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Ausbildung in Coronazeiten - aus der Sicht einer Lehrenden


Kinderkrankenschwester - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 15.01.2021

Silvester 2019 auf die Herausforderungen des kommenden Jahres angesprochen, stand die Umsetzung des Pflegeberufegesetzes für mich klar im Vordergrund. Zu Jahresbeginn befanden wir uns wie erwartet mitten in der Vorbereitung eines neuen Curriculums sowie der dazugehörigen Unterrichte. Am ersten April sollte der erste generalistische Kurs seine Ausbildung beginnen und es galt, noch verschiedene Vorbereitungen zu treffen. Zugleich steuerten zwei unserer Kurse, darunter mein eigener, auf den Abschluss der Ausbildung in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege im Sommer hin. Mit dem ersten Lockdown im März und den damit verbundenen Schulschließungen galt es, völlig neu zu planen. Fernunterricht statt Präsenz war das Motto der Stunde.


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Puppen anstatt Patienten - ein Symbol für Ausbildung bzw. Prüfungen in Zeiten der Corona-Pandemie


Generell stehen für die Gestaltung von Fernunterricht verschiedene Optionen zur Verfügung. Dazu zählen Lernplattformen wie Moodle oder Olat. Eine Nutzung virtueller Lernplattformen stand an unserer Schule zu diesem Zeitpunkt zur Diskussion, allerdings war die Umsetzung noch nicht abzusehen. Parallel zum Präsenzunterricht arbeiten wir mit Thiemes Certified Nursing Education (CNE). Mit Beginn des ersten Lockdowns erhielten wir die Möglichkeit, eine über das verantwortliche Ministerium eingerichtete Cloud zu nutzen. Dies ermöglichte den Austausch von Daten, ohne die Mailfächer von Lehrenden und Auszubildenden übermäßig zu belasten.

Die Umstellung auf Fernunterricht stellte für alle Beteiligten eine große Herausforderung dar. Bildungseinrichtungen mussten in kürzester Zeit ihre IT-Ausstattung aufrüsten. Es bedurfte Kameras und Headsets und dies idealerweise auch für jeden Kollegen. Zugleich mussten bei der Wahl von Programmen z. B. für Videokonferenzen auch die Vorgaben des Datenschutzes berücksichtigt werden. Aber auch die Auszubildenden mussten sich aufrüsten oder mit der zu Hause vorhandenen Technik arrangieren. Für die Lehrenden bedurfte es einer Umstellung der Unterrichtskonzepte. Ein für Präsenz geplanter Unterricht kann nicht 1:1 als Fernunterricht durchgeführt werden. Es erfordert einer neuen didaktischen Analyse, um festzustellen, welche Optionen zur Vermittlung der Inhalte und insbesondere zum Erreichen der Lernziele sinnvoll sind.

Häufig zu finden sind Unterrichte als Kombination aus einem Leseauftrag und verschiedenen Aufträgen, die von Seiten der Auszubildenden zu bearbeiten sind. Einige Dozenten nutzen besprochene PowerPoint-Präsentationen oder „produzierten“ kurze Videos als Ersatz für praktische Demonstrationen. Werden im Fernunterricht Aufträge gestellt, bedürfen diese einer Kontrolle. Nur so kann ermittelt werden, ob die Auszubildenden die Thematik erfasst haben. Eine Rückmeldung ermöglicht ein Nachbessern, zugleich steigert sie die Motivation. Allerdings ist das Lesen der abgegebenen Dokumente mit einem hohen Aufwand verbunden. Zu bedenken ist zudem, dass in einem regulären Präsenzunterricht eine individuelle Rückmeldung meist auch nicht erfolgt. Allerdings hat man hier bei Fragen eine unkomplizierte Möglichkeit zum direkten Austausch mit den Auszubildenden.

Für unsere neuen Aprilkurse suchten wir Wege, den Start für die Auszubildenden „coronakonform“ zu gestalten. Statt der Begrüßung vor Ort drehten wir einen Kurzfilm, um die Auszubildenden in der Schule willkommen zu heißen. Praktische Übungen mussten durch Lehrvideos oder Selbsterfahrungsübungen ersetzt werden.

