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Babelsberg goes queer


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 24.02.2022

FILM

Artikelbild für den Artikel "Babelsberg goes queer" aus der Ausgabe 3/2022 von Siegessäule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Sophie Maintigneux (Foto, li) und Skadi Loist

filmuniversitaet.de skadiloist.de

Seit Ende letzten Jahres sind Sophie Maintigneux (61) und Skadi Loist (41) Professor*innen an der Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg. Anlässlich ihrer Vereidigungszeremonie sprach SIEGESSÄULE mit den beiden über ihre neuen Positionen und queere Perspektiven im Film

Sophie und Skadi, wie seid ihr beiden nach Babelsberg gekommen? Sophie Maintigneux: Ich habe in den 1980er-Jahren als Kameraassistentin und Bildgestalterin in Frankreich angefangen, habe mit den Regisseuren Éric Rohmer und Jean-Luc Godard gearbeitet. Der Film „Das grüne Leuchten“, für den ich die Bilder gemacht habe, hat in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Damals war ich erst 24 Jahre alt. Für einen Dokumentarfilm war ich Mitte der 80er auch in Berlin. Es war eine Erleichterung für mich zu sehen, dass Gender, Homosexualität und Sexualität ...

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Sophie und Skadi, wie seid ihr beiden nach Babelsberg gekommen? Sophie Maintigneux: Ich habe in den 1980er-Jahren als Kameraassistentin und Bildgestalterin in Frankreich angefangen, habe mit den Regisseuren Éric Rohmer und Jean-Luc Godard gearbeitet. Der Film „Das grüne Leuchten“, für den ich die Bilder gemacht habe, hat in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Damals war ich erst 24 Jahre alt. Für einen Dokumentarfilm war ich Mitte der 80er auch in Berlin. Es war eine Erleichterung für mich zu sehen, dass Gender, Homosexualität und Sexualität in Europa frei werden können – das war in Frankreich damals nicht der Fall. Ich habe davon geträumt, nach Deutschland zurückzukehren, und tat das nach ein paar Jahren. Seitdem bin ich geblieben. Ich habe viele Dokumentar- und Spielfilme hier gedreht und bin seit 1991 Dozentin. Bis Ende 2021 war ich Professorin an der Kunsthochschule für Medien Köln und habe nun eine Professur für Künstlerische Bildgestaltung in Babelsberg. Skadi Loist: Ich bin ursprünglich Medienwissenschaftler*in und Amerikanist*in und habe in Hamburg und in den USA studiert. Ich beschäftige mich schon sehr lange mit Queer Cinema, habe bei den „Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg“ mitgearbeitet und zu queeren Filmfestivals promoviert. An der Filmuni gebe ich seit mehreren Jahren mit Kolleg*innen ein Seminar zu Queer Cinema. Da tauschen wir uns mit den Studierenden aus verschiedenen Perspektiven – Regie, Montage und Wissenschaft – heraus aus. Jetzt habe ich eine Juniorprofessur für Produktionskulturen in audiovisuellen Medienindustrien.

