, der an diesem Tag immer wieder hinaus aufs ...

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... Wasser wanderte. „Es geschieht unbewusst“, erklärt er. „Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, nach Manatis Ausschau zu halten.“

In den 1960er-Jahren, als Powell hier aufwuchs, gab es in Florida fast keine Manatis mehr. „Es war aufregend, wenn man einen fand“, sagt er. Als einer der weltweit führenden Experten für die pflanzenfressenden Meeressäuger un-terzeichnet er seine E-Mails mit „Dr. James Powell, Vorsitzender und geschäftsführender Direktor von Clearwater Marine Aquarium“. Doch alle nennen ihn Buddy.

Die National Geographic Society, die sich dazu verpflichtet, die Wunder unserer Erde zu zeigen und zu schützen, hat die Explorer Gena Steffens, Jason Gulley und Erika Larsen bei diesem Beitrag über die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt unterstützt.

MANATIS,AUCH ALS SEEKÜHE bekannt, stellen eine Anomalie im Tierreich dar. Die Säuger, die bis zu vier Meter lang und über 900 Kilogramm schwer werden können, sind evolutionär bedingt frei von Aggressivität. Sie fallen zudem in die Kategorie „charismatischer“ Wildtiere, die uns Menschen in ihren Bann ziehen. Dass sie noch in Florida vorkommen, ist eine Erinnerung an das Gute im Menschen: Der Schutz ihrer Lebensräume, Vorschriften, um Zusammenstöße mit Booten zu verhindern, und die Schärfung des Bewusstseins für die Tiere haben dazu beigetragen, dass sich die dortigen Manatipopulationen von weniger als 1000 Tieren in den 1960er-Jahren auf über 7500 im Jahr 2016 erholen konnten (laut Bestandsabschätzungen aus der Luft). Crystal River, die „Welthauptstadt der Manatis“, ist das Epizentrum ihrer Erholung.

Trotzdem sind die Manatis nach wie vor massiv bedroht. Drei Viertel der 22 Millionen Einwohner Floridas leben an der Küste, viele von ihnen in bedeutenden Manati-Habitaten, deren Quellen, Wasserläufe und Feuchtgebiete durch den Menschen stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. In Indian River Lagoon, einem Lebensraum der Manatis an der dicht besiedelten Ostküste, hat die jahrzehntelange Belastung mit Fäkalien, Sedimenten aus der Baulanderschließung sowie Dünger aus Rasenflächen und Landwirtschaft zu einer Trübung des Wassers geführt und die Seegrasbestände – Hauptnahrungsquelle der dortigen Manatis – vernichtet. Mehr als tausend Seekühe sind im Lauf der letzten zwei Jahre in dem Lagunensystem verendet.

Die Medien deuteten das Manatisterben als einen Weckruf für den Umweltschutz. Powell formuliert es so: „Manatis werden noch immer mit einem Kanarienvogel in einer Kohlemine verglichen. Doch wenn dieser Kanarienvogel stirbt, sind sämtliche Bergleute längst tot.“ Mit anderen Worten: Der Tod der Manatis ist nicht das Alarmsignal für ein bevorstehendes Desaster – er ist das Desaster.

CHARISMATISCHETIERE wie Elefanten (die nächsten landlebenden Verwandten der Manatis), Pandas oder Delfine können als Symbole für den Artenschutz viel bewirken. Der Florida Manatee Sanctuary Act von 1978 erklärte den Bundesstaat zum „Schutz- und Zufluchtsort“ für Manatis und schrieb Geschwindigkeitsbeschränkungen für Boote in ihren Warmwasser-Winterquartieren vor, zu denen auch Crystal River zählt.

„Alle sind von ihnen besessen“, sagt Lisa Smith, Tierpflegerin am David A. Straz, Jr. Manatee Critical Care Center am Zoo von Tampa. Die Souvenirläden im Sunshine State führen ein reichhaltiges Sortiment: von Manati-Rückenkratzern über Hundeleinen bis zu anderthalb Meter hohen Manati-Briefkästen. Mitglieder von Manati-Facebook-Gruppen teilen Memes und stellen Kunsthandwerk zur Schau. Ein Post zeigt eine Variante von Leonardo da Vincis „Letztem Abendmahl“ – anstelle von Jesus und seinen Jüngern sitzen Seekühe am Tisch.

