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Ausland: Die Pforten der Hölle


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 14/2019 vom 30.03.2019

»Islamischer Staat« In der Wüste zwischen Irak und Syrien haben vor allem kurdische Kämpfer den letzten Fleck des »Kalifats« eingenommen. Doch die Bilder täuschen: Im Untergrund bereiten die Terroristen die nächste Phase vor.


Der mantellange, braune Umhang gibt ihm etwas Altertümliches. Sein Haar steht struppig vom Kopf ab, den ein wirrer Vollbart rahmt. Sehr langsam kommt er den schmalen Pfad entlang des Berghangs hoch. Wenn er mit den beiden Krücken wieder einen Schritt gemacht, das linke Bein nach vorn gesetzt hat, schwingt der rechte Oberschenkel ein wenig nach. Bis der Mann in einiger Entfernung ein Wegstück sieht, so steil, dass man klettern muss.

Da bleibt er eine Weile reglos stehen, lässt dann die Krücken zur Seite fallen und geht zu Boden. Minutenlang verharrt er so, während mit Taschen beladene Frauen an ihm vorbeiziehen, Verletzte, Kinder. Bis er sich doch wieder hochrappelt, die Krücken greift und sich weiterschleppt, unendlich langsam, schließlich aus dem Blickfeld verschwindet im Menschenstau vor der Klippe.

Wenn man das Ende des ...

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... »Islamischen Staates« auf eine Szene, einen Menschen und ein paar Minuten verdichten will, dann ist es dieser Einbeinige an einem der letzten Tage im März, an denen Menschen Baghus noch verlassen können, den letzten Ort, den der IS zum Schluss noch besetzt hielt. Sein Körper versehrt und erschöpft, aber ein »Märtyrer« werden will er offenbar nicht. Es scheint in diesem Moment nichts mehr geblieben von der brutalen Stärke und der Todesbereitschaft der Kalifatsgetreuen. Nur ein Krüppel, der leben will.

Das »Baghus-Camp«, der Teil des Dorfes ganz am Rande Ostsyriens, wo sich Zehntausende Extremisten verschanzt hatten, ist eine Stätte des Grauens. Alle paar Tage, wenn die vom Westen unterstützten Angreifer von den »Syrian Democratic Forces« (SDF) wieder mal ein Stück erobert hatten und es gerade ruhig war, ließen die kurdischen Kämpfer ein paar Journalisten hinein. Kein Mensch war mehr da, aber man roch noch ihre monatelange, zusammengedrängte Anwesenheit in Gräben und Erdlöchern, sah Kleidung, Kochgeschirr, Plüschtiere neben leeren Magazinen, ein halb vollgeschriebenes Schulheft mit Rechtschreibübungen neben zurückgelassenen Sprengstoffgürteln. Manchmal roch man einen vergessenen Toten.

Anderthalb Wochen nachdem der Einbeinige sich den Felshang hochschleppte, ist das IS-Kalifat untergegangen. Die zumeist kurdischen SDF, unterstützt vor allem von amerikanischen Kampfjets und britischen wie französischen Spezialeinheiten, eroberten bis zum 23. März die letzten paar Hundert Quadratmeter der Ortschaft Baghus in einem gottvergessenen Winkel Ostsyriens.

Dass aus Tunneln im angrenzenden Felsmassiv die IS-Kämpfer noch während der offiziellen Fahnenhissung der Befreier weiterschossen, dass der Sieg laut kurdischen Pressesprechern schon seit Anfang Februar stets »in ein paar Tagen« errungen sein sollte, hat aus dem Blick geraten lassen, was hier geschehen ist: ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Zum ersten Mal seit rund hundert Jahren, seitdem die Reiterhorden des Stammesführers Ibn Saud das Areal des heutigen Saudi-Arabien eroberten, war es 2014 mit dem IS einer Dschihadistentruppe gelungen, ein riesiges Gebiet zu erobern, zu halten und zu verwalten. Kurz: Staat zu machen. Etwas, wovon al-Qaida und andere nur vage träumten.

Ganz anders der IS, dieses janusköpfige Monstrum, das sich in seiner Propaganda als frommer Vollstrecker göttlichen Willens präsentierte – aber das im Inneren von Ingenieuren der Macht gelenkt wurde, die wenig auf Gottvertrauen gaben, sondern auf hochintelligente Planung setzten. Die vom Tunnelbau der Vietcong lernten und vom Armeeaufbau der Zionisten Israels mit Kämpfern aus aller Welt.

