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Außerhalb von Zeit und Raum


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Emotion Slow - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 07.10.2022
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Bildquelle: Emotion Slow, Ausgabe 2/2022

Das Prinzip des Räucherns: einfach alles in Luft auflösen

Das Wort „Magie“ ist ausgereizt. Aber wenn es eine Zeit im Jahr gibt, bei der man von Magie sprechen kann, bei der man sich und sein Leben verzaubern kann, dann sind dies die Rauhnächte vom 1. Weihnachtstag bis zum Dreikönigstag am 6. Januar. Immer mehr Menschen entdecken seit ein paar Jahren die Kraft der bewussten Besinnung, zu der die traditionellen Rauhnacht-Bräuche einladen: Sie führen Traumtagebücher, zelebrieren kleine Rituale und versuchen, diese Zeit zur inneren Einkehr zu nutzen.

Der Ursprung des Wortes ist nicht genau geklärt. „Rauh“ könnte aber naheliegend auf das mittelhochdeutsche Wort „rouch“ (Rauch) zurückgehen, denn eines der Rituale, die auch heute gern während dieser Zeit praktiziert werden, ist das Räuchern der eigenen Umgebung mit Kräutern oder Harzen. Vor vielen Jahrhunderten wurden die Ställe und das Haus ausgeräuchert, um böse Geister zu vertreiben. Heute würde man diese ...

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... wohl negative Gedanken, Stress oder Probleme nennen. Eben die Geister, die uns im Alltag verfolgen.

Wie kam es dazu, dass die Rauhnächte entstanden sind? Vermutlich ist der germanische Mondkalender dafür verantwortlich, der ein Jahr mit zwölf Mondmonaten und 354 Tagen beziffert. Die zum heutigen Sonnenkalender fehlenden elf Tage – oder zwölf Nächte – wurden als Tage außerhalb der Zeit angesehen. Es war also fast so, als existierten sie gar nicht. Und so waren sie die Gelegenheit, selbst mal aus dem Rahmen des Gewohnten zu fallen. Diese Zeit rund um den Jahreswechsel eignet sich auch heute noch gut für alles, was das Jahr über zu kurz kam, weil die Welt sich zur Ruhe hinwendet und man getrost offline gehen kann.

Wem der Gedanke neu ist, dem hilft vielleicht dieses Bild: Die Rauhnächte sind beinahe wie die kleine Pause der Stille zwischen zwei Atemzügen, nur eben viel ausgedehnter. Die gesamte Zeitspanne bewusst zu erleben kann deshalb etwas sehr Bereicherndes haben. Die meisten von uns können sich freinehmen, haben mehr Zeit für sich oder um mit den Liebsten zusammenzukommen. Auf jeden Fall ist es dann deutlich einfacher, mal nicht erreichbar zu sein.

Endlich Stille, endlich Rückzug

Bei den German:innen und Kelt:innen galten die Rauhnächte als eine Phase, in der Dämonen und Geister leichter Zugang zu unserer Welt hatten. Deshalb wurden viele Rituale (wie etwa das Räuchern oder das Aufstellen von Kerzen auf Fensterbänken) durchgeführt, um Negatives loszuwerden und Positives einzuladen. Es galt, jegliche Hausarbeit zu vermeiden, da sich nur das Rad des Schicksals drehen sollte. So durfte während der Rauhnächte nicht gesponnen werden. Allein die Nornen, also die Schicksalsgöttinnen in der nordischen Mythologie, arbeiteten in dieser Zeit. Sie spannen den Lebensfaden für jeden Menschen. Alle anderen Räder hatten stillzustehen. Damals war es auch Brauch, während dieser Tage keine Wäsche zu waschen und draußen aufzuhängen, weil sich Geister darin verfangen könnten. Sogar das Backen war zwischen den Jahren verboten. In der Folge entstanden viele lang haltbare Backwaren wie Stollen oder Plätzchen.

