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Ausreiten: Spaß und Gymnastik in einem


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 12.07.2021

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Galoppieren im Gelände ist Gangart Nummer eins, für Training und Gymnastik ist der Trab aber die angesagte Grundgangart.

U nterschiedliche Untergründe, bergauf, bergab oder auch mal durchs Wasser, einen kleinen Teich oder einfach nur eine Pfütze – schon am langen oder hingegebenen Zügel im Schritt kann das mehr gymnastizierende Effekte erzielen als die 47. Dressurstunde in der Halle oder auf dem Reitplatz. Hans-Peter Scheunemann, Initiator des Reiterpark Max Habel in Süsel nördlich von Lübeck, schwört darauf. Auf sieben Hektar in einer ehemaligen Kiesgrube kommt hier nicht nur der Vielseitigkeitsreiter voll auf seine Kosten. „Jedes Reiten im Gelände querbeet fördert bei Pferd und Reiter die Losgelassenheit“, ist sein Credo. Und dafür darf man im wahrsten Sinne des Wortes loslassen. Egal ob über Waldboden oder am Hang, bei Schlangenlinien um Bäume herum oder auch im Wasser, setzt er auf minimale Zügelverbindung: „Der Verzicht auf Zügelverbindung erhöht das Gleichgewicht und die Selbständigkeit.“ Das Pferd wird zum ...

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... Mitdenken angeregt, nicht zum bloßen Befehlsempfänger abgerichtet. Davon profitiert jeder Reiter in jeder Disziplin.

TRAB – IDEAL ZUR GYMNASTIK

Scheunemann folgt der Skala der Ausbildung. Man braucht beim Ausritt nicht nur Takt, Losgelassenheit und Anlehnung als Basis, sondern fördert diese Grundlagen beim Reiten im Gelände auch. Darauf aufbauend kann man dann Schub entwickeln, so den Schwung verbessern sowie die Geraderichtung, damit der vermehrte Schub auch in Tragkraft umgesetzt wird und das Pferd nicht ausweicht. Schließlich lassen sich auch versammelnde und versammelte Lektionen reiten – eine Arbeitspirouette im Galopp, warum nicht?

Wobei der Trab für Scheunemann besonders wichtig ist. „Der Trab hat eine einfachere Fußfolge als Schritt und Galopp. Daher gilt Trab allgemein als Ausbildungsund Korrekturgangart.“ Der Schritt ist zur Gewöhnung an ungewohnte Anforderungen besonders geeignet. Vertrauen schafft man am langen Zügel. Und ohne Vertrauen geht langfristig gar nichts.

Fast alle Pferde sind im Gelände gehfreudiger. Das bringt manche Reiter in Schwierigkeiten. Doch statt zu zögern, sollten sie sich freuen und daran arbeiten, mit gefühlvoller Einwirkung den Vorwärtsdrang im Gelände wirksam in Schwung umzusetzen. Regelmäßiges Reiten im Gelände einschließlich Galoppieren und Klettern kräftigt den gesamten Organismus. Der Muskelzuwachs erleichtert später die dressurmäßige Ausbildung in Halle oder Viereck.

Balance fördern, Takt verbessern

Takt ist die Basis der Skala der Ausbildung. Nutzt man die Geländegegebenheiten, wird er einem nahezu geschenkt

Jedes Pferd, das sich auf großzügigen Linien und Wendungen reiten lässt, ist unabhängig von Alter und Ausbildungsstand für das Training im Gelände geeignet. Im Schritt kann man sogar den entlastenden Remontesitz einnehmen (s. Kasten) mit geringer oder ohne Zügelverbindung. Im Trab wird darauf geachtet, dass das Pferd den Rücken aufwölbt. Die Zügelverbindung sollte so fein wie möglich, die Nase vor der Senkrechten sein. Wichtig ist, dass das Pferd sich im Brustbein anhebt, der Widerrist dem Reiter entgegenkommt. Im Trab wird nicht leichtgetrabt, sondern im leichten oder Entlastungssitz geritten.

GRUNDLAGEN

Geritten wird im leichten und im Entlastungssitz (Gesäß noch am Sattel) sowie im entlastenden Remontesitz (Bild) Der Reiter sollte im Geländereiten geübt und erfahren sein. Springfähigkeiten sind nicht erforderlich. Basis des Sitzes in Trab und Galopp mit seinen verschiedenen Formen der Be- und Entlastung des Pferderückens ist der tiefe Absatz mit federndem Fußgelenk im Springoder Vielseitigkeitssattel mit hinreichend kurz geschnallten Steigbügeln. Ein Martingal ist nicht erforderlich. Das Pferd muss noch nicht zwingend an allen (!) Hilfen stehen.