Charismatische Tiere können jedoch auch Spannungen erzeugen, und die Manatis haben polarisiert: leidenschaftliche Fürsprecher auf der einen Seite, Küstenerschließung, Geschäftsinteressen und Sportbootbesitzer, die eine uneingeschränkte Nutzung der Gewässer Floridas für sich beanspruchen, auf der anderen. Diese Spaltung wurde als der „Manati-Krieg“ bekannt.

Was finden Menschen nur so unwiderstehlich an einem Tier, das wie ein deformierter Zeppelin aussieht, seine Tage mit Fressen und Schlafen verbringt und unentwegt Darmwinde produziert? Eine Antwort liefert vielleicht der Manati-Tunnel am Manati-Intensivpflegezentrum des Zoos von Tampa, einer Rehabilitationsklinik, in der über 20 der Symboltiere Floridas gleichzeitig versorgt werden können.

Im Tunnel ist es dunkel, gebärmutterartig. Seltsame Musik spielt leise im Hintergrund. Hinter dicken Glasscheiben vollführen Manatis Purzelbäume, schwerelos wie Astronauten. Die Flossen der Tiere, die sich wie der Unterarm eines Menschen bewegen, tragen Fingernägel – eine 50 Millionen Jahre alte Erinnerung an ihre landlebenden Vorfahren. Drahtige Haare auf schiefergrauer Haut fungieren als taktile Antennen und verleihen ihnen einen ausgeprägten Tastsinn, mit dem sie Wasserbewegungen wahrnehmen und leichter navigieren können.

Einige Besucher schauen schweigend zu, hypnotisiert von der unbegreiflichen Anmut der Seekühe. Andere unterhalten sich leise darüber, wie niedlich sie sind. „Ist das ein Walross?“, flüstert ein Mann. „Nein“, antwortet sein Begleiter. „Es sieht aus wie eine riesige Ofenkartoffel.“

Alle kichern, als ein Manati vorbeischwimmt, sich um die Längsachse dreht und einen Blasenstrom aus seinem Hinterteil entlässt, bevor er mit einem Schlag seiner großen, paddelförmigen Schwanzflosse davongleitet. Wie die landlebenden Kühe sind auch Seekühe sehr gefräßige Vegetarier und enorme Gasproduzenten. Der Manati sei nicht so hübsch wie der elegante Delfin und mit Sicherheit „weniger hollywoodtauglich“, schrieb der kubanische Autor Manuel Pereira, doch „der gesamte Mutterinstinkt des Universums ballt sich in diesem Tier“.

Reicht die Begeisterung für Manatis aus, um ihr Überleben in Florida sicherzustellen? „Die Menschen verstehen nicht, dass es notwendig ist, die Manatis in ihrer natürlichen Umgebung zu unterstützen“, sagt Lisa Smith. Dies bedeute, die Seegraswiesen und Süßwasservegetation wiederherzustellen – die Lebensgrundlage der Manatis und Basis für die allgemeine Gesundheit der Gewässer Floridas. Seegras bindet Kohlenstoff 35-mal so schnell wie tropische Regenwälder.

DERVON UNTERIRDISCHEN Quellen versorgte Ort Crystal River wird seinem Namen gerecht. Seine leuchtend blauen Gewässer durchzieht ein Geflecht aus Sümpfen und Inseln, deren dichten Baumbewuchs Girlanden aus Louisiana-Moos schmücken. Die Luft vibriert vom Zirpen der Zikaden; sie duftet süß nach Schlick und Salz.

In einer meiner lebhaftesten Kindheitserinnerungen aus etwa 1997 stehe ich mit Taucherbrille und Schnorchel hüfttief im Wasser. Mein Vater, der mich an den Handgelenken von der Kaimauer heruntergelassen hat, befindet sich über mir und ermutigt mich, mein Gesicht ins Wasser zu halten. Wenige Meter entfernt weidet ein Lebewesen, groß wie ein Kleinwagen, friedlich im trüben Gewässer. Obwohl ich schreckliche Angst habe, tauche ich meinen Kopf unter. Ich höre, wie die Zähne des Tieres malmen, und spüre seine enorme Präsenz direkt neben mir.