Heute glauben wir nicht mehr an Schicksalsgöttinnen. Wie könnten wir also dann das Spinnen von Fäden für uns in die Neuzeit übertragen? Für viele Rauhnacht-Anhänger:innen geht es darum, in dieser Phase die vielen losen Gedan- ken zu verbinden, die wir das Jahr über so hatten. Wenn es stiller wird, haben wir die Chance, sie zu ordnen und uns die Frage zu stellen: Was war und was soll kommen? Und wenn Räder während der Rauhnächte stillstehen sollen, dann sind das sicherlich auch Fahrzeuge wie Autos, aber vor allem in der modernen Übersetzung das Hamsterrad an lästigen Alltagsverpflichtungen, das uns im Klein-Klein festhält und den Blick aufs Wesentliche versperrt.

Die Bräuche, die uns blieben

Was als Rauhnacht-Ritual noch erhalten ist, spielt sich in der Silvesternacht ab: Bleigießen und Böllern. Auch wenn es bei uns heute anders aussieht und wir alles einfach im Supermarkt kaufen, geht es im Grunde noch um dasselbe: das Alte hinter sich lassen und sich aufs Neue einlassen oder orakeln, was das neue Jahr wohl so bringt. Das Krachen soll das vergangene Jahr vertreiben, das lichtvolle Feuerwerk begrüßt das neue. Der Schattenwurf des geformten Bleis soll (möglichst) das Glück für das kommende Jahr vorhersagen. Manche Rauhnacht-Rituale gingen aber auch verloren, weil sie aus heutiger Sicht einfach zu kurios sind. Zum Beispiel, dass man eine ganze Hagebutte schlucken soll, weil das Glück bringt. Oder die Vorstellung, dass die Tiere zu dieser Zeit sprechen können. Doch schaut man nach dem tieferen Sinn, ging es vielleicht eher darum, mehr zu lauschen und in Kontakt mit den Wesen um uns herum zu treten?

Reise durch die Rauhnächte

Wer nicht allein durch die magischen Tage und Nächte surfen mag und gern für den Auftakt, den Jahreswechsel und den Abschluss Begleitung möchte, kann sich für eine Live- Online-Reise durch die Rauhnächte anmelden – mit geführten Meditationen und Ideen für kraftvolle Rituale. Für alle Informationen und Anmeldung bitte hier schauen:

Rituale sind in unserer komplexen und oftmals chaotischen Zeit wichtiger denn je. Denn sie stiften Sinn und verbinden uns mit anderen. Sie geben Halt und Struktur. Die Rauhnächte erinnern uns zudem an den Jahreszyklus. Je größer die Herausforderungen des Alltags sind, umso mehr wächst in vielen von uns die Sehnsucht nach Sicherheit, Verbundenheit und Zuversicht.

Bei der Wiederbelebung eines Brauchs wie dem der Rauhnächte geht es nicht darum, alten Aberglauben weiterzuspinnen, sondern seinen höheren Zweck in eine zeitgemäße Sprache zu verwandeln. Und das stärkende Band zu spüren, das uns mit unseren Vorfahren verbindet. Auch wenn wir uns dessen selten bewusst sind, ist dieses Erbe doch Teil unseres Alltags. So ist der Wochentag Freitag nach der germanischen Göttin Frija (oder Freya) benannt. Diese Dinge müssen wir nicht alle wissen, wir dürfen sie aber spüren. Wir leben heutzutage in einer stark individualisierten Gesellschaft – mit den entsprechenden Vor- und Nachteilen. Wenn wir unsere persönliche Version der Bräuche finden, dann bleiben wir mit unseren Wurzeln verbunden. Die Rauhnächte eignen sich deshalb gut dafür, Altes mit Neuem zu verbinden, auch im eigenen Leben: Die Versöhnung mit der Vergangenheit und die Kraft unserer Erfahrungen können uns Freiheit für die Zukunft schenken.

