Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 24.05.2018

Jane Eyre« feiert deutschsprachige Erstaufführung beim Musical Frühling Gmunden


Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Jane (Elisabeth Sikora) und Edward (Yngve Gasoy Romdal) beginnen, Vertrauen zueinander zu entwickeln


Foto: Rudi Gigler

Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Viele Entwicklungen der deutschsprachigen Musicalszene in den vergangenen Jahren waren beachtens- und bewundernswert. So auch der Musical Frühling Gmunden, der 2012 von Markus Olzinger, Elisabeth Sikora sowie Caspar Richter gegründet wurde und in dessen Rahmen einmal jährlich eine Produktion gezeigt wird, die sonst selten den Weg auf die deutschsprachi-gen Bühnen findet. Hier sind Menschen am Werk, die mit großer Freude an diesem Genre agieren und deren Professionalität und Agilität auf das Publikum über-springen. In diesem Jahr haben sich die Veranstalter an »Jane Eyre« herangewagt. Ein durchaus mutiger Schritt, denn im deutschsprachigen Raum ist dieses Buch von Charlotte Brontë ganz sicherlich kein so großer Bestsel-ler wie in den USA. Daher kann man hier nicht davon ausgehen, mit Hilfe des Titels sofort ein breites Publi-kum anzuziehen. Dass die Gmundner es trotzdem wa-gen und mit nahezu ausverkauften Shows belohnt wer-den, freut daher sehr – vermutlich liegt es auch an dem sehr guten Ruf, den sie sich erarbeitet haben.

Die Titelheldin der Geschichte, Jane Eyre (Elisabeth Sikora), wächst als Waisenkind zuerst bei ihrer Tante auf, die allerdings kein positives Wort für sie findet und sie baldmöglichst abschiebt. Sie fügt sich dann dem da-mals für junge, mittellose Frauen üblichen Schicksal und geht auf eine Gouvernantenschule, auf der sie äußerst streng erzogen wird. Mit starkem Glauben und einer ge-wissen Zuversicht, dass das Leben Positives für sie bereit halten wird, erträgt sie so manchen Schicksalsschlag und ist damit bestens auf das vorbereitet, was ihr im Hause von Edward Fairfax Rochester (Yngve Gasoy Romdal) widerfahren wird. Der Hausherr mit herausfordernder Persönlichkeit verbirgt ein großes Geheimnis, wirkt aber gleichermaßen auf Jane so anziehend, dass sie sich trotz aller Selbstzweifel auf die nicht standesgemäße Bezie-hung einlässt. Doch auch mit dem Finden ihrer großen Liebe warten weitere Schicksalsmomente auf Jane und nur mit Hilfe eines Zeichens Gottes ist dann endlich das verdiente Happy End möglich.

Das Musical zum Roman wurde im Jahr 2000 am Broadway uraufgeführt und stammt von Paul Gordon (Musik und Liedtexte) sowie John Caird (Buch). Bei-de haben sich an den ganz großen Klassikern der 80er Jahre orientiert und wollten ganz offensichtlich ein ähn-liches Epos erschaffen wie einst z. B. »Les Misérables« oder »Das Phantom der Oper«. Leider gelang es ihnen nicht – trotz immer wieder musikalisch wunderschöner Momente fehlen vor allem der Geschichte ausgearbei-tete Höhepunkte, die den Zuschauer aus dem zeitweise fast zähen Erzählverlauf herausreißen und einen nicht nur in diesem düster gezeichneten Geschehen lassen. Dies wurde mit der Figur und den unterhaltsamen Lie-dern der Mrs Fairfax (Carin Filipčić) versucht, allerdings reicht das leider einfach nicht aus. Ein Roman mit dieser Tiefe bietet natürlich immer eine Fülle an Möglichkei-ten für Szenen, aber das Zusammenstreichen einiger (für die Geschichte selbst) unwichtiger, aber doch lang inszenierter Momente, um dafür das Augenmerk mehr auf die wirklich essentiellen Momente zu lenken, hätte dem ganzen Stück gut getan. So wird die Geschichte mit Janes Freundin Helen (Sarah Reininger) zwar hin-reißend erzählt, hat aber für ihre Länge in Summe zu wenig Auswirkungen auf die spätere Handlung, so-dass das Stück insgesamt gefühlt viel zu spät in Gang kommt, um dann für die Emotionalität zwischen Jane und Edward zu wenig Tiefe bereit zu halten. Während Jane zumindest noch den ein oder anderen inneren Kampf ausfechten darf, ist seine Figur leider und trotz starker Bühnenpräsenz von Yngve Gasoy Romdal recht oberflächlich gezeichnet, sodass sich die Liebesgeschich-te, von der man faktisch aufgesogen werden möchte, zu wenig ins Herz spielt. Dadurch bleibt man als Zu-schauer außen vor, was wiederum dazu führt, dass man die Längen leider nicht übersieht und vermutlich den einen oder anderen Moment, die eine oder andere Text-stelle weit kritischer hinterfragt, als es in einer stringent mitreißenden Geschichte der Fall wäre. Diese Kritik an dem Stück möchte aber bitte genau als solche ver-standen werden – und auf keinen Fall als Kritik an der Gmundner Inszenierung.