Dank ihrer Erfahrung als Militärs und Geheimdienstler (denn fast alle Mitglieder der IS-Führungsspitze waren das im Irak Saddam Husseins bis 2003 gewesen) sowie dank verblüffender Kreativität hatte der IS bis Sommer 2014 weite Teile Ostsyriens erobert und von Juni an blitzkriegartig Mossul, Tikrit und große Teile des Westirak eingenommen.

Im Juli 2014 rief Anführer Abu Bakr al- Baghdadi von der Predigerkanzel der Mossuler Nuri-Moschee das sogenannte Ka lifat aus. Ein unfassbar erscheinender Triumph. Auf dem Zenit seiner Macht beherrschte der IS damals ein Gebiet von der Größe Jordaniens und mehrere Millionen Untertanen. Und nun, knapp fünf Jahre später, nach Schlacht um Schlacht einer endlos erscheinenden Rückeroberung: das Ende.

Verwundete IS-Kämpfer aus Baghus: Nur noch Krüppel, die leben wollen


Doch was für ein Ende ist das? Was bedeuten diese letzten Tage des »Kalifats« für das Weiterleben seines Mythos? Hat am Ende der nackte Lebenswille über alle Ideologie gesiegt? Oder hat der IS doch einen Plan, wieder in den Untergrund zurückzukehren und sich im Verborgenen zu rüsten für einen neuen Kampf?

Die Schlacht um Baghus war kein selbstmörderisches Finale, wie man es erwartet hätte. Die Jünger des IS stürzten sich nicht kollektiv mit ihren Sprengstoffgürteln in die gegnerischen Reihen, um aus einem Flammenmeer ins Paradies aufzufahren. Sondern kamen zu Zehntausenden heraus und ließen sich gefangen nehmen.

Wer erst Mitte März Baghus verließ wie der Einbeinige: Das waren keine unbeteiligten Zivilisten mehr, die als Geiseln gehalten wurden. Schon seit Anfang Januar hatten die Schergen des kollabierenden »Kalifats« niemanden mehr aufgehalten.

Lucas Gläß, ein Konvertit aus Dortmund, der Ende Juli 2014 zum IS nach Syrien gegangen war, ergab sich Anfang Januar den SDF-Kämpfern. Gegenüber dem SPIEGEL beschreibt er in einem Gebäude des kurdischen Sicherheitsdienstes den Kontrollverlust im rapide schrumpfenden Rückzugsgebiet: »Schon im Dezember hörte man jeden Tag, heute haben sich diese abgesetzt, sind jene abgehauen. Offiziell galt da noch: Wen sie erwischen bei der Flucht, der wird verhaftet, vielleicht getötet. Aber zehn Tage nachdem wir aus Hadschin«, der letzten größeren umkämpften Stadt, »nach Süden abziehen mussten, hieß es: Wer jetzt gehen will, darf den Islamischen Staat verlassen. Am 6. Januar bin ich dann mit meiner Frau und unseren zwei Kindern losgegangen. Am letzten Posten sagten sie nur: Pass auf dich auf! Unterwegs liegen viele Minen.«

Ende Februar begann der IS damit, alle überflüssigen Esser herauszuschicken, die nicht kämpfen konnten oder wollten, um die letzten Vorräte mit weniger Menschen teilen zu müssen: Kinder, Frauen, Alte, Verwundete zogen ab, nutzlose Getreue, die ihr wahnhaftes Paradies bis dahin nicht hatten verlassen wollen.

Toter IS-Kämpfer in Baghus: »Die sind eine Sekte, vollkommen irre«


Jene, die einem da entgegenstolperten, sahen eher aus, als hätte die Hölle ihre Pforten geöffnet: Gebeugt, verdreckt, stumm zog am letzten Tag, an dem die Kurden einigen Journalisten noch den Zugang erlaubten, der Exodus der Entkommenen über Stunden den schmalen Felshang hoch zum Hügelplateau. Dort wurden die Menschen mit Hand-Metalldetektoren untersucht und zu den Sammelplätzen des Abtransports gebracht.