Auf Biegen, nicht auf Brechen

Gebogene Linien, von der Acht bis zur Volte, lassen sich auch im leichten Sitz trefflich reiten

Flache Streckenabschnitte mit Gras- oder Sandboden laden dazu ein, an Stellung und Biegung im Gelände zu arbeiten. Dabei gibt es gleich mehrere Faktoren, die quasi nebenbei der Gymnastizierung des Pferdes zuträglich sind. Eventuelle Unebenheiten im Boden fordern ein ausbalanciertes Pferd. Baumstämme, Bäume oder große Steine bilden natürliche Slalomgelegenheiten im Gelände, darum lassen sich Schlangenlinien mit großem und kleinem Radius anlegen. Umsitzen, umfassen, umstellen – das lässt sich hier wie selbstverständlich in den Ausritt einflechten. Reiten im Gelände querbeet fördert bei Pferd und Reiter die Losgelassenheit und löst geistig-nervliche genauso wie körperliche Blockaden.

Spielerisch seitwärts

Schultervor bis Kurzkehrt. Schenkelgehorsam und Geschmeidigkeit im Fokus

Nach gewonnener Taktsicherheit sind einfache Übungen wie Schenkelweichen, Schultervor oder Reiten-in-Stellung möglich. Ein Pferd mit so gewonnener Taktsicherheit, wird auch in jedem Viereck den Takt halten können. Mit Anhalten, Vorund Hinterhandwendungen kann der Schenkelgehorsam überprüft werden.

Von wegen Kneipp-Kur: Wassertreten mal anders

Das kennt jeder: Rein ins Wasser und die Beine fliegen hoch – Training mit Fun-Faktor

Ob im Schritt, Trab oder Galopp – im Wasser fußt jedes Pferd aktiver als sonst ab. Der Wasserwiderstand ist ein Trainingsfaktor, den man viel häufiger nutzen sollte.

Aber auch hier gilt: Das Pferd soll sich nicht verspannen, sondern über den Rücken arbeiten. Was angesichts von Spritzwasser vor allem im Galopp und Trab nicht immer selbstverständlich ist. Es gibt Pferde, die sich „ekeln“, sich herausheben, die Rückentätigkeit leidet dann. Abhilfe ist einfach geschaffen: Maulbereich, Unterhals und Brustbereich bis zu den Buggelenken vorab mit Lappen oder Schwamm nass machen.

Im Wasser sollte man an die Arbeit denken, die sonst im Sand der Reitbahn stattfindet: Volten oder Achten können dabei entweder komplett im Wasser angelegt werden. Oder man reitet sie so, dass sie durch die Wasserlinie geteilt sind – heraus aus dem Wasser und wieder hinein. Glücklich, wer einen Teich hat, der so eben ist, dass sogar Achten oder Schlangenlinien geritten werden können.

Was man im Hinterkopf haben sollte: Das im Wasser so typische vermehrte Abfußen der Hinter- und Vorderbeine ist anstrengend für die Pferde. Deswegen immer wieder Verschnaufpausen einlegen.

Alles eine Frage der (Ein-)Stellung

Der äußere Zügel – Schlüssel zum Erfolg

Auf Bergaufstrecken zu reiten, entspricht in etwa dem Zulegen oder Tritte verlängern in der Reithalle oder auf dem Reitplatz. Beide Übungen bezwecken, dass das Pferd bestimmter an das Gebiss herantritt, ohne dabei jedoch die Selbsthaltung zu verlieren. Fortgeschrittene stellen ihr Pferd später alle paar Schritte/Tritte/Sprünge abwechselnd von links nach rechts und umgekehrt, das optimiert die Geschmeidigkeit. Übergänge Schritt-Halten-Schritt und später Trab- Schritt-Trab verbessern die Durchlässigkeit und fördern eine gefühlvolle Einwirkung.

Bei dieser Zielsetzung ist die Gangart Galopp weniger zweckmäßig, weil Pferde die Tendenz haben, im Galopp bergauf ohnehin eher nach vorne stürmen zu wollen. Kraft bringt es aber auf jeden Fall.