Drei Ideen für Rituale während der Rauhnächte

1. Das Ritual der Wünsche

Ein sehr beliebtes Ritual ist es, sich 13 Wünsche auf einzelne Zettel zu schreiben, diese in ein schönes Gefäß zu legen und ab Heiligabend um 24 Uhr jeden Tag einen Wunsch zu ziehen. Anschließend wird dieser verbrannt. Die Wünsche sollten positiv formuliert sein und schon so, als wären sie Wirklichkeit geworden.

2. Traumtagebuch schreiben

Die Rauhnächte sind der beste Anlass, um sich der Bedeutung der eigenen Träume zu widmen und mit einem Traumtagebuch zu beginnen. Jede Rauhnacht steht für einen Monat im kommenden Jahr, also die Träume in der Nacht zum 25.12. für den Januar 2023 und so fort. Sie können daher eine Art Vorausschau sein oder später im Jahr als Ideenquelle dienen.

3. Die Kunst des Räucherns

Das Räuchern der Wohnung mit getrockneten Kräutern und Hölzern ist ein wunderbares Ritual: So wirkt etwa Salbei reinigend. Bei geöffneten Fenstern gegen den Uhrzeigersinn durch alle Räume gehen. Dann bei geschlossenen Fenstern mit dem Uhrzeigersinn gute Energie hereinlassen (mit Hölzern wie Palo Santo oder Zirbe).

Rituale für Kinder

Schätze sammeln

Kinder können sich eine Schatzkiste basteln und darin während der Rauhnächte ihre in der Natur gefundenen oder selbst gebastelten Schätze für das kommende Jahr sammeln: Glückssteine oder selbst gemachte Schutzamulette.

Magisches Naturkino

Was könnte zauberhafter sein als eine Winternacht? Vor dem Schlafengehen dürfen die Kinder „Himmelkino“ schauen und sollen beschreiben, was sie sehen und was sich verändert.

Was ist wirklich wichtig?

Wir entwickeln uns als Menschheit laufend weiter, und deswegen ist es nur natürlich, wenn Traditionen immer wieder hinterfragt werden, denn das Weltbild ändert sich mit der Lebenssituation. Viele Menschen in unserer westlichen Bubble besitzen heute sehr viel, wir leben länger, Maschinen nehmen uns einen Teil der Arbeit ab, wir müssen unser Gemüse nicht mehr selbst anbauen. Wir können sehr viel müheloser konsumieren und brauchen noch nicht einmal eine Familie für das Überleben, wenn wir lieber allein durchs Leben gehen möchten. Doch all das hat einen Preis, der uns erst langsam bewusst wird: die Trennung von der Natur, von den Mitmenschen und letztlich von uns selbst. Überforderung und Reizüberflutung. Die innere Leere, die sich scheinbar durch nichts von außen füllen lässt, das Grübeln, die leblose Energie, die wir in Form von Zucker und Koffein zu uns nehmen, um uns immer weiter zu pushen.

Wenn wir ganz ehrlich sind, sind wir zwar aufgeklärt und haben uns von vielen Dogmen befreit. Doch vieles auf der Welt ist für uns weiterhin unerklärlich, was es auch mystisch macht, hier zu leben und zu sein. Was wissen wir eigentlich? Und was wären wir ohne die Sinnsuche, ohne den Wunsch, das Leben in seiner Gänze zu verstehen und es dann doch nicht greifen zu können?

Und so erleben die Rauhnächte sicher auch deshalb ein Revival, weil sie uns eine Anleitung bieten, das System einmal bewusst herunterzufahren, um es dann mit der Kraft von Ritualen und Besinnung wieder hochzufahren. Wichtige Fragen dabei: Was ist (mir) wirklich wichtig? Worum geht es eigentlich? Wofür bin ich dankbar? Wo erlebe ich Trennung in meinem Leben? Und: Wie kann ich mehr Magie in meinen Alltag bringen?

NACHT FÜR NACHT

Die Rauhnächte sind ein guter Auftakt dafür, einmal Achtsamkeitsübungen und Rituale auszuprobieren, um diese in den Alltag zu integrieren. Eine Inspirationsquelle ist „Rauhnächte mit Kindern erleben“ (Goldmann, 14 Euro)