Es war eine unwirkliche Szenerie: Auf Hausdächern und Mauern standen die Journalisten mit Fernsehkameras und Teleobjektiven. 20, 30 Meter weiter zog der Strom der sich Ergebenden vorbei: Frauen, beladen mit Reisetaschen und Plastiktüten, stolperten auf dem abschüssigen Felsgrund. Der Einbeinige kam vorbei. Verletzte mit blutdurchtränkten Verbänden wurden gestützt von anderen. Zwei Männer trugen ein halb zerbrochenes Feldbett mit einem Reglosen. Ein vielleicht 13-jähriges Mädchen, Haar und Gesicht bedeckt mit dem feinen, grauen Staub naher Bombeneinschläge, stolperte wie in Trance voran, den Blick ins Nichts gerichtet. Es blieb stehen, lief wieder ein paar Meter zurück, war unansprechbar. Kurdische Kämpfer wuselten zwischen den Gehenden umher, nahmen Frauen die Babys ab, trugen sie über die steilsten Abschnitte.

Nach langem Drängen durften die Journalisten näher herankommen, auf zwei, drei Meter. Nur ansprechen durften sie die Taumelnden nicht. »Die sind gefährlich!«, riefen die kurdischen Truppführer, »da kommen jetzt die Fanatiker!« Auch wenn bislang nichts passiert sei.

Wie recht sie hatten, zeigte sich einen Tag später: Wieder liefen Hunderte durch den vereinbarten Übergang am Fuß des Felses zwischen Palmen und Ruinen. Diesmal waren keine Journalisten zugegen. Gegen Mittag sprengte sich eine Mutter mit zwei Kindern in die Luft, Sekunden später rannte ein Mann in Frauenkleidern auf die herbeieilenden Retter zu, jagte sich ebenfalls in die Luft. Ein dritter Attentäter wurde erschossen, bevor er seinen Sprengstoffgürtel zünden konnte.

»Wir dachten, eine Frau mit zwei Kindern, die ist harmlos«, sagte später einer der verletzten SDF-Männer, von denen alle überlebten. Eines der beiden Kinder war sofort tot, das andere wurde mit schweren Brandverletzungen evakuiert. Waren es überhaupt die Kinder der Frau? Oder hatte sie die beiden an sich genommen, weil deren Eltern tot waren? Und was bewegt eine Frau, die schon aufgegeben hat, als letztes Statement sich, zwei kleine Kinder und möglichst viele andere umbringen zu wollen?

Die Erzählungen mehrerer Menschen, die in den vergangenen Wochen aus Ba - ghus herauskamen und mit denen der SPIEGEL sprechen konnte, ergeben ein Bild des Wahns, präziser: eines mörderischen Streits zwischen zwei Lagern. Dem der »Verräter« und dem der Fanatiker. Zwischen jenen, die sich noch nach ihrer Kapitulation in die Luft jagten – und zahlreichen, die ihre Sprengstoffgürtel weg - geworfen haben. Denn die sah man überall herumliegen in den befreiten Teilen des Lagers. Es ist ein Streit, der sich selbst in den Gefängnissen und Lagern fortsetzt, weshalb fast alle, die nun mit den »Ungläubigen « sprechen, aus Angst vor nächtlichen Attacken anonym bleiben wollen.

»Der harte Kern, die sind eine Sekte, vollkommen irre«, beschreibt eine der »Verräterinnen« die anderen: »Die nennen uns Götzenanbeterinnen und sich selbst Charidschiten«, die aus eigener Sicht wahre, unverstandene Gemeinde des Propheten nach frühislamischem Vorbild. Die Spaltung gehe quer durch die Nationalitäten; Frauen und Männer aus Tunesien seien dabei, aus dem Irak, wenige aus Europa. Eine Schwedin mit mehreren Kindern habe noch im Internierungslager davon gesprochen, es sei besser, ein Kind verhungere im »Islamischen Staat«, als »ins Land der Ungläubigen geschickt zu werden, wo es dann von Homosexuellen erzogen wird«. Alle Logik pralle an denen ab. Sie hätten sich eingemauert in ihre Utopie und die Erinnerungen an den rauschhaften Erfolg 2014.

IS-Familien auf der Flucht: »Die nennen uns Götzenanbeterinnen«


Damals wollten sie der ganzen Welt den Krieg erklären: den Ungläubigen ohnehin, aber auch den Muslimen, die sich erst unterwerfen müssten, um den Glaubenstest zu bestehen. Die schleichende Infiltration und Eroberung Nordsyriens, die Blitzattacke auf den Westirak, alles funktionierte nach Plan. Gottes Plan, hieß es. Es waren Gebiete sunnitischer Muslime, der Glaubensgemeinde, der auch die Extremisten des IS entstammen. Dort flohen nicht alle, zumindest ein Teil der Bevölkerung blieb – ohne sie hätte der selbsterklärte Staat ja nicht funktionieren können.

