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AUSGENUTZT & AUSGEPRESST


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 17/2022 vom 22.04.2022

ORANGENERNTE

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 17/2022

Exportschlager Bis zu 110 Milliarden Orangen werden jedes Jahr in Brasilien geerntet

Das beliebteste Fruchtsaftgetränk der Deutschen ist der Orangensaft. Im Jahr 2020 lag der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande bei rund 7,5 Litern Doch unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen, die auf den Plantagen die Orangen für den Durstlöscher ernten? Schon häufiger gab es zu diesem Thema kritische Stimmen. So berichtete etwa die Christliche Initiative Romero 2016 in einer Studie von Zuständen, die der Sklaverei ähnelten. Für ihre Doku „Saftige Geschäfte: Der Preis für unseren Orangensaft“ (siehe TV-Tipp) hat die Journalistin Wiebke Scheff ler die aktuelle Lage untersucht.

Dafür recherchierte sie in Brasilien, dem mit Abstand wichtigsten Land dieser Branche. Etwa 75 Prozent des weltweit gehandelten Orangensafts stammen aus diesem Land. Auf fast 600.000 Hektar werden dort Orangen angebaut, bis zu 110 Milliarden Orangen ...

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... jedes Jahr per Hand gepf lückt. „Es ist sehr beeindruckend, vor Ort in Brasilien zu sehen, was für eine harte körperliche Arbeit hinter unserem Orangensaft steckt“, sagt Wiebke Scheff ler im Interview.

„Die Arbeiterinnen und Arbeiter steigen auf eine Leiter und ernten den Orangenbaum von oben nach unten ab. Dabei werfen sie die Orangen in einen Sack, den sie über der Schulter tragen. Ein gefüllter Sack ist enorm schwer, wiegt ungefähr 27 Kilogramm. Laut Gewerkschaftern müssen sie an jedem Arbeitstag etwa 60 Säcke füllen. Das sind ungefähr 1,6 Tonnen. Dies sei eine Mindestvoraussetzung, um in der nächsten Erntesaison überhaupt erneut eingestellt zu werden.“ Im Sommer brennt dazu unerbittlich die Sonne vom Himmel – an manchen Tagen wird es 35 Grad heiß.

Etwa 1,6 Tonnen Orangen muss ein Pflücker an jedem Arbeitstag ernten

Die Orangenernte basiert auf dem Produktivitätsprinzip. Das heißt: Je mehr die Männer und Frauen auf den Plantagen ernten, desto mehr Geld bekommen sie. Üblicherweise zahlen die Unternehmen den monatlichen Mindestlohn von umgerechnet etwa 220 Euro. Eine Summe, die kaum zum Überleben reicht. Doch wer mehr als das Minimum erntet, hat die Chance auf Sonderzahlungen. Da viele der Orangenpf lücker eine Familie zu ernähren haben, arbeiten sie in hohem Tempo, versuchen, so viele Früchte wie möglich zu ernten. „Gewerkschafter sagten uns, dass es durch diesen Druck leichter zu Unfällen kommt, weil die Arbeit hektisch und unachtsam ausgeführt wird“, berichtet Scheffler.

Kein Schutz vor giftigen Schlangen

„Hinzu kommen tückische Gefahren wie die Stacheln an den Orangenbäumen und Giftschlangen, die auf den Feldern lauern. Ein erschwerendes Problem ist der teilweise fehlende Arbeitsschutz, wie zum Beispiel nicht vorhandene oder mangelhafte Schutzausrüstung.“ Die Arbeiter müssen oftmals ohne Handschuhe und Schlangenschutz an den Beinen auskommen. Dabei scheint es Unterschiede zwischen den drei dominierenden Großkonzernen sowie unabhängigen Zulieferern zu geben. So erörtert es in der Dokumentation jedenfalls der im Arbeitsministerium zuständige Staatsanwalt José Fernando Ruiz Maturana: „Die Erfahrung zeigt, dass wir immer Verstöße feststellen, wenn Drittunternehmen im Spiel sind“, sagt er. „Ich kann bestätigen, dass die Arbeitsbedingungen bei den kleineren Produzenten oft nicht die gleichen sind wie die der großen Unternehmen, die die Früchte kaufen.“

Weniger Rechte, dafür etwas mehr Geld

Die Situation nicht registrierter Arbeiter gilt als besonders prekär. Diese arbeiten ohne Vertrag, genießen deshalb keinen rechtlichen Schutz, sind den Launen der Vorarbeiter ausgeliefert, können sich nirgendwo beschweren. „Laut Schätzungen des Arbeitsministeriums sind 20 bis 25 Prozent der Erntehelfer*innen nicht offiziell registriert“, sagt Scheff ler. „Obwohl das illegal ist, akzeptieren sie den fehlenden Schutz, weil sie, wie sie uns erzählten, ohne Registrierung ein bisschen mehr Geld von ihren Arbeitgebern bekommen. Wenn wir sie auf ihre harte Arbeit ansprachen, hörten wir immer wieder: ‚Was sollen wir denn machen? Irgendwie müssen wir ja über die Runden kommen. Wenn wir keine Orangen ernten, sterben wir vor Hunger.‘ Das ging mir sehr nahe.“

Immerhin: Ein paar Verbesserungen hat es bereits gegeben. „Vertreter von NGOs und aus der Industrie berichteten uns, dass die Zertifizierung der Plantagen nach internationalen Standards in den vergangenen Jahren zugenommen hat“, sagt Scheff ler. „Zertifizierungen bedeuten im Normalfall, dass die Plantagen Bedingungen erfüllen müssen, zum Beispiel die Zahlung von existenzsichernden Löhnen und die Gewährleistung ausreichenden Arbeitsschutzes. Das muss aber auch regelmäßig kontrolliert werden.“ Wer bei uns also einen Beitrag dazu leisten möchte, dass sich die Bedingungen für die Pflückerinnen und Pf lücker auf den Plantagen verbessern, sollte beim Kauf von Orangensaft im Supermarkt zum Beispiel auf die Siegel „Fairtrade“, „Gepa fair+“ und „Rainforest Alliance“ achten.

SVEN SAKOWITZ

2020 lag der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland bei 7,5 Litern