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AUSSER KONKURRENZ


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 21.03.2019

KLAVIER Vom Wunderkind zum Weltstar: Früher wollte Lang Lang stets der Beste sein. Dieses Ziel hat er längst hinter sich gelassen. Ein Gespräch über Idole, Paradiesvögel und chinesische Harmonie.


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Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 4/2019

Eine Umarmung zur Begrüßung ist Lang Lang lieber als ein kräftiger Händedruck. Zumindest, wenn er seine Lederhandschuhe nicht trägt. Verständlicherweise, sind die Hände für den weltberühmten Pianisten doch das kostbarste Kapital. Für einige Millionen Dollar ließ er sie schon vor Jahren versichern. Das Gespräch mit dem ARTE Magazin findet in Paris statt. Bereits am Vorabend hat der 36-Jährige dort sein neues ...

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Eine Umarmung zur Begrüßung ist Lang Lang lieber als ein kräftiger Händedruck. Zumindest, wenn er seine Lederhandschuhe nicht trägt. Verständlicherweise, sind die Hände für den weltberühmten Pianisten doch das kostbarste Kapital. Für einige Millionen Dollar ließ er sie schon vor Jahren versichern. Das Gespräch mit dem ARTE Magazin findet in Paris statt. Bereits am Vorabend hat der 36-Jährige dort sein neues Album „Piano Book“ vorgestellt – mit einem Konzert auf der Seine, bei Sonnenuntergang am Valentinstag. Sogar der Eiffelturm glitzerte zur richtigen Zeit. „Das war fast schon zu romantisch“, lacht er. „Aber wenn nicht am Valentinstag in Paris, wann dann?“ Sowohl abends als auch am Tag darauf wirkt
Lang Lang gelöst, von Stress keine Spur. Wenigstens merkt man ihm davon nichts an.
ARTE MAGAZIN Herr Lang, Sie haben ein Album aufgenommen mit Stücken, die Sie motiviert haben, Musiker zu werden. Und ausgerechnet das „Cat Concerto“ aus der Zeichentrickserie „Tom und Jerry“ fehlt. Was ist da passiert?
Lang Lang Stimmt, an sich müsste das „Cat Concerto“ mit dabei sein. Die Melodie habe ich zum ersten Mal gehört, als ich zwei Jahre alt war. Danach wollte ich Pianist werden. Aber das Stück – es ist eigentlich Liszts „Ungarische Rhapsodie Nr. 2“ – habe ich schon 2006 aufgenommen. Und die Werke auf dem neuen Album sind weniger schnell und laut, eher emotional, das hätte nicht zusammengepasst.
ARTE MAGAZIN Neben Beethovens „Für Elise“ oder „Claire de Lune“ von Debussy spielen Sie auch eine neue Version des traditionellen chinesischen Liedes „Jasmine Flower“.
Lang Lang Im Westen kennt man das Lied aus der Oper „Turandot“ von Puccini. Er hat das Stück damals allerdings sehr vereinfacht. Die original chinesische Version ist verspielter und benutzt mehr Noten. Ich wollte melodisch wieder näher an die Originalversion, die Harmonien sind aber sehr westlich, teilweise sogar jazzartig.
ARTE MAGAZIN Also eine Art asiatischwestliches Cross-over?
Lang Lang Sagen wir mal so: Die chinesische Harmonielehre ist, anders als die der westlichen Welt, nicht so komplex. Am Klavier benötigt sie weniger Tasten. Deshalb hören sich chinesische Stücke nach einer Weile sehr ähnlich an. Durch die Kombination der Harmonien entstehen mehr Vielfalt und interessante, frische Klangfarben. Mir ist es zudem wichtig, immer ein wenig chinesisches Repertoire zu spielen.

Anne-Sophie Mutter und Lang Lang in der Philharmonie BerlinKonzert


Große Virtuosen: Bei einem gemeinsamen Konzert in der Berliner Philharmonie spielt die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter u.a. Werke des Komponisten John Williams. Weltstar Lang Lang glänzt mit dem Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll, KV 491 von Wolfgang Amadeus Mozart.