Doch der Feldzug ging nur so lange gut, wie die Welt diese Kriegserklärung ignorierte. Dass sie der Eroberung Mossuls im Juni 2014 nur mit tatenlosem Entsetzen zuschaute, führte den IS zwei Monate später zur entscheidenden Fehlkalkulation: Er griff im nordirakischen Sindschar die Enklave der Jesiden an, einer alten Glaubensgemeinschaft, die neben ihrem Gott sieben Engel verehrt, darunter einen in Gestalt eines Pfaus. Damit erfüllte sie in den Augen des IS alle Voraussetzungen, versklavt und vernichtet zu werden. Und diese Gemeinschaft hatte das Pech, in der Nachbarschaft der Stadt Tall Afar zu leben, woher mindestens zwei der mächtigsten IS-Emire stammten.

Wenn die Welt sich nicht um Mossul schert, mögen Abu Bakr al-Baghdadi und die anderen Anführer des IS gedacht haben, dann wird sie auch nicht die Jesiden retten. Doch mit diesem Angriff bedrohte der IS auf einmal Arbil, die Hauptstadt der kurdischen Autonomiezone im Nordirak. Die geradezu biblische Szenerie von Zehntausenden auf dem Plateau des Sindschar-Gebirges umzingelten, dem Verdursten preisgegebenen Jesiden bewog die zögerliche US-Regierung unter Präsident Barack Obama zum Eingreifen: Sie begann mit Luftangriffen auf den IS und schmiedete eine internationale Koalition. Die folgenden Hinrichtungen amerikanischer und britischer Geiseln des IS, manche zwei Jahre lang festgehalten ohne ein einziges Lebenszeichen, sollten die Angreifer abschrecken – aber bewirkten das Gegenteil.

Es war der Anfang vom Ende. Gegen flächendeckende Telefonüberwachung, bewaffnete Drohnen und präzisionsgesteuerte Bomben, die auf ein paar Meter genau mit monströser Vernichtungskraft einschlagen, konnte der IS nicht in offener Feldschlacht bestehen. Und verlor Stadt um Stadt, Gebiet um Gebiet. Bis zum Schluss auch Baghus fiel, wo einer der kurdischen Feldkommandeure die Lage nüchtern analysierte: »Sie haben uns als konventionelle Streitmacht angegriffen. Das war ihr Fehler. Als Guerillatruppe hätten wir sie viel schwerer, vielleicht gar nicht besiegen können.«

Doch warum überhaupt Baghus, dieses Dorf an der Grenze zum Irak? War es nur die topografische Konsequenz einer fortwährenden Flucht, immer tiefer nach Süden auszuweichen bis in diesen allerletzten Winkel, wo von Westen her das Herrschaftsgebiet des Assad-Regimes und der Euphrat sich schließlich mit der irakischen Grenze kreuzen? Wo die Zehntausende, die sich hierher zurückzogen, die Lkw, Pick-ups, Autos und Kleinbusse mit ihrer Habe parkten, Gräben und Gruben aushoben, die letzten Quadratkilometer des »Kalifats« aussehen ließen wie einen wirren Großparkplatz?

Oder steckte doch wieder ein Plan dahinter? Schon Ende September 2018, erzählte SDF-Sprecher Adnan Afrin, hätten seine Leute, aus der Wüste kommend, Ba - ghus angegriffen: »Der Widerstand war immens, wir haben sogar Gebiete wieder verloren. Dann haben wir uns zurückgezogen und sind nur noch von Norden her vorgerückt.« Die Version, die der IS seinen Anhängern gab, war der übliche Budenzauber: Ein kleiner irakischer Junge habe einen Traum gehabt. Demnach werde das Kalifat Ort um Ort verlieren, aber niemals den Berg von Baghus. Dort würden sie dann den finalen Sieg erringen, nachdem alle Heuchler und Sünder den »Staat« verlassen hätten.

Es gibt eine andere mögliche Erklärung: Baghus war früher ein Schmugglernest. Unmittelbar hinter dem schroff aufragenden Hügelzug am Ortsrand liegt die Grenze und beginnt die Wüste der irakischen Anbar-Provinz – wohin sich IS-Chef Baghdadi den Berichten mehrerer Geheimdienste zufolge schon Anfang Januar aus Baghus absetzte.