Zurück in der Schule

Bevor erste Präsenzunterrichte wieder starten konnten, galt es vorgegebene Hygienekonzepte umzusetzen. Klassenräume wurden ausgemessen und die maximale Belegungsanzahl festgelegt. Räume, in denen sonst 25 Auszubildende unterrichtet werden, konnten nur noch für 15 Personen genutzt werden. Jeder Raum wurde mit Desinfektionsmittel ausgestattet, eine Laufrichtung festgelegt und Hygienehinweise mussten erstellt und gut sichtbar platziert werden. Reichten die Räume in regulären Zeiten aus, so kamen wir mit den Raumkapazitäten nun an unsere Grenzen. Es galt Prioritäten zu setzen. Welche Klassen sollten primär vor Ort unterrichtet werden? Welche Themen konnten problemlos in ein Onlineformat gewandelt werden? Nicht zu vergessen, dass ein Unterricht in geteilten Gruppen eine Verdoppelung der notwendigen Zeit erfordert. Zudem musste auch genau darauf geachtet werden, dass beide Gruppen identische Informationen erhalten.

Examen

Auch für die Examenskurse war im Frühjahr kein regulärer Präsenzunterricht möglich, sodass die letzten Themen online vermittelt werden mussten. Gerade zum Ende der Ausbildung, wenn eine enge Begleitung für viele Auszubildende wichtig ist, mussten wir alternative Unterstützungsmöglichkeiten suchen. Zumindest die Wiederholungen konnten durch die Nutzung von Hörsälen in Präsenz gestaltet werden. Ebenso konnte eine Lernbegleitung in Einzelgesprächen stattfinden, die von einigen Auszubildenden auch gerne genutzt wurde.

Eine praktische Prüfung in den Räumlichkeiten der Schule zu gestalten, stellte trotz vorhandener Demonstrationsräume eine Herausforderung dar. Um den Auszubildenden ein möglichst realistisches Szenario zu bieten, entschieden wir uns dafür, im jeweiligen Einsatzgebiet Patienten auszuwählen, für die die Auszubildenden dann eine patientengerechte Pflege planen sollten. Durch eine schnelle und unkomplizierte Hilfe aus der Klinik erhielten wir benötigte Geräte und Materialien von verschiedenen Stationen. In der Schule wurde das jeweilige Setting nachgestellt, die Puppen wurden präpariert und die Umgebung angepasst. Für alle Beteiligten war das Examen unter Coronabedingungen keine einfache Situation. Puppen mögen keine Widerworte geben, sie arbeiten aber auch nicht mit oder reagieren auf Ansprache. Um die Auszubildenden optimal vorzubereiten, absolvierten wir „Probeprüfungen“ und sammelten gemeinsam mit den Auszubildenden und unseren Praxisanleitendenden, wie wir unser Vorgehen optimieren können.

Bei allen Schwierigkeiten muss man auch die Chancen sehen, die aus der Pandemie für die Pflegeausbildung entstanden sind. Die Aufwertung der digitalen Unterrichtsgestaltung stellt hier nur einen Aspekt dar. Es bedarf auch der Diskussion neuer Konzepte, beispielsweise zur Gestaltung von praktischen Prüfungen und Übungen und einer dementsprechenden praxisnahen Ausstattung der Demonstrationsräume. Letztlich freue ich mich auf den Moment, wenn ich wieder einen ganzen Kurs und nicht nur die Hälfte der Auszubildenden vor mir habe, wenn eine Begleitung der Auszubildenden in der Praxis und der Kontakt zu den Patienten wieder ohne Einschränkungen möglich ist. Bis dahin sollten wir alle gemeinsam daran arbeiten, einen guten Weg aus dieser Pandemie zu finden.

AUTORIN

Tina Wilhelm
Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin
Gesundheits- und Pflegepädagogin (M.A.)
55128 Mainz


Foto: privat

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