Zur PersonLANG LANG,Pianist


Der heute 36-Jährige wurde 1982 in Shenyang, China, geboren. Bereits als Dreijähriger erhielt er seinen ersten Klavierunterricht. Er gewann zahlreicheWettbewerbe (Foto: im Alter von zehn Jahren mit seinem Professor Zhao Ping-Guo beim 6. Xinghai-Klavierwettbewerb in Peking) und zog schließlich mit seinem Vater in die USA, wo ihm als 17-Jähriger der internationale Durchbruch gelang. Heute gibt er Konzerte auf der ganzen Welt. Sein neues Album „Piano Book“ erscheint am 29. März.

ARTE MAGAZIN Sehen Sie heute ein verstärktes Interesse des Westens an der chinesischen Kultur?
Lang Lang Ich glaube, es wächst stetig. Noch vor ein paar Jahren kamen zum chinesischen Neujahrskonzert in der westlichen Welt fast nur Chinesen. Heute besteht mindestens die Hälfte des Publikums aus Einheimischen. Außerdem gibt es in vielen Städten Konfuzius-Institute, in denen chinesische Kultur, Literatur und Sprache gelehrt werden. Die Preise für chinesische Kunst explodieren gerade. Ich glaube, das alles begann mit den Olympischen Spielen in Peking 2008, sie haben eine neue Ära für China eröffnet.
ARTE MAGAZIN Sie spielten damals bei der Eröffnungsfeier, als Symbol der chinesischen Jugend und Zukunft. Wie fühlte sich das an?
Lang Lang Das war eine große Ehre für mich. Und viel harte Arbeit, um an diesen Punkt zu gelangen – angefangen bei den zahlreichen Wettbewerben, die ich als Kind gewinnen musste.
ARTE MAGAZIN Wettkämpfe spielen in China und Asien generell eine sehr wichtige Rolle.
Lang Lang Ja, als ich aufwuchs noch mehr als heute. China war in den 1980er Jahren sehr isoliert. Wettbewerbe waren die einzige Möglichkeit, den Westen auf sich aufmerksam zu machen. Das Klavier wurde beliebt, weil es einen mit der Außenwelt verbinden konnte. Durch einen Wettbewerb bekam ich ein Visum für Deutschland und durfte so zum ersten Mal in Europa spielen. Als ich Ende der 1990er Jahre mit meinem Vater in die USA zog, riet mir mein Lehrer, keine Wettbewerbe mehr zu spielen und mich auf die Musik zu konzentrieren. Bis dahin hatte ich das Klavierspiel wie eine Art Sport betrieben.
ARTE MAGAZIN Spielt der Wettbewerbsgedanke auch heute noch eine Rolle für Sie?
Lang Lang Heute geht es mir nicht darum, besser als andere zu sein. Ich stehe eher im ständigen Wettkampf mit mir, bin selbst mein größter Kritiker.
ARTE MAGAZIN Früher war einer Ihrer strengsten Kritiker Ihr Vater, er war sehr hart, fast schon brutal.
Lang Lang Als Kind war sein Wort für mich Gesetz. Rückblickend hat er viele Fehler gemacht. Das weiß ich mittlerweile. Dennoch bin ich ihm dankbar, weil er an mich geglaubt hat – auch, wenn er nicht immer den richtigen Weg wählte, um das zu zeigen.
ARTE MAGAZIN Sie mussten schon als kleines Kind stundenlang üben, nur beim Abendessen durften Sie einen Cartoon schauen. Wie schwer fällt es Ihnen heute, nichts zu tun?
Lang Lang Das ist für mich ganz schwierig. Obwohl ich mich schon mal gerne hinlege und ausruhe. Aber bevor ich nichts tue, gehe ich lieber joggen. Ich mag es nicht, herumzusitzen und das Gefühl zu haben, auf der Stelle zu treten.
ARTE MAGAZIN Also schauen Sie nicht gerne fern?
Lang Lang Manchmal schon, aber nicht oft. Ich brauche einen freien Kopf, um Dinge abzuspeichern. Außerdem bin ich nicht mehr 20, sondern 36. Mit 20 überlegt man sich höchstens, was man am nächsten Tag macht. Ab 30 denkt man über vieles nach, die Familie, die Zukunft. Man wird zu einer Art Ingenieur seines Lebens. Und das braucht Zeit.
ARTE MAGAZIN 2017/2018 litten Sie unter einer Entzündung im linken Arm und konnten mehr als ein Jahr nicht Klavier spielen. Wie kamen Sie damit zurecht?
Lang Lang Drei Monate lang trug ich einen Gips und konnte gar nicht spielen. Danach immer nur eine halbe Stunde am Tag. Das war nicht leicht für mich. Tatsächlich hatte ich aber auch einen schönen Sommer. Ich bekam Besuch von Freunden und meiner Familie in New York, wir haben Fußball geschaut und sind Boot gefahren.
ARTE MAGAZIN Also hatte die Auszeit auch etwas Gutes?
Lang Lang Was meine Freizeit anging, ja. Aber ich habe auch in meiner Foundation gearbeitet. Das läuft weiter, egal, ob ich spielen kann oder nicht. Ich konnte und wollte mich nicht einfach verstecken. Obwohl ich mir natürlich auch ein wenig selbst leidtat. Das ging aber schnell vorbei, schließlich hatte ich nur eine Entzündung und keinen dauerhaften Schaden. Das wäre schlimm gewesen.
ARTE MAGAZIN Spielen Sie jetzt vorsichtiger, aus Angst, nochmals in diese Situation zu geraten?