Schub und Schwung am Hang

Glücklich, wer eine Hangbahn zur Verfügung hat. Alle anderen nutzten das Gelände dort, wo es bergauf und bergab geht

Für die Entwicklung der Tragkraft und damit weitere Verbesserung des Gleichgewichts von Reiter und Pferd eignet sich im Gelände besonders eine Hangbahn. Das ist eine kreisförmige oder ovale Endloslinie auf einer schiefen Ebene. Ein solches Areal steht nicht jedem zur Verfügung, aber vielleicht findet sich ja im Wald ein schräges Stück, auf dem das Reiten erlaubt und möglich ist. Wer auf einer Wellenbahn reiten kann, nutzt diese. Beidesmal geht es im ständigen Wechsel auf gebogener Linie bergauf und bergab. Der Wechsel von bergab zu bergauf und von bergauf zu bergab stellt erhöhte Anforderungen an das Gleichgewicht des Pferdes (und des Reiters). Wenn Pferde sich ausbalancieren wollen, drängen sie auf der Hangbahn häufig gegen den inneren Schenkel. Der Reiter sollte dann so einwirken, als wolle er einen Zirkel vergrößern, mit diagonalen Hilfen: Der innere Schenkel treibt an den äußeren Zügel heran.

STEP BY STEP

„Die Anforderungen sollten stets zunächst im Bergauf gesteigert werden“, betont Hans-Peter Scheunemann: Also im Trab bergauf, Schritt bergab. Oder Galopp bergauf, Trab bergab. Da jedes Bergab- Reiten auch immer versammelnd wirkt, empfiehlt es sich, die Rückführung erst nach dem oberen Gipfelpunkt im leichten Bergab einzuleiten.

Auf der Hangbahn muss man das Pferd gut mit seinen Hilfen einrahmen, aber nicht einengen. An der Geraderichtung arbeitet man auf der Hangbahn durch Reiten in Außenstellung, Schultervor und Reiten-in- Stellung. Auch dies zunächst nur bergauf, weil es den Pferden so einfacher fällt. Die Trainingssequenz auf der Hangbahn beendet man am besten mit wenigen Runden im Trab oder Galopp. Das ist zwar sehr anstrengend und in Sachen Gymnastizierung weniger wirksam – aber es vermittelt ein Erfolgserlebnis.

„Laufen ohne zu schnaufen“

Hans Peter Scheunemanns Motto fürs Intervalltraining

Für Fortgeschrittene: Halten und mehr am Hang

Einfach mal nur anhalten, und zwar am Hang – das fördert Kraft, Koordination und Losgelassenheit

Es klingt erstmal seltsam, aber Bergabreiten ist gut für mehr Bergauftendenz, die sich wohl jeder wünscht. Und das nicht nur in der Bewegung:

Am Hang kann man mit den Übergängen Schritt-Halten-Schritt oder Trab-Schritt-Trab die Durchlässigkeit verbessern. Stellen nach beiden Seiten (s. S. 63) dient der Gymnastizierung und dem Geraderichten. Außerdem hat längeres gerades Halten – bergab an allen Hilfen stehend – gleich mehrere positive Trainingseffekte: Das Nackenband wird bei deutlich gebeugten Hanken gedehnt, die Muskulatur der Hinterhand durch die vermehrte Lastaufnahme gekräftigt.

Außerdem wird das Gefühl fürs Gleichgewicht erhöht. Hält man bergauf, hat längeres Halten diese gymnastizierenden Wirkungen nicht.

Allerdings kann man hier versuchen, aus dem Halten anzutraben. Das stärkt die Schubkraft.

REITERPARK MAX HABEL

Dicht an der Autobahn A1, Abfahrt Eutin, liegt der Reiterpark Max Habel, Ort unserer Fotoproduktion. 1984 vom Pferdesport- und Förderverein Süseler Baum e. V. (PSFV) als Träger gegründet mit dem Ziel „kultiviertes Reiten im Gelände“ zu fördern. Initiator war Hans-Peter Scheunemann. Auf sieben Hektar finden sich unterschiedlichste Geländehindernisse (von Klasse E bis L), Strecken zum bergauf und bergab Reiten sowie zwei Wasserkomplexe. Ideale Möglichkeiten auch zum Lernen für junge Pferde und unerfahrene Reiter. Unter kompetenter Begleitung kann man für 20 Euro/Pferd hier nach Voranmeldung reiten. Außerdem gibt es auch Trainingseinheiten, zum Beispiel bei Hanna Huppelsberg-Zwöck (Bild), die uns unterstützt hat. Sie war die erste Frau, die in einer Championatsmannschaft (Europameisterschaften 1977) für Deutschland ritt. www.reiterpark-maxhabel.de