„Die besten Naturschützer sind Menschen mit Kindheitserinnerungen“, konstatiert Powell, der als Kind gleichfalls Crystal River erkundete, häufig zusammen mit seinem Vater in einem Ruderboot. Nur gelegentlich erhaschte er dabei einen Blick auf einen großen, unter der Wasseroberfläche dahingleitenden Schatten. Wenige Menschen wussten – oder interessierten sich dafür –, dass diese Schwimmer zu den damals letzten lebenden Manatis in Florida gehörten.

Powells lebenslange Fixierung auf die Tiere scheint eine Fügung des Schicksals zu sein. 1967 erhielt er als Dreizehnjähriger die Gelegenheit, einem Doktoranden namens Daniel Hartman zu assistieren, der die ersten umfassenden Studien zur Naturgeschichte der Manatis betrieb. Ihre Arbeit, über die 1969 in der September-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC berichtet wurde, stellte die Tiere der Weltöffentlichkeit vor. Hartmans Geschichte warnte die Leser aber auch vor den Gefahren, denen die Seekühe als Folge der wachsenden Bevölkerung ausgesetzt waren. „In zahlreichen Flüssen hat die Schadstoffbelastung bereits die Nahrungsquellen der Manatis zerstört“, schrieb er. „Ihre Zukunft liegt vollkommen in unseren Händen.“

Im Alter von 20 Jahren hatte Powell mehr Wissen über die Seekühe erworben als fast jeder andere, und der United States Fish and Wildlife Service (FWS) bot ihm eine Stelle in seinem neuen Manati-Forschungsprogramm an. Die folgenden neun Jahre verbrachte Powell damit, ein Bild von der zunehmend gefährdeten Existenz der Manatis zu zeichnen – nicht nur in Florida, sondern in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet quer über den Südosten der USA. „Wir reisten von Alabama bis nach South Carolina und befragten Fischer entlang der Küste“, erzählt er.

Die von Powell und seinem Team gesammelten Informationen wurden zur Grundlage für die Manati-Schutzbewegung in Florida. Angeführt wurde sie vom Save the Manatee Club, der das gutmütige Antlitz der Seekühe nutzte, um eine Fangemeinde aufzubauen. Die Naturschutzgruppen prozessierten sowohl für verschärfte Bestimmungen zum Schutz der Tiere und ihrer Lebensräume als auch gegen Gegner von Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen für Boote, Einschränkung der Küstenbebauung und Ausweisung von Manati-Gebieten.

2011 enthüllte der FWS den Plan, in Kings Bay, dem etwa 250 Hektar großen Quellgebiet von Crystal River, ein Schutzgebiet für Manatis einzurichten und eine ganzjährige Geschwindigkeitsbegrenzung für Boote zu erlassen. Dies

bewog den prominenten Geschäftsmann und Philanthropen Steve Lamb und einige Mitstreiter dazu, die Initiative Save Crystal River zu gründen – um sich gegen das „Manativolk“ zu wehren. Der „Manati-Krieg“ erreichte 2012 seinen Höhepunkt, als die Pacific Legal Foundation im Auftrag von Save Crystal River beim FWS beantragte, den Schutzstatus der Tiere von „vom Aussterben bedroht“ auf „gefährdet“ herabzustufen – mit der Begründung, ihre Zahlen seien gestiegen.