Die Riege der Darsteller ist prominent und ver-sucht, alles aus den Figuren herauszuholen. Allen vor-an natürlich Elisabeth Sikora, die eine verletzliche und gleichermaßen doch so starke Jane präsentiert, dass all die Ambivalenz dieser Figur – letztendlich vermutlich eines jeden von uns – sehr gut zur Geltung kommt. Auch gesanglich meistert sie die Partitur mit warmer Stimme ohne Schwierigkeiten. An ihrer Seite spielt Yngve Gasoy Romdal seine Rolle mit sichtbarer Freude an dem Charakter Edward. Schon in der Vergangenheit hat-te er darstellerisch die Neigung zu sehr vielschichtigen und oft leicht schrägen Charakteren – dass ihm diese Facetten liegen, beweist er in Gmunden wieder einmal. Gesanglich scheint es keine große Herausforderung, sei-ne Stimme ist so gut ausgearbeitet, dass er mühelos alle Töne mit schönem Timbre singt. Etwas ungewöhnlich, aber unbedingt erwähnt werden muss an dieser frühen Stelle Sarah Reininger als Janes beste Freundin Helen. Dieses junge Mädchen zeigt eine unglaublich starke Bühnenpräsenz und bleibt mit ihrer Darstellung auch nachhaltig stark im Gedächtnis. Carin Filipčić holte stimmsicher alle Zuschauer auf ihre Seite. Die Rolle der Mrs Fairfax ist sicherlich beim Publikum nicht nur so beliebt, weil sie immer wieder den Kontrast zu den sonst fast ausschließlich emotionalen Liedern bietet, sondern weil sie in ihrer leicht verworrenen Art viel Herzlichkeit zeigt. Leah Delos Santos erfüllt die Rolle von Edwards Verlobter Blanche Ingram mit großartiger Stimme und der benötigten Arroganz und sorgt für einige sel-tene Momente des Schmunzelns, für die man ihr sehr dankbar ist. Das restliche Ensemble, inklusive der vielen Jugendlichen, die hier auf der Bühne stehen, überzeugt ebenfalls voll und ganz, daher wäre das Hervorheben Einzelner unfair gegenüber dem durchgängig hohen Spielniveau aller

Markus Olzinger als Regisseur hat bei der Zusam-menstellung, aber auch bei der jeweiligen Arbeit mit den einzelnen Darstellern, wirklich bemerkenswerte Arbeit geleistet, was er zudem auf einem anderen Ge-biet tat – denn er war ebenfalls für das Bühnenbild verantwortlich. Bei so kleinen Produktionen ist dieses immer etwas, das mit Spannung erwartet wird – denn für gerade einmal acht Vorstellungen ist noch weit mehr Ideenreichtum gefragt, als wenn man, wie bei Großpro-duktionen, finanziell aus dem Vollen schöpfen kann. Er nimmt diese Herausforderung an und kreiert mit ein-fachen Mitteln verschiedene Räumlichkeiten und Orte, die alle dem Spielzeitalter entsprechen. Diese zeitliche Einordnung wird auch noch von den adäquaten Kostü-men von Mathilde Grebot gestützt, die mit der schlich-ten Eleganz der damaligen Zeit überzeugen. Einziger Brecher dieser Gesamtästhetik, die gemeinsam mit dem Lichtdesign von Ingo Kelp geschaffen wurde, ist die be-nutzte LED Wall. Die darauf gezeigten Bilder (Jürgen Erbler & Jan Schütz) passen zwar und helfen dem einen oder anderen vielleicht auch bei der Zuordnung der Örtlichkeiten, aber dennoch wäre der Einsatz nicht not-wendig gewesen – vielleicht wäre man ohne sogar noch mehr in der eigenen Fantasie des Momentes versunken.

Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

1. Die Bediensteten (Ensemble) treffen alle Vorbereitungen für die große Verlo-bungsfeier


Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

2. Jane Eyre (Elisabeth Sikora) ist be-stimmt zu einem Leben als Gouvernante


Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

3. Was für eine schöne, reiche Welt, in die Jane (Elisabeth Sikora, l.) Einblick gewährt wird


Fotos (3): Rudi Gigler

Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Wahre Liebe lässt alles möglich werden – vor allem gemeinsames Glück für Jane (Elisabeth Sikora) und Edward (Yngve Gasoy Romdal)Foto: Rudi Gigler


Bei einem durchkomponierten Werk ist die musi-kalische Umsetzung ausgesprochen wichtig. Sehr schön war hier nicht nur die Größe des Orchesters, sondern auch die Herangehensweise, mit der Caspar Richter die Feinheiten der Partitur hervorgeholt hat. Kleine, feine Momente wurden abgelöst durch die großen Melodie-bögen, die Paul Gordon für dieses Werk schuf. Zeitge-mäß mag diese Art der Komposition nicht mehr sein, für Liebhaber von Musik per se bietet sie aber trotzdem viele Momente, die so dargebracht direkt vom Ohr ins Herz gehen. Zum direkten Nachsummen eignen sich zwar die wenigsten Passagen, aber das ist selten eine Aussage darüber, welch hochwertige Arbeit der Kompo-nist abgeliefert hat, und in diesem Fall ist eindeutig, dass sich nochmaliges Hören der Musik auszahlt. Die eng-lischen Texte wurden von Sabine Ruflair ins Deutsche übersetzt. Eine sicherlich undankbare Arbeit, denn auch dort wird deutlich, dass die beiden Autoren einer Zeit nacheifern, die es so schon lange nicht mehr im Musik-theater gibt. So finden hier Wörter und Satzformen den Weg auf die Bühne, die vermutlich niemand mehr sagen würde und die zumindest zum Teil fast fremd anmuten. Vielleicht hätte man da den Mut aufbringen müssen, mit Erlaubnis des Verlages zu der ein oder anderen Än-derung zu greifen, um dem Stück dadurch weit mehr Schwung zu geben. Denn obwohl das Musical noch so jung ist, wirkt es älter und träger als so manches der Stücke aus den 50er Jahren, welche nur noch selten ganz bewusst in Originallänge gespielt werden. Diese Trägheit ist schade, denn man möchte hier einfach alles mögen, diesen Abend, dieses Stück, diesen Theaterbe-such. Man möchte die hervorragenden Leistungen al-ler Beteiligten aufsaugen und verarbeiten, man möchte schwelgen in den Emotionen, die aufgr und des Stoffes möglich wären. Und man möchte so gern den Mut der Gmundner mit dem Lob und der Anerkennung beloh-nen, die sie so sehr für die Auswahl des Stückes verdient hätten. Denn wie häufig sind Probleme wie Sparmaßnah-men, mangelnde Deutschkenntnisse der Darsteller oder ähnliches Gründe dafür, dass eine Inszenierung die Zu-schauer nicht so mitnimmt, wie es eigentlich sein könn-te und sollte. Hier hingegen passt all dieses – Darsteller top, Bühnenbild überzeugend, wunderbare musikalische Umsetzung. Einzig und allein das Stück selbst verhindert, dass man das Theater verlässt und sich wünscht, dass der Abend unmittelbar noch einmal von vorn beginnt, um alles noch einmal erleben zu dürfen. Was aber bleibt, ist Achtung vor dem Mut, vor der Umsetzung, vor jeder einzelnen Leistung. Und Vorfreude auf das kommende Jahr gepaart mit der Spannung, an welches Stück sich die Gmundner dann herantrauen werden.

Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

1. Aus dem vermeintlich schönsten Tag wird der Tag der Wahrheit … Edward (Yngve Gasoy Romdal) beichtet Jane (Elisabeth Sikora) alles


Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

2. Auch wenn ihre Tante (Heidelinde Schuster) nie gut zu Jane (Elisabeth Sikora, Mitte) war, kann diese ihr am Totenbett doch verzeihen


Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

3. Strenge Ordnung ist oberste Pflicht in der Gouvernantenschule


Artikelbild für den Artikel "Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

4. Nach den vielen Jahren der Fremdbe-stimmung ist Jane (Elisabeth Sikora) nun bereit, ihren ganz eigenen Weg zu gehen


Fotos (4): Rudi Gigler

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2018 von … kurz vorweg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
… kurz vorweg
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Gefühlsachterbahn in Hamburg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gefühlsachterbahn in Hamburg
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Perfektes Höllenszenario. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Perfektes Höllenszenario
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Fantasymärchen mit Humor und Tiefe in Hanau. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fantasymärchen mit Humor und Tiefe in Hanau
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Unterha ltsame Suche im Märchenwald. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Unterha ltsame Suche im Märchenwald
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Das Fußball-Wunder von Darmstadt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Fußball-Wunder von Darmstadt
Vorheriger Artikel
… kurz vorweg
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Gefühlsachterbahn in Hamburg
aus dieser Ausgabe