Der IS war ein Meister der langfristigen Planung und des Tunnelbaus. Wo immer die Dschihadisten Angriffe erwarteten, begannen sie teils schon 2014 damit, ausgeklügelte Netze unterirdischer Gänge zu bohren, teilweise in fünf, sechs Meter Tiefe, in Rakka, Tabka, rund um Mossul. Ausgestattet mit elektrischen Leitungen, Krankenstationen, Vorratslagern, Kommandozentralen, versteckten Ausgängen, Löchern für Scharfschützenpositionen. Der Aushub wurde versteckt in Moscheen und Häusern. In Mossul fanden die irakischen Soldaten 2016 sogar eigens konstruierte Tunnelbohrer, meterlange Ungetüme mit riesigem Fräskopf und mehreren Motoren. Auch im Hügel von Baghus, dem allerletzten Rückzugsgebiet, hat der IS Tunnel gegraben, von denen Mitte vergangener Woche noch unklar war, ob sie vollständig entdeckt und erobert worden sind. Bislang haben die Angreifer weder führende Emire noch Spuren der letzten drei westlichen Geiseln des IS gefunden, auch kein Gold und nicht die mutmaßlichen Rücklagen von 50 Millionen bis 300 Millionen Dollar. Die sollen, so ein Informant aus dem Inneren des IS, teils in Kühlschränken vergraben in der irakischen Wüste liegen.

Wie es aussieht, ist Baghus beides: Untergangsort des »Kalifats«, Ende seiner territorialen Herrschaft – und zugleich die Schleuse zurück in den Untergrund, in die Unsichtbarkeit, wo alle militärische Überlegenheit der Gegner immer wieder ins Leere geht. Terroranschläge, Morde, Schutzgelderpressung, wie der IS sie im Irak schon betrieb, bevor er plötzlich die Stadt Mossul überrannte – all das ist viel einfacher, als einen Staat zu beherrschen.

Sein Leben im Untergrund hat der IS längst wieder aufgenommen, ist zurückgekehrt oder in manchen Gegenden nie ganz vertrieben worden. Wie im fruchtbaren, von zwei Flüssen mit Uferdickichten durchzogenen Bezirk Hawidscha westlich von Mossul, wohin die Kämpfer sich 2017 zurückzogen; wo sie nie wirklich besiegt wurden und seither die Bevölkerung terrorisieren. Zu Hilfe kommt ihnen der aufgeflammte Kampf zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der Kurdenregion, deren Frontlinien ein breites Niemandsland offen lassen – in dem sich die Dschihadisten recht unbehelligt bewegen.

Im Süden Syriens, den Diktator Baschar al-Assads Truppen vergangenes Jahr zurückeroberten, schienen sich mehrere IS-Gruppen regelrecht in Luft aufzulösen: Jahrelang hatten etwa 1200 Kämpfer des IS im Jarmuk-Tal in der Südprovinz Daraa ausgehalten. Nach der Einnahme Daraas im vergangenen Sommer ergaben sich mehr als 500. 80 von ihnen, so mehrere Quellen, wurden von der 4. Division der Armee übernommen. Den Rest brachte der Militärgeheimdienst in die Wüste nahe der Stadt Suwaida, das Gebiet der Drusen. Die hatten sich bis dahin jahrelang geweigert, ihre Söhne zur Armee zu schicken, wollten halbwegs neutral bleiben und nur ihr Gebiet schützen. Eine verheerende Attacke Ende Juli auf Dörfer der Minderheit der Drusen auch durch jene IS-Männer, die zuvor evakuiert worden waren, ließ knapp 240 Ermordete zurück – woraufhin die drusischen Notabeln ihren Widerstand gegen Assads Herrschaft auch über ihr Gebiet weitgehend aufgaben.


Was bedeuten diese letzten Tage des »Kalifats« für das Weiterleben seines Mythos?


Der IS, den eine jahrelange Geschichte der diskreten Zusammenarbeit wie Feindschaft mit Assads Geheimdiensten verbindet, ist immer noch ein nützlicher Feind für Assad, der sich dem Westen als Bollwerk gegen die Kopfabschneider andient. Bis heute halten sich Hunderte seiner Kombattanten unbehelligt in den Wüstengegenden östlich von Suwaida auf, wurden mehrere Emire aus Daraa nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt.