»Das Interesse des Westens an der chinesischen Kultur wächst stetig weiter«
Lang Lang,Pianist


Lang Lang Gerade fühle ich mich wie neugeboren! Aber ich achte stärker als vorher darauf, meinen Zeitplan nicht überzustrapazieren und eine gute Balance zu finden. Dann sollte es kein Problem sein.
ARTE MAGAZIN Stimmt es, dass 40 Millionen Kinder wegen Ihnen heute Klavier spielen?
Lang Lang Es sind sogar 70 Millionen. In erster Linie ist das Klavier aber einfach ein sehr beliebtes Instrument – auch ohne mich. Dass ich dann auch noch etwas damit zu tun habe, freut mich.
ARTE MAGAZIN Sind Sie gerne ein Idol?
Lang Lang Ich mag es, Kindern zu zeigen, was Sie schaffen können, wenn Sie es nur wollen. Man braucht Vorbilder im Leben.
ARTE MAGAZIN Auch mit Ihrer Foundation unterstützen Sie junge Musiker, sind dort selbst der Lehrer. Von wem lernen Sie heutzutage noch etwas?
Lang Lang Ich lerne von den Künstlern, mit denen ich zusammenarbeite und in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe. Von meiner allerersten Professorin Zhu Ya-Fen bis hin zu Daniel Barenboim, Christoph Eschenbach, Nikolaus Harnoncourt …
ARTE MAGAZIN Was haben Sie vom historischen AufWas haben Sie vom historischen Aufführungspraktiker Nikolaus Harnoncourt gelernt?
Lang Lang Oh, er war ein grandioser Lehrer. Die größten Orchestermusiker der Welt haben ihm immer wie junge Schüler aufmerksam zugehört, wenn er dirigiert hat. Er war ein Freigeist und hat das seinen Kollegen mitgegeben.
ARTE MAGAZIN Auf ARTE spielen Sie das Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll, KV 491 von Mozart. Harnoncourt nannten Sie einmal „Mozarts Botschafter“.
Lang Lang Das war er auch. Man hatte immer das Gefühl, dass er den Komponisten wirklich kannte. Wenn ich eine Passage zu sehr überdachte und das Genie Mozart vor Augen hatte, sagte Harnoncourt über ihn: „Nein, nein, nein. Er war zwar talentiert, aber auch einfach nur ein verrückter Paradiesvogel. Er betet hier nicht zu irgendwelchen Göttern, sondern amüsiert sich in Salzburg. So musst du das spielen. Es ist ganz leicht.“ Wenn ich heute seine Musik spiele, habe ich das Gefühl, besser zu verstehen, was Mozart von mir will.
ARTE MAGAZIN Wie Sie wurde Mozart auch schon als kleiner Junge von seinem Vater streng erzogen. Ob er – wie Sie als Neunjähriger – auch mal die Nase voll hatte?
Lang Lang Das kann ich mir kaum vorstellen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er viel Neid erfahren musste, weil er schon als Kind so berühmt wurde.
ARTE MAGAZIN Haben Sie das auch erlebt?
Lang Lang Ja, und das hat auch zeitweise Probleme verursacht. Meinen Schülern gebe ich deshalb immer den Rat: „Seid freundlich zu allen – denn je talentierter du bist, desto mehr wirst du beobachtet. Bist du arrogant, machst du dich damit entweder selbst fertig oder du wirst fertiggemacht.“


FOTOS Ossi Piispanen