Was bedeuten Repräsentation und Geschlechtergerechtigkeit für die Filmbranche? S. L.: GeschlechtergerechtigkeitGeschlechtergerechtigkeit Wir sind eine Filmhochschule, daher ist es für mich ein Versuch, den Studierenden von Anfang an mitzugeben, auch jenseits des konkreten Handwerks, die Kontexte mitzudenken. Das bedeutet, die Branche und Branchenkultur zu beachten. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es eben nicht nur eine vermeintliche Norm gibt, sondern Vielfalt. Wir schauen, was es heißt, verschiedene Perspektiven einzunehmen, damit Diversität nicht nur ein oberflächliches Schlagwort ist. Wir fragen uns: „Welche Geschichten werden erzählt und von wem?“ Da möchte ich auch differenzieren. Die Studie „Vielfalt im Film”, die wir mit initiiert haben, zeigt, dass die Diskriminierungsebenen noch sehr stark sind. Vor einem Jahr haben sich 185 Schauspielende mit der Aktion #ActOut geoutet. Sie haben einerseits gezeigt, dass queere Filmschaffende ein Recht auf Sichtbarkeit haben. Diese Personen sollten ganz normal ihren Job machen können, ohne sich verstecken zu müssen. Gleichzeitig gilt, dass ein schwuler Schauspieler vielleicht eine schwule Figur besser spielen kann, weil es dichter an seiner Lebenserfahrung ist. Das heißt aber nicht, dass nur Schwule schwule Figuren spielen dürfen, und auch nicht, dass schwule Schauspieler nur schwule Figuren spielen können – sondern wie alle anderen auch können queere Schauspieler*innen alle Figuren spielen. Das gilt für alle Erfahrungen jenseits der Mainstreamgesellschaft. Sie sollen ihre Erfahrungen einbringen können, ohne darauf reduziert zu werden. Ich finde es wichtig, einer neuen Generation mitzugeben, mehr über Fragen wie Vielfalt und Gerechtigkeit nachzudenken. Das hat eine politische Dimension. S. M.: Skadi und ich arbeiten auf unterschiedlichen Terrains, aber unsere Arbeit geht genau in die gleiche Richtung. Sobald wir in einer Position wie dieser sind, wäre es eine Schande, keine politische Arbeit zu machen. Ich bin da, um beruflich Bilder zu machen. Ich selbst habe mein Coming-out sehr früh gehabt. Die ganze Branche weiß, dass ich eine lesbische Bildgestalterin bin, ich habe das nie versteckt. Und ich sehe es als meine Aufgabe als Bildgestalterin, Verständnis für die Figuren Wir sind eine Filmhochschule, daher ist es für mich ein Versuch, den Studierenden von Anfang an mitzugeben, auch jenseits des konkreten Handwerks, die Kontexte mitzudenken. Das bedeutet, die Branche und Branchenkultur zu beachten. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es eben nicht nur eine vermeintliche Norm gibt, sondern Vielfalt. Wir schauen, was es heißt, verschiedene Perspektiven einzunehmen, damit Diversität nicht nur ein oberflächliches Schlagwort ist. Wir fragen uns: „Welche Geschichten werden erzählt und von wem?“ Da möchte ich auch differenzieren. Die Studie „Vielfalt im Film”, die wir mit initiiert haben, zeigt, dass die Diskriminierungsebenen noch sehr stark sind. Vor einem Jahr haben sich 185 Schauspielende mit der Aktion #ActOut geoutet. Sie haben einerseits gezeigt, dass queere Filmschaffende ein Recht auf Sichtbarkeit haben. Diese Personen sollten ganz normal ihren Job machen können, ohne sich verstecken zu müssen. Gleichzeitig gilt, dass ein schwuler Schauspieler vielleicht eine schwule Figur besser spielen kann, weil es dichter an seiner Lebenserfahrung ist. Das heißt aber nicht, dass nur Schwule schwule Figuren spielen dürfen, und auch nicht, dass schwule Schauspieler nur schwule Figuren spielen können – sondern wie alle anderen auch können queere Schauspieler*innen alle Figuren spielen. Das gilt für alle Erfahrungen jenseits der Mainstreamgesellschaft. Sie sollen ihre Erfahrungen einbringen können, ohne darauf reduziert zu werden. Ich finde es wichtig, einer neuen Generation mitzugeben, mehr über Fragen wie Vielfalt und Gerechtigkeit nachzudenken. Das hat eine politische Dimension. S. M.: Skadi und ich arbeiten auf unterschiedlichen Terrains, aber unsere Arbeit geht genau in die gleiche Richtung. Sobald wir in einer Position wie dieser sind, wäre es eine Schande, keine politische Arbeit zu machen. Ich bin da, um beruflich Bilder zu machen. Ich selbst habe mein Coming-out sehr früh gehabt. Die ganze Branche weiß, dass ich eine lesbische Bildgestalterin bin, ich habe das nie versteckt. Und ich sehe es als meine Aufgabe als Bildgestalterin, Verständnis für die Figuren zu haben. Ich will queere Figuren in einem aktiven Verhältnis dem Leben gegenüber zeigen, nicht nur im Kontext von Leid, Selbstmorden und Gewalt. Das hilft, um Queerness zu dedramatisieren.