In anderen Ländern der Welt, wo der IS von 2014 an Terrorgruppen mit dem Siegel einer »Wilaja«, einer Kalifatsprovinz, ehrte, ergibt das uneinheitliche Bild ihres Zustands ein dennoch markantes Muster:
‣ In Libyen, dem wohl wichtigsten Projekt des IS außerhalb seines Kerngebiets, wurde die IS-Herrschaft über die Stadt Sirte zwar gebrochen. Aber in welchem Ausmaß Schläferzellen in den Städten an der Küste und im ohnehin kaum regierten Süden existieren, ist wenig bekannt.
‣ Auf dem Sinai, wo sich die schon zuvor existente Terrorgruppe Bait al-Makdis im November 2014 weitgehend dem IS anschloss, haben ägyptische Truppen den Widerstand zwar nicht brechen, aber eindämmen können. Zu Hilfe kommt Kairo dabei, dass die frühere Kooperation zwischen der Hamas in Gaza und dem IS-Sinai aufgrund gegensätzlicher Interessen in offene Feindschaft umgeschlagen ist: Die Hamas kooperiert mit der ägyptischen Regierung, um eine völlige Sperrung ihrer Schmuggeltunnel zu verhindern. Der IS kämpft mit etwa 2000 Anhängern gegen den ägyptischen Staat, was Gerüchten Vorschub leistet, er lasse sich von Israel gegen die Hamas instrumentalisieren.
‣ In Afghanistan hat der IS-Ableger der »Khorasan«-Provinz eine unerwartete politische Nische besetzt und hält sich vor allem in der Provinz Nangarhar im Osten – im Kampf sowohl gegen USTruppen und afghanische Armee wie gegen die Taliban, die ihre rabiaten Konkurrenten ausschalten wollen. Je mehr die Taliban aber auf Verhandlungskurs einschwenken, desto attraktiver wird der IS für jene Taliban, die jedwede Verhandlungen ablehnen.

Häuserruinen auf der Straße nach Deir al-Sor: »Was wir sehen, ist keine Kapitulation des IS«


‣ Am fatalsten, wiewohl fast unbemerkt von der Welt, entwickelt sich die Lage in Nordost-Nigeria und den angrenzenden Staaten. Die Terrorgruppe Boko Haram unter ihrem irrlichternden Führer Abubakar Shekau war noch mit internationaler Hilfe bekämpft worden. Selbst der IS hatte die wahllosen Massaker seines Ablegers unter Zivilisten 2016 kritisiert, ihm die »Mitgliedschaft« entzogen. Doch seitdem sich im selben Jahr mit dem Segen des IS eine Fraktion abspaltete, unter dem klüger agierenden Abu Musab al-Barnawi, die seither die »Provinz Westafrika« anführt, hat diese Gruppe ihr Herrschaftsgebiet massiv erweitern können und führt es wie einen Staat – ohne ihn zu erklären. Märkte, Handelswege werden besteuert und geschützt, selbst große Armeelager überfallen, und die Regierung in Abuja scheint machtlos gegen diesen Gegner, der weit weniger Angriffsfläche bietet als Boko Haram.

Keiner der betroffenen Staaten bietet allen seinen Bürgern ein würdiges, gleichberechtigtes Dasein, was der sicherste Weg wäre, den Nährboden des IS auszutrocknen. Aber zumindest dort, wo eine zentrale staatliche Herrschaft existiert wie in Ägypten, ist die weitere Ausbreitung des IS zu stoppen. Denn der nutzt Kontrollverlust, Zerfall und Rückzug des Staates wie ein Parasit sein Wirtstier. So wie er erst klandestin, dann offen schon von Ende 2012 an im syrischen Aufstand operierte. Ignoriert vom Westen, weil er den ja (noch) nicht bedrohte.

Dieser verengte, kurzsichtige Blick ist es, der gerade mit dem Untergang des »Kalifats « eine Gefahr birgt: zu glauben, der »Islamische Staat« sei erledigt, nur weil sein sichtbarer Teil verschwunden ist. Zumal Zehntausende aus Baghus und den kurz zuvor eingenommenen Dörfern nun auf unbestimmte Zeit als Gefangene der überforderten Kurden in Lagern und Gefängnissen sitzen. Rund 70000 Frauen, Kinder und Alte allein im Lager al-Haul, die Kämpfer sind verteilt auf Gefängnisse und Militärbasen überall.