Nach einer Prüfung fasste der FWS 2017 den umstrittenen Beschluss, ihren Status herabzustufen. Obwohl die Schutzbestimmungen dadurch nicht verändert wurden, sind Manati-Fürsprecher besorgt, dass der Eindruck einer verminderten Dringlichkeit erweckt werden könnte – trotz des nach wie vor hohen Bedarfs an Schutzmaßnahmen für die Tiere. „Wir wussten, dass all diese Umweltveränderungen im Gang waren – Red Tides, die zunehmende Landerschließung in Florida und ihre Auswirkungen auf die Wasserläufe, der Klimawandel. Diese größeren Umwelt- und Landschaftsaspekte sind schwieriger zu kontrollieren“, ergänzt Powell. „Wir hatten sie gewarnt.“

ANEINEM KÜHLEN JANUARMORGEN lenkt Will Wolfson unser Boot in Richtung Mosquito Lagoon, einem Teil des Indian-River-Lagunensystems. Der professionelle Angelführer kennt die Gewässer in- und auswendig. „Das ganze Gebiet ist eine einzige Wüste“, sagt er, während wir an einer Wohnwagensiedlung vorbei in ein Mangrovenlabyrinth rauschen. „Von oben sieht es hübsch aus, aber unter Wasser ist alles zerstört.“

Wegen ihrer reichen Seegrasvorkommen und geschützten Gewässer war Indian River Lagoon lange Zeit ein wichtiger Lebensraum für Manatis und Fische gewesen. Zwischen 2011 und 2019 verschwand dort mehr als die Hälfte des Seegrases, an manchen Stellen sogar mehr als 90 Prozent. „Jetzt kann hier kein Seegras mehr wachsen“, sagt Wolfson. „Das Wasser ist zu trübe.“

2010 waren in einem ungewöhnlich kalten Winter Hunderte Manatis verendet. In den folgenden Jahren, als die Temperaturen wieder stiegen und Sedimente, Abwässer und Dünger unvermindert in die Lagune flossen, kam es zu Algenblüten, die verhinderten, dass Sonnenlicht zu den Wasserpflanzen gelangte. Das Gebiet sei früher dicht mit Seegras bewachsen gewesen, berichtet Wolfson. „Heute muss ich auf Händen und Knien nach einem einzigen Blatt suchen.“

Als das Seegras verschwand, begannen Wolfson und andere Fischer, die Öffentlichkeit aufzuklären und Druck auf Politiker auszuüben, um sie zum Handeln zu bewegen. Aber Seegras ist nicht charismatisch. „Keiner schien sich dafür zu interessieren – bis im letzten Jahr all die toten Manatis im Wasser trieben“, sagt Wolfson. „Niemand tut etwas, bevor nicht das M-Wort fällt. Die Leute hören ‚Manati‘ und geraten völlig aus dem Häuschen wegen der Umweltmisere.“

Die Seegraskatastrophe der Indian River Lagoon ist kein Einzelfall. Als ich in meiner Teenagerzeit Anfang der 2000er-Jahre die Sommer im Haus meiner Urgroßmutter verbrachte, hatten Algenblüten die Manati-Oase in eine Zone der Verwesung verwandelt. Algen wuchsen zu dicken, zähen Matten heran, die sich in Schiffspropellern verhedderten, unterirdische Quellen verstopften und das Eindringen des Sonnenlichts verhinderten, was auch die restlichen Wasserpflanzen vernichtete. „Wir machten uns damals Gedanken, ob die Manatis genug zu fressen haben würden“, erinnert sich Powell.

VONDIESEM HORROR profitierte niemand. Kajakfahrer und Sportbootbesitzer vermissten das klare Wasser, Angler die Fische. Manati-Tourguides und Hotelbesitzer sorgten sich um den Lebensunterhalt, Großeltern um ihre Enkelkinder, die die ursprüngliche Schönheit der Gegend nicht – wie sie selbst – erleben würden.

Die ersten Schritte zur Wiedergutmachung waren klein: Anwohner beseitigten die Algen per Hand mit Harken. Ironischerweise spielten die Mitglieder von Save Crystal River – die Gegner der Umweltschützer im Streit um den Schutzstatus der Manatis – bei der Wiederherstellung der aquatischen Vegetation eine Vorreiterrolle.