Wie machst du das? S. M.: Ich habe viele queere Liebesszenen gedreht. Dabei war mir extrem wichtig, Szenen nicht automatisch in die Dunkelheit zu rücken, in der Nacht mit Langbrennweite unscharf oder mit einer wackeligen Handkamera zu drehen. Im Gegenteil, ich habe Wert darauf gelegt, Liebesszenen, die nicht hetero sind, bei Tageslicht und mit Sonne zu drehen, vielleicht mit Vogelgezwitscher im Hintergrund. Das geht in die Richtung, was Skadi über Sichtbarkeit sagt: wegzugehen von der Dunkelheit. Ich möchte auch ein Verhältnis auf Augenhöhe zwischen der Kamera und der Figur schaffen. Die Kamera soll Lust haben, die Figur zu sehen, und sie nicht denunzieren, hässlich, lächerlich oder zum Klischee machen. All das hat mit Schönheit, Licht und Optik zu tun.

Was sind eure Aufgaben an der Filmuni? S. M.: Ich betreue theoretische und praktische Kameraseminare: also Licht und Kamera, Filmsprache und Bildanalyse. Außerdem begleite ich die Studierenden in ihrem künstlerischen Prozess. Inhaltlich interessieren mich Thematiken wie zum Beispiel psychotische Frauen oder queere Kindheit im Film. Es gibt viele Coming-of-Age-Filme, aber ich meine wirklich Kinder vor der Pubertät. Einer der ersten Filme zu der Thematik war „Tomboy“ von Céline Sciamma. Aber dies fängt im Kino gerade erst so richtig an, es gibt noch viel zu erzählen. Ich finde interessant, mit den Studierenden diese Themen zu beleuchten und zu besprechen. Und dabei geht es um Bildsprachen und Perspektiven. S. K.: Ich bewege mich zwischen den Feldern Medienwissenschaften und Produktion. Das heißt, die Studierenden lernen an eigenen Projekten zu forschen, ich gebe ihnen Theorien und Methoden an die Hand und mache sie auf Branchenbedingungen aufmerksam. Wir sprechen auch über faire Arbeitsbedingungen. Ich finde es wichtig, zu sagen: Überlegt, wie ihr leben könnt, gut bezahlt werdet, wie möchtet ihr am Set miteinander umgehen, wie lässt sich Nachhaltigkeit mitdenken? Ich begleite die Studierenden dabei, Filmfestivals zu gestalten, und wir überlegen, wie sie diverser sein können.

Was ist euch wichtig an queeren Filmen? S. K.: Wenn wir über Queer Cinema reden, heißt das für mich auch, dass es nicht nur Filme sind, in denen Figuren mit klar aufgeklebten Identitätslabels vorkommen. Also die typische Boy-Meets-Girl-Story variiert mit einer queeren Besetzung. Sondern es geht auch darum, wie es erzählt wird. Also um queeres, fluides Erzählen, entgegen gängigen Konventionen. Ich finde es wichtig, verschiedene Fragen auszuloten und nicht nur zu sagen: Ich will einen besseren Lesbenfilm haben. Also das will ich natürlich auch! Der Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Sciamma ist für mich einer der besten Filme der letzten Jahre, weil er neue Räume aufmacht und versucht, verschiedenste Facetten einzubauen und gegebene Standards zu unterlaufen. Ein Negativbeispiel wäre für mich „Blau ist eine warme Farbe“ von Abdellatif Kechiche. Die berühmte Sexszene ist super voyeuristisch und total von der restlichen Narration abgehackt. S. M.: Ja, der ist für mich das Gegenteil von queer! Das ist so ein Macho-Film, der macht mich so wütend! Queer Cinema hat auch nicht automatisch nur mit unserer Sexualität zu tun. Mich interessiert, wie die Ästhetik und die Erzählstruktur funktionieren. Queere Figuren sind mehr als eine Fragestellung. S. K.: Genau, es geht auch darum, sich zu fragen: Was heißt es denn, eine queere Beziehung zu erzählen? Was macht es mit den Beziehungsgefügen, Freundschaften, politischen Gefügen? Wie müssten die anders erzählt werden, damit die realistisch zeigen, dass bei queeren Menschen eine andere politische Haltung und Lebenseinstellung dahinterstecken. Mich interessiert, was queere Figuren für Probleme haben jenseits davon, sich mit Heteros auseinandersetzen zu müssen.

Interview: Muri Darida