Ausgerechnet der Chef des US-Regionalkommandos Nahost klingt weitaus pessimistischer als sein Präsident: »Was wir sehen, ist keine Kapitulation des IS als Organisation «, sagte General Joseph Votel kürzlich vor Abgeordneten, »sondern eine kalkulierte Entscheidung, das Überleben seiner Familien und seiner Fähigkeiten zu bewahren.« Bakija wa Tatamaddad, Überstehen und Expandieren, lautet die kryptische Parole des IS. »Bakija« haben seine Anhänger als hastiges Graffito der Drohung auf vielen Mauern vor ihrem Rückzug hinterlassen. Zwei Kringel, drei Punkte auf Arabisch, die ultimative Drohung: zurückzukehren als Terrorgeflecht im Untergrund, als Quelle ewiger Angst.

Befreite junge Jesiden: Versklavt und vernichtet


Iraker, vor allem aus Mossul, Tikrit, Bagdad, kennen diese Angst schon seit anderthalb Jahrzehnten. In der Ohnmacht zu leben, dass niemand einen schützt vor wahllosem Terror und gezielten Morden, weil die Polizisten selbst bedroht oder gekauft werden. Auch welche Konsequenzen der Untergang in Baghus für den IS einmal haben wird, ist offen. Die reale Existenz des »Kalifats« wird heute schon von vielen in den Internierungslagern verklärt. Es kursieren erfundene, schillernde Weissagungen, dass dieses erste »Kalifat« untergehen, nur eine Prüfung gewesen sein werde: bevor es in noch größerer Macht zurückkehrt. Und bleibt.

Die Geschichte kennt eine Reihemilitärisch vernichtender Niederlagen, die über spätere Jahrhunderte eine immense Kraft als Mythos erzeugten: Massada für die Juden Palästinas, Kerbala für die Schiiten, Alamo für die Texaner. Die Logik der Identität folgt nicht zwingend dem rationalen Muster militärischer Erfolge und Niederlagen. In Baghus dauert es am Tag des Sieges nur Stunden, bis die Stimmung der SDF-Kämpfer, aber auch der kurdischen Übersetzer und Fahrer kippt. Am frühen Nachmittag jenes 23. März ist das improvisierte Medienzentrum »Kamerad Rostom « am Rand des Dorfes fast menschenleer, als der Fahrer des US-Senders NBC den Vorratsraum im Erdgeschoss betritt. Eine Detonation tötet ihn sofort, verwüstet selbst das Stockwerk darüber und seinen Kleinbus, den er vor dem Fenster des Raums geparkt hatte.

Wochenlang waren davor Kisten mit Kartoffeln, Tomaten, Brot dort abgeladen worden, Uniformierte und Mitarbeiter der TV-Crews waren hereingekommen, um sich Essen zu holen. Niemand glaubt an einen Zufall, an die Nachlässigkeit der Soldaten, von denen einer beteuert, persönlich den leeren Raum im Erdgeschoss Anfang März kontrolliert zu haben: »Da stand nichts drin, waren keine Kabel, keine Schränke, nur Mauern, ein Fenster, das nicht vermint war, der Fußboden.«

»Wir sollten hier nicht bleiben«, sagen nun die Fahrer und Übersetzer. Jeder glaubt, dass Schläferzellen des IS ausgeschwärmt seien, um zuzuschlagen. Die Teams von CNN und SPIEGEL sind am Abend der Siegeserklärung als einzige noch in Susa, Baghus’ Nachbardorf, und mittlerweile fast allein in dem Dorf, da auch die drei Stützpunkte der kurdischen Kämpfer bis auf wenige Männer und zwei Frauen geräumt worden sind. Nachts zu fahren wäre lebensmüde. Aufbruch bei Morgengrauen wird vereinbart. Alan, der Fahrer, schläft in seinen Schuhen.

Am nächsten Morgen geht es erst durch die stillen, verminten Dörfer entlang des Flusstals, dann durch die Wüste zum Verwaltungskomplex des Omar-Ölfelds, dem schwer gesicherten Stützpunkt der SDF. In Busaira, der ersten wieder bewohnten Kleinstadt direkt dahinter, beschleunigt Alan jählings auf 100, 110 Stundenkilo - meter, jagt in halsbrecherischen Überholmanövern über die Straße.

Warum? »Na, das hier ist doch alles IS-Gebiet, voller Schläferzellen, lebens - gefährlich.«
Mitarbeit: Khabat Abbas

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Das Ende des »Kalifats«

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