Als er mitansehen musste, wie der Ort, den er liebte, zusammenbrach, änderte Steve Lamb seine Haltung und versuchte, eine Lösung zu finden. Mit finanzieller Unterstützung der Regierung von Florida beauftragte Save Crystal River 2015 die Gewässersanierungsfirma Sea & Shoreline damit, den Unrat zu entfernen und den Grund des Flusses mit Seegras der Gattung Vallisneria zu bepflanzen, das lange, bandartige Blätter ausbildet.

Die Aussicht auf eine Neubepflanzung des gesamten Flusses war nicht gerade ermutigend. „Die Leute hielten uns für verrückt“, erzählt Lisa Moore, Vorsitzende von Save Crystal River. Nachdem jedoch 135 Millionen Kilogramm Detritus abgesaugt und rund 350 000 Seegrassetzlinge per Hand gepflanzt worden waren, hatte die Gruppe den Fluss in ein nicht länger von Algen dominiertes Ökosystem zurückverwandelt.

„Jahrelang gab es hier keine Nahrung für die Manatis“, sagt Lamb. „Jetzt haben wir dieses wunderbare Seegras und sauberes Wasser in Hülle und Fülle. Den Tieren – Gott segne sie – geht es blendend. Es ist fantastisch.“

Das Beispiel machte Schule. Im Brevard County, auf dessen Gebiet ein Großteil der Indian River Lagoon liegt und das mehrheitlich republikanisch ist, stimmten die Einwohner im Jahr 2016 für die Einführung einer freiwilligen

Umsatzsteuer, um wenigstens einen Teil der Kosten für die Renaturierung der Gewässer zu decken. Heute beschließen Demokraten wie Republikaner gemeinsam Gesetze, um Finanzmittel zur Rettung der Manatis sowie zur Erforschung des Seegrassterbens bereitzustellen. In einigen Countys ergänzen Hausbesitzer staatliche Fördergelder mit Eigenmitteln und geben ihre undichten Klärgruben zugunsten eines Kanalanschlusses auf. Anderswo setzen Gemeinden sich dafür ein, dass Seegraswiesen wiederhergestellt und Flüsse ausgebaggert werden, um die in den Sedimenten eingeschlossenen Stickstoff- und Phosphormengen zu entfernen.

Auch immer mehr Zuckerrohr-, Gemüse- und Reisbauern, die für einen Großteil des Nährstoffeintrags verantwortlich sind, der schädliche Algenblüten ausgelöst hat, beteiligen sich aus eigenem Antrieb an wissenschaftlich fundierten „Nutrient Stewardship Programs“.

„Wir sind nicht die Bösen“, beteuert Eric Hopkins, Gemüse- und Zuckerrohrpflanzer in dritter Generation, der im rund 40 Kilometer von Indian River Lagoon entfernten Palm Beach County ansässig ist. „Jeder spielt in dem Schlamassel eine Rolle, und jeder kann dazu beitragen, ihn wieder in Ordnung zu bringen.“

2021 hätten die Farmer in seiner Gegend ihren Phosphoreintrag, einen Hauptverursacher der Probleme, um 59 Prozent verringert, mehr als doppelt so viel wie vom Gesetz vorgeschrieben, sagt Hopkins. Der verantwortungsbewusste Einsatz von Nährstoffen spare den Bauern Geld, ergänzt er. Es sei „das einzig Richtige. Wenn wir unser Land nicht am Leben erhalten, entziehen wir uns selbst die Geschäftsgrundlage.“

ALSKÄLBER LERNEN Manatis lebenswichtige Fertigkeiten von ihren Müttern. Bei uns Menschen ist es nicht viel anders. Als wir Kinder waren, nahmen meine Eltern uns mit nach Crystal River, damit wir Zeit mit unseren Großeltern verbrachten, die uns etwas über die Welt erzählten, in die wir hineinwuchsen. Nach dem Abendessen saßen wir draußen, sahen dem flackernden Wetterleuchten in der Ferne zu und lauschten den Gesängen der Frösche und Insekten, die über das Wasser drangen. Und manchmal weckte ein anderes Geräusch ganz unvermittelt unsere Aufmerksamkeit: Pffff! – ein Manati, der auftauchte, um Luft zu holen. j

Aus dem Englischen von Dr. Katja Mellenthin